Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 1-2 (9.1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 26 (sequence 26)
- Language
- German
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26 vergeben werden —" Lerel stotterte die (Zesetze lies (Zebetes, und plötzlick wurde ikm Runkel vor den ^.ugen, und eisige Kälte lagerte sick um sein I^erz. Lr traute seinen klicken nickt, lag vieler und vieler, und jedes V^ort trat ikn wie ein Dolckstick. Diese Latze waren unerdittlick karte Hickter, welcke sein Urteil gesprocken: Du dist sckuldig, es gibt kür dick keine Verzeikung: LuLe, Lebet, kästen, nickts, nickts kiltt. Vergebens riet es in ikm: „Larmkerzigkeit, Vater im riimmel! Larmkerzigkeit! Ick leide I^ot — alte ^ungker — sukgekodenes Verlöbnis/ er küklte seider klar, dalZ dies leere ^usklückte waren, ^m ^om Kippur werden nur die Lünden gegen (Zott verzieken; die Zünden gegen den I^edenmenscken — suck amTodestage nicnt! Hr glaubte eine kürckterlicke Ltimme zu vernekmen, die inm diese >Vorte in die Okren dröknte. Lr blickte!n das vor inm liegende lVIacksor und las: „bis 6er Letrokkene versöknt ist." „Dann verliere ick ja meinen guten I>Iamen! Und was soll aus meiner alternden Nackter werden? Und was wird meine?rsu dazu sagen?" „Lärmkerzigkeit, Larmkerzigkeit! Vater im klimmel!" keuckte kerel verzweifelt. Hr nakm ds5 unterbrockene (Zebet nickt wieder auf und versank in Träume. Leine ganze Vergangenkeit zog an ikm vorüber. Leickt katte er's js niemals gekadt; er katte die I>Iot mit allen ikren Lckrecken kennen gelernt. Lein lieben war eine ununterbrockene Kette von Kämpken und Leiden, ^ber das Vertrauen zu (Zott katte ikn niemals verlassen. Oftmals glaubte ick, alles wäre verloren, und dock war (Zottes l^ilke nake, und ick katte ein reines kkerz uncl reine klände. Und diesmal wollte ick nickt auf (Zott Kotten. Da ksbe ick's! „Unglücklicker! Unglücklicker! Dieb, Dieb!' klang es ikm unsutkörlick in den Onren, und er wiederkolte die >Vorte, wie um in seinen eigenen Lckmerzen zu wüklen. 80 stand er da» in (Zedanken versunken. wäkrend die (Zemeinde das einleitende (Zebet vollendet katte und nun begann, sick zum Kol-I>ttdrezu rüsten, ^wei lvlänner, jeder eine Ikorarolle auf dem ^rm, traten zu Leiten des Vorbeters, einer von iknen war Heb IVloiscke ^Vecksler. I'ieke Ltille kerrsckte im ganzen Haume.^ „^Ile, die da sind, frevlerisck und sündig, mögen mit (Zottes V/lllen unter uns zum gemeinsamen (Zebet aufgenommen werden!" töme es plötzlick an Lerels Okr, wie eine sanfte, tieke und traurige Ltimme. I5r erwackle und blickte auf; es ^var Heb ^loiscke, der da in (Zottes tarnen ikm. dem Brevier Lerel, zum Leten rlrlsudnis gab. Lr glaubte, dsL Heb Noisckes klick ikn durckdringe und sick in sein klerz bokre . . . „Larmkerzigkeit. Vater im Gimmel" flüsterte Berel aus der I'iefe seines sckuIddewuLten klerzens. Das Abendgebet war zu Lnde, psalmengesang folgte, und darauf gingen die meisten ^ndäcktigen nack krause, um sick für den morgigen LuLetag durck Lcklat zu erkolen. r>sur die blieben im (Zottesksuse, welcke die Insekt mit Psalmen und 1'norsstudium verbringen wollten. Sobald einen der Lcklak üderwältigre, leknte er den Kopf gegen ein rlZuklein r^eu, um ein ^Veilcken zu scklummern. ^uck Berel blieb und setze sick in eine Lcke. Vor ikm lag das?salmenbuck, und er sammelte seine (Zedanken, um ungestört beten zu können. Okne aufzublicken, lispelte er vor sick kin, bis ikn der Lcklummer übermannte. Vergebens kämpfte er mit allen Kräften gegen die Müdigkeit an, vergebens riL er die Augenlider aut. scknupkte l'abak und bemükte sick, klare (Zedanken zu Kaden. Im Kopfe rauscnte es ikm, die Kuckstaden verwisckten sick, vor seinen ^ugen tanzten und wirdelten goldene, dlaue und grüne?ünktcken. Lein Kopf sank kerunter, das kuck entfiel der l^iand. er scniief ein. . . l!lnd er träumte einen wunderlicken l'raum. ^uf einem unendlicken, von strsnlendem I-ickt erfüllten?ljntergrunde sak er eine groLe, von unsicktbarer I-Iand getragene Mage. Lr konnte den klick nickt davon sdwenden, eine unwidersteklicke (Zewalt zwang ikn, suk die ^Vagsckslen und das Zünglein kinzustarren, und er katte ciaz klare Lewuütsein, daL jetzt sein Lckicksal abgewogen wurde. Das 25ünglein spielte auf und ad, deide Lckalen sckienen sick das (ZIeickgewickt zu kalten. Da flog ein groLes Llück Papier auk die eine Lcksle. kerel starrte darauf kin und mit IZntsetzen gewakrte er, daL es der gestoklene l^undeltguldensckein war. . . Lckwsrz war er, wie der Abgrund, und blutrote Lettern standen darauf. Die >Vagscnale sank mit einem ^lale in die l'jefe. I>Iun wuLte er. . . kier bleibt nickts verborgen. .. Da tuklte er einen kettigen Ltoü am Kopfe und erwackte. „Lewskre die I^nscnuld und bewakre das >VonlwoIIen; denn der (Zereckten Lnde ist selig, die Brevier aber werden vertilgt; der öüsewickte Lokn ist UnKeil." In gedämpftem und zerknirscktern Ion kamen diese psalmverse an Lerels Okr. I5r wandte sick um und gewakrte einen in den l'altts geküllten Oreis, der über sein kuck gebeugt dassL und betete. Ringsum lagen viele scklumrnernd auf tieulagern, andere saüen in ikre (Zebetmäntel geküllt über Lückern und murmelten Psalmen. Hin leil der Lickter flackerte erlösckend und keuckter I^edel erfüllte den Kaum; durck das koke, scklanke Fenster drang das dleicke. zitternde Licnt des blondes, plötzlick stand der eben gesekene l'raum vor Lerels (Zedäcktnis, und Ueter Lckrecken überkam ikn. „Das war ein Fingerzeig von oben,- dackte er, „ick bin verloren!". . . „I^ein!" stieL er mit festem IIntsckluL kervor, „ick will nickt unselig werden, ick will nickt verdammt sein! Ick war stets ein ekrlicker lVlensck, und das will ick bleiben. k'ür Kundert (Zulden soll ick meine Seligkeit verkaufen? Sobald Hel> A^oiscke da ist, will ick ikm alles bekennen und abends das unglückselige (Zeld zurückgeben." Dieser ZntsckluL berukigte Lerel, die Verzweiflung wick aus seinem Gerzen, und er war fast tröklick. Hr begann andacktig die Psalmen zu beten und blickte jedesmal zum kenster, od der ^lorxen käme. Hr wollte sick den drückenden H.Ip rasck vom Herzen wälzen. Die Morgendämmerung lieL die er»ten bluten Klauen Sicktes durck die Fenster strömen. Lald erkellten die ersten Lonnenstraklen das (Zotteskaus. Lerels Qemüt jubelte iknen entgegen. Ls wurde ikm frei ums rierz; die ^ngst, die ikn bescklicken katte, versckwand, und er begann die Dinge nücktern zu betrackten. „Zurückgeben oder nickt?" überlegte er. „^Venn ick das (Zeld dekalte, ksbe ick meinen Anteil an der ewigen Leligkeit verwirkt." Zurückgeben also? . . . I_lnd was wird meine k^rau sagen? Und der^ Lckwiegervater? Und die Lacke wird ruckbar werden, man wird mick meiden, ick werde keinem ins (Zesicnt zu seken wagen .... Hin Dieb .... >Vas tun? öarmnerziger Oott, was tun?- jammerte er und diL sick die Unterlippe blutig. .Lckrecklicke Pein! Lnt> weder ick verfalle dort der ewigen Verdammnis oder kinieden der ewigen Lckmack. r^ier oder dort! . . ." Vergebens czuälte er sick ab mit psalmensagen; unautkörlick rsusckte es in seinen Okren „kier oder dort!" Langsam kamen die Letenden zusammen, die Lvnagoge füllte sick; der Vorbeter begann unter öeikilte einiger junger lVIänner das ergreifende und erbebende „Hdon Olam", aber Lere! vernakm aus jedemlonfall nur das ewige „bier oder dort!" .... plötzlick traf I?eb Hloiscke ein. Lerel mackte sick aut, um ikm entgegenzueilen, sank aber auk seinen Litz zurück. „Ick will meiner krau alles gestenen und ikren Hat einkolen" tröstete er sick. Die Lvnagoge war voll von ^.ndäcktigen; die Ltimmen der Einzelnen klossen zusammen und vereinten sick zu einem mäcktigen, kimmelanstürmenden (Zebet. dlur Lerel stand abseits und seine (Zedanken weilten anderswo. >Vie ein IVlüklrad ging es ikm im Kopke Kerum. Der sonderbare l'raum, Heb ^loiscke, der Lckwiegervater, die krau, alles verwirrte sick in seiner pnsntasie zu einem keillosen (Üksos, wäkrend die kuckstaben im (Zebetbuck die sonderbarsten Sprünge und lanze auskükrten. Lr zwang sick zu weinen» scknitt (Zesickter, drückte die ^.ugen zu; aber vergebens, keine Iräne wollte kervor. Um seine (Zewissensbisse zu detäuben, degann er die langen, sckwerverständlicken piutim zu verscklingen, er murmelte die Karlen, rätselkskten Verse, okne ein ^Vort zu verstellen. Lr wollte nur seine (Zedanken sdmüken und den nagenden ^Vurm in seinem Innern besckwicktigen. Kalter SckweiL dedeckte seine Stirn und bleierne Müdigkeit lastete ikm auk 6en (Zliedern. Da ersckoll die Stimme des Vorbeters: „Das ^Veltsll bangt an seinem kinger, die Urde ist voll von seiner prsckt!" IZine Bewegung ging durck die IvLenge. /^Ile erKoben sick von ikren Litzen und verküllten die (Zesickter mit dem lallis. Das^ erkabene und ersckütternde (Zebet .unesanek tokek', an das sick eine so merkwürdige, wunderbare Legende knüpkt, entströmte unter deinen und kleben den Lippen der (Zemeinde. „Du dist Hickter und Vollstrecker. Du dist ^euge und Allwissender, Du verzeicknest und versiegelst und kennst alles Verborgene. Dein ewiges Luck scklägst du auk, und es liest sick von selbst; jedes Lterblicken Liegel ist darinnen.' Die Verse kamen kerzergreikend von den Lippen des Vordeters, und Lerel las sckaudernd nack. Lin Iränenstrorn c-uoll aus seinen ^ugen. Da sit?t der gereckte (Zott auk seinem?krone und kalt die ^Vagsckale in der Heckten^ das ewige Luck ist sukgescklagen. und jedes Lterblicken Liegel ist darin. Auck Lerels Liegel. I^ackts, als die Leele ikre klülle verlielZ und zum klimme! emporstieg, sckrieb sie dort seine Missetat kinein, und nun klagen die Worte ikren Urkeber an vor dem unsterblicken Hickter. „kerel, Dieb, Räuber!" Und er wagt es nock in (Zottes klsus unter ekrlicken Leuten zu stenen und um (Znade zu betteln. Da drang die Ltimme des Vorbeters wieder an sein Okr: „Die Lngel, sie eilen und Leben erkaLt sie: sie flüstern: Der lag des Oericktes ist da!" Zuerst leise, dann immer lauter sang der Onasan, bis seine Ltimme beim letzen >Vort so mäcktig ansckwoll, daL die Lckeiben klirrten, kerel ermannte sick: »I^ein, nein," sagte er kest „nack der Kedusckak muö es ein Unde nekmen; ick werde vor Heo ^loiscke dekennen und ikn um Verzeikung dkten' .... Die Kedusckak war zu Lnde, dock Lerel rünrte sick nickt. Der 1"ag ging zur I^eige. Die letzten Ltrsklen der Lonne vergoldeten die V/ipfel der öäume, und lange Lckatten erstreckten sick üder die Lande. In der Lvnagoge zündete der ckristiicke Diener Kerzen und Lampen an. Im Vorkoke saLen mekrere Männer mit bleicken (Zesicktern und rukten aus von den lvlünen des lages. Ls war vor dem I>1eiIa-(Zebet. ^uk den (Zesicktern lag ein ^usdruck von Leknedigung. wie nack erfüllter pflickt, und zugleick der ^Vidersckein des Vertrauens und der Tuversickt. Lerel ssL zusammengeknickt auf seinem Platze, den Kopf in deide ^rme gestemmt; er sak vernicklet und kotknungslos aus. In seinen Obren klangen die >Vorte: „O öffne uns die Pforte, bevor sie uns gescklossen!" I^ur nock einige Minuten, bald wird die pforte-gescklossen, und er kat nock nickts kür seine Erlösung getan!"