Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 11 (7.1928)
- Date
- 1928-07-01
- Page
- Seite 344 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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reuten sowie dem Vorsitzenden des Pflegamts des Krankenhauses den Dank der Versammlung für ihre segensreiche Arbeit aus. Einige kleinere Vorlagen, welche debattelos angenommen wurden, betreffen die Erhöhung des Minjan in der Bockenheimer Synagoge, eine Nachbewilligung für das Krankenhaus für Rechnung des Etatsjahres 1927. Alsdann wurde Kenntnis genommenen der Schenkung eines Thoramäntelchens durch Herrn Albert Cohen für die Synagoge Königsteinerstraße und der Stiftung der Herren Emil Strauß und Brüder zum Zwecke der Beschenkung von Kindern der Besucher dieser Synagoge am Thorafreudenfest. Beiden Spendern wurde der Dank der Gemeindevertretung ausgesprochen. Schließlich wurde ein Bericht des Herrn Ist Kahn über die Tagung des Verbands der jüdischen Handwerker Deutschlands in Hannover zur Kenntnis genommen. Hieran schloß sich eine nichtöffentliche Sitzung, in der Personalangelegenheiten behandelt wurden. Die Achawa oon^E. Gut. Die im Jahre 1864 erfolgte Gründung eines Vereins zur Unterstützung hilfsbedürftiger Lehrer und ihrer Hinterbliebenen zeigt an einem besonders klaren Beispiel, wie ein Einzelfall eine längst vorhandene Idee zur Reife bringen kann. Ein 72jähriger Lehrer in einer kleinen Gemeinde, noch im Dienst, erblindet plötzlich, kränkelt, siecht dahin. Die mittellose Gemeinde kann nicht helfen. Da veröffentlicht der Lehrer Joseph Kling enstein in Odernheim in dem von ihm Heransgegebenen Blatte „Der israelitische Lehrer" einen Aufruf, und in wenigen Tagen sind 73 Gulden eingegangen, eine für den in Not geratenen Mann namhafte Summe. Mit der Freude über den Erfolg verbindet sich ein bitteres Gefühl über die Notwendigkeit einer solchen Maßnahme. Soll das die Ernte des Mannes sein, der jahrzehntelang die Jugend die Wege des Lebens gewiesen hat? Klingenstein gründet einen Verein jüdischer Lehrer Deutschlands, der die Sorge für seine dienstunfähig gewordenen Kollegen in eigene Hand nehmen will. Aber die Beiträge, welche die meist schwach besoldeten Berufsgenossen leisten können, sind gering, nennenswerte Spenden von Freunden des Lehrerstandes, Stiftungen, Legate sind schwer zu bekommen. Doch der einmal zur Tat entschlossene Mann schreckt vor keiner Schwierigkeit zurück. Er schreitet nach dem Vorbilde des Pestalo^zivereins zu einem literarischen Unternehmen, das die erforderlichen Mittel liefern soll. Es verbanden sich die Herren Rabbiner Dr. Leopold Stein in Frankfurt a. M., Rabbiner Dr. Rothschild in Alzey und Lehrer Marx in Alsheim zu einem vorbereitenden Ausschuß. Die Hauptarbeit für das herauszugebende Jahrbuch, das den Namen Achawa ^Brüderlichkeit) führen sollte, leistete Dr. Stein. Die erste Auflage von 2500 Exemplaren war in wenigen Wochen abgesetzt. Trotzdem erschienen nur vier Jahrgänge, und in finanzieller Hinsicht bedeutete das Unternehmen schließlich einen Mißerfolg. Man hatte offenbar die Aufnahmesähigkeit des jüdischen Büchermarktes überschätzt; außerdem scheint die geschäftliche Organisation der Sache mangelhaft gewesen zu sein. Im Jahre 1867 bestand die Vereinskasse aus einem Defizit von 1228 Gulden. Das einzige, was vom Jahrbuch übrig blieb, war sein Titel, der nun zum Vereinsnamen erhoben wurde. Klingensteins schönes Prinzip der Selbsthilfe mußte man schweren Herzens aufgeben. Noch in dem selben Jahre faßte man den Entschluß, den Sitz des Vereins (die ersten Versammlungen hatten in Mainz stattgefunden) nach Frankfurt a. M. zu verlegen. Und dieser Beschluß gereichte der jungen, in ihrem Bestand ungemein gefährdeten Institution zum größten Segen. Hier in Frankfurt, wurde man Herr der Schwierigkeiten. Man schuf zunächst Zwei Kategorien von Mitgliedern: aktive, d. h. bezugsberechtigte (Lehrer und Rabbiner), und Ehrenmitglieder, die leoiglich als Freunde der Sache einen Jahresbeitrag leisteten. Gerade die letzteren wurden im Laufe der Zeit die tragenden Säulen des Vereins. In Frankfurt allein zählte man — hauptsächlich durch die Bemühungen des PhilanthroPinlehrersAdolfTeblse — bald über 200 Ehrenmitglieder. Unier den Spendern der ersten Jahre sind mit bedeutenden einmaligen Zuwendungen Großherzog Ludwig von Hessen, König Ludwig II. von Bayern und der Fürst von Thurn und Taxis vertreten. Auch Baron James von Rothschild und Freifrau Carl von Rothschild zählten zu den Gönnern des Vereins und mit ihnen zahlreiche Persönlichkeiten von klingendem Namen. Einen sichtbaren Aufschwung nahm die Achawa durch eine bedeutende Zuwendung -^des bekannten Philanthropen B. H. Goldschmidt, desselben Mannes, der schon im Jahre 1856 eine Stipendienstiftung für jüdische Studierende ins Leben gerufen hatte. Unter der großen Zahl von Männern, die sich in der Folge der^ahre mit Liebe und Geschicklichkeit um die Sache der Achawa bemühten, seien die Herren Leopold Beer, August Rothschild, Julius PH. Bonn, Adolf Bäer-Goldschmidt, Philipp B. Bonn, Alfred Rosenthal, Philipp Schiff, Jakob Scherer, Dr. Salo Adler, Dr. Alfred Löhren, Dr. Oswald Cohn und Julius Hehman genannt. Heute wahrt ein mehrgliedriger Vorstand die Reste einstigen Glanzes; es sei Herr Julius Goldschmidt hervorgehoben, dessen Mitarbeit sich schon nach Dezennien bemißt, und Herr Julius Heß-Fuld, der die Kassengeschäfte führt. Auch eine Reihe edler Frauen mühte sich im Dienste der Lehrerschaft. So warb Frau Sidonie Dann, unterstützt von ihrem Gatten, Herrn Leo-, pold Dann, um beitragsleistende Gönner. Das Haus Dann, das bekanntlich eine Zufluchtsstätte für Hilfesuchende war, wirkte in seinem großen Bekanntenkreise besonders für diese Stiftung. „Niemand verlasse das Dannsche Haus, ohne Mitglied der Achawa geworden zu sein", war eine stehende Redensart. Weiter sei hier der vortrefflichen Tätigkeit der Frau Ro - salie Teblse in Dankbarkeit gedacht. Hatte ihr Gatte es zustande gebracht, die akiiven jüdischen Lehrer ganz Deutschlands aus die Vorteile hinzuweisen, die der Verein ihnen bei geringem Jahresbeitrag verschaffte, und hatte er ferner eine große Reihe von Wohltätern zu Beiträgen und einmaligen größeren, zum Teil bedeutenden Zuwendungen veranlaßt, so war sie es, die in rastloser Tätigkeit die Ziele des Vereins durch Werbung von Ehrenmitgliedern förderte. Nach zehnjährigem Bestehen besaß die Achawa ein Vermögen von 32 376 Gulden, die Summe der Unterstützungen in den ersten zehn Jahren betrug 13 757 Gulden. Nun entwickelte sich die Achawa in ruhigem stetem Wachstum als einzige über ganz Deutschland verbreitete jüdische-Lehrerhilfskasse. Sie bewährte sich als ein des allgemeinen Vertrauens würdiges Institut, das auch von anderen Städten aus kräftig gefördert wurde, so in München durch Heinrich Frei und in Kassel durch E. Gutkind; iu den fernsten Ländern fanden sich Ehrenmitglieder. Die Höhe der Unterstützungen und Pensionen nahm ständig zu; im Jahre 1889 wurden bei'einem Vereinsvermögen von Mk. 164 000.— über Mk. 12 000.— verausgabt. Klingenstein war es vergönnt, seine Idee verwirklicht zn sehen; kurz nach der Feier des 25jährigen Jubiläums der Stiftung starb er 1890 in Oberingelheim an einem Herzschlag. Allgemein war die Trauer uni den verdienstvollen Mann. In seinem Nachruf sagt Adolf Teblse: Mit wahrem Feuereifer, mit unermüdlicher Tatkraft hat Klingenstein ein Vierteljahrhundert lang seinen Lieblingsplan verfolgt. Ihm war die beglückende Freude beschieden, am Abend seines Lebens sein edles Werk zn einer achtunggebietenden Stellung herangereift zu sehen." Jnr Herbst 1914. als die Achawa das Jubiläum ihres 50jährigen Bestehens hätte begehen können, kam der große Vernichter Krieg, der auch dieses menschenfreundliche Werk fast ganz zerstörte. Erst die Zukunft wird lehren, ob aus den Ruinen wieder neues Leben zu erblühen vermag. Damals war die Zahl der Ehrenmitglieder auf 1400 gestiegen, die der aktiven aus 400. Die Jahresausaabe von 1914 betrug über Mk. 30 000.— in Quoten von ungefähr Mk. 180.—. Es hat sich gezeigt, daß, im wesentlichen von unserer Gemeinde Frankfurt aus, ein Werk aus kleinsten Anfängen zu bedeutender Leistungskraft gediehen ist, das dem jüdischen Lehrer Deutschlands und damit dem deutschen Judentum zu großem Segen gereichte. Die Eigenart dieser auf Wohltätigkeit gegründeten Pensionskasse ist nur zu verstehen aus einer Zeit, die noch nicht die nötige Kraft oder Einsicht besaß, die Männer, denen man das heiligste Besitztum, die Kinder, anvertraut, in gehöriger Weise zu besolden, in würdiger Form für ihre Pensionierung und Hinterbliebenenversorgung das Notige zu leisten. So haben Frankfurter Männer es verstanden, eine Forderung zu erfüllen, die Rathenau später ungefähr so formulierte: aus der Eigenart einer UnVollkommenheit die Vollkommenheit einer Eigenart herauszubilden. Die unmöglichen Anstellungsbedingungen, unter denen früher die Lehrer litten, unter denen sie in manchen Gemeinden noch heute leiden, haben schweren Schaden gestiftet. Abgesehen von der Aülle, ideeller Kräfte, die durch materielle Not gebunden wurde, ist infolge der Umstände die Zahl der Lehreraspiranten in beängstigender Weise zurückgegangen. Tritt nicht ein völliger Wandel ein, so muß bestimmt mit der Auflösung des jüdischen Lehrerstandes gerechnet werden. Es besteht die Absicht, die Achawa mit den noch vorhandenen ähnlichen Provinziellen Einrichtungen zu einer für alle jüdischen Lehrer Deutschlands verbindlichen Hilsskasse zu verschmelzen, ein Werk, das nur unter allmählicher Ueberwindung partikularistischer Tendenzen gelingen kann. Die jüdische Lehrerschaft hat den Willen, sich selbst zu helfen; es gibt aber leider in den kleinen Gemeinden Deutschlands noch eine so beträchtliche Zahl unterbesoldeter Lehrer, gering pensionierter Kultusbeamten und unterhalb des Existenzminimums lebender Lehrerwitwen, daß das Ideal der Selbsthilfe noch nicht erfüllbar ist. Solange dieser Zustand andauert, muß auch die Achawa noch auf Beihilfen lehrerfreundlicher Kreise rechnen, damit sie in der Lage ist, in außerordentlichen Notfällen wie bisher helfend einzugreisen. Wenn auch im Lause der Jahre die Vereinsstatuten vielfachen Aenderungen unterzogen worden sind, so ist doch zum Segen der Institution e i n Paragraph stets konstant geblieben: der Sitz des Vereins ist und bleibt Frankfurt a. M.