Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 12 (8.1928)
- Date
- 1928-08-01
- Page
- Seite 371 (sequence 3)
- Language
- German
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Als Urbild der Frauenschönheit gelten: Die Ahnherrin der Menschheit Eva und die Stammutter Israels, besonders Sara, die Abraham vor den leidenschaftlichen Aegyptern hatte verbergen müssen. Eine Talmudstelle preist als die vier schönsten Frauen der Welt: Sara, Rahab, Abigail und Esther. Der Gesetzeslehrer Abaji hatte eine Frau von so strahlender Schönheit, daß ihre Haut das dunkle Gemach erhellt haben soll. Männliche Schönheit wird in Joseph, in Saul, in David und in Absalom verherrlicht. Unter den Gelehrten des Talmuds zeichnete sich Rabbi Jochanan durch seine Schönheit aus. Und die Schönheit eines edlen Jünglings wird von Simon dem Gerechten in rührender Weise gefeiert. Es konnte natürlich nicht anders sein, daß bei der zentralen Stellung, die d as Sittlich e im Judentum einnimmt, auch sür den Talmud das Schöne weit hinter dem Guten kommt. Auch für das talmudische Judentum besteht Heines Charakteristik zu Recht- Die Griechen haben schöne Jünglinge gehabt, die Juden edle Männer. Aber gut sein, ist mehr, als schön sein. Um gut zu sein, braucht man nicht unter den Palmen des Morgenlandes zu wandeln, aber von seinem Gottesgeiste muß man sich dabei durchdringen lassen. Und so besteht Inda Halevis Ausspruch zu Recht, daß, bei aller Würdigung des schönheitsseligen Griechentums, dieses doch nur farbenprächtige Blüten hervorgebracht hat, während der Lebensbaum des Judentums edle Früchte reifen ließ, daran die ganze Menschheit sich labt. Dieses Uebergcwicht des Ethischen in der gesamten Lebens- und Weltausfassung des Judentums macht dieses der Kantischen Philosophie wahlverwandt, und so konnte es Cohen im Kantischen Sinn als die Religion der Vernunft darstellen, wiewohl Kant selbst in seinem Urteil dieser Religion keineswegs unbefangene Gerechtigkeit hat angedeihen lassen. Er hatte verkannt, daß die Gehorsamsreligion mit der heiligen Lebensordnung, an deren Befolgung sie ihre Bekenner bindet, keineswegs eine äußerliche, statutarische Gesetzesreligion ist, sondern eine echte Gesinnungsreligion, die in der Welt des Gewissens wurzelt und von da aus das ganze Leben in all seinen Aeußerungen in Höhe und Tiefe, in Weite und Breite zu verklären trachtet, und in dieser Absicht auch die ästhetischen Wirkungen für ihre sittlichen Zwecke zu nützen bestrebt ist. Frankfurt, karolinaifches Königtum, jüdisch-biblischer Geist. Von Heinrich Emden. Die Regierungsmacht der Merowinger im Frankenreich beruhte auf der im Frankenvolke ruhenden Annahme, daß der Gründer der Dynastie, Merovaeus, einem Göttergeschlechte entstammte. Den Karolingern, die durch eigene Kraft an die Stelle der Merowinger getreten sind und Herrscher der Franken wurden, fehlt dieser Vorzug der Götterabstammung. Die hierdurch entstehenden Verhältnisse werden sehr interessant behandelt in einer wissenschaftlichen Arbeit von Eugen Rosen stock in dem Werk: Das Alter der Kirche. (Verlag Lambert Schneider, Berlin.) Was uns neben dem Allgemeinen besonders interessiert, ist zum ersten, daß für die ganze Entwicklung zum großen Teil Frankfurt den Schauplatz abgibt, und dann, welchen Einfluß das bibilische Judentum auf die karolingische Königspolitik genommen hat. Das Imperium kam erst später. Den Karolingern fehlt die göttliche Abstammung, natürlich ist heidnisch-göttlich gemeint. „Was die Götter seinem Geschlecht nicht gegeben, soll Gott seiner Person durch seinen Statthalter auf Erden, den Bischof von Rom, zuwenden: Die Weihe." Einige weitere Angaben, und zwar wörtlich, weil wir das geschichtliche Schwergewicht auch sehen wollen. „Die Weihe, die den König aus einem?rimns intsr ^siss in der Qualität verändern und zu etwas anderem, Höheren! machen könnte als die anderen Großen. Es ist Davids Salbung zum König Israels, angelsächsischem und westgotischcm Vorbild nachgebildet. Der König wird also selbst geistlich. Er tritt ein in die Hierarchie der Kirche als ein Glied des Klerus. Der König wird oberster Zivilherr, der er ja ist — ganz folgegerecht selbst der erste Kleriker seines Klerus. Die jüdische Theokvatie wird erneuert ... Die Franken sind das neue auserwählte Volk. König Karl läßt sich im Kreise der Capella von Alcuin und seinen Freunden David nennen. Es ist das mehr als Spielerei. Diese sogenannte karolingische Renaissance schafft wirklich aus dem Schutt der christlichen Vorzeit ein Stück Antike wieder ins Leben. Nur liegt unserem Renaissancealter nicht gerade nahe, was damals Gegenstand der Wiedergeburt ist: Der jüdische Gesetzeskönig. Den Franken ist es ganz lebendig, daß die VorzeitderKirchedasKönigreich I srael ist. Weder Hellas noch Rom sind für sie notwendige Vorhallen des Christentums. Aber Israel ist's. Hier ist ja der Sohn Jsais zum legitimen Königtum gegen Saul aufgestiegen. Diese Legitimierung ist jetzt notwendig. Als Karl in seinem Titel gleich bei seinem Regierungsantritt den für Bischöfe üblichen Zusatz „von Gottes Gnaden" aufnahm, den neuen, seitdem so oft wichtig gewordenen, da kämpfte er, wie sein Vater, gegen das „von der Götter Blut" der Merowinger damit an; die Front seines Gottesgnadentums steht nicht gegen die Untertanen, sondern gegen die Merovinger . . ." „. . . Hier helfen die Päpste! Alter und neuer Bund werden in ihren Briefen volle Gegenwart. Da schreibt der Apostel Petrus selbst einen berühmten Brief. (Codex Carolinus Nr. 10.) Und Papst Stephan III. nennt Karl uud Karlmann 768/i/0 volttom^ mene Christen und einen heiligen Stamm und das königliche Priester tum, weil ihr mit heiligem Oel gesalbt seid. Paul I. hatte 757 Pipin als neuen Moses und David angeredet und die Franken als das von dem Gotte Israels gesegnete heilige Volk der Verheißung (Codex Carolinus 11 und 14). Oesters aber heißen nicht die Franken, sondern die Kirche Christi selber das auserwählte Volk, in dem der neue David regiert! Dies scheint uns charakteristisch. Die Kirche bekommt von 751 bis 794 in steigendem Maße eine Verfassung, als sei sie das alte Israel. Denn sie bekommt einen Oberhirten in dem neuen Gesalbten des Herrn. Das davidische Königtum will der fränkische Herrscher neu leben, das ist die Gerechtigkeit seines christlichen Amtes; und sein klerikales Amt innerhalb der Kirche bringt so den Alten Bund verklärt zurück in den Neuen. Die jüdische Theokratie liefert der neuen Dynastie die moralische Bekleidung. Das Jüdische als Element der kirchlichen Ueberlieferung wird restauriert. Die Franken fühlen sich eben nicht in jene „Weltgeschichte" eingeordnet, die von Babel und Aegypten nach Hellas und Rom führt, — so stellt sich der Humanist meist ihren Ehrgeiz vor gar nichts wollen sie vielmehr von diesen Weltreichen wissen. Sie fühlen sich eingereiht in die K i r ch e n geschichte, in die Heilsgeschichte Gottes. Und ihre Renaissance soll das völkische Vorspiel des christlichen Dramas, den jüdischen Gottesstaat, wieder lebendig machen. Ihr Reich soll eben durch die Auserwältheit wie einst das jüdische nicht von dieser vergänglichen „Welt" sein. Indem dies Reich vielmehr berufene Erneuerung eines Stückes der Heilgeschichte ist, gewinnt es ja Anteil an der Unvergänglichkeit der christlichen Offenbarung. Das heidnische Altertum ist damit ausgeschaltet. . . / „. . . Karls Neigung ging auf die Vermählung von Stammestum und Kirche. Unbefangen konnte der neue David Augustins - Buch vom Gottesstaat zu seiner Erbauung lesen. Denn die weltliche Romherrschast, die Augustin dem Gottesstaat gegenüberstellt, setzt Karl nicht fort und fühlt sich an ihr unbeteiligt; er, der Erneuerer des alten Bundes. „Da ich weiß", kann Alcuin ihm schreiben, „daß Eurer ruhmvollen Macht Erhabenheit nicht das Chaldäerflammen verfallene Jerusalem regiert, sondern des ewigen Friedens Civitas, die Christi Blut erkauft hat, leitet und lenkt, die Stadt des Psalmisten, ... den Berg Zion, die Stadt des großen Königs, so eile ich, dieser Civitas kleinstes Glied, euch zu schreiben . . ." „. . . Das ganze Pathos dieser fränkischen Renaissance des Priesterkönigtums hat sich auf dem Konzil von Frankfurt Gestalt gegeben. Diese Kirchenversammlung fand im Jahre 794 — also 6 Jahre vor der Kaiserkrönung — statt." Vor 794 ist Frankfurt in keinem Dokument genannt. Wie Pallas Athene aus dem Haupte Jupiters, so ist Frankfurt, wenn es sogleich als wichtige Konzilstadt auftritt, in vollem Glanz, vollendet aus dem Haupte Clios entsprungen. Zwei Symbole leuchten über dem Haupte der Francofurtia, zum Ruhme der Stadt: Carolus Magnus und Goethe. Die gottesdiensttiche Versorgung der jüdischen Gemeinde Bertin. Bon Arthur Ltchtenfeld. Die Jüdische Gemeinde Berlin umfaßt den hauptsächlichsten Teil der Provinz Brandenburg, außer den Ort7.i des Kommunalbezirks Großberlin: also das eigentliche Berlin, die Städte Charlottenburg, Schöneberg, Wilmersdorf-Friedenau, Steglitz, Weißensee und andere, einige Dutzend Ortschaften aus den Kreisen Teltow und Niederbarnim; der übrige Teil der Provinz ist in mehrere kleine Synagogengemeinden aufgeteilt. Erwähnt sei, daß der Shnagogenbezirk nicht genau mit allen im politischen Bezirk Großberlin eingemeindeten Orten übereinstimmt; zum Teil geht der Versorgungsbezirk der Jüdischen Gemeinde Berlin darüber hinaus. Die riesige räumliche Ausdehnung dieser vielen großen Städte und der anderen weit auseinanderliegenden Orte bedeutet einen gewaltigen Flächenraum; die in der Struktur und dem rapiden baulichen Anwachsen der Weltstadt bedingte ungleichmäßige Wohnungsschichtung der jüdischen Bevölkerung in den einzelnen Wohnvierteln erleichtert nicht gerade die verwaltungsmäßige und gottesdienstliche Betreuung. Die gottesdienstliche Versorgung — und auch die religionsschulmäßige — einer so umfangreichen Gemeinde, deren Mitglieder religiös nach verschiedenartigen Riten eingestellt sind, erfordert einen ganz anderen Maßstab wie irgendeine andere jüdische Gemeinde in Deutschland.