Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 10 (6.1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- Seite 316 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden. Der in der G e n e r a I v e rsa m m l u n g vom 29. April vom Geschäftsführer Herrn Dr. Ollendorff erstattete Tätigkeitsbericht für 1927 gibt ein sehr instruktives Bild von der weit ausgedehnten Arbeit der Zentralwohlfahrtsstelle. Die Verlegung des Hauptsitzes der Verwaltung in die größeren Räume Oranienburgerstraße 69 ermöglichte die räumliche Vereinigung mit dem sozialen Ausschuß des Allgemeinen Deutschen Rabbinerverbands und des Reichsverbands der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reich, sowie mit dem Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände. Auch mit allen übrigen jüdischen Organisationen verbinden die Zentralwohlfahrtsstelle enge und gute Arbeitsbeziehungen, insbesondere mit dem Jüdischen Frauenbund, dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund, der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge und Arbeitsnachweise, der Großloge für Deutschland, dem HilfsVerein der deutschen Juden und den anderen jüdischen Groß-Organisationen. Besonderes Augenmerk wurde auf die Vertretung bei den Reichs- und anderen Behörden, sowie auf die Zusammenarbeit mit den .größeren interkonfessionellen Organisationen gelegt. Aus den Berichten über die einzelnen Arbeitsgebiete ist folgendes hervorzuheben: 1. Wirtschaftssürsorge: Durchführung der sozialen Wohlfahrtsrente, für die insgesamt 570 Anträge über einen Papiermarkwert von etwa 27 Millionen Mark gestellt wurde. Die Kreditmittel des Reiches wurden in starkem Maße für den Ausbau von Einrichtungen in Anspruch genommen, im ersten Vierteljahr 192L wurden bereits Mk. 72.000— an Krediten vergeben. In der beratenden wirtschaftlichen Fürsorge setzt sich der Gedanke der Notwendigkeit und Möglichkeit engsten Zusammenwirkens mit der öffentlichen Wohlfahrtspflege immer mehr durch. Trotzdem mußte die Zentralwohlfahrtsstelle in einer -großen Anzahl von Einzelfällen eingreifen. Aus dem Ergebnis der Sammlung „Jüdische Not" wurden 39 Berliner Anstalten der Jugend- Alters-Gesundheitsfürsorge mit einer Jahressumme von etwa Mk. 185.000 unterstützt. Ans dem Gebiet der Studentenhilfe wurde eine verhältnismäßig kleine Zahl von Stuidienbeihilfen gewährt. 2. Gesundheitsfürsorge: Die Tuberkulosenfürsorge ist auch im letzten Jahr das Hauptarbeitsgebiet geblieben. Im Jahre 1927 sind für 135 verschickte Patienten über Mk. 20.000 aufgewendet worden. Aus Sondermitteln des Reichsarbeitsministeriums konnten in allen beantragten Fällen Beihilfen für Heilverfahren für tuberkulosekranke und --gefährdete Schwestern und Pflegepersonal bewilligt werden- Die gegenwärtig im Gang befindliche von Frankfurt ausgehende und von der Zentralwohlfahrtsstelle unterstützte Lotterie zur Errichtung einer Tuberkuloseheilstätte für jüdische Männer soll überall weitgehendste Unterstützung finden. Die Zentralwohlfahrtsstelle hat sich gemeinsam mit dem „Bund der jüdischen Kranken- und Pflegeanstalten Deutschlands" stark für die Einführung der sozialen Krankenhausiürsorge eingesetzt. Die Arbeitsgemeinscha>ft „Jüdische Erholungsfürsorge" hat es auch dieses Jahr wieder ermöglicht, jüdische Kinder aus Posen in jüdischen Erholungsheimen in Deutschland unterzubringen. 3. Jugend- und G e f ä h rd e te n f ü r s o r g e: Die Arbeiten haben sich vor allem -auf die Gebiete des Mädchenschutzes und der weiblichen Gefährdetenfürsorge, der Psychopathenfürsorge sowie der Gefangenen- und Entlassungsfürsorge erstreckt. An der Durchführung der Gefangenenfürforge ist besonders stark der Soziale Ausschuß des Allgemeinen Deutschen Rabbinerverbandes beteiligt. Die Arbeitsgemeinschaft „Jüdische Gefährdetenfürsorge" hat einer Aufforderung des „Deutschen Reichsverbandes für Gerichtshilfe, Gefangenen- und Entlassenenfürsorge" entsprochen, sich gemeinsam mit den entsprechenden evangelischen und katholischen Fachvereinigungen und dem genannten Neichsverband W einem Deutschen Reichszusammenschluß für Gerichtshilfe, Gefangenen- und Entlassenenfürsorge zu verbinden. — Eine wesentliche Erleich» terung der Bestrebungen der Pshchopathenfürsorge wird Wohl das neue Heim in Marburg a. d. Lahn bieten. Auf dem Gebiet der eigentlichen Jugendfürsorge nahm die 'im Gang befindliche Reform der Fürsorgeerziehung einen breiten Raum ein. Die Arbeiten der Jugendpflege und Jugendbewegung konnten dem Reichsausschuß der zudischen Jngendverbände ubergeben Wersen. Das frühere Jacobsohn'sche Waisenhaus in Seesen a. Harz ist nunmehr als Erholungsheim für Jugendliche eingerichtet worden- 4. Archiv, A u s k un f t se r te ik u ng, Veröffentlichungen, Film. Das Archiv der Zentralwohlfahrtsstelle ist im Jahre 1927, besonders nach der Richtung der offenen Wohlfahrtspflege, aber auch in allen seinen übrigen Abteilungen, vor allem bezüglich der Fachzeitschristen und Fachaufsätze, ausgebaut worden. Vor allem konnte aus Grund des Archivs und der neuen Umfragen der „Führer durch die jüdische Wohlfahrtspflege in Deutschland" bearbeitet werden, der abgeschlossen ist und demnächst erscheint. Der Nachrichtendienst wird seit Beginn dieses Jahres monatlich herausgegeben. Die Bibliothek ist im Berichtsjahr vermehrt worden und umfaßt gegenwärtig ungefähr 600 Bände. Besonderes Bestreben war darauf gerichtet, das Zusammenarbeiten mit der Presse, insbesondere mit der jüdischen Presse, zu verstärken. Der Wohlfahrtsfilm der Zentralwohlfahrtsstelle „Ein Freitagabend" ist während des Jahres 1927 47mal im Reich und 8mal in Berlin zur Aufführung verlangt worden. 6. A us b i ld ungs Wesen : Neben Organisation und sachlicher Arbeit bleibt die Mitwirkung der Zentralwohlfahrtsstelle beim sozialen Ausbildungswesen eine ihrer bedeutendsten Aufgaben. Fast noch wichtiger als die Bereitstellung von Mitteln für die soziale Ausbildung ist aber die Schaffung von Stellen für berufliche soziale Kräfte. Vom 18.—23. März fand in Berlin eine Jüdisch-Soziale Schulungswoche statt, in der über 200 Teilnehmer in die Gegenwartsprobleme auf zahlreichen Gebieten der Wohlfahrtspflege eingeführt wurden.