Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 3 (11.1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
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66 dung in der gewöhnlichen Morgenandacht am Montag, den 8. Dezember 1794, mit dem Banne. Auf Intervention des Seniors Hufnagel, an den sich -die Unternehmer der Schule wandten, wurde der Rabbiner durch mündliche Weisung des Aelteren Bürgermeisters zur Zurücknahme des Bannes veranlaßt; der Bann wurde am Donnerstag, den 18. Dezember, im Morgengottesdienst zurückgenommen. Ueber die wenere Entwicklung der Schulgründung sind wir nicht unterrichtet. Die kriegerischen Zeltverhältnisse scheinen ihre Verwirklichung verhindert zu haben. Eine vollständige Veränderung der äußeren Lage der Juden trat infolge des Bombardements Frankfurts durch die Armee Klebers am 12. Juli 1796 ein. 140 Häuser des Judenquartiers gingen in Flammen auf. Ihren Bewohnern, einem großen Teile der jüdischen Gemeinde, mußte ein, wie es hieß, vrovisorisches Unterkommen in der Stadt gewährt werden. Die Abgeschiedenheit, in der die Juden bis jetzt lebten, hörte auf, es traten nun beständige Beziehungen zu den christlichen Einwohnern der Stadt ein, und auch Widerwilligen drängle sich die Notwendigkeit einer zeitgemäßen Bildung auf. 1801 bestanden hier bereits zwei jüdische Lesegesellschaften, und es bildele sich in diesem Jahre eine dritte; 1804 zählte eine von diesen Gesellschaften etwa 100 Mitglieder. Umer den jungen Männern, die durch Lektüre und gegenseitigen Gedankenaustausch damals sich moderne Bildung aneigneten, ragt JakobSützkind Srern hervor, geboren am 9. März 17t>9. Im Jahre 1801 trug er sich mit dem Plane, eine Schule zu gründen. Es bestanden ohne Zweifel Beziehungen zwischen ihm, Israel Jacobson^ dem Gründer der Seejener Schule, und deren erstem Leiter Schottländer, später Hofrat Schott. Wie das Bildungsbedürfnis der hiesigen Juden sich um die Jahrhundertwende steigerte, sieht man auch daraus, daß von 1789 bis ^799 im ganzen sechs, dagegen von 1300 bis 1803 neunundzwanzig jüdische Schüler in das hiesige Gymnasium eintraten. Bon Januar 1804 bis Januar 1807 wurden 13 jüdische Knaben in die Hacobsonschule nach Seesen geschickt, dann verbot die neue Stättigkeit das Verschicken jüdischer Knaben in auswärtige Schulen. Bei der Eröffnung der Musterschule 1803 traten gleich 22 jüdische Schüler in sie ein; es war dies der vierte Teil der gesamten Schülerzahl. Viele Juden hiellen sich Hauslehrer, so war Jakob Sachs aus Guttenlag in Oberschlesten Lehrer in dem Hause von Jakob Baruch, dem Vaier Börnes; im Hause Meyer Amschel Rothschild war Erzieher Michael Heß, der spätere Oberlehrer am Phllanthropin. So fehlte es den bemittelten Juden hier nicht an Gelegenheit, ihren Kindern einen zeitgemäßen Schulunterricht geben zu lassen, dagegen fehlte es an einer Schule für Arme und weniger Begürerte. Die Gründung einer solchen war das Werk Siegmund Geisenheimers. An einem Wintertage gegen Ende des Jahres 1803 sah bei seinem Aufenthalte in dem benachbarten Marburg der hlesige Handelsmann und Hessen-Kasielsche Hosagent Meyer Amschel Rothschild einen umherirrenden Knaben, der durch den Vortrag hebräischer Melodien sein Leben fristete. Ihn rührte das Elend des armen verlassenen und, wie er wahrnahm, begabten Jungen. Er nahm ihn mit nach Frankfurt und übergab ihn der Fürsorge seines Buchhalters Geisenheimer, der ein Mann seines Vertrauens war, und den er zugleich als einen Philanthropen sehr schätzte. Meyer Amschel Rothschild (geb. 1744, gest. 19. September 1812) stand damals im Beginn geschäftlicher Unternehmungen, durch die er den Weltruf und das Ansehen seines Hauses begründete. Er ahnte nicht, daß er mit dem seinem Buchhalter gegebenen Auftrage zu einer bedeutsamen Gründung anderer Art den Anlaß gab. Denn in der Tat wurde Geisenheimer durch diesen Auftrag zu einer seinem innersten Bedürfnis entsprechenden Humanitären Tätigkeit angeregt. Er dehnte im Verein mit einigen gleichgesinnten Freunden die ihm übertragene Fürsorge für den einen Knaben alsbald auf mehrere arme Knaben aus, gründete unter dem Namen jüdisches Pbilanthropin zu Frankfurt a. M." eine Schule für Knaben und bald auch sür Mädchen, kräftigte sie durch eme Hingebung ohnegleichen in ihren Lebensbedingungen und brachte sie empor, so daß sie für viele aufeinander folgende Generationen innerhalb der hiesigen israelitischen Gemeinde und weit darüber hinaus eine Pflanzstätte oer Bildung und Gesittung geworden und geblieben ist bis auf den heutigen Tag. Ein Wort Hermann Raerwatds. In der Festschrift zur Jahrhundertfeier des PhilanthropinS (S. IIS) berichtet Baerwald auch über die amtlichen Besprechungen, die seiner Ernennung zum Direktor vorausgingen. Dort heißt es u. a.: „Der landesherrlichen Bestätigung meiner Wahl hatte ein Kolloquium pro rectorstu voranzugehen, vorher aber hatte ich mich dem Herrn Proyinzial-Schulrat Klix vorzustellen. Nicht ohne Beklemmung trat ich bei dem Herrn Schulrat ein. Ich wurde mit harter Unfreundlichkeit empfangen. „Sie wollen", rief er mir entgegen, „ein berühmter Direktor werden!" „Ein guter Direktor möchte ich dereinst werden", war die Antwort. „Das ist doch dasselbe." „Ich war immer der Meinung, daß gute Direktoren zumeist diejenigen sind, von denen man draußen nicht viel spricht." Hermann Baerwald. (7. November 1828 — 9. Februar 1907.) Zum 100. Geburtstag. Bon Dr. Arthur Salliner. Ein Brief Eduard LaSkerS. Am 9. Mai 18L7 war Sigismund Stern, der Direktor des PhilanthropinS in Frankfurt a. M., gestorben. Das frühe Hinscheiden des bedeutenden Mannes erregte auch in Berlin tiefe Teilnahme. Dort war die Erinnerung an seine Wirksamkeit und die große Verehrung sür ihn noch lebendig. In einem Freundeskreise sprach man bewegt von dem schweren Verlust, den die Frankfurter Bildungsstätte erlitten, und fragte sich, wie dieser zu ersetzen sei. Da sagte Eduard Lasker, der Parlamentarier, zu dem neben ihm sitzenden Dr. Hermann Baerwald: „Für die leer gewordene Stelle halte ich dich sür 'den geeigneten Mann; wenn du nichts dagegen hast, werde ich die Sache anregen." Und alsbald wandte er sich an Berthold Auerbach, der ja durch Jakob Auerbach, seinen Vetter, persönliche Beziehungen zur Schule hatte, mit solgendem Bries: „18. Köthenerstraße Berlin, d. 13. Mai 1867. Sehr verehrter Freund! Eine ganz spezielle Angelegenheit veranlaßt meinen heutigen Brief. In Frankfurt a. M. ist leider zu meinem innigen Bedauern Dr. Stern gestorben, und es ist dadurch das Direktorat -der dorrigen Realschule frei geworden. Mir sind die persönlichen Verhältnisse und die vielleicht schon eröffnete und ergriffene Concurrenz unbekannt. Aber hier lebt ein sehr verdienter Gelehrter, der Ihnen wohl gleichfalls bekannte Dr. Hermann Baerwald, welcher sich zur Stelle eines Direktors vortresslich eignet und einen Namen besitzt, der hinlänglich ausreicht, um den Rus zu verdienen. Leider bietet sich jüdischen Gelehrten von diesem Kaliber nur selten Gelegenheit zu einem angemessenen Unterkommen, und ich halte es sür verdienstlich, auf ihn ausmerksam zu machen. Sollten Sie, wie ich voraussetze, die Sache in Frankfurt anregen können, so würde ich glauben, daß Sie der Stelle und dem Mann einen wesentlichen Dienst leisten Den richtigen Mann an den richtigen Platz zu bringen, ist ein Werk, mit welchem Sie gerne sich beschäftigen. Vielleicht haben Sie die Güte, mir, sobald es angeht, mitzulheilen, ob Sie meine Meinung theilen, ob Sie einen einleitenden Schritt getan haben, was ich sür die Sache tun könnte, oder ob Sie die Stelle bereits versorgt wissen. Ich habe vor, außer an Sie, auch an einige Herren in Frankfurt zu schreiben, da das Mögliche nicht verabsäumt werden soll."--- Jugend und Studium. Wer war die Persönlichkeit, die mit solcher Bestimmtheit von einem gewissenhaften, bedeutenden Menschen für den verantwortungsvollen Posten empfohlen werden konnte? Hermann Baerwald stammte aus Nakel, einem Städtchen in der Provinz Posen, wo seine Eltern sich infolge ihres gemeinnützigen Wirkens und der lebendigen Teilnahme an allen geistigen Bestrebungen in Gemeinde und Stadt eines besonderen Ansehens erfreuten. Der begabte Knabe, zunächst vom Vater in das jüdische Schrifttum eingeführt, kommt verhältnismäßig spät, nach dem Besuch des ^Gymnasiums in Könitz und-Breslau, zum wissenschaftlichen Studium. Erst mit 22 Jahren bezieht er die Universität zu Breslau, zeigt aber gleich zu Anbeginn einen Ernst, eine Reife, eine Zielsicherheit, die ihm sehr schnell das Zutrauen und die Wertschätzung seiner Lehrer erwerben. Seine Jugend fällt in eine Zeit, da die erste Epoche der Emanzipation bereits vorüber war. Man fühlte sich nun schon in sicherem Besitz gewisser Rechte und Freiheiten, und der Eintritt in die deutsche Kultur und Bildung war schon eine Selbstverständlichkeit. Dazu kam der Charakter der Heimatstadt. In den Posenschen Städten und Städtchen, in denen die jüdische Bevölkerung verhältnismäßig zahlreich war, bestand ein durchaus gutes Verhält-