Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 6 (2.1928)
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 186 (sequence 18)
- Language
- German
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186 „Sei von den Jüngern Aharons, Frieden liebend und nach Frieden strebend, die Menschen liebend und sie hinführend zur Thora". In das Gewoge der Parteikämpfe griff er nur selten ein. Nur aus Liebe zu seiner Frankfurter Kehilla, mit der er aufs innigste verwachsen und verwoben war und die er als eine blühende und machtvolle Einheitsgemeinde erhalten wollte, und weil er, wie er in seinen Aufzeichnungen schreibt, der Ueberzeugung war, daß die gesetzestreuen Mitglieder der Gemeinde die Pflickt hätten, die Institutionen, welche ihre Vorfahren geschaffen uns geheiligt haben, wiederherzustellen, ließ er sich vor 50 Jahren, in einer für unsere Gemeinde schicksalsschweren Zeit, bestimmen, an den Ausgleichsverhandlungen, «die die Gesetzestreuen mit dem damaligen Gemeindevorstand führten, anregend und führend teilzunehmen und bei voller Wahrung seines scharf ausgeprägten gesetzestreuen Standpunktes den Ausgleich zu befürworten und zu fördern. Und als dann der Gemeindevorstand die geforderten Bürgschaften für die zu schaffenden religiösen Institutionen gewährte und die Ritualkommission ins Leben gerufen wurde, wurde Michael Moses Mainz in diese Körperschaft entsandt, und er blieb oeren Mitglied bis zu seinem Tode. Jahrzehnte hindurch gehörte er zu den denkenden Köpfen und den treibenden Kräften dieser hochwichtigen Kommission. Und wenn heute unsere Gemeinde dasteht N^KONvl 51^!^ -Zum Ruhme, zum Namen und zur Verherrlichung", wenn heute unsere Gemeinde blühende Institutionen besitzt für Thorax Awoda und jüdisch beseeltes und jüdisch gestaltetes Gemiluth Chassodim, wenn heute die religiösen und rituellen Institutionen unserer Gemeinde wohl nur von wenigen Gemeinden Deutschlands erreicht und kaum von einer übertrofsen werden — so hat neben den früheren rabbinischen Führern unserer Gemeinde Michael Moses Mainz einen bedeutenden Anteil an diesen Erfolgen und Leistungen. Geehrte Trauerversammlung! Was der Heimgegangene neben Thora und Awoda auf dem Gebiete des Gemiluth Chassodrm, der Werktätigen Menschenliebe und sozialen Fürsorge geleistet hat, muß geradezu Bewunderung erregen. Er durfte mit den Worten Josefs in dem dieswöchentlichen Thora- Abschnitt sprechen: O^Ov ->:N^ ^slO^ „Zur Erhaltung des Lebens sandte mich Gott vor euch her". In einer Zeit, da noch wenig Verständnis und Interesse für soziale Arbeit vorhanden war, in einer Zeit, da selbst planmäßige und produktive philanthropische Arbeit selten war, trat dieser Mann, der innige Menschenliebe mit klugem Sinn und scharfem Blick und klarem Urteil und unbeugsamem Mut und lebendiger Tatkraft verband, mit weitausschauenden Plänen und Gründungen hervor, um die vielgestaltige soziale Not zu lindern. Als in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts die ersten Pogrome in Rußland viele Juden zur Auswanderung zwangen, gründete Michael Moses Mainz im Verein mit einigen edelsinnigen und tatkräftigen Männern ein „Hilfskomitee für o st e ur o p ä i s ch e Juden". Er ließ sogleich an der russischen Grenze Baracken erbauen, um den eintreffenden Flüchtlingen und Auswanderern vorübergehend Unterkunft zu gewähren und leitete dann ihre Immigration nach überseeischen Ländern. Als die jud ensein dlichen Ausschreitungen in Rumänien zu Massenauswanderungen von Juden führten, brachte er in wenigen Tagen eine große Summe Geldes aus, mietete Schiffe, organisierte die Reisen nach überseeischen Ländern und verhalf vielen Hunderten zu neuen Existenzen in der neuen Heimat. Oder soll ich von seinen Schöpfungen im Dienste der Fürsorge für Kranke, Sieche und Waisen sprechen? Ich müßte wahrlich die Geschichte der Entstehung, Entwicklung und Ausgestaltung unserer meisten Wohlfahrtsanstalten erzählen, wollte ich seinen Anteil an diesen Anstalten darlegen. Wurden doch die meisten Wohlfahrtsanstalten, die Baron und Baronin Rothschild s. A. geschaffen haben, von ihm angeregt, ins Leben gerufen und zur Blüte gebracht. Er hatte überhaupt die Fähigkeit, wie kaum ein zweiter, die begüterten Kreise für Wohltun und soziale Fürsorge zu interessieren. Und diese frohe und zielbewußte Schaffenskraft entfaltete er bis in sein letztes Lebensjahr hinein. Er betätigte das Wort des Koheleth: I^Vl > NN Mil -Am Morgen streue deine Saat, aber auch am Abend laß deine Hand nicht ruhen." Er hat aber Anstalten nicht nur ins Leben gerufen, er sorgte auch unermüdlich für ihre Erhaltung. Dieser Mann der großzügigen Schöpfungen und Leistungen hat auch ungemein viel Kleinarbeit den unter seiner Obhut stehenden Institutionen gewidmet. Der Talmud übermittelt uns den schönen Ausspruch des Rabbi Elasar: ION tt^tt NO^WO PN Die Vergeltung der Zedoko-Tat geschieht nach dem Ausmaß der Liebe, die sie in sich birgt. Denn so iagt^der ProphetHosea : l^ls ''O^? »Säet nach Gerechtigkeit, erntet der Liebe gemäß". Die soziale Arbeit unseres verewigten Freundes war ganz von edler und tiefer Menschenliebe erfüllt. Und diese Liebe war es vor allem, die ihm zu seinen großen Erfolgen VerHals. Dem Zauber seiner von reiner Liebe umflossenen Persönlichkeit konnte man nicht leicht wvderstehen. Seine großen Erfolge verdankte er ferner seiner kaum zu überbietenden Selbstlosigkeit und Uneigennützigst. In diesem Zusammenhange möchte ich nur eines hervorheben. Der Verblichene, der Jahrzehnte lang, geehrt und geschätzt, im Hause des Freiherrn v. Rothschild ein- und ausging, hat nie in seinem Leben einen geschäftlichen Auftrag von diesem Hause übernommen, hat nie in seinem Leben einen geschäftlichen Nutzen aus seiner Vertrauensstellung in dieser Familie gezogen. Er wollte uneigennützig dastehen und das ganze Vertrauen, das ihm geschenkt, und den ganzen Einfluß, der ihm eingeräumt wurde, ausschließlich in den Dienst der werktätigen Menschenliebe stellen. Seine großen Erfolge verdankte er endlich seinem in unerschütterlichem Gottvertrauen wurzelnden frohen Optimismus. Er war so fest überzeugt von dem Gelingen eines selbstlos gewollten edlen Werkes, daß er auch im Anblicke von Schwierigkeiten kein Zagen und kein Schwanken kannte. Rabbi Moses Jsserles, genannt R'mo, dessen Ergänzungen und Glossen zum Schulchan Äruch dem Texte einverleibt sind, beginnt seine Ausführungen zum Orach Chajim, dem ersten Band des Schulchan Aruch, mit dem Psalmvers: "NQlll 'l ^'"I^ „Stets stelle ich den Ewigen mir gegenwärtig vor", und läßt am Schlüsse dieses großen Werkes seine Ausführungen in den Vers aus den Sprüchen Salomos ausklingen: "ii^N!"!N15^ 2!? »Ein frohes Herz ist wie beständiges Mahl." Der Inhalt dieser beiden Schriftworte: das feste Gottvertrauen und die in diesem Gottvertrauen verankerte Lebensheiterkeit umrahmten wie schützende Genien den Orach Chajim, den Lebenspfad auch des Berewigien. Michael M. Mainz war ein glücklicher und reichgesegneter Mann. Die in seinem langen Leben vollbrachten Schöpfungen überdauern ihn und wachsen in die Zukunft hinein- Er zieht reich von dannen. König Monobaz, so erzählt der Talmud, veräußerte in den Jahren der Hungersnot die Schätze seines königlichen Hauses, um die Darbenden speisen zu können. Entsetzt eilten die Mitglieder seiner Familie zu ihm und machten ihm den bitteren Vorwurf: Deine Vorfahren haben. Schätze angehäufr, und du verschleuderst sie! Doch der edle König erwiderte: ''TIIIN N'NÜIN »Meine Vorfahren sammelten Schätze an Geld und Geldeswert, ich aber sammle Schätze an Seelen." — Auch dieser Mann sammelte Schätze an Seelen. Wer zählt die gebrochenen Herzen, die er aufgerichtet, die Kranken und Siechen und der Fürsorge Bedürftigen, die er dem Leben erhalten hat? Reich zieht er von dannen. Aber uns läßt er arm zurück. Wir sind um eine ausgezeichnete, ja einzigartige jüdische Persönlichkeit ärmer geworden. Das oft mißbrauchte Wort, hier ist es buchstäblich zur Wahrheit geworden: die Lücke, die er hinterläßt, wird nicht so bald ausgefüllt werden können. Uns bleibt nur sein gesegnetes Andenken, das uns anspornen und beschwingen möge zu gleichem Streben und gleichem Tun. Sein Andenken wird denn auch gesegnet bleiben im Kreise seiner Kinder und Kindeskinder, die in seinem Sinne leben und wirken, im Kreise seiner Familie, deren Mittelpunkt und Zierde er gewesen. Und es wird gesegnet bleiben im Kreise unserer Gemeinde und der jüdischen Gemeinschaft. Aber das Andenken des Mannes, dessen soziales Wirken auch nichtjüdischen Kreisen beispielgebend war, es wird gesegnet bleiben über den Kreis der jüdischen Gemeinschaft hinaus. Seine reine Seele zieht in die Ewigkeit ein, aber sein leuchtendes Vorbild wird uns nicht entschweben. ^2? __—. (I^cDic^^ 5il^>Sr"«?O^SlÄ- ^lt^r-s-^. 5sSItÄX<?SS 1v. Gemeinde- Mtglieder berücksichtigt unsere Inserenten! WZ MX. WIM ksutsf- ^cks Si'ünsbui'gvvsg 1^I_55ON-l^UNU3S2