Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 1-2 (9.1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 das Unrecht und die Bedrohung, und der Haß wird von selber schwinden. Wer da betete, Gott möge ihn davor bewahren, daß er von dem, welchem er Übles zugefügt hat, gehaßt werde, oder den hasse, der ihm Unrecht zugefügt, hat, gliche dem Knaben, der betet, seine Schulaufgabe möge, wenn er morgen erwacht, gemacht sein. Ein solches Gebet bezeichnet der Talmnd als ein unwürdiges, als ein leeres. Allein der Haß unter den Menschen wächst nicht nur aus Gründen, die greifbar sind, objektiv, außerhalb der Menschen befindlich, denen er als vcrnuuft- und willenbegabtes Wesen mehr oder weniger unabhängig gegenübersteht, fähig sie zu beseitigen oder wenigstens.zu beherrschen. Es gibt auch einen grundlosen Haß, einen Haß ohne Gründe und äußere Veranlassungen. Natürlich hat^auch in diesen Fällen das Gesetz vom zureichenden Grunde nicht aufgehört zu walten. Gründe hat auch der grundlose Haß, aber diese Gründe sind nicht draußen sonderu drinnen, es sind Vorgänge, die sich im Unterbewußtsein abspielen, seelische Elemente, deren der Mensch meist gar nicht, häusig aber erst nach langen Kämpfen und peinlicher Selbstprüsung Herr wird. Diesen grundlosen Haß zu überwinden, gelingt den Menschen, so ist die gläubige Seele überzeugt,nur durch den Beistand Gottes, allein ist er ohnmächtig dazu. Und um diesen Beistand betet der Mensch, das heißt, er suggeriert sich die Notwendigkeit und die Kraft, den grundlosen Haß zu überwinden. Der grundlose Haß ist also der bitterste und unversöhnlichste, er lauert in den Abgründen der Seele und steigt bisweilen zur Überraschung und zum Schrecken des Menschen empor. Er ist irrational, er ist so sehr grundlos, daß er häufig aus gegenteiligen Gründen entspringt. Der Hasser ist nicht der, welcher Böses vonseiten des Gehaßten erlitten, sondern der, welcher dem Gehaßten Böses zugefügt hat. „Oäisse, cmem Iae8eris", sagten schon die Lateiner. Wenn ich aus irgend einem Grunde meinem Nächsten ein Unrecht zugefügt und nicht gleich Gelegenheit oder Kraft gefunden habe, es wieder gut zu machen, so bin ich nur zu oft geneigt, ihn schlecht und hassenswert zu finden, so daß er meine Kränkung redlich verdient habe. Damit rechtfertige ich nachträglich meine verwerfliche Handlungsweise und beschwichtige mein Gewissen. Es ist dies eine der Funktionen des Selbsterhaltungstriebes. Je größer das Unrecht, das ich meinem Nächsten zugefügt, je schwerer die Sühne ist, die es erfordert, desto schlechter mache ich ihn, desto klarer wird es mir, daß er es vollkommen verdient, ja daß er noch viel mehr verdient habe, als ihm widerfahren ist'' und daß ich in Wirklichkeit viel zu glimpflich mit ihm umgegangen bin. Ich bohre mich unbewußt in diese Gedankengänge hinein, vergesse allmählich den Ausgangspunkt, und am Ende steht der von mir Gekränkte und Benachteiligte als ein Ausbund aller Laster da, dem ich nur zu Recht und Billigkeit einen Teil dessen heimgezahlt habe, was er redlich verdient. Ich steige in meinen Äugen ganz unbewußt zum Vertreter der ausgleichenden Gerechtigkeit empor, ich bin ein Werkzeug der Vorsehung. Es ist klar, daß der größte Teil der Verleumdungen und Beschuldigungen, sowie des aufrichtigen und ehrlichen aber grundlosen Hasses, deren Gegenstand wir Juden von jeher gewesen sind, ans solche unbewußte psychologische Prozesse zurückzuführen ist. Eine andere Abart des grundlosen Hasses ist der Neidhaß. Der Neid ist an sich nur eine Aeußerungsform, ja, man kann sagen: eine Funktion des Selbsterhaltungstriebes, der auch als Geltungsbedürfnis zutage tritt. In dem Gedeihen und Wohlergehen meines Nächsten sehe ich eine Bedrohung meines Seins, denn der Nächste, wenn er so stark wird wie ich, oder gar stärker als ich, kann mir schaden oder mich vernichten. Ein Erbe der primitiven Zeiten des Kampfes aller gegen alle ist es. daß der Nächste zuvörderst als Feind gilt, der stets bereit ist, mit mir um alle Daseinsmöglichkeiten zu kämpfen. Ueberdies verdunkelt das Gelingen und der Erfolg des Nächsten mein Geltungsbedürfnis, stellt mich in Schatten, setzt mich in den Äugen der andern und auch wohl in meinen eigenen Augen herab. Ist so der Neid nnr eine Seite und Ansdruckssorm des Selbsterhaltungstriebes, so ist er nur um Haaresbreite vom Haß entfernt und geht allzuhäufig in diesen über. Den Erfolg des Beneideten suche ich nicht nur theoretisch zu verkleinern, sondern nur zu bald ihn auch zu mindern, dem Beneideten zu schaden. Natürlich rede ich mir auch hier ein, daß der Erfolg des Nächsten unverdient sei, ein Mißgriff des blinden Schicksals, daß die Dinge eine Korrektur erfordern, zurechtgerückt, wieder eingerenkt werden müssen, damit Gerechtigkeit in der Welt herrsche und jeder am rechten Platze stehe. GrundloserHaß findetsich häufigunter Verwandten, und zwar den nächsten: Brüdern, Schwestern, Schwägerinnen, Schwiegermüttern und Schwiegertöchtern. An meine nächsten Verwandten glaube ich berechtigt zu sein, größere Ansprüche zu stellen, als an einen Fremden, und die Nichterfüllung dieser Ansprüche erregt heftigere Reaktion, als wenn dies von Seiten eines Fremden geschieht. Mein Bruder, an derselben Mntterbrust genährt, in demselben Hause/oft von denselben Lehrern erzogen, mir äußerlich in vielen Punkten zum^Verwechseln ähnlich, kann trotzdem eine ungleich höhere Begabung, einen ungleich festeren Willen haben als ich, er wandelt einen ungleich glücklicheren Lebensweg, er hat einen ungleich größeren Erfolg als ich. Ist das nicht eine Ungerechtigkeit des Schicksals? ."'Oder gar blinder Zufall, der die Welt auf den Kopf stellt? Zwei Schwestern sind seid frühester Jugend in innigster Zärtlichkeit verbunden, teilen Leid und Freud und die intimsten Träume miteinander, aber der einen sind hochbegabte oder glückgesegnete Kinder beschieden, die den Flug Zu den Höhen der Gesellschaft nehmen und die Mutter mit emporziehen. Die Kindor der andern sind unbegabt oder vom Glücke nicht begünstigt; sie steigen in die Tiefen der Gesellschaft hinab und reißen ihre Mutter mit. Die Kluft zwischen den beiden Schwestern wird immer tiefer. Groll über die Ungerechtigkeit des Schicksals und begreiflicher Neid auf' Seite der Unglücklichen stellt sich ein. anstatt der ehemaligen schwärmerischen Schwesterliebe. Von da ist nur ein Schritt zum Haß, zum grundlosen Haß, denn die Ge- - haßte hat nichts getan, um den Haß heraufzubeschwören, und kann nichts tun, um ihn zu beseitigen. Der so häufige Haß der Schwägerin gegen die Frau des Bruders oder der Schwiegermutter gegen die Schwiegertochter sucht sich ebenfalls Ausreden in der grundlosen Änschwärzung der Frau, indem ihr böse Eigenschaften angedichtet werden, die angeblich erst in der Ehe zum Vorschein kamen, aber an dem jungen Mädchen und der Braut, auch wenn man diese Jahre lang gekannt hatte, unwahrnehmbar waren. Mutter und Schwester empfinden, daß sie auf den ganzen Menschen am Sohn und Bruder Anspruch haben, und das umsomehr, jemehr sie ihm in Liebe zugetan sind. Sie empfinden also die fremde Frau, die nun den größten Teil des Mannes in Besitz nimmt, als Eindringling, als Besißstörer. der ihnen einen Teil dessen raubt, das ihnen am teuersten ist. Die arme Frau kann tun, was, sie will, sie wird dieses Gefühl des Hasses nicht aus der Welt