Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 11 (7.1928)
- Date
- 1928-07-01
- Page
- Seite 349 (sequence 13)
- Language
- German
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gerichtet werden. Es ist von höchster Wichtigkeit, daß die Fragebogen von den Gemeindevorständen mit Hilfe der Rabbiner und Lehrer sorgfältig und schleunig beantwortet werden. Der Vorstand des Lehrerverbandes wird sich mit einem besonderen Schreiben an seine Mitglieder wenden, um sie zu der erbetenen Mitarbeit zu veranlassen. Auf Anregung der Zentralwohlfahrtsstelle wurde beschlossen, demnächst ein weiteres Rundschreiben betreffend Mutter- und Jugendschutz an die Jugendämter und jüdischen Wohlfahrtsämter zu versenden. Es schweben aus Anregung des Wohlfahrtsausschusses zur Zeit auch noch Verhandlungen der Zentralwohlfahrtsstelle mit den zuständigen interkonfessionellen Stellen, um unter günstigen Bedingungen Mittel zur Erlangung billiger Wohnungen zu beschaffen. Die weiteren Erörterungen über die verschiedenen bevölkerungspolitischen Aufgaben nahmen einen breiten Raum ein. Frau Justizrat.Ollendorff wies auf die Wichtigkeit der Schaffung von Jugendheimen hin. In eingehender Aussprache befaßte man sich mit den organisatorischen, sozialpüdagogischen und wirtschaftlichen Seiten der Bevölkerungspolitik wie z. B. Errichtung von Früh- Ehekassen, Aussetzung von Stillprämien usw. Der Rat soll ferner ersucht werden, der zur Besprechung der Mischehenfrage einzuberufenden Konferenz aller jüdischen Organisationen einen weiten bevölkerungspolitischen Rahmen zu geben. Am Nachmittag befaßte man sich eingehend mit der Verteilung der für Wohlfahrtspflege bereitgestellten Mittel des Landesoerbandes. Größere Zuwendungen erhielten die Zentralwohlfahrtsstelle, die Hauptstelle für Wanderfürsorge, der deutsch-israelitische Gemeindebund, der jüdische Frauenbund sowie die Arbeitsgemeinschaft für Tuberkulosensürsorge. Auch das Arbeitersürsorgeamt, die Zentrale für Arbeitsnachweis, die in den Händen des Rabbinerverbandes liegende Gefangenenfürsorge und eine Anzahl wohltätiger Anstalten, u. a. auch eine Taubstummenanstalt, Waisenhäuser und Kinderheilstätten und -Heime, eine Gartenbauschule erhielten Zuschüsse, die sich freilich diesmal in engeren Grenzen halten mußten, weil im diesjährigen Haushaltsplan gegenüber dem vorjährigen die Mittel für den Wohlfahrtsausschuß empfindlich gekürzt worden sind. Verbands büro. Nach laugen Bemühungen ist es dem Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden endlich gelungen, für sein Büro Vassende Räume zu finden. Bislang war der Landesverband in den Räumen der Jüdischen Gemeinde Berlin behelfsmäßig untergebracht. Die zunehmenden Arbeiten machten die Vergrößerung des Büros unumgänglich notwendig. Ab 6. Juni d. Js. lautet die Anschrift: Preußischer Landesverband jüdischer Gemeinden Charlottenburg 2, Kantstr. 153 (Fernsprecher Bismarck 6071/72). Das Büro liegt in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Zoologischer Garten. Als Untermieter hat der Landesverband die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden aufgenommen, die voraussichtlich am 1. Juli die neuen Räume beziehen wird. Hauptversammlung des deutschen Rabbinerverbandes. Berlin, 19. Juni. (I. T. A.) Für die öffentliche Sitzung der Hauptversammlung des deutschen Rabbinerverbandes, die vor kurzem in Berlin getagt hat (über den Verlauf der Arbeitssitzung s. JTA.-Dienst Nr. 123 v. 2. Juni), war das Thema gewählt: „Die Forderung des Judentums für die Gestaltung des Lebens". Bei der Auswahl des Themas war die Absicht vorwaltend, das Recht und die Pflicht des Judentums deutlich heraus zu sagen, von seiner Idee aus auf die Geltaltuug des öffentlichen Lebens Einfluß zu nehmen, weil das im Sinne und in der Aufgabe des religiösen Empfindens liegt. Der erste Redner Rabbiner Dr. Lew kowitz-Berlin sprach über wirtsckaftliche Ethik, er setzte sich mit der Frage des Kapitalismus uno des Sozialismus auseinander. Inwieweit dem Kapitalismus alles nur Mittel zum Zweck der Erzielung höchstmöglichster Rentabilität ist, stellte er chm die jüdische Idee von dem Eigenwert der Persönlichkeit, den Humanitätsgedankeu gegenüber, und insoweit Sozialismus den Eigenwert des Individuums trübt und vernichtet, stellte er auch ihm die jüdische Ethik gegenüber, die, mag sie noch so sehr den sozialen Charakter des Menschen betonen, den Eigenwert des Individuums aufrecht erhalten will. Das zweite Referat hatte Rabbiner Dr. S a lz b e r g e r - Frankfurt a. M. über Bodenreform. Er entwickelte die alte jüdische Gesetzgebung über den Bodenbesitz und die Besitzveränderung an Boden und führte in längerer sachlicher Darstellung aus, wie notwendig es sei auch als Forderung der jüdischen Ethik alle Bestrebungen zur Rückkehr zum Boden zu unterstützen und zu Pflegen. Als dritter Redner svrach Rabbiner Dr. E s ch e l ba ch e r - Düsseldorf über Bevölkerungs- Politik. Er ging aus von dem in der Gegenwart nicht zu verkennenden Pessimismus, der sich in der Beschränkung und der Verhütung der Geburten zeigt, wies nach, wie auch in der älteren Geschichte des Judentums Perioden eines solchen Pessimismus vorhanden waren und überwunden wurden. Er wies darauf hin, daß über alle wirtschaftlichen Gründe hinaus letztlich eine Aenderung des Willens in diesen Dingen nur zu erzielen ist durch die lebensbejahende Ausfassung, die aus einer wirklich inneren Religiosität quillt, aus der das Vertrauen und die Zuversicht erwachsen. Ein Korreferat zu den sämtlichen Referaten erstattet Rabb. Dr. Arthur Levy-Berlin. Auch er betonte den Primat des Menschen vor der Wirtschaft und hob mit besonderem Nachdruck das Recht auf den Sabbath als Parallele des Rechtes aus die Arbeit hervor. In der Diskussion wurden Stimmen laut, daß die Probleme des deutschen Judentums angesichts der geringen Zahl, die das deutsche Judentum innerhalb der Gesamtheit darstellt, als nicht von höchster Wichtigkeit zu betrachten seien. Demgegenüber wurde auf die Führerrolle des deutschen Judentums hingewiesen. Die Diskussion bot ein klares Bild von den Fragen persönlicher Lebensgestaltung, die dem Rabbiner in der Seelsorge und in der Kleinarbeit des Tages entgegentreten, vor allem von den Problemen der Sabbathheiligung und der Sexualethik. Es lag im Wesen einer solchen Diskussion, daß sie keine Lösung aufstellen konnte, sondern nur ein Ringen mit Problemen bedeutete. Zum Schluß erstattete Rabb. Dr. H o r o v i tz - Frankfurt a. M. den Bericht über die Tätigkeit des sozialen Ausschusses. Er gab seiner Freude Ausdruck über die Errichtung sozialer Kurse an den theologischen Lehranstalten. Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Die Gesellschaft hielt anläßlich der im Rahmen der Preffa veranstalteten jüdischen Kulturwoche ihre diesjährige Hauptversammlung im Kongreßsaal des Ausstellungsgebäudes in Köln-Deutz ab. Eine überaus starke Zuhörerschaft war der Einladung der Gesellschaft gefolgt, insbesondere erschienen auch zahlreiche Mitglieder aus dem Jndustrieaebiet und vom Niederrhein. Die 1902 gegründete' Gesellschaft hat sich zur Aufgabe gestellt, die wissenschaftliche Erforschung des Judentums nach der historischen und systematischen Seite zu Pflegen und ihre Mitglieder mit dem Stand der Forschung in Verbindung zu halten. Die Gesellschaft gibt die „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums", die einzige jüdisch-wissenschaftliche Zeitschrift in deutscher Sprache heraus und stellt sie allen ihren Mitgliedern unentgeltlich zu. Sie veröffentlicht ferner neben zahlreichen Einzelchriften, unter denen das Prachtwerk von Dr. C. Tassilo Hoffmann: Jacob Abraham und Abraham Abramson, 55 Jahre Berliner Medaillenkunst, 1755—1810, hervorgehoben sei, großzügige Publikationen, unter ihnen großangelegte Werke wie die Germania Judaica und der Grundriß für die Gesamtwissenschaft des Judentums. Der gegenwärtige Mitgliederbestand beträgt etwa 1600 und verteilt sich über alle fünf Erdteile sowie über alle Konfessionen. Die sehr angeregt verlaufene Versammlung begann mit einer geschäftlichen Sitzung, in der der Vorsitzende, Legationsrat Professor Dr. M. Sobernheim (Berlin), den Bericht über die VWWWMA