Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1928-04-01 · 8 (4.1928) · p. Seite 242

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
6 (1927-1928)
Issue
8 (4.1928)
Date
1928-04-01
Page
Seite 242 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3094266-3094324-3094331--1346-3096069
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

einen harmlosen und friedlich-versöhnlichen Sinn abzugewinnen. Die Kabbalisten machten die Sache einfacher: nach ihnen richtet sich die Verwünschung gar nicht gegen irdische Völker, sondern gegen die Scharen von bösen Mächten, die den Menschen umlagern, in die Behausung seiner Seele eindringen und ihn von Gott ablenken und vom rechten Wege abdrängen. In neuerer Zeit hat mau das Ganze hier und da als stimmungsstörend empfunden; der große Historiker Graetz z. B. Pflegte diese Verse ebenso wie die Aufzählung der ägyptischen Plagen schweigend zu umgehen, in der Haggada von Seligmann fehlen sie ganz. Schade nur, daß nicht an ihrer Stelle andere Verse eingefügt wurden, die besser znr Seder-Stimmung Passen und die Vision des „Pessachs der Znknnst" aufleuchten lassen — von denen eine Ueberfülle in den biblischen Büchern zu finden ist. Der Schlußgesang „Chassal siddnr Pessach" ist von dem oben genannten N. Josef Tow Elen verfaßt, stammt also aus dem 11. Jahrhundert. Alles Weitere ist spätere Zugabe und stammt aus Deutschland. Die Prager Haggada von 1561 bringt den Gesang „Addir Hu" mit einer noch heute geltenden Uebersetzung der ersten zwei Strophen. Diese deutsche Nebersetzung findet sich auch in den: Wiederabdruck dieser Haggada, die in Mantua 1S60 veranstaltet wnrde. Berühmt ist das Zahlenliedchen „Echod mi jodea", und noch berühmter das Lied vom Zicklein „Chad Gadjo". Beide sind meisterhaft im. Volksliederton gedichtet und gehören nach-Form und Art zu dem internationalen Schah der Volksliederlitcratur. Aehuliche Liedcheu finden sich bei allen Völkern der Welt, und sie haben ihr Urbild in den ostasiatischen, indischen und chinesischen Dichtungen, deren Stoff und Form auf dem Wege der Wanderung in mehr oder weniaer origineller Fassung zu den europäischen Völkern gekommen sind. Die bei den deutschen Juden übliche Uebersetzung: „Einer ist Gott, der da lebt und der da schwebt im Himmel und auf Erden" findet sich 'wörtlich in ähnlichen deutscheu Volksliedern, deren Anfang meist lautet: „Lieber Freund, ich fraae dich, bester Freund, was fragst du mich"... Das liebliche „Chad Gadjo" war vielfach Gegenstand der Untersuchung.- Unter anderen: soll der letzte Kaiser von Brasilien, Don Pedro, der ein gelehrter Archäologe war, darüber geschrieben haben. Aber schon im Midrasch finden sich solche kettengliederartige Sprüche. In beiden Liedern, besonders zum Chad Gadjo, existieren sehr zahlreiche Volksmelodien. Mehrfach wurden sie auch schon von bedeutenden Musikern vertont. Vie Verstellung cler fassen einst uncl jet2t. i. Das Pessach-Fest. das älteste der Feste Israels, beginnt am fünfzehnten des Frühlingsmonates Nissan, wirft aber seine fröhlichen Strahlen voraus, amtlich, wenn man so sagen darf, bis zum Ersten dieses Monates, außeramtlich noch einige Monate . früher: die großen Ma,M-Bäckereien kündigen oft schon kurz nach Chanuka den Beginn ihrer Tätigkeit an. In früherer Zeit, bevor es Maschinen gab, die Mazza buken, wurde das ungesäuerte Brot durch Menschenbände hergestellt.. Da man damals mehr Zeik hatte, konnte man sich's leisten, später anzufangen, gewöhnlich kurz nach Purim. Die berufsmä'ßiaen Bäcker kascherten da ihre Lokalitäten in kleinen Ortschaften, jedoch war das Mazza-Backen damals eine der Hauptfunktionen des Hanshaltes, und keine wohlhabende Hausfrau, die etwas auf ihre Würde hielt, ließ es sich nehmen, die Osterbrote im eigenen Hause zu bereiten. Gewöhnlich vereinten sich mehrere Hausfrauen bei der, welche über die bequemsten und geeignetsten Räumlichkeiten verfügte, und diese nahm gern alle Mühen und Strapazen auf sich, um der Ehre teilhaftig zu werden, daß das „Brot der Armut, welches unsere Bäter aßen, als sie ans der ägyptischen Knechtschaft" zogen, unter ihrem Dache hergestellt würde. Aermeren Hausfrauen, die nicht abkommen konnten, wurde die Aufgabe, dabei mitzuwirken, von glücklicheren Genossinnen abgenommen. Am Abend zuvor konnte man die Rabbiner und Honoratioren der Gemeinde in langem Zug mit Kannen und Krügen in den Händen zum Brunnen schreiten sehen, um vor Einbruch der Nacht das Wasser zu holen, welches übernachten sollte (majjin sebell^nu), um am folgenden Tage zum Einrühren des Teiges verwendet zu werden. In den improvisierten Bäckereien wachten die erfahrensten und tüchtigsten Hausfrauen darüber, daß die Mazza beim „Einmerren" — ein althochdeutsches Wort, das nur noch im Munde der Juden fortlebte und soviel als Einrühren des Mehles bedeutete —, beim Walken (Walgern) und Backen vor der geringsten Gärung zu bewahren. Was war das für ein munteres, seliges und -weihevolles Treiben; während der ganzen Zeit herrschte völlige soziale Gleichheit, Hausfrau und Magd, Herr und Diener, arm und reich, die Gelehrten und die schlichten Männer aus dem Volke warenunter gleichmäßiger Verteilung der Funktionen an der Herstellung der Mazza beteiligt. Die nichtjüdische Dienerschaft, häusig auch die Nachbarschaft, half wacker mit, zumal die Mazza dem nichtjüdischen Gaumen gar sehr mundete. War der Teig unter großer Vorsicht und geschickter Arbeitsteilung glücklich geknetet und in kleine Stückchen geschnitten und diese' zu runden kleinen Kuchen gewalkt, so kam das „Rädeln", welches flinke Knaben- und Mädchenhände besorgten, indem sie mit gezahnten Messingrädchen über die Kuchen fuhren, nur sie dadurch vor dem Auslaufen in der Ofenhitze zu schützen und ihnen die feine zarte Form eines rundeu Blattes zu bewahren. Die Schulkinder hatten die ganze Zeit über frei, um bei der „Mizwa" mitwirken zu können. Doch gab es auch Erwachsene und besoldete Spezialisten für die schwierigeren Verrichtungen, wie das Rädeln. Eine besondere Verantwortlichkeit ruhte auf deu Schultern des „Schiebers", des „Schießers", dem es oblag, die Mazza aufzufangen, geschwind in den glühenden Ofen zu schieben und sie ebenso geschwind, schon nach wenigen Sekunden, herauszuholen, damit sie einerseits nicht mehr als nötig der freien Luft ausgesetzt wäre und dadurch in den Verdacht der Gärung käme, andererseits aber auch nicht anbrenne. Die Töchter Israels wachten mit allertreuester Sorgfalt, daß die überaus strengen Vorschriften über das Gesäuerte aufs Peinlichste beobachtet würden. Diese Vorschriften kennen keinen Spaß, das geringste Versäumnis oder Versehen nimmt dem Brote die Eigenschaft des Ungesäuerten und macht es für den Pessach nicht nur untauglich, sondern es ruht darauf das strengste Verbot jeglicheu Genusses wahrend des Festes. Welcher Jubel herrschte, wenn nach tagelangem, „heißem" Bemühen das Werk vollbracht war undman die Mazza, sorgsam in Weißes Linnen gewickelt, in die Körbe Packen durfte! Man wünschte sich gegenseitig alles Gute, daß man das nächste Jahr in Freuden erlebe, daß man die Poi'anne des Messias zu hören begnadet werde, und daß man „das große Passahfest der Zukunft" mit eigenen Augen schaue. Die Frauen vergössen dabei Tränen, gelinder Rührung nnd frommer Freude. ^a^o^-^/^e/? //?? ^stt5<?ll/n /ü^. Im Verlaufe der Zeit hat auch auf diesem Gebiete die H a u s i n d u st r i e den: Unternehmertum weichen müssen. Besonders in den größeren Städten wurde der Mazza-Bäcker eine stehende Figur. Er versorgte die Stadt und deren Umgegend mit dem Bedarf an Osterbrot. Die Poesie des „heimischen^ Mazza- Backens verschwand allmählich. Endlich bemächtigte sich die Großindustrie auch dieses Produktionszweiges. In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts drang aus Amerika die Maschine zum Mazzot-Backen ein, und unker den rabbinischen'Autoritäten Mittel- und Osteuropas entstand darob eine Kontroverse, die jahrelang andauerte und mitunter heftige Formen annahm und sogar die Gemeinden entzweite. Eine ganz kleine Bibliothek existiert hierüber. R. Joseph Saul Nathansohn, der Oberrabbiner von Lemberg, der in der ganzen jüdischen Welt als Autorität anerkannt war, und dessen Entscheidungen in religionsgesetzlichen Fragen von Rabbinatskollegien und Gemeinden buchstäblich aus allen fünf Erdteilen angerufen wurden — dafür zeugen die acht Riesenbände seiner Responsensammlung —, stand an der Spitze derer, die die Maschinenmazzot erlaubten. An der Spitze der Gegenpartei stand der weltberühmte R. Salomon Klüger, der „M-aggid" von Brodh — er verschmähte es sein Leben lang, sich den Titel Rabbiner beizulegen —, viel bewundert -wegen seines erstaunlichen ^Scharfsinnes und seiner strengen Frömmigkeit, die ans Asketische grenzte, obwohl ihm jegliche Mystik fremd >war. Diese Partei führte das Argument ins Treffen, daß eine tote Maschine, möge sie noch so Präzis und kunstvoll konstruiert sein, nimmer imstande!wäre, die Mazza während ihres ganzen Werdeganges so Peinlich vor Gärung zu bewahren wie ein lebendiger Mensch. Die Maschinenteilchen würden während der Arbeit heiß, und ihre Berührung mit dem Teig bringe diesen zur Gärung, auch könne die Reinigung der komplizierten Maschinen nicht so peinlich Henau durchgeführt werden, wie bei den einfachen Back-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.