Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 3 (11.1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
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57 ms zu den Andersgläubigen; das Ansehen, das der Jude dort vermöge seiner Tüchtigkeit und Intelligenz genoß, machte ihn frei und selbstbewußt, erhöhte sein Streben nach Höherem, nach einem weiteren Gesichtskreis, nach tieferer Bildung, noch voller Aneignung der deutschen Kultur; zugleich aber bestand hier nicht die Gefahr, dadurch dem Judentum fremd zu werden. Zu fest war hier noch das ganze Dasein verknüpft mit den religiösen Bindungen mit dem weihevollen Familienleben; und schließlich hatte ja die von starken Impulsen getragene religiöse Bewegung der vierziger Jahre eine größere Sicherung gegen die Gefahren des Abfalls gebracht, hatte die Selbstbewußtheit des Juden bedeutend erhöht hatte so manchem jungen Menschen, der in die moderne gebildete Welt eintrat, die innere Ruhe und Festigkeit verliehen. Der junge Baerwald hat darum Wohl kanm die schweren inneren Kämpfe durchlebt, wie sie noch die Generation vor ihm erlitten. Während der nur um 16 Jahre jüngere Sigismund Stern von den religiösen und Politischen Bewegungen seiner Zeit aufs tiefste erschüttert wurde, so daß die Glut seiner Seele zu hellen Flammen emporloderte, ging Baerwald ruhig und fest seines Weges. Selbst die Stürme der Revolution, die er noch als Gymnasiast in Breslau erlebte, haben ihn nicht eigentlich zn aktiver Teilnahme am Leben der Gegenwart antreiben können. Die Zeit, in der Geschichte gemacht wurde, bestimmte ihn vielleicht, sich in die Geschichte der Vergangenheit zu versenken. Bon Männern, wie Gustav Ad. Stenzel und Richard Roepell, in diese Wissenschaft eingeführt und bald zu dem engeren Kreis der älteren Studenten im historischen Seminar hinzugezogen, errang er schon nach zwei Jahren mit einer Preisanfgaüe über die „Wahl Rudolfs von Habsburg" den Sieg, eine Arbeit, mit der er später (1853) Promovierte. Zwei Jahre lang hatte er noch in Berlin seine Studien, vornehmlich unter Leopold Ranke, fortgesetzt, um dann in Breslau (am 15. August 1856) die Prüfung für das höhere Lehramt „pro kaoultats äoeenäi" in Geschichte, Geographie, Deutfch und Philosophie abzulegen. Er hatte keinen sehnlicheren Wunsch, als Gymnasiallehrer zu wenden. Kein Geringerer als der große Ranke bescheinigte ihm, daß er hierzu besonders qualifiziert sei: „Herrn Hermann Baerwald Kann ich aus voller Ueberzeuaung das allerbeste Zeugnis geben. In den drei Jahren, die er hier studiert, ist er mir besonders durch zwei Eigenschaften Werth geworden, einen von trefflichem Talente unterstützten unermüdlichen, immer weiter strebenden Fleiß und ungewöhnliche Festigkeit des sittlichen Charakters. Selten ist mir ein junger Mann bekannt geworden, der mir so gut befähigt geschienen hätte, an einer höheren Lehranstalt mit Erfolg zu wirken, als Hermann Baerwald, denn er ist im Besitze sehr ausgebreiteter gediegener Kenntnisse. Die Bescheidenheit und Zuverlässigkeit seines Wesens kann seinen Zöglingen zum Muster dienen. Berlin, 22. Oktober 1857. Dr. L. Ranke, ordentl. Prof. an hies. Universität." Und auch sein Breslauer Lehrer, Prof. Rich. Roepell, bestätigt ihm ebenfalls die vorzügliche Befähigung, das Interesse der Schüler zu erwecken und zu fesseln, die sittliche Tüchtigkeit seines Charakters, wie auch seine wissenschaftlichen Kenntnisse. „Jede höhere Lehranstalt, welche Herrn Dr. Baerwald für sich gewinnt, wird an ihm, nach der aufrichtigsten Ueverzeugung des Unterzeichneten, eine Erwerbung machen, zu der sie sich Glück wünschen kann." Trotz dieser glänzenden Empfehlungen, die noch von seinem ehemaligen Gymnasialdirektor Dr. Fickert unterstützt wurden, hat das Kgl. Provinzialschulkollegium in Breslau seine Meldung zum Probejahr „nach der Lage der Gesetzgebung" abgelehnt. Und als er ca. 6 Jahre später seine Meldung beim Provinzialschulkollegium der Provinz Brandenburg wiederhole, erhielt er den gleichen ablehnenden Bescheid, der auf seine Beschwerde von dem Minister v. Mühler „als der bestehenden gesetzlichen Ordnung gemäß" bestätigt wurde. Baerwald war durch diese Enttäuschungen nicht entmutigt Er sah — wie er selber sagt — in dem Bescheid der Behörde nur einen Rest jener mitttelalterlichen Anschauungen, die so viele Martyrien herbeigeführt hatten. „Ich hatte mich in dem mir durch lange Jahre gegönnten persönlichen Verkehr mit meinem Lehrer Ranke daran gewöhnt, die menschlichen Dinge in ihren? geschichtlichen Zusammenhang zu sehen." Der Historiker. Der Einfluß Rankes, der so seine Lebens- und seine Weltauffassllng bestimmte, war es Wohl auch, der ihn zur Fortsetzung seiner historischen Studien antrieb, nachdem ihm die Praktische Lehrtätigkeit versagt war. So entschloß er sich, nach Wien überzusiedeln, um dort im Kaiserl. Haus- und Staatsarchiv und in der Hofbibliothek wissenschaftlich zu arbeiten. Hier wurde er in der Tat ernsthafter Forscher, der namentlich zur Geschichte der ersten Habsburger wertvolle Quellen erschloß. So untersucht er in einer Schrift die viel umstrittene „Urkunde Rudolfs I., betreffend die bayrische Kur", erörtert überzeugend — gegen Ottokar Lorenz — ihre Echtheit und ihre Bedeutung und gibt damit beachtenswerte Aufschlüsse über die Entstehungsgeschichte des Kurfürsten-Kollegiums, insbesondere über das jahrelange Ringen von Bayern und Böhmen um die Kurwürde. Im Verein mit seinen Fachgenossen, die sich zu einem „Kreis von Freunden vaterländischer Geschichtsforschung" zusammengeschlossen hatten, — es gehörten dazu u. a. Ottokar Lorenz, Max Büdinger, Th. Sickel, Heinrich Siegel, — veröffentlichte er in den „Sylvester-Spenden" eine „Charakteristik und Kritik mittelalterlicher Formelbücher" und wagte sich damit auf ein schwieriges, aber auch besonders interessantes Gebiet mittelalterlicher Quellenforschung. Die „Formelbücher" sind Sammlungen von Briefen und Urkundenformeln, von Geschäftsaufsätzen und Mustern für politische und juristische Schriftstücke, die als Beispiele für Schreiber und Notare häufig nur fingiert sind, nicht selten jedoch auch den Wert historischer Urkunden haben. Eine der vollständigsten und qeschichtlich wertvollsten solcher Formelsammlungen hat Baerwald zum ersten Male herausgegeben und erläutert: „Das Vaumgartenberger Formelbuch", das auch eine große Zahl historischer Dokumente enthält, Briefe von Päpsten, Kaisern, Fürsten nnd Privaten aus einem Zeitraum von 1193—1290. Hier gilt es. Erdichtetes von Geschichtlichem zu scheiden, durch Vergleich mit anderen Urkunden und zeitgenössischen Zeugnissen das Echte aus dem Falschen zu lösen. Hier zeigt Baerwald. sein ganzes gründliches Können, sein tiefes Wissen, seinen kritischen Scharfsinn; er ist ausgerüstet mit den modernen Methoden historischer Forschung und weiß sie zu handhaben, weiß, aus Vergleichen, Widersprüchen, aus Übereinstimmungen Schlüsse zu ziehen. Die umfangreiche Arbeit ist 1860 in den „k'ourss Kerum ^ustriaearura", in den Oesterreichischen Geschichtsquellen erschienen, die von der historischen Kommission der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien herausgegeben wurden. Die Vortrefflichkeit und der allgemeine Wert dieser Arbeit, seiner bedeutendsten, wird ihm bezeugt durch die Verleihung der goldenen Medaille für Kunst und Wissenschast durch den österreichischen Kaiser.