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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1928-03-01 · 7 (3.1928) · p. Seite 208

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
6 (1927-1928)
Issue
7 (3.1928)
Date
1928-03-01
Page
Seite 208 (sequence 4)
Language
German
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So gewinnen auch alle die Eigentümlichkeiten, die mit dem mündlichen Charakter dieses Buches zusammenhängen, ihre volle Einzigartigkeit erst durch sein Schicksal. Es ist das besondere Buchsckicksal der Bibel, daß sie als einziges noch und immer wieder mündliches Buch sich in unsere Welt und Zeit des Schrifttums Finübergerettet hat. Wenn in andern neuen oder alten Bückern solche aus der Mündlichkeit entstandene.Formen vorkommen, so bleiben sie eben trotz ihrer Entstehung stumm, weil die Bücher, in denen sie sprechen möchten, selber durch das Gesetz der Epoche mit Stummheit geschlagen sind und nur bisweilen und dann nur zu Einzelnen. Menschen und Menschenkreisen, sprechen. Herrschte also selbst dieses Formgesetz der pointierten Epik in annähernd gleich reicher und mannigfaltiger Uebereinanderlagerung der Verklammerungen auch in irgendeinem andern Buch, so würde es da eben heute zur literarischen Form werden und gerade wegen seines mündlichen Ursprungs dann hier viel weniger lebendige Gehaltsform sein als die Formen, die, wie etwa, um ein ganz einfaches Beispiel anzuführen, die Absatzgliederung, schon aus der Schriftlichkeit und für die Schriftlichkeit entstanden in das lesend vorauseilende Auge fallen, nicht das hörend folgende Ohr ansprechen wollen. Wichtiger aber ist etwas anderes: Das in dieser Abhandlung als Formprinzip des biblischen Erzählens nachgewiesene Hineinfielen eines gewissermaßen dialogischen Elements, das die Erzählung auf ein Gerüst von Frage und Antwort, Spruch und Widerspruch, Satz und Zusatz ausspannt, ist in der Bibel nicht nur für die Epik nachzuweisen, sondern auch für die andern großen Stilgattungen der Bibel, also für die Psalmistische Lyrik, die prophetische Rhetorik, ja auch für die gesetzliche Kasuistik. Freilich ist ihre Bedeutung hier geringer. Strafrede und Verheißung, Lob, Bitte und Dank, Gesetz und Sprichwort sind viel weniger als die Erzählung in Gefahr, als Kunstwerke zu Gegenständen des „reinen Genusses zu werden und dadurch ihren Ernst, ihre Wirklichkeitsbeziehung einzubüßen. Die Schriftlichkeit legt sich nur wie ein leichtes Gewand über sie; im Augenblick, wo die Psalmen gebetet, die Gesetze befolgt, die Prophetien geglaubt werden, verlieren sie sofort ihre monologische Stummheit, kriegen Stimme und rufen den ewigen Partner zum Dialog: den hörenden Menschen, den erhörenden Gott. So ist es hier nicht von so entscheidender Bedeutung, daß auch schon die eine Stimme selbst eine geheime Zweistimmigkeit, ein dialogisches Hin und Her aufweist. Die unterirdische Didaktik jenes Geheimdialogs wird erst da ganz wichtig, wo der offene Dialog aus dem Buch hinaus ins Freie nicht mehr ohne weiteres entstehen kann, also im Epischen. Alle Geschichte muß erst des langen und breiten nachweisen, „zu welchem Ende" man sie studieren soll, und ist auch dann noch vor der kritischen Abwägung ihres „Nutzens und Nachteils für das Leben" nicht sicher. Auch der größte Roman dient überwiegend einem leeren Unterhaltungsbedürfnis. Hingegen braucht kein Liebesgedicht, <luch das schlechteste nicht, kein Polizeiverbot, auch das dümmste nicht, kein Parteimanifest, auch das verbohrteste nicht, seine Existenzberechtigung erst nachzuweisen: seine ersten Empfänger, Befolger, AnHanger sind Beweis genug seines Lebensrechts. Freilich nur für eine begrenzte Zeit, eben die Zeit des Empfangs, der Befolgung, der Anhängerschaft. Wenn diese Zeit der Aktualität vorüber ist, ,o wird das Interesse ästhetisch oder historisch. Also ungegenwärtig; im einen Fall zeitloses Interesse, im andern Interesse an Vergangenem. Aber vorangeht, wenn es nur überhaupt aus einer wirklichen Menschenkonstellation hervorgesprochen wurde, eine, ob auch noch so kurze, Spanne Gegenwart, erfüllte, beschäftigte Gegenwart, während der Erzähler außer in den beiden geichilderten Fällen des Zeugenberichts und der replizierenden Anekdote, sich von vornherein mit „müßigen Stunden" seiner Hörer begnügt. Es ist ein Stück jenes Buchschicksals der Bibel, daß ihre aus Dialog entstandenen Teile sich den menschlichen Partner des Dialogs immer wieder berufen. Immer wieder erwecken sich die Psalmen Beter, die Gesetze Befolger, die Prophetien Gläubige. Auf eine solche Regeneration ihrer Hörerschaft kann die biblische Erzählung Nicht rechnen, weil sie immer Erzählung von lang Vergangenem war und bleibt; sie muß sich begnügen mit den Hörern, die das Gesetz, die Prophetie, der Psalm immer wieder aus ihren neuerweckten Tätigen, Hoffenden, Liebenden ihr zuführen. Diese Hörer kann sie nicht zu einer ihr das Wort von den Lippen reißenden Hörerschaft machen; so müßte sie ibnen in epischer Vergangenheit und bildmäßiger Ferne bleiben; da aber fängt sie die durch die Zeit von ihr entfernten Hörer in dem Netz des geheimen Dialogs, der durch sie hin ausgespannt ist, und schafft die ferne Hörerschaft um in Mitredende emes Gesprächs, das unter der Hülle ihrer epischen Vergangenheit sich in voller anekdotischer Gegenwärtigkeit durch sie hinzieht und das in Wort und Antwort, Spruch und Widerspruch, Satz und Zusatz den zu Tat, Hoffnung, Liebe Erweckten das eine gibt, was ihnen noch fehlt, und es ihnen so bescheiden gibt, daß es Tat, Hoffnung, Liebe nicht dogmatisch lähmt, nein, pneumatisch beflügelt: Erkenntnis, Lehre, Offenbarung. (Auszug aus einem im „Kunstwart", Heft 5, Februar 1923, erschienenen Aufsatz. Mit freundl. Erlaubnis des Verfassers.) 208 Aus der Geschichte der Gemeinde Der Krankfurter purim. (Zur Erinnerung an den Fettrnilch-Aufftand 1614—1616). Von Rabbi Jnspa Hahn. Vorabdruck aus Quellenbuch zur jüdischen Geschichrs und Literatur von Dr. Julius Höxter. IV. Teil. Europäische Länder in der Neuzeit iJ. Kauffmann Verl. Frankfurt a. M. 1928 Preis 1.80). . . . Gepriesen fei der, der sein Volk Israel behütete. Er sprach, und Gottesfurcht herrschte in der Stadt an dem Tage, der bestimmt war zur Bestrafung der Führer des Aufstandes. Dank dem Ewigen hat kein Mund zum Gerede sich aufgetan, im Gegenteil, man zeichnete uns mit Ehren aus . . . Den 20. Adar (rischon) haben Wir zum . frohen Feste bestimmt, dessen Namen Purim-Vincenz (Fettmilch) bleibe in Israel, ähnlich wie die Tage des Purimfestes eingesetzt wurden nach Tagen des Kampfes und der Wunder. Und Wunder geschahen in der Tat an dem Tage für uns, da die Koimnissare des Kurfürsten von Mainz und des Landgrafen von Darmstadt — Gott erhöhe ihren Glanz — uns in unsere Straßen führten und zwar mit Ehren und in der Mitte großer Scharen, die mit ihren Panieren und Fahnen in Kriegsrüstung gingen, mit Pauken und Trompeten . . . Und alle Stadtbewohner, welche die uns von den Kommissaren erwiesene Ehre sahen, staunten, aber keiner sprach gegen uns Böses; sie unterstützten uns vielmehr und halfen uns, den Schutt, der . in der Nähe des Tores unserer Gasse sich angesammelt hatte, wegzuräumen, damit der Weg geebnet werde vor den beiden Wagen, deren einer die kaiserlichen Paniere — den großen Adler — trug (drei, je einen für das obere Tor, für das Brückentor und für das Wolltor). Auf dem zweiten Wagen saß mein Schwiegervater, der Vorsteher Abraham Breitin g-en (der krank «war und daher nicht gehen konnte). Es fei der Wille vor dem Könige der Ehren, daß er uns würdige der Weissagung: „Größer wird sein die Ehre des letzten Hauses, denn die Ehre des ersten!" Synagogen und Bethäuser im alten Frankfurt*). Von Bürodirektor I. Meyer. III Das Kompostell. Das Kompostell, sonst auch Roter Hahn und Mainzer Hof genannt, ein Häuserblock, der sich um einen geräumigen Hos gruppierte, war vom Predigerhof (Predigerstraße), Fronhof (Fronhofstraße) und dem Dominikanerkloster (Dominikanergasse) begrenzt. Das Anwesen war k u r m a i nz i s ch e s B es i tz t u m und diente dem Kurfürsten von Mainz als Wohnung bei feiner Anwesenheit in Frankfurt. Durch Reskript des Großherzogs Karl von Dalberg ging es am 9. April 1810 in den Besitz der Israe l itischen G e m ein>de Frankfurt a. M. über, in deren Eigentum es nahezu 80 Jahre verblieb. Der Kaufpreis betrug 50 000 Gulden, wovon alle fünf Jahre ein Fünftel abzuzahlen und der Rest mit 3 Prozent zu verzinsen war. Im Laufe der Jahrzehnte hat das Kompostell mannigfache Schicksale über sich ergehen lassen müssen. Schon die Regelung der Eigentumsverhältnisse machte langwierige Verhandlungen mit dem Senat der Freien Stadt Frankfurt notwendig, bis sich dieser im Jahre 1842 dazu beauemte, das Eigentumsrecht der Israelitischen Gemeinde an dem Gvbäudekomplex anzuerkennen. Bei seiner Erwerbung für die Zwecke des P h i l>a n t h r o p i n s, damals Israelitische Bürger¬ und Realschule, bestimmt, beherbergte er diese Schule von 1813 bis 1845. Im Jahre 1814 wurde ein Teil des Kompostells, der sog. Husarenstall, von der Gemeinde an die Firmen Leopold Cassella und Elias Reis verkauft. 1815 wurde auf Antrag des Sch-ulvats des Philanthropins in dem nördlichen an das frühere Dominikanerkloster angrenzenden Gebäudeteil, dem sog. Küchenbau, der hierfür umgestaltet wurde, ein zunächst für Schulandachten bestimmter Andachtsaal eingerichtet, der in dieser Form bis 1828 bestand. Doch war er von Anfang an mehr ivon Erwachsenen als von Schulkindern besucht. Charakteristisch für den Gottesdienst war die deutsche Predigt.und der Vortrag von Gebeten in deutscher Sprache. Aus diesen Schulandachten entwickelte sich allmählich ein reformiert erGeme i n d egottesdienst, der im Oktober *) Vgl. die Artikel in Jahrgang 4 Nr. 6 und 7.

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