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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1928-11-01 · 3 (11.1928) · p. Seite 51

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
3 (11.1928)
Date
1928-11-01
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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51 >. Zielpunkt beziehen wollen — etwa so, als habe Katharina v. Bora, Luthers Frau, die Reformation veranlaßt! — straft schon das „Gutachten" kräftig ab. Aber dieses sieht doch, bei allem menschlichen Verständnis für das neue Heimatbedürfnis des ans seiner Kirchenheimat Gestoßenen das Ende von Wittigs christkatholischer Tätigkeit gekommen und durch ihn ftlbst herbeigeführt. Der Jude könnte auf den Gedanken verfallen, diese antiasketische Konsequenz des Rebellenkampfes Wittigs sei eine logische und immanent notwendige Bestätigung unserer eigenen Lcbensbejahung und dürfe uns deshalb erfreuen — doch das wäre, schnnt mir, unerlaubt. Aber eine andere Ueberlcgung kann man angesichts der sich vollendenden Entfremdung Wittigs von seinem Mutterboden wohl gelten lassen: das; heute auch der Unzufriedene, auch der Rebell, im Hans des jüdischen Gesekes ausharren und auf d i e s e Art seinen Umbau bereiten darf, ja: soll, weil kein Bann, weil keine Kirche, weil kein System von Dogmen ihn in den Abfall treibt. Sephardische Dichtung und Literatur. Von Or. Arthur Eakhelm, Frankfurt a, M. Die Legende berichtet mancherlei über uralte jüdische Siedelungen in Hiipanien. Zu Murviedro, dem alten Saguntum, zeigte man einen Grabstein mit der Inschrift: „Hier liegt Aooniram, Knecht des Königs Salomo, der gekommen war, Steuern zu erheben, und starb." Dennoch hat es "wohl in der Zeit Salomonischen Glanzes und auch in der schweren Nebukadnezars keine Juden auf der spanischen Halbinsel gegeben. Eine merkwürdige Hypothese besagt, daß karthagische Kolonisten, nach dem Fall der souveränen Mütterstadt, teils aus Ueberzeugung. teils aus Furcht vor Rom, zum sprachverwandten Judentum übertraten und alsdann mit den schon früher eingewanderten Juden verschmolzen. Nicht unzweifelhaft ist es, ob der Prophet Obadia mit „Sepharad" Spanien meint. Mischna und Talmud zitieren Spanien und die Stadt Cordova. Die Jbn Dauds und Abarbanels beriefen sich auf den romantischen Schimmer ihrer Abstammung aus Davidischem Königsblut. Toledo sollte von jüdischer Kraft erbaut sein. Auch Granada, Lucena, Sevilla, Cordova, Saragossa galten dem Empfinden der Urenkel als alte jüdische Städte. Ein judenchristlicher Sektierer mit Namen Jakob, der Apostel Jakobus also (Santiago), sollte auf dem Campostela den Märtyrertod erlitten haben. ' Ein anderer Judenchrist, Saulus oder Paulus, spricht von seiner Reise nach Spanien. Sicher ist es, daß es lange vor den Alauen, Vandalen und Westgoten in Spanien Juden gegeben hat. Aber die hohen Güter jüdischen Geistes, jüdischer Dichtung und Literatur sind uns erst aus der Araberzeit überliefert. Die von den katholisch gewordenen Wcstgotenkönigen unermüdlich Gequälten und Unterdrückten erleben im Gewühl und Gewirr der Maurenepoche einen politischen, sozialen und geistigen Aufschwung ohnegleichen. Die sephardischen Juden wurden wirkliche und freudige Bürger des Landes, darin ihre Ahnen seit undenklichen Zeiten lebten. Das Arabische wurde die Sprache ihres Alltags und ihrer wissenschaftlichen Arbeit, ihrer Praxis und ihrer Erkenntnis. Mohammedaner und Juden ergänzten einander um so fruchtbarer, als die christlichen Elemente zunächst ausgeschaltet waren. Aus der ganzen Welt der östlichen Diaspora, aus Babylonien beispielsweise^ strömte ältere jüdische Kultur in das neue Getriebe. Später vermittelten Juden zwischen dem geistig wegbereitenden islamischen Südspanien und der kulturellen Eigenart des christlichen Nordspaniens. Stiefkinder des Landes blieben sie zwar darum doch? aber wesenseigentümlich wurde immer mehr ihr erweiterter Horizont. Früh erblüht die Dichtkunst, aber beharrlich werden auch Grammatik und Poetik getrieben. Du nasch ben Labrat (in Babylonien zu Hause) und Menachem ben Saruk'produzierten Verse und schrieben grundlegende grammatische Arbeiten, ohne die ein intensiver künstlerischer Ausbau des Hebräischen unmöglich gewesen wäre. Dunasch trug in die organische Gebundenheit der heiligen Sprache die Metrik der Araber hinein. Menachem, aus Nordspanien, inklinierte weniger zu Arabismen als die Volksgenossen im Süden. Talmudisches Wissen gelangt aus Babylonien über Kairuan (Nordafrika) in die jüdischen Zentren Andalusiens. Der lehreifrige und aufnahmefreudige Samuel Hanagio wendet sich noch in strittigen Fragen an Nissim von Kairuan und durch Viesen an ben Babylonier Hai-Gaon. Aus Marokko nach Andalusien kommt Isaak Alfasi und gründet die maßgebende Talmudakademie zu Lucena. Mose ben Chanoch steht an der Spitze der Jeschiba von Cordova, Samuel Hanagid leitet die Hochschule von Granada. Es entsteht eine wesentliche, von großen Könnern und Kennern gepflegte Methodik und Systematik des sephardischen Talmudstudiums. Auf höchste Kultur der Mauren und Juden Großandalusiens deutet es, daß der Kalif Al Hakim, für seine einzigartige Bibliothek in Cordova, den Talmud, mindestens eine zweckvolle Auswahl — durch Josef ibn Abitur —. übersetzen ließ. Jbn Abitur war ein Poet, uud Cordova damals an Bevölkerung eine Mil^ lionenstadt und ein intellektueller Brennpunkt ersten Ranges. Spanien erbte den Geist der babylonisch-jüdischen Kultur. Die Albargelonis und Barsilais übersetzten aus dem Arabischen. Andere trieben Grammatik, Lexikographie, wissenschaftliche Exegese. Es gab Sprachwissenschaftler wie Jehuda Chajudsch, Isaak ibn Gikatilla, Jbn Dschanach. Man trieb Semitologie, aber auch Latein und (bevor die richtigen Spanier selbst so recht dazu kamen) Spanisch. Nirgendwo in der Weltliteratur ergab sich so häufig die Synthese Dichter und Gelehrter. Ich erinnere nur an Mose ibn Esra, der aus Granada kam, dann viel im christlichen Spanien herumgekommen ist, vergleichende Rhetorik und Literaturgeschichte trieb, die arabische und kastilische Poesie genau kannte. Der Denker Salomon ibn Gabirol ist ein Dichter, dessen Dichtungen Melodie, Rhythmik, Erneuerung und wunderbare Bereicherung sind. Gabirol trug das Wellbild der Neu- Platoniker und Neupythagoräer in die jüdische Philosophie des Mittelalters hinein. Während die Reliaiousphilosophie des offiziellen Judentums im kräftigen Rationalismus des Mai m o n ides gipfelt, führen schicksalhafte Linien von der werdenden, möglicherweise aber auch schon längst gewordenen Kabbala zu Gabirol, den die christlichen Scholastiker, ohne zu wissen, daß er Jude war, als richtunggebenden Philosophen unter dem Namen Avicebron verehrten. Gab.rol lernte von der Verskunst der Araber uiid schuf den klassi chen Stil der neuhebräischen Poesie. Andalusiens Mittlertum, unvoreingenommene Versöhnung der Kulturen und ewig sehnsüchtige Metaphysik verschmolzen in ihm. Salomon ibn Gabirols Lyrik, Mystik, Philosophie sind Großtaten. Er war ein Schatzbüter, ein genialer Kopf, und hatte das Herz eines Propheten. Er ist über seine unmittelbaren Vorgänger in der Poesie, über Abitur und Jizchakibn Gajat, ja über. den großen Begründer paitanischer Dichtung (den Babylonier oder Italiener) Eleasar Kalir, hinausgewachsen. Man kann ihn mit Hölderlin vergleichen und mit gewissen Lyrikern der französischen uno engliichen Romantik, vor allem mit Shelley Alles in allem — eine unerhörte Verbindung von echtestem Künstlertum und echtester Inbrunst. Mose ibn Esra ist Poet. Linguist, Philosoph, kultiviert und vielseitig. Er zitiert als Autoritäten Pythagoras, Sokrates, Platon, Aristoteles, Empedokles, Alfarabi, Saadia und Gabirol. Er ist ein Formkünstler des Hebräischen, ernst uud weltlich. In älterer Zeit werden manche seiner Gesichte denen Jehuda Halevis vorgezogen. Dieses Jehuda Halevi Name hat jja nun einen unvergeßlichen Klang in der Weltdichtung. Er ist das Gewissen des jüdischen Volkes, sein leuchteuoes Herz^ Seiner zarten Sensibilität hat die Sprache der Urväter alle Tiefen crichlossen. Er dichtet Naturhymnen, grandiose Elegien, unsterbliche Verse. Jüdische, persische, arabische Farben spielen in seiner Dichtung und Philosophie. In Jehuda Halevi erreicht die Dichtung der spanischen Glanzzeit ihren Höhepunkt. Feurig und fein gestaltet er Strophen von Jugend und Liebesglück: Verse, die Pulsierender Süden sind, Blute und Nachblüte. Tann, Plötzlich genügt ihm die glückselige Halbinsel nicht mehr. Fern und noch strahlender als Sepharad ruft Erez Israel. Jehuda Halevi wirkt alles in allem südländisch-elysisch, gleicht einem Patriarchen an Glaubenskraft und trägt die goldene Lampe orientalischer Magier. Der Philosoph Jehuda Halevi bekämpft im Buch „Kusari" Christentum, Islam. Karaiten und jüdische Aristoteliker und neigt sehr zu einem septischen Mystizismus, wie er um jene Zeit verwandten Kernes auch bei den Persern — bei Saadi, Hafis, Firdusi — anzutreffen ist. Abraham ibn Esra wandert unruhevoll durch Wirklichkeit, Wissenschaft und Dichtung. Er bringt den Juden in Frankreich, England und Italien die frohe Botschaft von Spaniens freiem Geist. Dieser kämpfende, sehnende, ringende Kritiker, Exeget und Dichter, ist dem christlichen Mittelalter vor allem als Astronom und Mathematiker bekannt geworden. Seine Werke über Mathematik wurden von dem berühmten Petrus d'Albano in Padua ins Lateinische übertragen. Unter dem Namen Abraham Judaeus (später in Avenara korrumpiert) wurde er im Mittelalter und in der Renaissancezeit noch als ideales Genie der Mathematik gepriesen und auf symbolischen Bildern dargestellt. Er hat Spinoza im Innersten befruchtet, der Jbn Esras Exegese und Mystagogik enträtselt und benutzt hat. Die goldenen Tage Andalusiens zeitigten blitzende Heiterkeit und formale Ueberflügelung. Feinfühlige, kenntnisreiche Literaten schufen Brücken von der griechischen Fabel, von dem Märchen des Orients nach Europa. Ein Meister der Ausdruckskultur ist Jehuda Alcharisi. Seine Versprosa rollt und spreizt sich zierlich und natürlich. Ein witziger, scharf beobachtender Eulenspiegel, ein vielgereister Mann, ist Alcharisi von der Ueberlegenheit sephardischer Kultur und Herrlichkeit über das einfachere Judentum anderer Länder voll überzeugt. Indessen gipfeln Philosophie, Methodologie, Kodifizierung in den Werken des unvergleichlichen Maimonides. Es geht bei ihm nicht nur um talmudische Bezirke, sondern um Allgemein-

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