Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 3 (11.1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Mentioned entities
- Maimonides 3× ep/1002614
- Nahmanides 3× ep/1002848
- Abraham Abulafia 2× ep/1002877
- Abraham ibn Daud 2× ep/2109364
- Abraham ben Samuel ibn Hasdai ha-Levi 1× ep/1010854
- Abraham ibn Ezra 1× ep/1003189
- Alexandria 1× ep/1000210
- Aristotle 1× ep/1025875
- Rashi 1× ep/1002670
- Santob de Carrion 1× ep/1027917
- Voltaire 1× ep/1025731
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52 menschliches. Halacha wird zu wissenschaftlicher Disziplin. Dieser klarste und gründlichste Rationalist wird populär bei Freund und Feind. Er sucht nach den Wurzeln, nach der Grundlage. Die Logik des Religiösen konnte damals nur unter Juden eines islamischen Landes entstehen. Maimonides kannte den Islam, arabische und griechische Philosophen. Von Mischer Gelahrtheit in christlichen Kulturländern hält er nicht viel. Seinen Sohn warnt er sogar vor anderen, als sephardischen Bekanntschaften. „Unsere Brüder, die Andalusier oder Sepharden, haben Verstand und klare Köpfe. Vor allen anderen hüte dich!" Abraham ibn Daud, ein Vorgänger des „Rambam", will auch nichts von den Aschkenasim, diesen jüdischen Nordmännern, wissen und hält es nicht für nötig, Raschi zu erwähnen. Dem arabischen Kulturkreis ferner stand Bach ja ibn Pakuda. Im übrigen suchten sie alle für die Offenbarung eine Stütze in der Philosophie, so verschieden die Methodik war. Bachja, Gabirol, Abraham ibn Esra, bis zu einem gewissen Grade auch Abraham ibn Daud und Jehudn Halevi knüpfen an den Neuplatonismus an. Alle fuchen sie, Judaismus und Philosophie zn verschmelzen. Alle sind sie Apologeten. Im übrigen betonen Gabirol und Bachja das asketische Prinzip, welches dem Bibel- und Talmud-Judentum fast fremd war. Gabirol hat die Ethik des Judentums (und scholastischen Christentums) tief beeinflußt. Maimonides, aristotelisch geschult, stieg sternenhoch auf den Pfaden reiner Erkenntnis. Die Thora wurde von Aristoteles angefangen. Mit der Zeit wurde Gott ein logischer Begriff, die Oausa. prima. Noch etwas später, — und man stand der Thora blasiert gegenüber, wie einer eleganten Mnemotechnik philosophischer Prinzipien und Begriffe. Es ergab sich ein schwerer Kampf zwischen Maimonisten und Antimaimonisten. Von den Anhängern gingen manche viel weiter als der Meister, der ja letztlich von der Synagoge resorbiert wurde. Einen extremen Philosophischen Rationalismus betreibt beispielsweise Schemtob ibn Falaauera. Hinwiederum erblüht die spanische Kabbala: genährt vom Neuplatonismus. vom Pantheismus Gabirols, von der altjüdischen Zahlenmystik des Buches Jezira, aus halbverschütteten tanaitischen und essenischen Quellen, von persischen und indischen Einflüssen. Die Kabbalisten von Sepharad träumen an des Paradieses Tür: orthodox in der Gesinnung wie der Nachmanid es; herb und Philosophisch, wie Ibn Latif; von Phantastik entzündet, wie Abraham Aöulafia und wie jener noch unenträtselte Mose de Leon aus Avila, der vielleicht den Sohar schrieb, ein Genie entweder oder ein Nonplusultra an Geschäftigkeit. Sie alle bekriegten Logik und Rationalismus. Sie lebten mit Gott auf Erden und im Weltall. Sie fühlten die Wechselwirkung zwischen Schöpfer und Kreatur. Gebete und religiöse Handlungen waren ihnen nicht Allegorien des Verstandes und Formeln der Vernunft, sondern hohe und tiefe Symbole. Eine starke Bewegtheit zeigt sich bei diesen südlichen Mystikern. Gewissermaßen kämpfen die exegetischen Arbeiten des Nachmanides und der Sohar bewegt für das Unbewegte. Esoterischer als Mose ben Nachman ist sein Schüler Solomon Adre t. Dessen Gegner ist der Maimonist Iedaja Beders i. Mit der Uebersiedelung Ascher ben Jechiels aus Deutschland nach Toledo, dessen Sohn Jabob ben Ascher die Grundlagen sür den Schulchan Aruch schuf, treten breitgelegte aschkenasische Fäden in das sephardische Kulturgewebe. Zur rechten Höhe heben sich die Lehrdichtungen und Philosophischen Romane. Ibn Falaaueras und des Abraham ibn Chasdai. Mit einem geistigen Blick sucht Chasdai Crescas Maimonides und Kabbala zu erfassen. Formung des Gefühls, des seltsamen Lebens und Wesens, gedankenvolle Geistesbildung, dichterisch verklärt oder wissenschaftlich theoretisch ist selbst die Kabbala in Spanien: bei dem genauen und umfassenden, innerlichen, unumwunden schlichten Nachmanides, .bei den philosophischen Mystikern Gikatilla und Ibn Latif, bei dem rastlosen, wunderlichen Abraham Abulafia, bei dem zum Lichte selbst die Schritte lenkenden Mose de Leon. Die Se- Phardim stützten ihre Kabbala durch verwöhntes Denken und schwelgerische, goldgeflochtene Dichtung. Es ergaben sich heterodoxe Kommentare, westliche, jüdische Upanishads. Der Weg der Kabbala führt dann, wo man auch immer ihren Ursprung annehmen mag — in Palästina, Aegypten, Indien oder Persien vielleicht da und dort — aus ihren umgrenzten Bezirken in Spanien ins Chaotische und Uferlose. Seltsamerweise ist die jüdische Dichtkunst in Spanien eher gediehen als die eigene Poesie des Wohnlandes. Jene strahlenden Klänge der Gabirol-Halevi-Epoche waren bereits verklungen, als die nationalspanische Literatur noch in den allerersten Anfängen steckte. Schon in der Poesie der Araber Andalusiens schufen zahlreiche Juden. Chafz al Kuti, ein altsevbardischer Poet, den Gabirol Preist, gestaltete eine blühende Nachdichtung der Bibel- Psalmen in der Landessprache. Gelegentlich schrieb auch der Alleskönner Abraham ibn Escra arabische Verse; einmal auch der lustige Charisi — im Rahmen einer besonderen Makame. Von Mose ibn Esra stammt eine zierliche arabische Prosadichtung. Ein gewandter Literat jener Zone, Musa ibn Tübi. formte in Jsmaels Idiom ein belehrendes Poem von siebzig Strophen, eine Umschreibung der Maimunischen Philosophie. Gewandt und geschätzt handhabten den maurischen Vers Abraham Alfachar und sie Strophenküustlerin Chasmuna. Abraham ibn Sa HI vermochte seine jüdische Eigenart nicht zu wahren und endete in mohammedanischer Maskerade. Uebrigens schrieben ja auch die Lichtumzitterten, Reifsten und Tiefsten Werke der Wissenschaft und Philosophie arabisch und beherrschten alle Geheimnisse der literarischen Landeskultur. Der jüdischen Assimilation an das Maurentum folgte die weit gefährlichere an das christliche Spanien. Ein getaufter Jude, Aben Alfange, behandelte als erster Leben und Taten des sieghaften Maurenschrecks, des Cid Campeador, dem er als Sekretär gedient hatte. Das Grabmal König Ferdinands m. von Kastilien trägt eine dreifache Inschrift: arabisch, kastilisch und hebräisch. Alfons X., der Weise, von gelehrten Huden unterrichtet, schuf in Toledo eine gleichzeitig christlich, islamisch und jüdisch orientierte Akademie. Unter den Auspizien dieses Instituts wurden Bücher der Griechen, Araber und Juden in die junge Sprache Kastiliens übersetzt. In dieser Welt kultureller Annäherung, Verschmelzung und Vermischung begannen sich die Sephardim sehr Wohl zu fühlen und so veinlich zu assimilieren, daß bald zahlreiche Verräter am Glauben der Ahnen auftraten. Zwar gab es immer noch so reinliche Erscheinungen wie Salomo Bonaed, einen Dichter von hoher Begeisterung und hoher Kultur, er sich mit Anmut und ausgeprägter Vorliebe Gabirol zum Muster nahm. Bonafeds erlesene Volkskunst entfaltet sich hebräisch und spanisch. Santob de Carrion, ein Troubadour von Geschmack, den Spaniern „der Rabbi mit dem gewaltigen Bart", geißelt in sechshundert Romanzen — „Ratschläge und Unterweisungen für den jungen König Don Pedro" — die Welt des blendenden Scheins, jüdische und christliche Laster. In einem „Totentanz" läßt er Papst, Kaiser und Rabbiner, als hinfällig und todgeweiht, nach der unendlichen Melodie hüpfen. Juan Alphonso de Baena, ein Täufling, sammelte die frühe spanische Troubadourpoesie in einem Almanach und schrieb galante und religiöse Lieder. Valentin Baruchius verfaßte einen lateinischen Roman, dem Voltaire zwei Dramenstoffe verdankt. Mose aben Zarzal war im Hebräischen und im Spanischen des Sanges kundig. Ein so außergewöhnlicher Mann wie Isaak Abarbanel konnte es für nötig befinden, Werke des Thomas von Aquino ins Hebräische zu übertragen. Der berühmte Kabbälist Abraham Abulafia hatte ohne Zweifel christianisierende Neigungen und Erfüllerträume. In solcher Atmosphäre brachte es ein talentierter Rabbiner, Solomon Halevi, als Paul de Santa Maria, Paul von Burgos, zum Erzbischof und Kanzler von Kastilien! Es existieren von ihm boshafte Satiren auf jüdische Sitten und Gebräuche. Der Sohn dieses gefährlichen Apostaten, Alonzo de Cartagena, betätigte sich als erotischer Lyriker. Einer der begabtesten altspanischen Poeten, der letzte wesenhafte Troubadour, war ein Schneider und Trödeljude aus Cordova, Antonio de Montoro. Als Künder der fröhlichen Kunst und Wissenschaft an den Königshöfen der Halbinsel immerhin zum Scheinchristentum gezwungen, schrieb er Lyrik, Episteln, geschätzte Satiren und Epigramme und verhöhnte gelegentlich mit seines Wortspiels Spitzen auch die „aus Ueberzeugung" vom Judentum Abgefallenen, darunter den Rodrigo Cota. Dieser verirrte Cota war der erste jüdische Theaterdichter seit dem Alexandriner Ezechielos und zeitlich der erste spanische Dramatiker überhaupt. Er war einer der Autoren des kühnen Romandramas „Celestina". Eine sonderbare Gestalt war Garci Fernandez de Ferena, Mohammedaner geworden, dann Christ, zuletzt wieder jüdisch. Von ihm sind einige verzückt amouröse und religiöse Hymnen und Oven überliefert. In dieser Stickluft der talentierten Charakterlosigkeit gediehen noch manche andere dunkle Ehrenmänner und maßig begabte Literaten: so die getauften Judenchristen Alphons von Valladolid, Pero Ferus, Diego de Valencia. Aber die Stimmung wurde immer ungemütlicher. Die Dämonen der Inquisition rückten heran. Am Ausgang des fünfzehnten Jahrhunderts sind nicht alle Juden und Marannen aus Spanien und Portugal ausgewandert, aber doch die meisten. Das spanisch-portugiesische Judentum behielt auch in anderen Ländern die scharf umgrenzte Kultur und besondere Sprache. Die aschkenasischen Juden nannten die aus Spanien und Portugal Exilierten „Sepharden", die christliche Welt bezeichnete sie als Portugiesen; im Orient hießen sie Franken. Zwischen 1492 und 1497 emigrierten mehr als S00 000 Juden. Einzelne Marannenfamilien lebten noch im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert, ja noch in unserer Zeit in Spanien und Portugal. Die sehnsüchtige produktive und reproduktive Pflege der spanischen sowie der portugiesischen Literatur ist in der Folge ein starkes Bindemittel der weit zerstreuten sephardischen Judenheit. Das Hebräische war den zumeist längst Assimilierten nichts weniger als geläufig. Im übrigen richtete sich der Strom der in wirrster Wirrnis gesetzestreu Gebliebenen in erster Linie nach Italien, in die Türkei, nach Nordafrika und Palästina; die