Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 3 (11.1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
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54 Jan da Costa, ein Hamburger Maranne, kam als Hofnarr zu Peter dem Großen. Rodrigo Lopez war Leibarzt der Königin Elisabeth von E>!glund; Anronio Nunez Re,ra Sanchez, ein Holländisch-Portugiesischer Marannenenkel, Leibarzt der russischen Kaiserin Elisabeth Petrowna, und schrieb ein Buch über die Syphilis. David Franco-Mendez ist ein Poet und Hebraist des Jahrhunderts der Aufklärung, ein kulturpsycholoqisch interessanter Eklektiker. Nach Racine verfaßte er ein Drama „Gemul Ataliahu", nach Metastafio eine „Jehudit". Kuriose Gelehriendichtung in der Art des „Meassef" trieben noch zu Amsterdam Venia minas, Moldar, Meldola. In Frankreich verteidigte Isaak Pinto das Judentum gegen Angriffe Voltaires. Joseph Salvador propagierte reUgionsphilcsophisch die Sendung Israels. Unter französischen Dichtern und Literaten der neueren Zeit gibt es so manchen sephardischer Abstammung, Genannt sei der Schriftsteller uud Tyeatermann Catulle Mendes. In England schrieb der aus Italien eingewanderte Spaniole Isaak d'Jsraeli seine „Curiositiss c>k litkrature" und ein merkwürdiges Buch über den Genius des Judentums. Sein Sohn, Benjamin d'Jsraeli, Lord Beaconsfield, war einer von Europas bedeutendsten und suggestivsten Staatsmännern im neunzehnten Jahrhundert. Beaconsfield ist der jüdische, der sephardische Aristokrat in einer neuen Aera. Hundert bunte Anekdoten bezeugen es. In „David Alroy" hat er als junger Romanier das messianisch-zionistische Problem und die Ünersättlichcit seiner eigenen ehrgeizigen Pläne romantisch behandelt. Das Judentum als Schicksalskampf und differenziertes Problem beschäftigt ihn fortgesetzt in seinen Romanen „Coningsby", „Tancred", „George Bentini". Weitaus unbedeutender ist die analosephardische Literatin G-race Aguilar. Letzter Abglanz, Melodie der sephardischen Morbidezza spiegelt sich in des Nichtjuden Edgar Allan Poe „Untergang des Hauses Usher". Aus einer seit Jahrhunderten getauften sephardischen Familie stammte der „russische Byron" Michail Lermontoff. Die Lermontoffs (ursprünglich Lerma) waren über Schottland nach Polen und Rußland gekommen. Der geniale Dichter ehrte seine Ahnen in einem jugendlichen Jnquisitionsdrama „Die Spanier". Disraeli auf dem Berliner Kongreß. Von Dr. Bertha Ba0t.<Strauß. Sommer 1378. Auf dem Balkon des Hotels Kaiserhof in Berlin stehen sechs Lorbeerbäume und eine kleine, etwas krüppelige Palme; drin im Salon warten Rosen und Früchte in verscuwenoeriscyer Fülle auf einen erlesenen Gast: Benjamin Disraeli, Lord Beaconsfield, Prune Minister of England, Viscount Hugheuden of Hugheuden, Knight of lhe Garter (und wie dieTitel noch alle hieße«, mit denen ein dankbares Land den „Outsider" Benjamin Disraeii allmählich überschüttet hatte). Der Äierundsiebzigjahrige, in dessen abgezehrrem Gesicht nur die glühenden Ziagen noch jung geblieben sind, dankt für die Blumen im Zimmer, den Akilltommeugrutz der Kronprinzessin Viktoria, in emem Brief an die Königin und Freundin nach England, den er seinem gelreuen Sekretär Montagu Corry dttnert . . . „Die Güte des Kronprinzen und der Kronprinzessin erfreut Lord Beaconsfield um so mehr, da er sie zum grollen Teile dem einen Menschen verdankt, dem er in seinem Leben alles zu verdanken hatte. . ." Aver tiefer noch mag den alten Kavalier die fremde Zier des Balkons, die der Hotelwirt dem berühmten Fremdling gewidmet hatte, erfreut haben: sah er doch im Lorbeer das Sinnbild ehrgeiziger Traume, die ein Leben der Tat verwirklicht hatte — in der Palme aber die nie vergessene Erinnerung an die uralle Heimat jeines Stammes. Gewi^z, der gelehrte und schrullige Vater Jsaac Tisraeli hatte, von den Gemeindegewaltigen nicht nach Gevühr geschätzt — obwohl er selbst ein Buch über den ^.Genius des Judentums" geschrieben hatte —, sich von der jüdischen Gemeinschaft getrennt und den begabten Knaben mit dreizehn Jahren — im Alter, da sonst der jüdische Knabe Barunzwah wird — der Kirche zugeführt. Aber es gibt kaum einen Gedanken, der Disraeli im Fühlen und Reden so nahe liegt wie der Gedanke an seine judische .Abstammung. War es doch auch diese Erinnerung, die den jungen Tisraeli zur Zeit, da der gebildete junge Engländer seiner Zeit seine Bildungsreise unternahm, zur Heimat seiner Väter führte. Erst hatte er in Venedig die Heimat seiner unmittelbaren Vorfahren aufgesucht (aus der Lagunenstadt war ja sein Großvater in das neblige England gewandert) und hatte dort wie der Held seines Romanes, Contarini Fleming, empfunden, daß ihn seine Ahnen „erwarteten". Aber den Höhepunkt seiner Reise und vielleicht seiner ganzen Jugend mit all ihren hochfliegenden Plänen bildete damals sein Aufenthalt im Heiligen Lande. Dort erst, so schien es, begann sich ihm das Rätsel seines eigenen Lebens zu entschleiern. Seine Briefe von der Reise haben uns das Erlebnis aufbewahrt. In Jerusalem, der „Stadt aus ^>tein in einem Lande aus Eisen unter einem Himmel aus Feuer" fühlte er alles seltsam sich verwandt: hier die wildstrahlende Landschaft in ihrer unheimlichen Helle; dort der Sinai, von dem die Welt gelernt hat — alles sprach von Israels Größe zu diesem Sohne des alten Voltes. Alle die ehrgeizigen Gedanken und Pläne, die ihn damals an dem heiligen Orr erfüllten, verdichteten sich zunächst zu jener Heldengestalt, die er zum Borwurf seines nächsten Romans nahm und die, wie man mit Recht gesagt hat, für ihn zur Lebensgcstalt wurde. David Alroy, der lowenkühne Führer Israels in der Gefangenschaft, hat sich ihm damals offenbart, als er die Gräber der Könige besuchte. Und Alroys Gestalt hat Disraeli durch sein Lcbcn begleitet — bis hin zu seinem größten Erfolge, jenem berühmten Moment auf dem Berliner Kongreß, da er gegen Rußland für die Türkei, gegen den Ozident für den Orient kämpfte. Kaum ein Roman Disraelis, in welchem der Gedanke an seine jüdische Abstammung nicht seine Rolle spielte. Dem jungen Coningsby erzahlt der geheimnisvolle jüdische Philosoph und Finanzmann Sidoma von dem Vorrang der hebräischen Raste — fast wie damals Disraeli selbst den jungen englischen Eselleuten in Deepoenes Park in halb mystischen Vortragen die Ueberlegenheit seiner eigenen Abstammung als der einzigen, die auf eine alte Kultur zurückführte, enthüllte. Im Tantred hatte er das Christentum als ein erweitertes Judentum gekennzeichnet; hier schon treten aber auch jene politischen Pläne Disraelis von der Verschmelzung zwischen Ost und A>est auf, welche er zu Zeiten unter dem Namen des „asiatischen Geheimnisses" veryüllle. Diesem leidenschaftlichen Politiker ist freilich Dichtung nur blasseres Widerspiel des Tatenlebens. „Unterdrückte Parlamentsreden" — wie Lord Byrons Dichtungen -- könnte man auch Disraelis Romane nennen. So spielt denn auch im politischen Lebenswerk der „Sphinx", wie ihn seine Widersacher nannten, der , Orient dauernd seine Rolle. Disraelis gesamte auswärtige Politik beherrscht eine merkwürdige Hinneigung zur orientalischen Seite des englischen Weltreichs. Da hatte er durch den Eriverb des Suezkanals (mit Hilfe der „einzigen Firma, die dazu imstande war", der Rothschilds) den Weg nach Indien eröffnet; schließlich hatte er die umschmeichelte Königin mit einem Kompliment, das sie mehr als alles andere schätzte, zur Kaiserin von Indien gemacht. Und nun schien sich im Berliner Kongreß die Krönung aller seiner Bemühungen vorzubereiten. Bekannt sind ja die Politischen Vorbedingungen dieser merkwürdigen Zusammenkunft. Ruhland hatte bei dem Friedensschlüsse von Van Stefano der Türkei harte, ja fast verhängnisvolle Bedingungen aufgezwungen; Lord Beaconsfield aber, der englische Premierminister, erklarte, sich nicht in Friedensbedingungen finden zu wollen, die nicht aus einem europaischen Kongreß gebilligt Wörden seien. So kam der Berliner Kongreß zustande. Bismarck hatte erwartet, daß die ersten Geigen ausbleiben würden und er mit den Männern dritten Grades leichtes Spiel haben würde. Aber aus Rußland kam statt des gefälligen Schuwalow der alte Gortschakosf an seinem Stocke herangehümpelt und. aus England der 74jahrige Tisraeli, abgezehrt, zusammengefallen — und doch vom ersten Tage an nicht nur der Liebling der Berliner, die unendliche Anekdoten von ihm zu erzählen wußten, sondern auch der Löwe des Kongresses. Der Kongreß begann mit den Bemühungen um die Lösung der bulgarischen Frage. Rußland schlug die Grenzlinie vor, Bismarck war einverstanden, Oesterreich nahezu gewonnen. Da erschien zum erstenmal Disraelis Extrazug im Gesichtsfelde; jedesmal, wenn etwas nicht nach seinen Wünschen ging, sollte er ihn und feinen ganzen diplomatischen Stab nach London zurückbefördern. Es ist auch nach neueren Betrachtungen dieses abenteuerlichen Lebens nicht ganz klar, ob dieser geheimnisvolle Extrazug wirklich von Disraelis Sekretär bestellt wurde, oder ob er nur im Gespräch mit Bismarck aus diplomatischen Gründen am Horizont auftauchte. Jedenfalls erreichte er seinen Zweck: Disraeli siegte auf der ganzen Linie. Bismarck bestimmt Rußland, seine Forderungen aufzugeben: und so erscheinen Donau-Bulgarien und Ost-Rumelien zu kurzlebigem Dasein in der Weltgeschichte. Siegesgewiß kann Disraeli seiner Königin schreiben: „Ich hege durchaus keine Befürchtungen über den Ausgang der Verhandlungen, denn ich habe bei den zuständigen Stellen nicht den geringsten Zweifel darüber entstehen lassen, daß ich den Kongreß verlasse, sobald die Vorschläge Englands nicht angenommen werden." In der dritten Kongreßwoche gab es eine neue Sensation. Die'Grenzen Armeniens sollten festgesetzt werden. Gortschakosf und Beaconsfield, die beiden alten Recken, wollten zum Entsetzen ihrer Begleiter die Angelegenheit in unmittelbarer Aussprache miteinander erledigen, obwohl die Fama Gortschakosf nachsagte, daß er, wenn man ihn vor die Karte setzte, nicht einmal Batum hätte finden können, und obwohl man von Disraeli erzählte, er habe noch niemals eine Karte von Kleinasien sich angesehen, womit man ihm entschieden unrecht tat. Auch in diesem Falle ist es niemals ganz klar geworden, woher Beaconsfields erstaunliche Einsicht in die armenischen Grenzverhältnisse stammte. Ob ihm wirklich Gortschakosf irrtümlich die Karte mit Rußlands äußersten Zugeständnissen in die Hand