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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1928-05-01 · 9 (5.1928) · p. Seite 274

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
6 (1927-1928)
Issue
9 (5.1928)
Date
1928-05-01
Page
Seite 274 (sequence 2)
Language
German
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274 belebt: daß nicht einmal ein Mose, so wenig wie ein Solon oder Lykurg, das Gesetz aus seinem Geiste gegeben habe, auch daß es nicht etwa nur von den Erzvätern abstamme, sondern haß allen geschichtlichen Potenzen entgegengestellt werds die unmittelbare Abfolge von Gott, als dem einzigen Sein. Wenn diese geistige Abfolge nun dennoch im Laufe der politischen Ereignisse wie ein geschichtlicher Akt ausgezeichnet wurde, damit er als ein nationaler gelten könne, so haben wir gesehen, daß im Beginne der eigentlichen, der literarischen Geschichte, die Kritik und Korrektur hier eintrat, welche den Sinai in das Herz des Menschen verlegte. Das Ewige, das aller sinnlichen Erfahrung, daher auch aller geschichtlichen entrückte, ist der Grund und die Gewähr des Innersten der nationalen Geschichte. Es geht vorauf, weil es zu Grunde liegt. Es muß voraufgehen, weil es zu Grunde gelegt werden muß. Die Vernunft fängt nicht mit der Geschichte an, sondern die Geschichte muß mit der Vernunft anfangen. Denn der Anfang soll mehr als ein zeitlicher Anfang sein: er sott einen ewigen Ursprung bedeuten. Zur Reform des Religionsunterrichts. von Rabbiner Sr. Wilhelm (Braunschweig). eines jungen Rabbiners?^ 5 Schr?sM Religionsunterricht . . . Für viele kann dieses Wort eines humoristischen Beigeschmacks nicht entraten, für viele bedeutet die Erinnerung an ihren Besuch der Religionsschule die Erinnerung an die langweiligsten Stunden ihres Schülerdaseins, die nur durch übermütiges Allotria und jugendliche Streiche angenehm gewürzt wurden. Uebel wurde oft dem kleinen Mann im schwarzen Gehrock mitgespielt, nach Kräften «schwänzte" man diese Parodie auf einen Unterricht am Sonntag Morgen und verließ die Religionsstunde am Tage nach der Barmizwa mit dem Hochgefühl, nichts, aber auch gar nichts gelernt zu haben. Weshalb konnte es dem Religionsunterricht nicht gelingen, in den Kindern Liebe zum Judentum und Freude am Lernen zu erwecken, weshalb wurde oft gerade das Gegenteil erreicht, nämlich Gleichgültigkeit und Abneigung gegen das Judentum in den Herzen der Schüler genährt? Was war an diesem Unterricht falsch? Die Antwort muß lauten: Alles. Die schmucklosen düstergrauen Wände des Klassenzimmers wirkten auf das kindliche Gemüt wie ein Gefängnis, die unbequemen Schulbänke waren Folterwerkzeuge, auf denen sich der Schüler nicht bewegen konnte und durfte, die Lehrer waren wohl vorzügliche Gelehrte aber pädagogische Fähigkeiten gingen damit nicht immer Hand in Hand, und die Methode, besonders die im Unterricht des Hebräischen, war gewiß nicht dazu angetan, dem Schüler das Lernen angenehm zu gestalten. Mechanisch wurde gepaukt: Boruch gelobt, atto seist du . . . Und welche Unmethode lag in der Auswahl des Unterrichtsstoffes! Das Gebetbuch mußte als Lesestoff herhalten, achtjährige Kinder lies man übersetzen: Einzig ist unser Gott, groß ist unser Herr, heilig ist sein Name. Wie kann sich der kindliche Geist mit solchen abstrakten Begriffen befreunden, wie kann man einem Kinde auseinandersetzen, was „heilig ist sein Name" bedeutet! Was Wunder, daß dieser Unterricht versagte, er mußte zur quälenden Langeweile führen. Wie erwecken wir im Kinde das Interesse am Religionsunterricht, wie erfüllen wir es mit einer Liebe zur Sache. Diese Frage ist in letzter Zeit gar oft von jüdischen Schulmännern aufgeworfen worden. Einige- Ansätze zur Reform der Unmethode des hebräischen Unterrichts sind gemacht worden, es sei nur auf die beiden neuen Lehrbücher von Man verwiesen, die sich trotz ihrer empsindlichen Mängel im UntSrricht vorzüglich bewähren, da sie mit der alten Methode endgültig brechen und versuchen, dem Schüler das Hebräische wie jede andere Sprache nach modernen Prinzipien nahe zu bringen. Aber das Lehrbuch allein kann nur wenig Besserung, schaffen, wohl kann es dem Schüler das Lernen erleichtern, aber „Nicht das Lernen ist die Hauptsache sondern das- Tun"! Wie kann das Jnterresse des Kindes am Religionsunterricht so gesteigert werden, daß das Lernen nicht Selbstzweck bleibt, sondern in religiöse Betätigung ausmündet? Wie ist ganz besonders in der heutigen Zeit dem Religionsunterricht ein Platz an der Sonne zu sichern, wo die Kinder durch die Schule und ihre Pflichten, Turnspiele, Musikunterricht und lagt not least Nachhilfestunden (denn die Zeiten, in denen es selbstverständlich war, daß die jüdischen Kinder die besten Schüler sind, scheinen der Vergangenheit anzugehören) überaus stark in Anspruch genommen sind? . „Wer nur Theorien, aber keine Praxis hat, ist einem Unwissenden gleichmachten", sagt der Talmud. Aus einer ganz jungen Praxis seien hier einige Versuche mitgeteilt, die ich als Leiter der Religionsschule zu Braun schweig in Anwendung gebracht habe und mit denen ich glaube, die Herzen meiner Schüler für den Unterricht gewinnen zu können. Zuvor sei jedoch anerkennend bemerkt, daß es der Vorstand der jüdischen Gemeinde selbst ist, der die Not des Religionsunterrichts in seiner ganzen Größe erkannt hat und in vorbildlicher Weise darum besorgt ist, den Kindern den Schulraum zu einem behaglichen Heim zu gestalten. In freundlichen, helleuchtenden Farben sind unsere Räume gehalten, moderne Beleuchtungskörper sorgen für ein den Augen zuträgliches Licht, Bilder aus der biblischen Geschichte blicken von den Wänden auf den Unterricht herab, Radierungen und Holzschnitte von jüdischen Meistern der Zeit schmücken das Zimmer, aus dem Schulbänke und Katheder in die Verbannung gezogen sind. Ein langer Tisch ist an ihre Stelle getreten, an dem Kinder und Lehrer auf bequemen Stühlen Platz nehmen. Kein kasernenhofmäßiger Kommandoton herrscht den Schüler an: »Still sitzen, sonst fliegst du ins Klassenbuch", ein jeder kann sich bewegen und rühren, soviel er mag. Aufstehen, Melden, überhaupt jeder Zwang ist bei uns aufgehoben, hat der Schüler eine Frage auf dem Herzen, mag er sie stellen, wann immer er will. Disziplinschwierigkeiten sind unbekannt, ein Lehrer, der ihrer nicht Herr werden kann, trägt selbst' die Schuld daran, sein Unterricht ist eben nicht interessant genug. Da der Lehrer nicht mehr ehrfurchtgebietend hoch oben auf dem Katheder thront, sondern im Kreise seiner Schüler sitzt, schwindet viel von seinem alten Glänze; er hört auf, Respektperson zu sein. An die Stelle des Respekts tritt aber im Schülerherzen als Ersatz ein kleines Wörtchen: Lieb e. Der Lehrer wird zum Freund und Kameraden seiner Schüler; wohl ihm, wenn er sich dieser Kameradschaft würdig erweist und im Sommer mit seinen Schülern hinans in die Natur geht oder im Winter während der Pausen im Schulhof aktiv in die Schneeballschlachten eingreift. Mir sagte kürzlich ein Schüler recht treffend: „Ach wissen Sie, Herr Doktor, die meisten Pauker haben ja vollständig vergessen, daß sie selbst mal zur Schule gingen". Gern übertrage ich von Zeit zu Zeit einem . Schüler die Leitung des Unterrichts; die Kinder haben naturgemäß helle Freude daran, Lehrer

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