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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1928-11-01 · 3 (11.1928) · p. Seite 55

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
3 (11.1928)
Date
1928-11-01
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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55 gegeben hatte? Jedenfalls: auch hier mutzten Disraelis Vorschlage angenommen und der Türkei ein Ä.eil des armenischen Bodens zurückgegeben werden. „Der alte Jude, das ist der Mann!" brummte Bismarck in halb erzwungener Anerkennung. Dem „alten Juden" ging während des ganzen Kongresses das Schicksal seiner Stammes genossen in den Balkanstaaten nicht aus dem Kopfe. Im Rus>lsch-Türkischen Kriege halte Rumänien dank seinem Bündnis mit Rußland die Unaohängigreit errungen; man fürchtete nach den Ausschreitungen in Jassy und Bukarest 1867 und 1871 neue uns schlimmere Roheiten. Darum hatte die Alliance Jsraelite dem Berliner Kongreß eine Denkschrift über die Lage der Juden in den Balkanländern und hauptsachlich in Rumänien vorgelegt. „In Rumänien", hieß es dort, „ist die Lage der zahlreichen Juden entsetzlich. Seit zehn Jahren sind sie den grausamsten Verfolgungen ausgesetzt ... zu den Grausamkeiten' gesellt sich eine Reihe von Gesetzen, welche die Juden von den staatlichen und öffentlichen Aemtern, den freien Berufen und vielen Zweigen des Handels und der Industrie ausschließen." Darauf erklarte Lord Beaconsfield (nach dem Borgange des französischen Außenministers Waddington) im Namen der englischen Regierung: seine Regierung mache die Anerkennung der Unabhängigkeit Rumäniens von der Garantie der Gleichberechtigung aller rumänlichen Burger ohne Unterschied der Konfessionen abhängig. Widerwillig mußte auch der alle Judenfeind Gortschakofs sich einverstanden erklären. Und so kam oer 44ste Artikel oes Berliner VerlrageS zu.st.ande: „Der Unterschied der Glaubensbekenntnisse in Rumänien darf niemanden am Genüsse der bürgerlichen und politischen Rechte hindern". ' WaS sind Hoffnungen, was sind Entwürfe. . . Nicht lange dauert's, so werden alle diese scheinbar fest begründeten politischen Abmachungen von der Zeit wie Kartenhäuser über den Hausen geworfen. Zuerst weigert sich Rumänien, einer Viertelmillion Juden, die das rumänische Gesetz als Ausländer betrachtet, obwohl ihre Borfahren sämtlich in Rumänien geboren waren, das rumänische Bürgerrecht zu verleihen, und umgeht so mehr oder weniger die Forderungen des Berliner Kongresses. Auch andere Vereinbarungen werden noch bei Disraelis Lebzeiten oder bald danach hinfallig. Batum wird befestigt, trotz des englischen Einspruches. Bulgarien, das nach den Bestimmungen deS Kongresses zur Hälfte der Türkei verbleiben sollte, empört sich und vereinigt die beiden getrennten Teile miteinander. Die politische Nachgeschichte des Berliner Kongresses ist die Tragödie eines Versuches mit unzureichenden Mitteln. Befriedigt ging man auseinander in der Ueberzeugung, der Welt den Frieden gewährleistet zu haben — doch wie bald wütet Krieg auf allen Seiten! Disraeli vor allen anderen hat Wohl damals im Vorgefühl solchen hohen Glückes den höchsten Augenblick seines Lebens erlebt. Drei Jahre später toben die Pogrome in Südrußland — aber ein mitleidiges Geschick hatte „den alten Juden" einige Wochen vor Beginn der ru>siichen Greuel der Erde entrückt. Damals aber, nach der Beendigung des Berliner Kongresses, erschien es^ dem vom englischen Volke Umjubelten, von der Königin mit den höchsten Ehren Ausgezeichneten wie eine letzte Bestätigung stniier Toppelwirlsamkeit als Engländer und als Jude, als ihn zu guter Letzt auch noch der.90juhrige Sir Moses Mo nt ef i o r e, der ehrwürdige Vertreter des englischen Judentums, beglückwünschte und segnete. Die Gründung des philanthropins. Von Dr. Hermann Baerwald. / (Aus der Festschrift zur Jahrhundertfeier der Realschule ' der israelitischen Gemeinde, 1304.) Die Gründung des jüdischen Philanthropins zu Frankfurt am Main ist ein Ergebnis der innerhalb der hiesigen israelitischen Gemeinde, wie überall unler den Juden Deulichlands, um die Wende des IL. und 19. Jahrhunvells yervor^et^eleueli^ Kullurbestrebungen. Indem Zeitalter der Aufklärung kam nach und nach unter deM'iEinsluß der Leibniz-Wolf^schen Philosophie eine neue Weltanschauung zum Durchbruch. Man sing an, in den Religionen das Wesentliche von dem Unwesentlichen zu unterscheiden und de-, trachtete als das Wesentliche nicht die Dogmen, sondern das allen RMHionen gemeinsame allgemein Menschliche, das Sit/liche und dM ihnen innewohnende sittlich veredelnde Kraft. Daraus ergab sich-die Forderung der religiösen Duldung. So rangen sich die aufeinander folgenden Generationen des 18. Jahrhunderts aus der kirchlichen Gebundenheit hindurch zu menschlicher Freiheit; in Lessings Nathan fanden sie ihr Glaubensbekenntnis Es war nun eine wunderbare Fügung der Vorsehung, daß um die Mitte des 18. Jahrhunderls ein Mann erschien, der nach seiMr äußeren Erscheinung, seiner religiösen Hallung und ganzen Lebensführung durchaus ein Jude war, und in dem doch Deutsch« land'den edelsten Vertreter der Aufklärunasphilosophie und einen seiner ersten Schriftsteller verehrte: Moses Mendelssohn. An seinem Beispiele mußte man erkennen, daß die jüdische Religion' ihrD^Bekenner nicht hindere, sonder sievielmehr ansporne, nach Wahrheit und sittlicher Vervollkommnung zu streben, und daß die Liebe zum Va.erlande ein Heiligium ist, das in edlen Nacuren durch Zurücksetzung und Rechlsverkümmerung nicht entweiht werden kann. Zu dieser allgemeinen Wirksamkeit Mendelssohns trat sein Einfluß, auf die Bildung und .Erziehung seiner Glaubensgenossen. Seine Uebersetzung des Pemaleuchs und der Psalmen leitele eine neue Epoche ihrer Geistesbildung ein. Die Juden lernten sich durch den Wohllaut der reinen deutschen Sprache kennen und schätzen; sie bereicherten ihr Geistes- und Gemütsleben und erweiterten ihren Gesichtskreis durch die Lektüre deutscher Schriftsteller und gewannen die Möglichkeit, nach und nach in den Bildungsgang der deutschen Nation einzutreten. .Damit war aber der Fortbestand des bisherigen Bildungswesens der Juden aufs äußerste bedroht, und darum lraien die-.' jenigen Rabbiner, deren Gedankenwelt im Bannkreise des Talmud beschlossen lag, der Verbreitung von Mendelssohns Schriften heftig entgegen. Sie vermochten jedoch für die Dauer den Zeilgeist nicht zurückzuhalten, denn überall fand die neue Richtung ihre Anyängcr. . Schon zu Lebzeilen Mendelssohns gab es eine Anzahl junger jüdischer Männer, welche eine auf die deulsche Bildung ihrer Glaubensgenossen gerichteie literarische "Täligkeit ausüb.en Von ihnen wurde die Mendelssohnsche Bibelüberietzung vervollständigt, so daß bald die ganze Bibel in deutscher, mit hebräischen Leitern neben dem Uriex.e gedruckter Uebersetzung, begleitet von einem leicht- - faßlichen hebräischen Kommeniar, in weiten Kreisen der Glaubensgenossen Verbreilung fand. Auch das Gebetbuch erschien in deutscher Uebersetzung. Im Jahre 1783 erschien in Königsberg (Preußen) uiner dem Namen N'^88kk (der Sammler) eine in ' hebräi,cher Sprache geschriebene Monatsschrift mit deutscher Zugabe, welche sich die Ausgabe stelUe, literarische (u. a. enthielt sie vielfach hebräische Ueberietzungen.Deutscher Dichtungen), geschichtliche, -geographische, namrgeschichlliche Kenntnisse unier den Juden zu verbreiten und auf die Gründung deutscher Elementarschulen für die jüdische Jugend hinzuwirken. Diese Zeitschrift fand eine große Verbreitung und förderte wesentlich den Kullurfortschritt der . Juden. In Berlin wurde 1773 die jüdische Freilchule gegründet, in Breslau 1791 die Wilhelmsschule, eine jüdische Elemen- . tarschule, 1801 in Seesen die Jacobsonschule und die Franzschule in Dessau. In größeren Gemeinden fanden sich jüngere Männer zu gegenseitiger Unterstützung und zur Förderung von Kultur- , zwecken in Vereinigungen zusammen. So wurde in Breslau 1780 die Gesellschaft der Brüder gegründet, in Königsberg 1783 die. Gesellschaft hebräischer Literalurfreunde, welche den „Sammler" herausgab, in Berlin 1791 die Gesellschaft der Freunde. Hier in Frankfurt ist man erst verhältnismäßig spät dazu gekommen, den. Forderungen der Zeit zum Besten der großen Gesamtheit der Gemeindemitglieder Rechnung zu tragen. Die hiesige israelitische Gemeinde war von jeher darauf bedacht, berühmle Talmudisten als Rabbiner zn berufen, die dann auch eine große Schülerzahl um sich sammelten und der hiesigen Talmudhochschül'e Weilhin Ansehen verschafften. Neben dieser Hochschule bestanden hier aber auch jüdische Elementarschulen, deren Unterricht ausschließlich religiösen Zwecken dienie und sich nur auf die Bibel nebst/Kommentaren und den Talmud erstreckie. Diese Anstalten genügten jedoch dem Bildungsbedürfnisse längst nicht mehr, denn auch hierher waren die von Mendelssohn gegebenen Anregungen längst gedrungen. Auf den 1733 erschienenen Mendelssohnschen Pemateuch hatten sich sofort nicht weniger als' 57 Gemeindemitglieder abonniert, und die erwähnte Zeitschrist „Der Sammler" zählt in ihrem ersten Abonnentenverzeichnis vom .' Jahre 1785 elf Frankfurter auf. Wie nun hier für diejenigen' El.ern, welche ihren Kindern auch praktische Kenntnisse fürs Leben verschaffen wollten, die Notwendigkeit bestand, ihnen Privatumer- - richt erteilen zu lassen, so gab es in der Judengasse viele Privat-/ , lehrer. - ' - , / Im Jahre 1791 geschah es, daß mehrere hiesige Hausväter sich vereinigten, um einen Lehrer für gemeinsamen Unterricht - ihrer Kinder in den für das Praklische Leben notwendigen.Kenntnissen des Deulschen/.Franzcsischen, Schreibens und Rechnens an-/ zustellen. Sie wandten sich an den als vorurteilslosen Beföröe-. rer-des Schulwesens bekannten Senior Hufnagel und baten ihn." um Bezeichnung einer geeigneten Lehrkraft. Als ihr Plan bekannt - wurde, wandten sich andere Gemeindemitglieder, die darin , eine^ Abweichung von dem reliflionsge'egiich Erlaubten sahen, an' den ' Rabbiner. Damals bekleidete das hiesige Rabbinat Rabbi Pi'nchäs ' Horowitz (geb. 1731, gest. 1305), einer der größten Talmudgelehrten seiner Zeit. Eben wegendieser, anerkannten .Gelehrsamkeit und seiner ausgezeichneten Chärakiereigenschaf.en war er aus Polen hierher berufen worden, obgleich er dem denischen Bildungswesen völlig fremd und der deutschen Schriftsprache nicht mächtig war. Für ihn verband sich mit dem Begriffe deutscher Bildung die Ab-. Wendung von der altjüdischen Erziehung und Lebensweise und vom Judentum überhaupt. Er gehörie daher auch zu denjenigen Rabbinern, welche ein Verbot gegen die Mendelssohnsche PentateuchÜbersetzung erließen^ freilich konnte er nicht verhindern, daß, wie wir erwähnt haben, dieses Werk trotzdem hier große Verbreitung fand. Der Rabbiner belegte die beabsichtigte Schulgrün--'

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