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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1928-03-01 · 7 (3.1928) · p. Seite 206

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
6 (1927-1928)
Issue
7 (3.1928)
Date
1928-03-01
Page
Seite 206 (sequence 2)
Language
German
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zwanziger Jahren pflegt der Geschlechtstrieb ain ungestümsten zu sein. Dadurch offenbart uns die Natur, wann die Erzeugung von Nachkommen biologisch am wünschenswertesten ist. Aber diese Mahnung der Natur harmoniert nicht mit unserer sozialen Ordnung..... Die Geburtenbeschränkung ist das Resultat des menschlichen Willens. Der Ansicht, daß der abnehmenden Religiosität eine grundlegende Bedeutung zukommt, möchte ich mich nicht anschließen. Physische Gründe^soielen hierbei keine Rolle, denn überall, wo die Juden in schlechten wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen leben, ist ihre Fruchtbarkeit erwiesenermaßen höher als in Deutschland. Der Wille wird von den wirtschaftlichen Zuständen geleitet. In den Großstädten drängten und drängen sie noch immer zur äußersten Kindereinschränknng. Es ist ein Verhängnis, daß unsere hohe Kultur zur gewollten Beschränkung der Kinderzahl zwingt. Aber nicht allein der Geburtenrückgang ist in den Großstädten ausgeprägter als ans dem Lande, sondern das Gleiche trifft auf die Mischehen zu. Im Jahre 1925 entfielen in ganz Deutschland 6? Prozent sämtlicher Mischehen auf Berlin und Frankfurt a. Main, während in diesen zwei Städten 36 Prozent sämtlicher deutschen Juden wohnen. Ein sehr interessantes Beispiel bietet Württemberg, wo auf Stuttgart allein von den rein israelitischen Ehen für die Zeit von 1914—1919 nicht ganz 49 Prozent, von den Mischehen israelitischer Männer aber über 71 Prozent entfallen. Die Hälfte der Ehen, bei denen Israeliten beteiligt waren, wurden in Stuttgart geschlossen. Von diesen waren in ganz Württemberg 29,6 Prozent Mischehen, in Stuttgart aber gerade 66,7, also zwei Drittel, woraus hervorgeht, daß im Landesreste bei 170 Ehen, an welchen Israelitenbeteiligt waren, 139 rein israelitische Ehen gewesen sind und 31 Mischehen, das sind 18,2 Prozent, also nahezu viermal weniger als in Stuttgart. Zum Schluß sei noch kurz erörtert, wie Geburtenrückgang und Mischehen, das Resultat der Zusammenballung der Juden in den Großstädten, eine Wendung zum Besseren nehmen können. An eine Berufsumschichtung ist für die deutschen Juden in ihrer Gesamtheit nicht zu denken, eine Rückkehr aufs Land ist für die große Masse nicht angängig. Dennoch bedarf es zur Regeneration der deutschen Juden der intensivsten Verbindung mit der Natur. Die Großstadt trennt sa den Menschen vom Land. Er stirbt gleichsam ab. Man könnte auf die Durchführung des Wochenendgedankens mit der Wochenendsiedlung anch in den jüdischen Kreisen mehr als bisher das Augenmerk richten, um zur Natur zurückzukehren. Auch die Heimstüttenbewegung findet viel zu wenig Beachtung. Jedem sein Häuslein auf dem Lande, in der Nähe der Stadt! Die Miete ist durchaus erträglich und nach Verlauf von Jahren — nicht selten 15 Jahre — geht der Besitz in unbeschränktes Eigentum über. Bisher haben derartige Ideen bei den Juden nur geringen Widerhall gefunden. Neben der Rückkehr zur Natur — soweit es für die Juden unter den obwaltenden Verhältnissen möglich ist — bedarf es einer Erleichterung der Existenzgründung bei den jungen Juden, damit das Frühheiraten die geziemende Bedeutung wieder erhält. Es ist ein unhaltbarer Zustand, daß zahlreiche, nach meiner Feststellung die meisten Großbetriebe, dem jüdischen Arbeitnehmer verschlossen sind. Einem Juden ist es heutigen Tages in Deutschland leichter Direktor zu werden, als einfacher Buchhalter, Portier, Straßenreiniger. Da die Wirtschaft immer mehr zu Großbetrieben sich entwickelt, die Kleinunternehmungen unaufhörlich zusammenschrumpfen, der Stand der Arbeitnehmer so ständig zunimmt, wird der Jude infolge der Nichteinstellung in das Wirtschaftsgetriebe von der sich anbahnenden Entwicklung außerordentlich in Mitleidenschaft gezogen. Ohne geregelten Erwerb keine Existenz, keine Familieugründnng. Auch sei es den jüdischen Vereinen nnhegelegl. dei' Gesell igtet die größte Aufmerksamkeit angedeihen zu lassen, nm einen Gegenpol gegen die überhandnehmenden Mi'chehen zu schössen. Jede jüdische Gememde sollte es als wichtige Aufgabe betrachten, ein jüdisches Heim alc> Zentralpunkt jedweder Unterhaltung auf dem Gebiet des Wissens und des Vergnügens zn besitzen. Es gilt schnei! zu handeln, um der ungünstigen Situation eine entscheidende Wendung zu geben. Das Bibelrvvrt soll seine Wahrheit behalteil: „Völker stehen ans und Vergehelt, aber Israel bleibt ewig". Das Formgeheimnis der biblischen Erzählungen. Von Kranz Rofenzwetg. ... Eins jener Einzelprobleme der biblischen Ausdrucksform soll im folgenden behandelt werden: das des biblischen Erzählens. Marlin Buber hal im Uebersetzen dies Formgeheimnis des biblischen Stils entdeckt und gelehrt, es übersetzerisch wiederzugeben. * Wann erzählt man? Zunächst wohl, wenn etwas geschehen ist. Der dringendste Anlaß zum Erzählen ist immer da gegeben, wo einer etwas weiß, was die andern noch nicht wissen und was sie notwendig erfahren müssen. Diese Lage tritt natürlich im allgemeinen nur unmittelbar oder bald nach dem zn erzählenden Ereignis ein; denn später ist meist schon ein andrer dem Erzähler zuvorgekommen. Der typische Fall ist die Botcnerzählnng der Katastrophe im antiken und antikisierenden Drama. In dieser Lage ist das Erzählen vollkommen natürlich und notwendig. Beide Teile, Erzähler wie Hörer, bleiben in ihrer wirklichen Zeit, in ihrer Gegenwart; das Erzählte ist nicht irgendein Vergangenes, sondern das für diese Gegenwart und nur für sie und auch fürsie nur grade gegenwärtig Bergangene; der Hörer kann nicht anders weilerleben, als eben indem er zum Hörer wird, die Erzählung ist die Schleuse, durch die sein Lebensschifs durchgeschleust werden mnß, um weiterfahren zu können. Ter Erzähler tritt durch die Erzählung in echten, also in vollkommen gegenwärtigen Dialog mit dem Hörer. Er braucht keine künstlichen Mittel, um den Hörer Zum Hören zu bringen. Tie brancht der Erzähler, der aus der Lnst des Erzählens und für die Lust des Hörens erzählt. Er muß dem Hörer erst die Spannung erwecken und wachhallen, die jenen Boten in der Tragödie gleich bei seinem Auftreten oder spätestens nach seinen ersten Wor.en umgibt. Man Pflegt zu sagen: er muß vergegenwärtigen; man denkt dabei an das Erzählte; in Wahrheit hat er aber nicht das Erzählte zu vergegenwärtigen, sondern den Hörer in eine Vergangenheit zu versetzen, deren unmittelbare Vorvergangenheit da<s Erzahlte ist. Der Hörer muß so zuhören, als ob das Erzählte nicht irgendein Vergangenes wäre, sondern das Vergangene, das ihn eben gegenwärtig gerade angeht; er muß also seiner wirklichen Gegenwart entrückt werden und in eine Scheinvergangenheit sich versetzen lassen; er soll an der Begebenheit teilnehmen, aber nicht mit der Teilnahme eines, der als Zeuge bei ihr zugegen war, sondern eines, dem ein solcher Gegenwartszeuge berichtet. Um das Entstehen dieser Illusion zu erleichtern, verlegt alle große Epik ihre Handlung gern in die unmittelbare Vergangenheit, kleidet sie mindestens in deren Kostüm. Den historischen Roman empfinden wir stets als eine Ausnahmserscheinung. Selbst der Gegenstand der ganz großen Geschichtswerke war früher, ehe Ranke das Geschichteschreiben aus einer Mußebeschäftigung abgedankter oder sonstwie verhinderter Geschichtsmacher in eine gelehrte Berufstätigkeit verwandelte, gewöhnlich die Welt des tätigen Lebens, aus der er, der nun ihr Historiker wurde, ausgeschieden war. Immer geht uns das grade eben Geschehene besonders nah an. Wo diese Nähe nicht von selbst vorhanden ist, muß eine Fiktion sie schaffen. Wenn es nur -diese eine Naturform des Erzählens gäbe, so wäre die biblische Erzählung übel dran. Denn sie will ihren Hörer grade nicht aus seiner Gegenwart herausversetzen: sie will ihn nicht selbstvergessen machen; grade ihn in seiner vollen Geistes- und Leibesgegenwart will sie ansprechen und aufhorchen lassen. Sie darf also den zeitlichen Abstand durch keinerlei Fiktion aus der Welt schaffen. Nicht die gehörte Erzählung darf ihn aus seiner Heutigkeit unter den Sinai entrücken; erst sein tätiger Gehorsam rückt ihm den Sinai in nächste Augennähe — das Gesetz also, nicht die Geschichte, Exodus 20, nicht Exodus 19. Die Geschichte könnte ihn, grade weil sie ihn in seiner ganzen heutigen Wirklichkeit angehen will, nie etwas angehn, wenn es nur die geschilderte, die „epische" Erzählung des eben Geschehenen gäbe und nicht auch eine andre Art des Erzahlens, dem die Zeit der Begebenheit ganz gleichgültig ist und das, einerlei ob das Geschehene längst oder grade eben, je einerlei ob es überhaupt je geschehen ist, es in die unmittelbare Gegenwart des Hövers rückt, es also zum notwendigen Durchgangspnnkt des Gesprächs macht: die Anekdote. 5

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