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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1928-09-01 · 1-2 (9.1928) · p. Seite 21

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
1-2 (9.1928)
Date
1928-09-01
Page
Seite 21 (sequence 21)
Language
German
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21 Arbeitsgemeinschaft „Jüdische Gefährdetenfürsorge". Zu einer zahlreich besuchten Sitzung waren die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft „Jüdische Gefährdetcnsürsorge" im Anschluß an die letzte Sitzung des Wohlfahrtsausschusses des Preußischen Landesverbandes zusammengekommen. Durch den Vorsitzenden, Sanitätsrat Dr. Seeligsohn, wurde über den Stand der E r z i c h u n g s b e r a t u n g für schwer erziehbare und psychopathische Kinder in den einzelnen jüdischen Gemeinden und über die weiteren Pläne zum Ausbau derselben berichtet. Richtlinien hierfür lagen der Arbeitsgemeinschaft in zwei Entwürfen vor; diese sollen demnächst nach einer weiteren Beratung der Kommission für Psychopathenfürsorge den einzelnen jüdischen Gemeinden zugehen. Eine rege Aussprache entspann sich über die Mitarbeit der jüdischen Wohlfahrtspflege bei der Sozialen Ge r i ch t s h i l f e. Diese neue Einrichtung ist in den einzelnen Städten ganz verschiedenartig organisiert. Wer auch immer aber der Träger sein mag, ist anzustreben, daß jüdische Fälle grundsätzlich den indischen Wohlfahrtsstcllen sowohl zum Zwecke der Ermittlung als auch zur Uebernahme der Schutzaufsichten überwiesen werden. Heber Wesen und Aufgaben der Sozialen Gerichtshilfe im einzelnen und der Mitarbeit der jüdischen Wohlfahrtsämter wird demnächst besonders berichtet. —Mit besonderem Interesse wurde der Bericht des Hilfsvereins der deutschen Inden über die Ueberwachung der Auswanderung entgegengenommen. Eine Znsammenarbeit zwischen dieser Tätigkeit, der Bahnhofshilfe des jüdischen Frauenbundes und der örtlichen Wohlfahrtspflege scheint zur Intensivierung der Arbeit erforderlich zu sein. Schritte hierzu werden daher im Laufe des Winters in die Wege geleitet werden. — Wie ans einem weiteren Bericht über den Stand der Zufluchtsnnd Bewahrungsheime hervorging, bestehen im Augenblick Zufluchtsheime bezw. Einzelzimmer für vorübergehende Aufnahme von Frauen und Mädchen in: Berlin, Breslau, Frankfurt a. M., Hamburg, Köln, Leipzig, Ludwigshafen, München, Neustadt a. d. Haardt. Die Schaffung von Zufmchtsheimen für männliche Jugendliche wird als eine der nächsten und wichtigsten Aufgaben der Arbeitsgemeinschaft in Angriff genommen werden. In der Aussprache wurden schließlich noch Vorschläge über die Errichtung eines Bewahrungsheimes gemacht. Landesverband für jüdische Wohlfahrtspflege. Am Sonntag, den 2. Seplember, fand in den Räumen der Frankfurt-Loge in Frankfurt a. M. die auch von auswärtigen Vertretern besuchte Hauptversammlung des Landesverbandes in Hessen und Hessen-Nassau statt. Nach der Begrüßung durch den Vorsitzendell, Herrn Rabbiner Dr. Horovitz, und den Vertreter der Jsr. Gemeinde Frankfurt, Herrn Sanitätsrat Dr. Ettlinger, erstatteten die Geschäftsführer die Berichte für die Bezirks- und Wanderfürsorge. In einer anschließenden Diskussion wurden wichtige Fragen des Landesverbandes erörtert. Hierauf hielt Frau Kommerzienrat Eugenie Wertheim-Kassel ein Referat über „Die Beziehungen der öffentlich-rechtlichen Fürsorge zur privaten Wohlfahrtspflege", das in interessanter Weise die Entwicklung der öffentlichen Wohlfahrtspflege darlegte und das die durch die moderne Fürsorgegesetzgebung geschaffenen Möglichkeiten, die freie Wohlfahrtspflege zweckmäßig auszubauen, besonders hervorhob. Nach einer kurzen Mittagspause wurden die vom Vorstand vorgelegten neuen Satzungen des Landesverbandes angenommen. Der Borstand und der Wohlfahrtsrat wurden neu gewählt. Der Vorsitz in beiden Organen wurde wiederum Herrn Rabbiner Dr. Horovitz-Frankfurt übertragen. Die jüdische Blindenanstalt in Jerusalem. Von I. Malez. Wer durch Palästina gereist ist und überall die blinden Araber in ihrem elenden und bejammernswerten Zustande getroffen hat, der wird sich sicher gefragt haben, wer denn für die jüdischen Blinden des Landes Sorge trägt, und wer sie vor gleichem Schicksal bewahrt?--Schon seit 25 Jahren gibt es in Jerusalem eine jüdische Blindenschule. Dieser Anstalt standen nie größere Geldmittel zur Verfügung, und daher läßt ihr Aeußeres Wohl in mancher Hinsicht zu wünschen übrig. Was aber das Wesentliche ist: In der Erreichung ihres Zieles, blinde Kinder zu erziehen und sie für ihre schwierige Zukunft/vorzubereiten, leistet das Institut Ausgezeichnetes. Der Lehrplan der Schule steht dem der allgemeinen Volksschule in keiner Weise nach. So wird z. B. das ganze -^f-, aufs gründlichste durchgenommen, nicht davon zu reden, daß die Schüler die Gebete des ganzen Jahres auswendig beherrschen. (In einer in der Anstalt befindlichen Synagoge wird dreimal täglich gebetet, wie denn überhaupt die Anstalt auf streng religiösem Boden steht.) Es wird in der Anstalt ein intensives Musikstudium betrieben, es besteht ein Blasorchester und ein Streichorchester, die sich nicht nur in Jerusalem eines sehr guten Rufes erfreuen, sondern auch von Zeit zu Zeit in anderen Städten des Landes Konzerte geben. In einer dem Institute angeschlossenen Werkstatt werden Besen, Körbe und Strohmöbel aller Art hergestellt. Im Lause der Jahre hat die Anstalt eine Anzahl Schüler ausgebildet, die selbständig wurden und völlig in der Lage waren, ihren Platz im Leben auszufüllen. Es wird daher nicht Wunder nehmen, daß diese Schule sich der Sympathie aller Kreise des palästinensischen Jischuw erfreut. Ja, wir haben es hier (in dem leider sonst so in Parteien zerspaltenen Palästina) mit einer Anstalt zu tun, vor deren Toren jeder Parteigegensatz und jede Parteizugehörigkeit aufhört, und die in gleicher Weise von allen Gruppen geschätzt wird. So wurde diese Anstalt z. B. von Männern wie Oberrabbiner Kuck und Raw Sonnenfeld besucht, der vorige High- Commisfione Sir Herbert Samuel wie auch der jetzige Lord Plummer zählten zu ihren Gästen. Und alle waren einig in ihrer Bewunderung für dieses Werk und alle erkannten die Notwendigkeit seines Bestehens an. Nun hat sich durch den Krieg und seine Folgen die wirtschaftliche Lage der Schule sehr verschlechtert und die Anstalt kämpft mit letzter Kraft um ihr Dasein. Augenblicklich befindet sie sich in besonders kritischer Lage. Der einzige Ausweg wäre der Bau eines eigenen Hauses, da die jetzige Miete ein Drittel der zur Deckung des Etats zur Verfügung stehenden Gelder verschlingt. Schreiber dieser Zeilen, selbst blind, Lehrer an dieser Schule, hat es als seine Pflicht betrachtet, unter Ausbringung schwierigster materieller Opfer nach Deutschland zu fahren, um die verschiedensten Methoden und Verbesserungen an den deutschen Blindenanstalten zu studieren und sie für die Schule nutzbar zu machen Er hat an sich selbst den hohen Wert der palästinensischen Anstalt gespürt. Als ihn selbst das Unglück tras, da sah er keinen anderen Ausweg vor sich als den Selbstmord. Aber er hatte erst eine kurze Zeit in dieser Schule verbracht, als sich ihm sein geistiges Auge öffnete, und er sah, daß noch nicht alles für ihn verloren war . . . Und auf Gruud ber in der Anstalt verbrachten Jahre ist es ihm möglich, vollkommen selbständig zu sein und sich und die Seinen zu ernähren und in jeder Hinsicht am Leben des Landes teilzunehmen. Er sieht es als seine Pflicht an, das was ihn im Innersten bewegt, der Öffentlichkeit preiszugeben in der Hoffnung, daß es dem Institut, wenn auch vielleicht nur in kleinem Maße, zum Nutzen gereichen könnte. Werden auch Deutschlands Juden in sich die Pflicht verspüren, diesem Institut, das so dringend der Hilfe bedarf, diese Hilfe mcht zu versagen? (Aus dem Hebräischen übersetzt.)

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