Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 1-2 (9.1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 der Jude im Handel, im Engros- und Detailha:^del, vertreten ist. 1907 waren von je 10 000 Christen bzw. Inden tätig: In der Industrie: 3S87 Christen, 2153 Juden. Im Handel und Verbehr: 1068 Christen, 4972 Juden. Wir erwähnen dabei vor allen Dingen den Alt- und Neu-Metallhandel, den Textilhandel, den Getreide- und Mehlhandel, den Lederhandel und das in diesem Zusammenhang auch aufzuführende Bankgewerbe. Besonders evident ist im Metallhandel der Rückgang und die Ausschaltung jüdischer Firmen geworden. Die Konzerne der Schwerindustrie haben sich eigene Absatz-Organisationen beschafft oder haben besonders strasse Vereinbarungen mit einigen ..wenigen Händlerfirmen getroffen. Andererseits wieder ist beim Einkauf des notwendigen Altmaterials (Schrott) auch der frühere freie Schrotthändler ausgeschaltet und ersetzt durch eigene Handels- und Aufkaufsorganisationen. Uebernahme von Beteiligungen an Werke:: der Fertigfabrikation und >an Rohstoff liefernden Gesellschaften sind an Stelle des freien Ein- und Verkaufs wiederum bei anderen Firmen getreten. Bezeichnend für diese Entwicklung ist vor allem die Tatsache, daß auch große, früher auf ihrem Handelsgeschäft aufgebaute Unternehmungen und Gruppen in viel stärkerem Mcche dazu geschritten sind, sich Jndustriebeteiligungen selbst anzugliedern, arm sich so langsam vom Handelsunternehmen in ein Jndustriegebilde mit Handelseinschlag umzuwandeln. Deswegen ist diese Erscheinung von besonderer Bedeutung, weil sie einmal zeigt, daß es eine Frage des Kapitals ist, das nach lder Inflationszeit nur wenigen mit besonderen internationalen Verbindungen ausgestatteten Firmen zur Verfügung stand, ob dieser Weg beschritten werden kann, und weil sie weiterhin beweist, daß diese Ausschaltung des Handels, >des jüdischen Handels, teilweise vom selben jüdischen Handel ausgeht. Wir können eine ähnliche Entwicklung gerade auch in- Branchen konstatieren, die man Wohl mit Recht gleichfalls als jüdische Branchen, soweit dieser Ausdruck überhaupt gestattet ist, bezeichnen kann: In der Textilbranche (Konfektion) und unter gewisser Einschränkung im W a r e nh a u s g e w e rb e. L>ie Bildung der großen Filialgeschäfte, der Zusammenschluß von Textileinzelhandelsfirmen zu Einkaufsverbänden in der Absicht, den Vorteil des Großeinkaufs genießen zu können — alle diese Bestrebungen, die darauf hinauslaufen, einmal das-kleinere oder mittlere Geschäft der Branche aufzusaugen, ihm die Selbständigkeit unmöglich zu machen und dann durch den Großeinkauf dem freien Handel den Atem zu nehmen, gehen aus von einer im wesentlichen jüdischen Branche selbst. Aehnliches gilt von Warenhäusern. Sie sind es, die zur stärksten Konkurrenz für viele kleinere Detailgeschäfte der Konfektion, der Haushaltungsgögenftände und verwandter Branchen geworden sind, zur Konkurrenz und zum Aufkäufer der Betriebe. Warenhaus-Konzerne haben sich schließlich nicht nur eigene Fabrikunternehmungen angegliedert, und kommen von hier aus zu einer Ausschaltung des Zwischenhandels oder kaufen direkt für ihre eigenen Betriebe ein, sondern sie haben in vielen Fällen noch für andere Firmen den Einkauf mitübernommen, so daß die Einkaufszentrale eines Warenhaus-Konzernes neben den eigenen Häusern noch viele fremde mit versorgt und auch das immer oder meist wenigstens unter Ausschaltung früher tätiger Firmen, durch Uebernahme von deren Funktionen auf die eigene Unternehmung. Diese Vorgänge sind darum so aufschlußreich, weil an ihnen erwiesen wird, daß der Ausschaltungsprozeß des Handels, der als solcher gar nicht geleugnet werden kann, auf ganz wesentlichen Gebieten seinen Ausgang nimmt aus Branchen, die gleichfalls jüdische Branchen genannt werden dürfen. Und weil hierdurch zugleich der Weg gezeigt wird, auf dem für die Betroffenen eine neue Chance sich bietet, eine Chance allerdings, die darum von vielen nur mit Schwierigkeiten genutzt werden kann, weil der Jude im allgemeinen nicht zu den verwaltenden und beamtenden Menschen gehört, sondern zu denen, die selbst bewegen "wollen. In Paranthese sei darauf hingewiesen, daß in großen jüdischen Firmen mit jüdischen Angestellten der Betriebsrat sich meistens psychologisch ganz anders verhält als der oft recht radikale jüdische Führer der Angestellten- und Arbeiterbewegung in nichtjüdischen Firmen. Er fühlt sich in jenen irgendwie als künftiger „Prinzipal". Das Bankiergewerbe mag hier noch kurz erwähnt werden. Der Konzentrationsprozeß hat es bisher nur relativ wenig erfaßt, und die durch Zusammenbrüche ausgefallenen Firmen waren meistens Gründungen der Nachkriegszeit. Gerade in diesem Stand hat sich infolge des Krieges und der Inflation eine Aufblähung gezeigt, die beweist, wie der jüdische Geschäftsmann, wenn auch klein, so doch in jedem Falle selbständig sein will — man denke insbesondere auch an die zahlreichen freien Makler, meist frühere Bankangestellten. Weiterhin aber sind große für die Wirtschaft wichtige Kredit-Institute von Inden geschaffen und mit zahlreichen Juden besetzt worden, so daß das Bankgewerbe nicht wenige Menschen, oft ans ausgeschalteten Handelsfirmen stammend, auch aufgenommen hat. Wie im einzelnen nun sich weiterhin in dieser oder jener Branche der in großen Zügen geschilderte Prozeß vollzieht, bedarf keiner weiteren Erörterung. Die angeführten Beispiele mögen genügen. Aber es muß nochmals darauf hingewiesen werden, daß, so sehr auf der einen Seite von einer Ausschaltung des Handels gesprochen werden kann, aus der anderen Seite auch wieder die starke Ueberbesetzung gerade des Handels betont werden muß. Die Folge davon ist es, daß Umsatz und Rentabilität gerade der mittleren und kleineren jüdischen Firmen, die als typisch für manche -Branche angesehen werden können, weiter zurückgehen und durch eben diesen Rückgang und die Schmälerung ihrer Substanz und Kapitalbasis nicht mehr die Position erringen können, von der aus sie sich wieder in irgend einer Weise hätten in den Wirt-- schaftsprozeß eingliedern können. So hat sich der Handel oft selber ausgehöhlt und wird dadurch zur Agentur und Filiale größerer Unternehmungen. Es wird wohl klar, daß die Zusammenhänge zwischen Konzentrationsbewegung und Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsprozeß nicht ganz einfach liegen. Es handelt sich hier um einen Komplex von Fragen, der der Dynamik des Wirtschaftslebens selbst entspricht. Wohl ist der Händler zum Produzenten geworden, Wohl ist der Produzent zum Händler geworden und hat die Funktionen eines anderen Standes übernommen. Aber sind die Promotoren dieser Bewegung nicht in zahlreichen und wesentlichen Fällen selbst Juden gewesen, solche mit Kapital- Hintergrund und solche, die reine Vermittler waren? So ist es gekommen, daß manche Industriezweige heute schon, meistens durch ihre leitenden Persönlichkeiten, stärker jüdisch durchsetzt sind als es früher der Fall gewesen war. ' Man sieht also die Verflechtung der Erscheinungen und Borgänge und bemerkt die Wandlung des Problems. Was man bisher als jüdische Branche ansah, das erhislt diesen Namen aus der Tatsache des Vorhandenseins vieler kleinerer, mittlerer und auch größerer selbständiger jüdischer Firmen innerhalb eines Wirtschaftszweiges, deren Inhaber meist dem konservativen, ost den Sabbat und säst immer die hohen Feiertage halv tenden jüdischen Mittelstände angehörten. So betrachtet, mag in der Tat manche jüdische Branche verschwinden, und damit die diese berührenden Probleme, die aber nunmehr in einer anderen Gestalt und andere Lösungen heischend, wieder auftauchen: Wie gelingt es, den jüdischen Angestellten, sei er aus einem selbständigen oder unselbständigen Posten, einzuordnen in die Wirtschaft, um ihm die Möglichkeit zu geben, sein Judentum zu bewahren? Dabei mag es dahingestellt sein, ob die äußere oder innere Einordnung schwieriger ist. Ein gut Stück Teil der Lösung auch dieser Frage dürfte mit der Lösung der viel größeren Frage nach der Möglichkeit der Schaffung eines gesunden, normal funktionierenden jüdischen Wirtschaftskörpers überhaupt gegeben sein.