Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 11 (7.1928)
- Date
- 1928-07-01
- Page
- Seite 339 (sequence 3)
- Language
- German
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die Poliklinik geöffnet werden, damit die unbemittelten Gemcindemitglieder ärztlich versorgt' werden können. Die Krankenhaussynagoge müsse gleichfalls wieder eine würdige Unterkunft erhalten. In der Frage des Friedhofsbaus solle die Erklärung des Herrn Dr. Geiger vorbehaltlos angenommen werden.. Es gehe nicht an, daß die Gemeindevertretung in Unkenntnis über die Verhältnisse gelassen werde. Beim Landesverband müßten die Frankfurter Delegierten für gehörige Berücksichtigung der Frankfurter Anstalten auftreten, damit in Zukunft eine Anstalt von der Bedeutung der Frankfurter Jeschiwa anders als bisher berücksichtigt wird. Im übrigen sei die Wirksamkeit dieses Verbands zu Gunsten der schwachen und kleinen Gemeinden der Rabbiner und ihrer Relikten durchaus anzuerkennen. Eine Ermäßigung der Synagogenplatzmieten müsse deshalb vorgenommen werden, "damit auch Minderbemittelte die Möglichkeit hätten, regelmäßig die Synagoge zu besuchen. Abzuschaffen seien die Gebühren für die Ansprachen bei Barmizwas. Der Bau einer konservativen Synagoge -sei notwendig und raschestens vorzunehmen. Dabei müsse immer wieder die der Gemeinde widerfahrene Entlastung durch die Synagogen der Religi.onsschule speziell die in der Unterlindau anerkannt werden. Eine Suoventionierung des Keren Hajessod sei als die Unterstützung einer allgemein jüdischen Angelegenheit Ehrenpflicht der Gemeinde. Erez Israel sei nicht Ausland sondern die jüdische Heimat, wenn auch Deutschland als zweite Heimat der deutschen Juden zu betrachten sei. Ueberdies sei es Pflicht eines jeden Juden, jüdischen Menschen, die heimatlos geworden find, zu helfen. Es müsse mit Genugtuung begrüßt werden, daß in diesem Jahre zum ersten Male eine große Summe für das Wohlfahrtswesen bereitgestellt sei. Auf die Tauer werde diese nicht genügen, aber sie sei ein Anfang. Wie nach dem jüdischen Wort die Welt auf den drei Säulen der Wissenschaft, des Gottesdienstes und der Wohlfahrts- Pflege beruhe, so stehe jede -jüdische Gemeinde auf diesen Grundlagen. Wenn auch die Liebestätigkeit des Einzelnen nicht aufhören darf, so muß doch die Zentralisation des Wohlfahrtswesens gefordert werden. Einheitliche Zusammenfassung und Bekämpfung jeder Gegenbestrebung sei deshalb zu fordern. Die Frage der Eingemeindung muß, sobald das nötige Material herbeigeschafft ist, aufmerksam geprüft werden. Eine Vereinfachung in der Gemeindeverwaltung sei mehr als bisher anzustreben. Ausreichende Beamtenbosoldung ist notwendig, denn ohne arbeitsfreudige Beamten könne die Gemeinde nicht existieren. Die Verhältnisse im Gemeindehaus erforderten baldige Beschaffung anderer Räume. Der Besuch der Bibliothek leide, das Museum sei unwürdig untergebracht und infolgedessen ohne genügende Besucherzahl. Das Gemeindeblatt müsse wieder zu einem Uebcrschußbetrieb ausgestaltet und deshalb die Verpachtung seines Inseratenteils von Neuem erwogen werden. Den Anträgen der FinanzkommiMon werde seitens der konservativen Fraktion im allgemeinen zugestimmt. Nur bezüglich des Zuschusses für das Philanthropin kündigt Herr Fromm Stimmenthaltung der Konservativen an. Auch die Konservativen seien der Ansicht, daß die Einheit der Gemeinde es sein müsse, welche ihre Mitglieder zusammenhält. Solle sie erhalten werden, so müsse jede Richtung auf die andere Rückficht nehmen, ohne jedoch etwas von ihren Grundsätzen Preiszugeben. Deshalb könnten bezüglich der konservativen Institutionen Kompromisse nicht in Betracht kommen. Unter diesen Voraussetzungen seien auch die Konservativen zur einträchtigen Mitarbeit mit den anderen Richtungen bereit. Dann werde die Frankfurter Gemeinde weiter wachsen, blühen und gedeihen. Rechtsanwalt Simon: Bei aller Kritik, die Herr Dr. Geiger berechtigterweise an der Tätigkeit des Vorstandes geübt habe, sei diefer doch etwas zu schlecht weggekommen. Es gebühre ihm» der Dank der Gemeindevertretung für seine mühevolle und selbstlose Arbeit, und nicht nur ihm und insbesondere seinem Finanzdezernenten, sondern auch den Beamten des Gemeindebüros. Der Etat solle ein Spiegelbild und ein Wegweiser der Aufgaben einer jüdischen Einheitsgemeinde bilden und der Art, wie sie erfüllt werden müssen. Sie seien vielfältig, und es müsse anerkannt werden, daß Einigkeit darüber herrscht, daß die Gemeinde nicht nur als eine Verwaltungskörperschaft angesehen werde/ Sie dürfe ihre Ziele freiwillig nicht beschränken, sonst könne sie sich nicht Wundern, wenn die Jugend nicht zu ihr komme. Es dürfe ihr nichts Jüdisches fremd sein, d. h. wo irgend auf ethischem, sozialem und kulturellem Gebiet eins Ausgabe erstehe, habe die Gemeinde als Keimzelle für das Wohl und Wehe von Klall Jisroel Anteil zu nehmen. Dabei dürfe sie ihre Anteilnahme nickt deshalb ängstlich beschränken, weil möglicherweise einige tausend Mark mehr erforderlich seien, auch nicht vor etwaigen Austrittsdrohungen wegen angeblich zu hoher Steuern dürfe sie zurückschrecken, denn wenn sie ihre Pflicht in dem gedachten Sinn auffa-sse, so werden diese Drohungen aufhören. Die Gemeinde sei kein jüdischer Verein, sondern die Kehilla, ein Wesen, mit dem man verknüpft und in das man hineingeboren ist. Die Verfassung der Gemeinde solle, wenn irgend möglich, nicht geändert werden. Sie habe sich bisher ebenso wie das durch sie bedingte Berwaltungsshstem im allgemeinen gut bewährt. Der Mangel an tätiger Mitarbeit könne auch nicht durch Maßnahmen, sondern nur durch Menschen geändert werden. Der Borstand solle kollegialer und freundschaftlicher gegenüber der Gemeindevertretung auftreten als bisher, dann werde sich Vieles in der Verwaltnngsarbeit reibungsloser gestalten, auch ohne Abänderung der Verfassung. Die Gemeindevertretung müsse über die Einzelheiten der Geschäftsführung ebeuso informiert werden wie der Vorstand, und es sei psychologisch nicht faßbar, daß letzterer feit neuerer Zeit Einsichtnahme in seine Protokolle verweigere. Im Etat fehle es an Maßnahmen für jüdische Bevölkerungspolitik. Das scheinbare Anwachsen der Gemeinde sei nur in einem Zuwachs von außen begründet, während Geburteu und Eheschließungen ständig abnehmen und Mischeben ständig zunehmen. Hier gelte es in erster Linie einzugreifen. Es drehe 'stch um den Bestand der Gemeinde. Man dürfe nicht alles dein Landesverband und dem hoffentlich bald kommenden Reichsverband überlassen. Ter Beitrag zum Landesverband sei sehr hoch, aber im Verhältnis zu seinen Aufgaben falle diese Summe kaum ins Gewicht. Ter Landesverband leiste gute und rasche Arbeit. (Redner verweist aus den vorliegenden Entwurf zu einem Preußischen Judengesetz.) Eine weitere im Etat nicht berührte Aufgabe sei die Bildung sogenannter Gemeindeschiedsgcrichte. Palästina sei das einigende Band für das gesamte Judentum. Es sei daher nationale und religiöse Pflicht zeder Gemeinde, an seinem Aufbau Anteil zu nehmen, denn die Gemeinde sei nicht nur eine Religionsgemeinde, sondern sie habe auch kulturelle und soziale Aufgaben zu erfüllen. Bezüglich des Steuersatzes sei zu wünschen, daß im künftigen Jahr dieser Teil der Etatdebatte nicht wieder vorweg genommen wird. Man könne sich auch gewisser Bedenken nicht erwehren, ob der Stenerbeschluß, der in diesem Jahre nun einmal gefaßt sei, der richtige war. Man habe sich damit doch ein sehr enges Kleid angelegt für den Fall, dass neue Aufgaben eine größere Bewegungsfreiheit erfordern. Tie Furcht vor dem Vorwurf der Thesaurierungspolitik sei gänzlich unbegründet. Eine Gemeinde wie die Frankfurter müsse bei dem Fehlen aller sonstiger Vermögenswerte einen Notgroschen haben. Unter allen Umständen müsse Sorge getragen werden, daß alle in Betracht kommenden' Aufgaben aus den laufenden Einnahmen erfüllt werden können. Man müsse genug jüdischen Optimismus haben, um davon überzeugt zu sein, daß von richtig belehrten Menschen die notwendigen Mittel kommen werden. ' Das Gemeindeblatt solle das Spiegelbild aller Richtungen in der Gemeinde werden und das Sprächrohr alles lebendigen jüdischen Geschehens. Auch müsse man Anhänger der Gemeindeversammlungen sein, wenn auch das Ergebnis der letztveranstalteten kein Beweis dafür sei, daß die Einrichtung sich nicht bewähre. Im Gegenteil bestehe in allen Kreisen das Bedürfnis, in richtigen Gemeindeversammlungen von den Geschehnissen innerhalb der Gemeinde Kenntnis zu erhalten. Das Gemeindehaus müsse das jüdische Zentrum sein und ein Obdach für alle^die Schutz bei der Muttergemeinde suchen. Deshalb sei anderweitige würdige Unterbringung bald erforderlich. Die Dienststrafordnung für die Beamten liege inr Entwurf nunmehr vor, aber eine Dienstvorschrift fehle noch. Eine einheitliche Besoldung müsse vom Landesverband unter Rücksichtnahme auf die Besonderheit der einzelnen Gemeinden geschaffen werden. Notwendig fei auch die Schaffung sogenannter Bezirkssynagogen zur Befriedigung der gottesdienstlichen Bedürfnisse derjenigen Mitglieder, die in den entfernteren Stadtteilen wohnen. Die Frage der Eingemeindung müsse baldigst gelöst werden. Aber auch den kulturellen Aufgaben müsse die Gemeinde ihr Augenmerk zuwenden. Die Schaffung eines Kulturdezernats sei so vorzusehen, daß sie ähnlich wie die in Bildung begriffene Zentralisation des Wohlfahrtswesens eine Zentralstelle für das gesamte kulturelle Gebiet und die darin arbeitenden Vereine darstelle. Bibliothek und Museum bedürften dringend einer Hilfe im Sinne der Hebung der Besucherzahl. Was das Unterrichtswesen angehe, so habe speziell die Erklärung des Her.rn Dr. Geiger bezüglich der Abänderung der Schulordnung des Philanthropins sehr euttäuscht. Es sei ein Unding, daß seit sieben Jahren immer wieder Debatten über die Abänderung der Schulordnung nötig seien. Das Phlianthropin sei äe kaetc) eine Anstalt der Gemeinde und müsse es auch cls jurs werden.Deshalb müsse verlangt werden Abänderung des antiquierten Vertrags Volk 1843 und zeitgemäße Ausgestaltung der Schulordnung, die eine den Leistungen der Gemeinde und dem Willen der Eltern entsprechende Zusammensetzung des Schulrats gewährleistet. Zu verlangen sei eine wahrhaft jüdische nicht nur aus äußerlichen Gründen, da einmal die Schulen der Gegenwart keine allgemeinen Simultanschulen, vielmehr lediglich christliche Simultänschulen sind, in denen für die Wahrung "jüdischer Kulturgüter kein Raum ist, sondern auch aus der inneren Ueberzeugung von der Notwendigkeit wahrhaft jüdischer Schulen als alleinige Erhalterin unserer Lehre und unseres Lebens, die durch Vorbild, Geist und Lehre eine geschlossene Erziehung zu vermitteln hat. Danach den bisherigen Erfahrungen durch das Philanthropin dieses positiv Jüdische einer Schule nicht gewährleistet werde, müsse bei voller Anerkennung der rein pädagogischen Leistungen der Schulen gefordert werden, daß auch den Anforderungen der positiv jüdisch eingestellten Gemeindemitglieder nach Errichtung eines Schulwerks in ihrem Sinne durch die Gemeinde alsbald-Genüge geschieht und sie Von dem heutigen GowissenskowfM führt, ihre Kinder in die Schule der ReligiönsgesMchaft zu schicken, befreit werden. Trotzdem sie an der Mutigen-Führung und Gestaltuug der Schule erhebliches auszusetzen haße und. fordere^ daß die Gemeinde alsbald das tue, wss ihre Pflicht als EinHeits-