Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 3 (11.1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
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63 Damit aber war seine Tätigkeit in Wien nicht erschöpft. Im Hause des preußischen Konsuls Moritz Ritter von Goldschmidt wirkte er als Erzieher und fand in diesem Kreise reiche Anregung, sowie auch er von seinem Wissen und Können freudig spendete. Daneben fand er noch Zeit, für das von Josef Wertheimer herausgegebene „Jahrbuch der Jsraeli:en" so manchen beachtenswerten Aussatz zu schreiben. Da berichtet er nach alten Quellen von einer „Lcbensrettung Kaiser Oitos II. durch den Juden Kalonymos" oder von den „Beschlüssen des Wiener Konziliums über die Juden aus dem Jahre 1267", in denen das von Papst Clemens IV. erlassene Judenreglement einer kritischen Betrachtung umerzogen wird; er kann sich's dabei nicht vcrsagen,aus die Menschenrechte der Juden hinzuweisen. Stärker noch erhebt er die Forderung nach Gleichberechtigung des jüdischen Gelehrten in einer Abhandlung über „Juden als Historiker". Er würdigt hier vor allem den bedeutenden Forscher Philipp Jaff6, dessen „Negcsten der römischen Päpste" neben anderen historischen Arbeiten volle Anerkennung in der wissenschaftlichen Wklt gefunden, er spricht von Max Büdinger, dem eigentlichen Darsteller österreichischer Geschichte, von Dr. S. Stern, dem Direktor, von Dr. Oelsner. dem Lehrer am Philanthropiu, und von sich selbst, von seinen Arbeilen zur Geschichte Rudolfs I. Worauf es ihm aber vor allem ankommt, ist, zu zeigen, daß der Jude auf dem Gebiete der deutschen Geschichtswissenschaft so vorurteilslos zu arbeiten vermag wie irgend ein anderer. „Die Männer der Wissenschast sondern sich nicht nach Konfessionen." Um so schmerzlicher muß er den Ausschluß von den Stellungen empfinden, die ihm ein freies Arbeiten und Forschen und Lehren ermöglichen. Nicht daß er Lohn oder besonderes Lob für wissenschaftliche Leistungen erwartete: „Die wissenschaftliche Tätigkeit trägt den besten Lohn i^ sich selbst und mit seinen geistigen Bestrebungen dem Vaterland zu dienen, ist geradezu die Pflicht eines jeden. Der Intoleranz aber, die uns überall aus- und abschließen möchte, treten wir am wirksamsten entgegen, indem wir im Leben, uns mit Humanität erfüllen und in der Wissenschaft eine rüstiges freie, nur der Sache gewidmete Tätigkeit entwickeln, deren Losungswort, unbeirrt von äußeren, vorübergehenden Verhältnissen, immer bleiben soll: „Vorwärts! Auswärts!" - . Der Lehrer. Da riß ihn aus dieser ihn so sehr erfüllenden Tätigkeit, aus dem Kreise anregender Freunde und gleichstrebender Forscher der Ruf nach Berlin. Hier waren in den letzten Jahren zwei Anstalten ins Leben gerufen, die besonders tüchtiger Männer bedurften: Im Jahre 1834 (erst!) war durch Dr. Nosin die erste Religionsschule der jüdischen Gemeinde, im Jahre 1859 vom Talmud-Thora-Jnstitut das jüdische Lehrerseminar unter Leitung des Rektors der Knabenschule A. Horwitz begründet worden — eine Neubelebung des Zunz'schen Seminars, das von 1840—50 beständen hatte. Die Oberaufsicht über beide Anstalten übte Dr. Michael Sachs aus, der zugleich mit Rosin den jungen Baerwald nach Berlin berief. So begann er denn im Jahre 1859 seine unterrichtliche Tätigkeit an der Neligionsschule — obgleich ihm ausreichende theologische Ausbildung fehlte, und als Seminarlehrer, obwohl er vorher noch niemals Schulunterricht erteilt hatte. Aber er war bereit, nicht nur zu lehren, sondern auch zu lernen. Er hospitierte am Berliner Seminar für Stadtschulen, empfing reiche Anregung von A. Horwitz, von Dr. Rosin, von Schulrat Bormann; er erweiterte seine Kenntnisse in den Religionswissenschaften, so daß ihm — worauf er besonders stolz war — sogar die Leitung der Neligionsschule für ein Jahr übertragen wurde. Vor allem aber war es Wohl seine Gesamthaltung, die vorbildliche Lehrerpersönlichkeit, die ihm das hohe Ansehen verschaffte. Er fühlte sich glücklich, seine ganze Kraft der heranwachsenden jüdischen Jugend widmen zu können. Schon Z860, als Jost, der bedeutende jüdische Historiker und Lehrer am Philanthropin, gestorben war, wollte Dr. Ludwig Oelsner ihn veranlassen, nach Frankfurt überzusiedeln, doch Sachs und Rosin hielten ihn in Berlin sest. Die feste Anstellung (1864) und das häusliche Glück, der Verkehr mit anregenden Freunden und eine edle Geselligkeit erhöhten sein Glücksgefühl, machten ihm eine dauernde Bleibe in der Residenz zu einem innigen Wunsch. Da starb der Direktor des Philanthropins, und es erfolgte der Schritt Laskers, von dem wir eingangs berichteten. Josef Rütten, der Vertreter des Schulrats, reiste nach Berlin, lernte Baerwald persönlich kennen — doch die Verhandlungen zogen sich in die Länge. Erst am 9. März 1363 fällt die Entscheidung: Hermann Baerwald wird zum-Direktor des Philanthropins nach Frankfurt berufen. Am 3. August 1363 ward er in sein neues Amt feierlich eingeführt. In welchem Geiste er es zu verwalten gedachte, bekundete er in dem Lolloquiuin pro reotoratn, das der Bestätigung durch die Negierung vorausging. Da stellte der Oberpräsident von Jagow an den künstigen Schulleiter die Frage, die nicht ohne eine gewisse politisch-historische Färbung ist: „Sie sollen in der alten "Reichshauptstadt, die erst vor kurzem in den preußischen Staatsverband aufgenommen worden ist, ein wichtiges Amt übernehmen. Sie werden als Preuße Vorurteilen begegnen. Wie wollen Sie dieselben entkräften? Sie treten in ein Lehrerkollegium eiu; da sind alte, in ihrem Beruf ergraute Lehrer, daneben auch jüngere, alle Wohl kaum in der bei uns üblichen Disziplin. Was werden Sie zur Erlangung des unerläßlichen guten Willens und der freudigen Mitarbeit der Lehrer und zur Behauptung Ihrer Autorität tun? Wie werden Sie das Vertrauen und die Liebe namentlich der gereifteren Schüler gewinnen?" Baerwald erwiderte, nicht ohne innere Erregung sofort: „?riinuin weipsrea. ss ipso. Ich werde mich selbst in Zucht nehmen und jederzeit meine Pflicht und Schuldigkeit tun. Ich habe früh aus innerer Neigung den Lehrberuf ergriffen, ich liebe meine Schüler, mir ist jede Unterrichtsstunde eine Stunde der Weihe, des Gebens und Empfangens. Mich erfüllt jede wahre Lehrerpersönlichkeit mit hoher Achtung. Von denen, die ich dort im Lehrerkollegium als 'solche erkenne, werde ich lernen, mit ihnen werde ich mich verbinden, allen aber möchte ich ein Beispiel werden treuer Pflichterfüllung. Ich bin entschlossen, mit aller Kraft und Einsetzung meiner ganzen Persönlichkeit der Schule zu dienen. So hoffe ich nach und nach aller Schwierigkeiten Herr zu werden." Nicht durch eine äußere, aus das Amt sich stützende Autorität, sondern durch die innere Autorität, die aus der starken sittlichen Lehrerpersönlichkeit von selbst entsteht, durch vorbildliches Wirken hoffte er die ihm übertragene Aufgabe zu meistern. Der Direktor. Und die Aufgabe, die seiner harrte, war gewiß nicht leicht, sie war zunächst organisatorischer und pädagogischer Art. Die Einverleibung Frankfurts in den Preußischen Staatsverband hatte unserer Schule die Gleichstellung mit den preußischen Realschulen zweiter Ordnung gebracht. Damit war ein innerer Ausbau und eine äußere Erweiterung geboten. Die Bemühungen, ein siebentes Schuljahr zu schaffen, hatten zwar wenig Erfolg, aber die allmähliche Umwandlung des Lehrerkollegiums — von 21 Lehrern besaßen nur 9 eine akademische Bildung, nur 3 hatten die Prüfung für das höhere Lehramt, vier die Elementarlehrerprüfung abgelegt — führte zu einer immer mehr gesteigerten Leistungsfähigkeit und damit zur vollen Anerkennung und immer größeren Wertschätzung der Schule. Die Frequenz der Schule wuchs in wenigen Jahren derart, daß ein Nebenbau notwendig wurde; in kaum 10 Jahren war die Schülerzahl von zirka 660 auf 374 gestiegen. Freilich hat eine Reihe von Umständen später wieder zu einer Verminderung geführt, die Gründung einer Anzahl städtischer Schulen, die Uebersiedluug vieler Gemeindemitglieder nach den neuen Stadtteilen u. a. m. Aber die Fundamentierung der Schule — nunmehr durch den inneren, nach einheitlichen Gesichtspunkten durch Lehrplan und Lehrziel geregelten Schulbetrieb — war doch so fest, daß ihr Bestand nicht im geringsten gefährdet werden konnte, und als gegen Ende seiner Amtszeit alles Ernstes die Frage des Fortbestandes diskutiert wurde, hat Wohl vor allem die Macht seiner Persönlichkeit das Vertrauen auf eine Zukunft und eine neue Blüte der Schule gestärkt. In einer Programmschrift hat er die Existenz der Schule — nicht gerechtfertigt, sondern tiefinnerlich begründet: „Die Israelitische Gemeinde ist durch keinen äußeren Zwang genötigt, eine Schule wie die unsere zu unterhalten; das so große Opfer, das sie damit bringt, ist ein freiwilliges. Aber überall, wo eine israelitische Gemeinde sich zusammenfand, erhob sich neben dem Gotteshause auch ein Lehrhaus. Nicht die religiöse Unterweisung allein, sondern die Pflege der Wissenschaft über- , Haupt ist ein Gebot des' Judentums. So tief ist dieses Gebot in unserer Religion begründet, daß in dem Gebet, mit dem wir unser Tagwerk beginnen und schließen sollen, das Gebet um Erleuchtung, „um Erkenntnis, Einsicht und Verständnis" obenan steht. Das Volk versinkt in Materialismus und geht zu Grunde, in dem für die Pflege der Wissenschaft keine Stätte mehr vorhanden ist. Daß sich das Judentum durch die Jahrtausende der Menschengeschichte bis auf diesen Tag erhaben hat, beruht darin, daß das geistige Leben in ihm niemals erloschen ist; daß immer wieder Männer der Wissenschaft, große Lehrer in ihm aufgestanden sind, die durch ihre Geistesarbeit dem Volke Nahrung gegeben und die erschlaffenden Glieder des Volks mit erfrischendem Geist belebt haben. Dessen ist die jüdische Geschichte ein Zeuge." Aus dieser tiefen Erkenntnis historischer Zusammenhänge erwächst für ihn die Aufgabe der Schule: „Das legt unserer Schule erhöhte Pflichten auf. Hier mutz