Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 7 (3.1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 207 (sequence 3)
- Language
- German
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„Nicht die Kinder bloß speist man mit Märchen ab." Lessings Nathan erzählt nichts eben Geschehenes, sondern seine Geschichte spielt „vor grauen Jahren". Und doch hört sein Hörer, der Sultan, ihm mit gespanntester Aufmerksamkeit zu, als ob er dringend erwarteten Bericht von noch unbekanntem eben Geschehenem brächte; und .doch ist Saladin nach der Erzählung ein Erschütterter, Gewandelter, ein andrer als vorher. Die Erzählung ist Antwort auf eine Frage. Dies ist die andre Naturform des Erzählens. Die Erzählung tritt nicht in das Gespräch ein als Nachricht von draußen, als geschehenes Schicksal, sondern sie wächst im Gespräch selber auf als Antwort auf Frage, als Widerspruch zu Spruch, als Zusatz zu Satz. Sie hat im Gespräch selber ihren Anlaß, ihr Stichwort; sie erhält ihre Notwendigkeit, ihre Gegenwärtigkeit im Gespräch dadurch, daß ihr Erzähler erst durch das Stichwort, das ihm von dem andern kommt, angestachelt wird, zu erzählen. Ehe jener «das Stichwort gab, war die Erzählung nicht in seinem Bewußtsein, nur in seinem Gedächtnis; nachdem er sie erzählt hat, hat wieder der andre das Wort. Diese Art Erzählung hat immer eine Pointe, eine Spitze. Zwischen dem Slichworr und der Spitze der Erzählung muß der Funke überspringen, wenn sie in den Strom des Gesprächs eingeschaltet werden soll. Hat sie nur eine Pointe, aber kein Stichwort, so wird sie zur Kunsterzählung. Man kann es im geselligen Verkehr beobachten, wie, nachdem eine Anekdote im Gespräch als natürliche Replik auftauchte, das Gespräch bisweilen in ein wildes „Witze"-Erzählen zerstiebt. Der erste dieser Witze nimmt gewöhnlich noch sein Stichwort aus der im vorangegangenen Gespräch aufgeschossenen Anekdote, die nächsten haben höchstens noch die schwache Anknüpfung des allgemeinen Themas — Hunde-' geschichie, jüdischer Witz, Zote —, schließlich, wird auch das noch als Fessel empfunden und in sinnloser Jagd hetzt eine Pointe ihre Vorgängerin. Um dieser Ausartung zu entgehen, schaffen sich die großen Novellisten gern in einer Rahmenerzählung nicht novellistisch Pointierten, sondern epischen Charakters einen künstlichen Anlaß für den ganzen Novellenkreis, bisweilen sogar einzeln für jede Novelle. Das entspricht, als technische Herstellung der natürlichen Erzählsituation, jener Borliebe der epischen Erzählung für die unmittelbare Vergangenheit. Wo der Novellist auf diese künstliche Schaffung von natürlichen Anlässen für sein zeit-gleichgültiges pointiertes Erzählen verzichtet, da muß er darauf hoffen, daß an Stelle jenes natürlichen Aktualisiertwerdens und Aktuellwerdens der Erzählung durch das Ueberspringen des Funkens vom Stichwort auf die Pointe eine künstliche Aktualisierung durch Ueberspringen eines Funkens von der Pointe seiner Erzählung auf ein im Herzen seines Lesers stumm wartendes Stichwort tritt. Diese Umkehrung des natürlichen Zeitverhältnisses zwischen Stichwort und Pointe mit der dadurch erzwungenen Entwirklichung des Stichworts entspricht der fiktiven Entrückung des Hörers oder Lesers der epischen Erzählung aus seinem Selbst und seiner Gegenwart in das Selbst eines Hörers ans der unmittelbaren Nachvergängenheit des Begebnisses. Die Pointe der Erzählung wird hier gewissermaßen zum Stichwort für den Hörer, und es bleibt dem Zufall anheimgestellt, ob der Hörer sie als Spitze gegen seine Brust kehren kann. Damit wird aber auch diese Form des Erzählens für die biblische Erzählung unverwendbar. Denn hier soll ja gerade, genau wie im natürlichen Gespräch, die Erzählung, soweit sie nicht Botschaft, also episch, ist, sondern anekdotisch, also Lehre, das dialogisch Zweite sein: Antwort, nicht Frage, göttlicher Widerspruch und Zusatz zu eigenmenschlichem Spruch und Satz. Als Botschasr tritt sie an den Menschen heran, aber als Lehre muß er sie herausfordern. Offenbarung geschieht ihm, aber Gebot erzwingt er durch sein Tun. Offenbarende Botschaft, gebietende Lehre — beides ungetrennt will die biblische Erzählung sein. Sie offenbart nur gebietend, sie lehrt nur botend. Gnostizismus und Moralismus sind ihr gleich fremd. Wie würde man sich ein Schöpfungskapitel nach allen Analogien vorstellen und wie ganz unvorstellbar anders ist das der Genesis? Wie ist die Erzählung, die hier wenn irgendwo Offenbarungscharakter beanspruchen muß, doch so ganz eingestellt auf die Vorbildlichkeit des göttlichen Tuns für den Menschen! Die Welt geschaffen und vollendet aber erzählt wird es so, daß der Mensch nun weiß, weshalb er sechs Tage arbeiten und am siebenten nach vollendeter Arbeit feiern soll. Oder andrerseits: wie ängstlich vermeidet der Erzähler, etwa bei Jaakobs Hintergehung seines Vaters, sein moralisches Urteil, das er doch sicher, neben der Einsicht in den dunklen und furchtbaren Abgrund der Notwendigkeit des Geschehenden, hat, anders auszusprechen als in dem sprechenden Gang der Geschehnisse selbst! oder bei Abraham in Aegypten: So muß er eine Form finden, die, episch und anekdotisch zugleich, dem Epischen die zeitlose Gegenwärtigkeit der Anekdote, dem Anekdotischen den aufregenden und spannenden Berichtcharakter des Romans gibt. Die beiden Hilfsmittel der Dichter, Kostüm der jüngsten Vergangenheit und Rahmenerzählung, sind ihm versagt; er darf den Hörer weder aus seiner wirklichen leib- und seelenhaften Gegenwart entrücken, noch ihn in den Kreis der das Stichwort gebenden Menschen der Rahmenerzählung zauberisch hineinversetzen. Er muß das Stichwort in den Bezirk der Erzählung selbst verlegen, damit der epische Bericht, ohne seine epische Selbstgenügsamkeit einzubüßen, die pointierte Stoßkraft der Anekdote bekommt. So hat die biblische Erzählung in sich selbst Stichwort und Pointe. Und jede Pointe kann wieder. Stichwort für eme nächste werden. So daß unter Umständen eine Geschichte aufgespannt ist auf ein Gerüst einer ganzen Reihe gleicher oder formal zusammenhängender Worte oder auch Sätzgebilde, die aber unter sich jedes mit dem nächst-vorhergehenden wie die Wendungen eines schlagfertigen Dialogs zusammenhängen. Eben durch diese Wichtigkeil ihrer Reihenfolge unterscheiden sie sich von den stehenden Beiworten und formelhaft wiederkehrenden Sätzen des Epos, an die man äußerlich, besonders bei den Formeln, zunächst vielleicht denken möchte. Die stehenden Worte und Sätze des Epos schaffen zusammen dem Ganzen eine einheitliche Farbenstimmung, die wie alles Bildmäßige mit einem einzigen zusammenfassenden Blick aufgenommen werden will; die Elementgleichungen der biblischen Erzählung können nicht mit einem Blick, sondern können und wollen nur nacheinander aufgenommen werden, und wo eine Erzählung oder ein Erzählungskreis durch eine wiederkehrende Formel zusammengefaßt ist, da klingt' die Formel bei jeder Wiederkehr immer stärker instrumentiert. Die Bindungen und Verklammerungen können ganz dicht beieinander sitzen, sie können aber auch durch weite Strecken der Erzählung getrennt sein, ja sogar getrennte Erzählungen zu höheren erzählerischen Einheiten verschränken. Ein Beispiel von Ueberspringen des Funkens zwischen Stichwort und Pointe auf engstem Teilraum einer Erzählung ist es, wenn im Buch „In der Wüste" Bilam seine Eselin, die vor dem ihrem Herrn ungesehenen Gottesboten scheut, unter Stockschlägen anfährt: Wäre nur ein Schwert in meiner Hand! drum daß nun ich dich umbrächte! und Nun der Bote mit dem gezückten Schwert in der Hand dem Reiter Plötzlich sichtbar wird und die Sache der armen geschlagenen Kreatur führt: Gar wohl ist sie vor mir abgebogen! drum daß nun eben dich ich umgebracht hätte und sie am Leben erhalten. Die Wortwiederholungen, vor allem wie der Bote Bilams aufgeregtes „drum daß nun" mit erhabener Ironie gegen ihn wendet — dieses rein formale Mittel dient dem Erzähler zur Erreichung einer im höchsten Sinn inhaltlichen Wirkung, um derentwillen er doch keinen Augenblick aus der reinen gegenständlichen Haltung des Erzählers herausgetreten ist. Eine Berklammerung eines größeren Zusammenhangs, nicht wie eben nur einer kleinen Episode, liegt vor, wenn im Buch „Im Anfang" der greise Jizchak den jammernden Essaw aufklärt: Mit Trug kam dein Bruder und hat deinen Segen genommen und dann zwei Kapitel später, eoen in dem Augenblick, da Jaakob zum ersten Male erkennen muß, wie schnöde ihn sein Schwiegervater und Dienstherr in der Fremde ausnutzt, das Wort — weithin das einzige Mal — wiederkehrt: Er sprach zu Laban: Was hast du mir getan! Habe ich nicht um Rachel bei dir gedient? Warum hast du mich betrogen? Mit einem Schlage wird man hier des vom Erzähler gewollten Zusammenhangs zwischen Tun und Leiden gewahr; und doch ist der Erzähler mit keiner Silbe aus der Rolle gefallen. Der Betrogene hat unbewußt das Stichwort gegeben, das sein Betrüger nun, da er selber zum Betrogenen geworden ist, unbewußt aufnimmt..... Daß die im vorstehenden aufgedeckte und beleuchtete Form nun nur in der Bibel vorkäme, soll keineswegs behauptet werden. Ich würde es sogar von vornherein für sehr unwahrscheinlich halten. Ich glaube, es gibt kaum ein Element der Bibel, das man nicht bei genügend ausgebreiteten Kenntnissen (die freilich schwerer anzueignen sind als die allgemeine These der Vergleichbarkeit), auch anderwärts nachweisen könnte. Die Einzigartigkeit der Bibel läßt sich unwiderleglich aufzeigen nicht am geschriebenen, sondern nur am gelesenen Buch.^ Die Bibel ist nicht das schönste Buch der Welt, nicht das tiefste, das wahrste, das weiseste, das spannendste und was es sonst noch für Superlative geben mag — wenigstens kann man keine von diesen Einzigartigkeiten einem, der nicht jchon ein Vorurteil dafür hat, aufzwingen. Aber die Bibel ist das wichtigste Buch. Das kann man beweisen, und auch der wütendste Bibelhasser muß es, für die Vergangenheit wenigstens, zugeben und gibt es durch seinen wütenden Haß sogar auch noch für die Gegenwart zu. Denn da wird keine Frage des persönlichen Geschmacks oder der seelischen Veranlagung oder der geistigen Richtung aufgeworfen, sondern eine Frage der bisherigen geschehenen Weltgeschichte.