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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1928-08-01 · 12 (8.1928) · p. Seite 372

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
6 (1927-1928)
Issue
12 (8.1928)
Date
1928-08-01
Page
Seite 372 (sequence 4)
Language
German
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Dementsprechend zahlreich sind die über das ausgedehnte Stadtbild verteilten Synagogen; in jedem Viertel befinden sich eine große und eine Anzahl kleinerer Synagogen. Der Hauptanteil der gottesdienstlichen Versorgung obliegt der Hauptgemeinde. Die Mitglieder der vielen innerhalb der Gemeinde zum Teil -bereits seit Jahrzehnten bestehenden Religionsvereine — ungefähr 50, von denen die meisten kleine Betschulen besitzen — müssen neben ihren Vereinsbeiträgen Kultussteuern an die Hauptgemeind'e zahlen. Elf groheGemeindesynagogen sind zur Zeit vorhanden: in 6 findet Gottesdienst nach konservativem Ritus, in 3 mit Orgel statt; eine neue für den liberalen Ritus mit Orgel wird jetzt in Wilmersdorf, Prinzregentenstraße, in Angriff genommen und erhöht somit oie Zahl auf ein volles Dutzend. — Das alte st e Bauwerk der Gemeinde ist die aus dem Jahre 1714 stammende Alte Synagoge (konservativer Ritus) in der Heidereutergasse, die seinerzeit im traditionellen Stil, Almemor in der Mitte, vergitterte Frauenempore, im Ghetto noch in der Schutzjudenzeit, errichtet, im vorigen Jahrhundert in modernem Stil umgebaut wurde. Erst 15H Jahrhunderte später führten die Reformbestrebungen zum Bau der großen Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße, dem damaligen hauptsächlichen jüdischen Wohnviertel, die 1886 eingeweiht wurde; diese beiden Gotteshäuser sind im Zentrum des alten Berlin. Weitere Gemeindesynagogen befinden sich im Osten: am Alexanderplatz-Kaiserstraße (konservativ) seit 1869; im Südwesten: Lindenstraße (liberal) seit 1891; im Westen: Lützowstraße (liberal) seit 1898; im Nordosten: Rykestraße (konservativ) seit 1904; in Charlottenburg: Fasanenstraße (liberal) seit 1912 und Pestalozzistraße (konservativ), von einem Religionsverein übernommen; in Schöneberg: Münchener Straße (konservativ), erbaut 1911, von einem Religionsverein übernommen; im Nordwesten: Levetzowstraße (liberal) seit 1914; im Südosten: Kottbuser Ufer (konservativ), die im Jahre 1916 zuletzt eingeweihte Gemeindesynagoge. Die Zahl der Plätze in den elf Gemeindeshnagogen beträgt annähernd zwanzigtausend. Die kleineren. Synagogen der Religionsvereine befinden sich in allen Stadtteilen, eine große Zahl in Berlin selbst, meist in jenen Vierteln, in denen die Gemeinde bisher keine großen Synagogen errichten konnte, zumal bei dem rapiden Anwachsen der Bevölkerungsziffer in wenigen Jahren und wegen der durch die Kriegsfolgen geschaffenen ungünstigen Wirtschaftslage; ferner in den anderen Orten des Synagogenbezirks und entlegeneren Vororten. Durch Subventionen seitens der Hauptgemeinde werden die Synagogen der Religionsvereine gestützt; erstrebt wird die Uebernahme einiger von diesen in die Verwaltung der' Hauptgemeinde. Für alle religiösen Richtungen, orthodoxe wie liberale, ist durch Andachtsstätten in allen Stadtteilen reichlich gesorgt. Zu den Gottesdiensten mit Seelenfeier an den 3 Wallfahrtsfesten werden wegen des zahlreichen Besuches in den meisten Gemeindeshnagogen zwei Andachten verrichtet. Die Jüdische Gemeinde Berlin verwendet für die Zwecke des Kultus und der religiösen Einrichtungen ungefähr ein Fünftel ihres 10-Millionen-Etats. Einige Angaben mögen die vorhandenen Einrichtungen erläutern. Für das Gebiet des Kultus und die Angelegenheiten, welche die Synagogen, deren Funktionäre und sonstige Angestellte betreffen, ist eine besondere Abteilung, die Kommission für die festgottesdienstlichen und musikalischen Angelegenheiten, zuständig; in dieser ist eine Anzahl auf dem Spezialgebiet des jüdischen Ritus und der hebräischen Musikwissenschaft kenntnisreicher Herren vereinigt, die ehrenamtlich ihre Erfahrung in dankenswerter Weise widmen. Die Mannigfaltigkeit dieses Ressorts wird durch eine kurze Aufzählung angedeutet: die Verwaltung der Gemeindesynagogen und die Ordnung des Gottesdienstes, die Bestimmung und Verteilung der Funktionen; die von der Gemeinde subventionierten Religionsvereine und deren Funktionäre; die musikalischen Angelegenheiten: u. a. Begutachtung und Genehmigung der Gesänge; die Vorbereitungskurse für die bei den Jnterimsgottesdiensten an Roschhaschono und Jomkippur mitwirkenden Funktionäre; die Vorbereitung für die beim Gottesdienst erforderlichen Ritualien; die Auswahl und Einrichtung der Betsäle; die Sitzungen der Synagogenvorstände; die Sorge für die wertvollen Kultusgeräte; die Abrechnung der Ausgaben für Synagogen und Festgottesdienste. Um dem an Roschhaschono und Jomkippur besonders starken Bedarf nach Plätzen zu genügen, richtet die Gemeinde an diesen Festtagen außer in den -Synagogen in ungefähr 3 0 Sälen Andachten ein, wobei die konservative wie die liberale Richtung mit Haupt- und Jugendgottesdienst in allen Stadtteilen berücksichtigt wird. Die Saalgottesdienste bieten Platz für mehr als d r e i ß i g t a u s e n d Personen; bei Nachweis der Bedürftigkeit werden Plätze unentgeltlich verausgabt. Außerdem werden an diesen Festtagen von privater Seite Gottesdienste in Sälen veranstalte^ vielfach leider aus materiellen Gründen; diese bedauerliche Tatsache konnte bisher nicht beseitigt werden, weil bei der riesigen Ausdehnung des Gemeindebezirks die Hauptgemeinde nicht alle Gottsdienste in eigene Regie nehmen kann, obwohl sie für diese Tage fast alle in Frage kommenden großen Säle in Großberlin mietet, und zumal die Privatveranstaltungen für irgendeinen Sonderritus oder für einen begrenzten Personenkreis bestimmt sind. Die Zahl der an Roschhaschono und Jomkippur in Großberlin stattfindenden Gottesdienste dürfte mit zweihundert nicht zu hoch geschätzt sein. In jedem Stadtviertel kann jeder Jude an einer Andacht nach dem ihm zusagenden Ritus teilnehmen; allerdings ist es bei den weiten Entfernungen der Großstadt nicht immer möglich, daß Besucher wie Funktionäre in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung dem Gottesdienst beiwohnen können. Diese große Zahl von Gottesdiensten erfordert viele Funktionäre: Prediger uud Vorbeter, die zum Teil von auswärts herangezogen werden müssen, Shnagogenvorsteher. Dirigenten, Chorsänger (weit über tausend), Schofarbläser, Aufsichtsbeamte und andere. Seit Jahren veranstaltet die Gemeinde Vorbereitungskurse zur Heranbildung von Funktionären für die Jnterimsandachten. Prominente Kantoren und Dirigenten üben mit den Teilnehmern die Gebete in Ritus und Musik; manche von diesen amtieren in Provinzgemeinden. Wenn am Feiertag die Andächtigen ihre Plätze einnehmen, so ist die nicht leichte monatelange Tätigkeit zu einem teilweisen Abschluß gelangt, der nach den Festtagen in Abrechnungen, Ordnen der kultuellen Gerätschaften, Bearbeitung der von den Shnagogenvorstehern über den Verlauf der Gottesdienste zu erstattenden Berichte fortgesetzt wird, um evtl. Aenderungen für das nächste Jahr zu berücksichtigen. Die von der Festgottesdienst-Kommission vor Roschhaschono herausgegebene Uebersicht über die Betstätten und die Verteilung der Funktionäre und Aemter gibt einen Einblick in den Umfang dieser Arbeit. Neben dieser Versorgung von feiten der Hauptgemeinde können die sonstigen gottesdienstlichen Veranstaltungen nur gestreift werden: Die Gemeinde „Ad aß Jisroel" hat außer der Stammsynagoge in der Artilleriestraße Beträume im Nordwesten und in Charlottenburg; die frühere Synagoge in der Gipsstraße wird als Toynbeehalle der Logen benützt. Die seit sieben Jahrzehnten bestehende Reformgemeinde hat ihren Tempel in der Johannisstraße unweit der Oranienburger Straße und veranstaltet an den. hohen Festtagen zwei weitere Saalgottesdienste. Die im Schönhauser Viertel (im Berliner Zentrum) wohnenden ostjüdischen Glaubensgenossen verrichten ihre Andacht in ihrem heimatlichen Ritus in einer Anzahl in der Dragoner-, Grenadier- und Schönhauser Straße eingerichteten Betstuben. Erwähnt sei noch die Liberale ShnagogeNordenim Auerbachschen Waisenhaus an der Schönhauser Allee, die Liberale Synagoge Wilmersdorf, die Andachten im Logenheim in Lichterfelde, im Lehrlingsheim in Pankow, und für besondere Besucherkreise im Kinderheim und im Altersheim für Mische Taubstumme in Weißensee und Niederschönhausen, ebenso wie alle sonstigen jüdischen Anstalten ständig mit Gottesdienst versorgt werden. Einige Ziffern mögen das Gesagte zusammenfassend erläutern. Bei der Volkszählung von 192? wurden in Groß-Berlin 84 216 männliche und 83 456 weibliche, zusammen also 172 672 Juden gezählt. In den Gemeindebezirken sind rund 150 000 erwachsene Mitglieder geführt. Im Jahre 1926 standen diesen Mitgliedern 19 538 Plätze in Synagogen und 27 943 in Betsälen, zusammen also 47 531 Plätze zur Verfügung, außerdem die Vereins- und Privatgottesdienste. Auf die beiden Riten verteilt ergeben sich folgende runde Zahlen für 1927: Konservativer Ritus: Männerplätze Frauenpläk? 6 Gemeindeshnagogen . . . 4160 3955 7 Festgottesdienste .... 1500 1 2 Jugendgottesdienste ..... zirka 500 Liberaler Ritus: Männerplätze ^r.?itc?platze 5 Gemeindesynagogen . . . 5 430 5 390 26 Festgottesdienste..... 11500 14 000 12 Jugendgottesdienstc.....zirka 1500 Zur Soziologie des Antisemitismus. Von Saul Levi Morteira. Der Lehrer und spätere heftige Gegner Spinozas, Rabbiner Saul Levi Morteira, gab im Jahr 1635 in Amsterdam eine Predigtsammlung unter de-m Tit:l „Giw'ath Scha'ul" heraus. Dieses Werk gewährt einen interessanten Einblick in das Denken und die Lebensweise der damaligen holländischen Juden, die zum größten Teil aus Marranen bestanden. In der 13. dieser Predigten beschäftigt M. sich mit den Ursachen, des Judenhasses, die bis zu einem gewissen Grad noch heute bestehen mögen: „Es ist verständlich, daß die ägyptische Gefangenschaft mit einem eisernen Schmelzofen verglichen wird, denn ihre Wirkung auf uns glich der Wirkung, die ein Schmelzofen auf edle Metalle ausübt. Wie Edelmetall im Ofen geläutert und von Schlacken gereinigt wird, so daß es dem Feuer und den Schlägen des Hammers standhält, so wurde Israel durch die ägyptischen Drangsale

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