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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1928-11-01 · 3 (11.1928) · p. Seite 53

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53 Marannen hingegen flüchteten zumeist nacki Südfrankrsich, Holland, Hamburg. Sie sind dann wieder Juden geworden, vielfach sogar strengster Richtung. Ironie der Geschichte, daß Menschen, die vor der Inquisition flüchteten, in ihren Gemeinden einen Rigorismus einführten, deren Opfer beispielsweise kein Geringerer als Spinoza wurde. Das Idiom ihrer spanischen Heimat brach überall durch: in der Türkei, in Amsterdam, in Hamburg und auf Jamaika, sogar in Italien und Frankreich. Sie liebten die biegsame und zarte, prunkende und feierliche Sprache Kastiliens. In Italien, zu Ferrary entstand, von Abraham Usque redigiert, die klassische Bibel der Spaniolen, die vielberufene Ferrara- oder Marannenbibel. Es ist die wörtlichste Bibelübersetzung, die man sich denken kann; wie sich auch Siddur und Machsor der „Spanier" und „Portugiesen" durch besonders wortgetreue Anlehnung an den Urtext auszeichnen. Salomon Usque übertrug Petrarca ins Spanische und dichtete, zusammen mit Lazaro Graziano, das erste Mische Drama: „Esther". Damals entstanden auch spanisch-jüdische Mischgedichte, Volkslieder in reinem Spanisch und im Jargon, im Laoino oder Judaismo. Man schrieb und schreibt diese Sprache zumeist mit hebräischen, manchmal auch mit romanischen Lettern. Mose Pinto Delgado war als Zwangschrist im südlichen Portugal geboren, ging nach Rom uno Frankreich und wurde Jude. Seme Dichtungen sind Melancholie, Klage wegen Verfolgung des jüdischen Volkes. Seine Epen „Ruth" und „Esther", seine Klagelieder nähern sich dem Stil des französischen Klassizismus. Ein anderer Maranne, der sehr gelehrte und dichterisch hervorragende Augustinermönch Luis de Leon, hatte das Hohelied der allegorisch christlichen Deutung entkleidet, was ihm von der Kirche recht übelgenommen wurde. Dieser Lm5 de Leon erduldete eine mehrjährige Jnquisitionshaft, schrieb sonderlich klingende, wirklich gute Lyrik und starb in Spanien als Maranne und von vielen verehrter Meister. Die Stoffwelt der Vertreibung behandelt in spanischen Oktaven, in weichen Reimen und wie vom Buch Hiob entzündet, Jakob Israel Belms nie zu Amsterdam. David Abenatar Melos, des ersten Rabbiners von Amsterdam, religiöse Hymnen sind ergreifend und echt, wundersüße Wortmusik dazu. Pablo de Pina (nach der Rückkehr zum Judentum Reuel Jessuvun) dichtete portugiesisch eine flammende Totenklage auf den Opfertod eines grauenhaft gemarterten, weil wieder Jude gewordenen Franziskanermönches und einen Dialog der sieben Berge Palästinas, oen junge Marannen in der Synagoge aufführten. Aakob Usiel feiert in epischer Darstellung den König David. Viel bekannter sind die Heldenepen „Simson" des Antonio Enriquez Gomez und „Macabeo" des Miguel de Silveyra. Silveyras Gedicht ist von wahrem Enthusiasmus-getragen, bewundernswert reich an volltönender Phantasie. Cervantes und Lope de Bega schätzten ihn als Kunstgenofsen. Einige Dramen des Antonio Enriquez Gomez haben lange Zeit als Werke Calderons gegolten und sind in Madrid mit großen: Beifall gespielt worden. Als Lyriker hat sich Enriquez Gomez an Petrarca und dem Proventzaler Ton geschult, der Epiker entging der Ueberladenheit nicht; der Moralphilosoph sagte kluge Dinge. Der Dramatiker schrieb zweiundzwanzig Stücke, darunter eine „kluge Abigail" und den „Thron Salomos". Dem LoPe-de-Vega-Kreis hatte Isaak Cardoso angehört, nicht unbedeutend als Poet und philosophischer Schriftsteller, dazu ein energischer Apologet des Judentums. Diego Beltran Hidalgo kultivierte die beliebte Form der Glosse. Manasse den Israel betätigte sich in allen Gattungen, ist enzyklopädistischer Literat und Publizist. Er macht spanische Verse, entwirft Aristophanisches, zitiert bald Euripides und Virgil, bald Midrasch und Sohar, Albertus Magnus, Duns Scotus und Gabirol, Paul von Burgos neben Jizchak Luria. Rembrandt hat Manasse ben Israels „Ewen Jekara" („Piedra gloriosa") mit Radierungen geschmückt. Dem Führer und Diplomaten Manasse leuchtete als Märcheninsel und reale Wirklichkeit England. Daniel Leoi de los Barrios ist der tragikomische Typ eines zerrinnenden Universaltalents. Unstet und flüchtig zieht er aus einem Land ins andere, formt kabbalistische Gedichte, dann Sonette und Romanzen um Judith und Holofernes, Vulkan und Venus, barock-bombastische Lyrik, geistliche und weltliche Theaterstücke, schreibt obendrein Memoiren und kenntnisreiche Literaturgeschichte. Daniel Israel Lopez Laguna, den das Schicksal nach Jamaika verschlug, meisterte in gefühlsreichen und reizvollen Versen, in einem Psalter „Espejo fiel de vidas", sein eigenes Leben, das Inquisition, Kerker, Verfolgung bis auf die Neige ausgekostet hat. Uriel Acosta stammte aus einer streng katholisch lebenden Marannen-Familie, trat in jungen Jahren zum Judentum über, wurde aber auch da bald ernüchtert. Seine grundlegende Schrift heißt' „Prüfung der pharisäischen Traditionen veralichen mit der Thora". Sie erschien in portugiesischer Sprache. Als ein Denkmal seines in Leiden versunkenen, durch Verfolgung zerstörten Lebens, hinterließ er eine lateinisch geschriebene Autobiographie: „Txsm- MiluimAiias vitae". Acosta war eine schmerzlich elegische Natur, mit zertrümmerten Idealen und unerfüllten Träumen, und die Amsterdamer Synagoge hat sich gegen ihn wahrhastig splitterrichterlich und fast wie eine Toolssia militans benommen. Erst recht ungünstig schneidet die Synagoge in ihrem fanatischen Verhalten gegen den kühnen Wager Spinoza ab. In der sephardischen Denkerschar reiht Spinoza sich überragend Gabirol, Abraham ibn Esra, Maimonides, Chasdai Crescas an. Er zieht aus der hohen Denkkraft mittelalterlicher Philosophen die letzten Folgerungen. Auch aus der magischen Luft des En-Sof- Begriffes und dem Sod Hazimzum, der Selbstbeschränkung Gottes. Spinoza denkt oft hebräisch und schreibt Latein. Die Stellung des Judentums zu diesem Genie, das auf seine Art die Welt erlöste, bleibt zwiespältig. Jedenfalls ist Spinoza die letzte schleierlose Konsequenz, Uebersieigerung und Selbstaufhebung sephardischer Bewußtheit und sephardischer Mystik. David Neto, Rabbiner der Londoner portugiesischen Gemeinde, schrieb ein philosophisches Werk „Mate Dan", worin er Kopernikus und Cartesius bekämpfte, aber heimlich der Lehre Spinozas huldigte. Der Hamburger „Camoens" hieß Joseph Frances. Benjamin Musafia in Hamburg wirkte als Philosoph, Polyhistor, Linguist; Mose Gideon Abu diente war Grammatiker und Poet. Purim und Pessach feierten die Hamburger „Portugiesen" mit südländischer Fröhlichkeit: auch Schwänke wurden in der Sprache der Exilierten aufgeführt. Joseph Penso de la Bega in Amsterdam dichtete eine hebräische Komödie, zeitlich vielleicht die erste überhaupt: „Assire Hatikwa", in einem eigentümlichen, dramatischen Metrum. Spanisch dichtete er obendrein Novellen, Romanzen, und alles mit zierlichem Talent. Elieser Uriel Cardoso in Amsterdam hingegen bediente sich um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts für seine Komödien des Holländischen. Und auch in den anoeren Wohnländern gingen die Sephardim zumeist zur literarischen Benutzung der Landessprachen über. In Portugal aber verbrannte man noch 1745 den größten jüdischen Dramatiker, den Marannen Antonio Jose da Silva (s. meine Esmys im „Jüdischen Lexikon", ferner in den Frankfurter „Blättern der Städtischen Bühnen" und im Hamburger' „Freihafen"). Dessen Dramen, Komödien und Lyrik sind von bleibendem Bestand. Der König selbst wohnte der Verbrennung bei und versuchte vergeblich, den vom Katholizismus abgefallenen, zur Religion seines jüdischen Großvaters zurückgekehrten Liebling der Musen, den berühmten Dichter des „Aesop" und der „Medea", zu bekehren. Eine reiche Nachblüte der sephardischen Dichtung und Wahrheit gab es in der Türkei und in Palästina. Das Mäzenatentum des Don Joseph Nassi, Herzogs von Naxos, förderte jüdische Literaten Konstantinopels, Adrianopels. Moralphilosophie, Gedichte, Oden. Epigramme entstanden. Als Parallelerscheinunq zur jüdisch-deutschen Literatur, aber lange nicht so ergiebig, entwickelte sich daneben in Ländern ' türkischer Herrschaft — auch in Bulgarien, Serbien, Südungarn — eine volkstümliche Ladino- Liieratur. -H. Die stärkste literarische Begabung Palästinas ist um jene Zeit Israel Nagara. Er Pflegt alle Gattungen mittelalterlicher Poesie, religiöse, rätselhaft herumschweifende und weltliche Swffe in seinen „Semirot Jisrael". Er entwickelt in seinen Dichtungen eine besondere Technik durch kundige Zugrundelegung von frischen, weltlichen Melodien und Umkleidung mit vollschwingender Glaubensinbrunst und dem fremdartigen, adelig gezähmten aramäischen Idiom. Die Spaniolen brachten die sephardifche Kabbala nach Italien und in den Orient. Aus der Epoche der „falschen Messiasse" existieren die verzückten Visionen, funkelnd, flimmernd, des übersensitiven Marannensprößlings Salomon Molch o. In Safed, in Galiläa, blüht ein übersonnter Strahlenkreis auf. Josef Karo, von den Gipfeln rabbinischer Weisheit zu sehnsuchtskranken und himmelan jubelnden Ekstasen fortgerissen, der Autor des „Schulchan Aruch" läßt sich hier nieder. Salomon Alkabez, der Dichter von „Lecha Dodi", ist Mystiker und hält das reine, herrliche Panier hoch. Mose Cordovero schöpft aus grundlosen Tiefen, verbreitet und kommentiert in seinen Büchern die Lehren der spanischen Kabbala. Josef Jabez schreibt das ganze Unglück der Verfolgung und Exilierung den Jiiden zu, die Philosophie trieben. Jakob und Levi ibn Chabib, Jakob Berab, Jehuda Chajat, Meir Gabbai, Mose Almosnino, Salomon und Josef Taitazac sind Talmudisten, Kabbalisten,' Menschenrichter von Ruf. Rabbi Jizchak Luria, der große Kabbalist, dessen weltenweite Seele eine halbe Unendlichkeit umfaßte, führte zwar den Beinamen Aschkenasi, war aber nach Sprache und Kultur ein Sepharde. Laune des Schicksals oder tiefste geschichtliche Verkettung, daß der unvergleichlich geniale Pantheist Spinoza, die am meisten spontanen Gottsucher von Safed und der mehr als seltsame, tollkühne Sabbatai Zwi Sephardim und nahezu Zeitgenossen sind!

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