Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 1-2 (9.1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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L essing (sein Andenken gereiche uns zum Segen!) zeichnete in -seinem Jugendlustspiel als erster deutscher Autor einen Juden Positiven Charakters. Bemerkenswert, daß der (christliche) Hebraist Michaelis erklärte, eine Figuv wie jener Lessingsche „Reisende" käme in der Wirklichkeit gar nicht vor. Dreißig Jahre später schrieb Lessina. sein Drama „Nathan der Weise" — die Predigt reiner Menschenliebe, religiöser Toleranz und ethischer Gleichstellung der Menschen. Lessing hatte inzwischen Mendelssohn kennengelernt, der sein Urbild für den Nathan wurde. In der deutschen Literatur tauchten jetzt häufiger Stimmen auf, die gerechtes Benehmen gegen Juden und Judentum forderten. Diese liberale Gesamttendenz erfuhr allerdings von Zeit zu Zeit reaktionäre Unterbrechungen. Schon die literarischen Erfolge Mendelssohns weckten Neid: daher erklären sich die Angriffe eines sonst so überragenden Geistesarbeiters wie Hamann. Man wendet nunmehr der gesellschaftlichen Assimilation auch von christlicher Seite viel Aufmerksamkeit zu. Auch an völlige Aufsaugung denken manche Schriftsteller ohne Ressentiment, wie jener anonyme Autor des Buches: „Charlotte Sampson, oder Geschichte eines jüdischen Hausvaters, der mit seiner Familie dem jüdischen Glauben entsagte" (1300). Bald aber häuften sich Gehässigkeiten. 1809 erschien ein „Travestierter Nathan der Weise". Im gleichen Jahr ein „Taschenbuch für die Kinder Israels oder Almanach für unsere Leute". Den lautesten Erfolg hatte die antisemitische Posse „Unser Verkehr" (oder „Die Judenschule"), wahrscheinlich von Sessa. Nach den Befreiungskriegen verstärkte sich der judophobe Hochmut ... Bei E. T. A. Ho ff mann finden sich gelegentlich jüdische Zauberer und Kabbalisten. Hauff schrieb einen „Jud Süß" (vor Feuchtwanger) in Farben einer epigonalen Romantik. Das tragische Erlebnis Uriel Acostas schilderte Karl Gutzkow zuerst in der Novelle „Der Sadduzäer von Amsterdam", später in seiner so populär gewordenen Tragödie. Durch schroffe Feindschaft hebt sich Karl Spindlers Roman „Der Jude" ab. Es ist eine Historie, die im fünfzehnten Jahrhundert spielt. Ein anderer Roman Spindlers heißt „Der König von Zion". Alles eher als philosemitisch ist auch die Einstellung GustavFreyta g s. Die Juden in „Soll und Haben" find gewissenlose Wucherer (Ehrenthal Pinkus), gefährliche Gauner (Beitel Jtzig), kleine Geschäftemacher (Minzöles). In der jüngeren Generation gibt es immerhin bürgerlichere, positivere Typen (Bernhard Ehrenthal). Nach wie vor neigt man zur Behandlung biblischer Themen. Beispielsweise liebt man den unglücklichen König Saul: von Gutzkow bis Lernet-Holenia.. Hebbels „Judith", „Herodes und Mariamne", Otto Ludwigs „Makkabäer", Grillparzers „Esther"-Fragment, aber auch dessen unbiblische „Jüdin von Toledo" seien in diesem Zusammenhang notiert. So wesentliche Bedeutung diese Werke im Rahmen der deutschen dramatischen Dichtung haben, so wertvoll ihr allgemeinmenschlicher und künstlerischer Gehalt ist: in die Tiefe jüdischer Psyche bieten sie nur gelegentlich Einblick. Wilhelm Jansen schrieb eine Erzählung „Die Juden in Köln" (oder „Das große Sterben"). Die Zeit Christi spiegelt sich in mehr oder weniger begabter Gestaltung beiSud ermannim Drama „Johannes der Täufer", bei Paul Heyse in einem Drama „Maria Magdalena", bei Gustav Frentzen in einem vielgelesenen Roman „Hilligenlei". Jüdische Menschen der achtziger Jahre schildert leider in negativen Zügen der gescheite Johannes Scherr (in „Porkeles und Porkelessa"). Der Bürger Scherr sieht lauter Wucherer und Anarchisten. Freundlich objektiv beleuchtet Friedrich Spielhagen in „Was will das werden" die Probleme. Sacher-Masoch brachte in zahlreichen Romauen und Erzählungen sein besonderes Bild galizischer Juden vor die Öffentlichkeit. Börries von Münchhausen hatte eine judensreundliche Frühzeit und veröffentlichte ein Balladenbuch „Inda". Einer Tragödie „Der Jude von Konstanz" von Wilhelm von Scholz darf man zum mindesten eminente Objektivität und gediegene Sachlichkeit nachrühmen. Wilhelm Hegeler veröffentlichte einen Roman „Pietro der Korfar und die Jüdin Heirincia", der um einen alten Sarazenenturm an der Riviera geistert: Otto Hauser Produzierte sich u. a. in einem Spinozaroman. Jüdische und jüdisch sein sollende Gestalten findet man bei Gestrigen und Heutigen in zahlreichen Dramen, Romanen und Erzählungen. Viel Gelungenes oder gar Bedeutendes ist nicht darunter. Alles in qllem genommen entwickelt sie die rohe Schablone von anno Toback zu einem Edelklischee. Den Juden als Menschen und Juden, in all seiner bunten und fast unübersehbaren Problematik zu gestalten, gelingt den wenigsten, — und wenn man es recht bedenkt, niemand von den nichtjüdischen Autoren. .Viele von ihnen Pflegen eine bourgeoise Juste-Milieu- Einst-ellung. Den meisten gelingen König David, Ruth und Mirjam von Nazareth immer noch besser als Physiognomien ihrer jüdischen Landsleute und Zeitgenossen aus Berlin, Hamburg, Frankfurt und Königsberg.