Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 6 (2.1928)
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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liebten sie es, an Sabbaten und Festtagen, während die Väter und Brüder am Gottesdienst teilnahmen, sich mit gemeinsamen Spaziergängen „auf dem Wald" (d. h. dem Wollgraben) oder in den Straßen der Staat zu Vergnügen. Auf diese harmlose Zerstreuung setzte die Luxusordnung eine Strafe von 20 Taler, und die Gemeinbediener erhielten die Anweisung, „die Jungfern beim Anstritt aus der Gasse mit Kot zu bewerfen." Selbst Scdudt fühlt ein menschliches Rühren „mit den armen Tröpfinnen, denen dadurch das Spazierengehen gänzlich verwehrt werde." Die Männer kommen in der Luxus- und Kleiderordnung viel glimpflicher weg als die Frauen. Immerhin wird auch ihnen mancherlei verboten. Sie dürfen an Werktagen keine seidenen, nicht einmal mit Seide gefütterte Mäntel oder Röcke tragen, ebenso wenig ihre Kleider mit gold- oder silberverzierten Knöpfen schmücken, noch goldgestickte Kamisole anlegen. Bunte oder Weiße Perücken aufzusetzen, wird ihnen, sogar unter Androhung des Bannes, untersagt. Auch in die Lebensgewohnheiten der Männer greift die Luxusordnung ein. Das Tabakschnupfen wird als. unanständig gebrandmarkt und mit 4 Taler bestraft, das Rauchen, das der Rat den Juden in den Straßen der Stadt ohnedies nicht erlaubte, wurde auch in der Judengasse verboten. Am Schlüsse der vielen Verordnungen wird den Gemeindemitgliedern, bei Strafe des Bannes und einer Buße von 100 Taler, untersagt, vom ersten bis nach dem neunten Tag des Monats Ab das beliebte Bad Schwalbach zu besuchen, weil man annahm, daß es schwer, ja fast unmöglich wäre, dort die Trauerzeit wegen der Zerstörung des Tempels mit allen gebotenen Einschränkungen kulinarischer Genüsse richtig einzuhalten. Mit einer gewissen Genugtuung ist festzustellen, daß die erwähnten Luxusgesetze offenbar das Schicksal aller derartiger Verordnungen geteilt haben: Sie wurden nicht befolgt und mußten immer aufs neue veröffentlicht werden. Die letzte jüdische Verordnung gegen den Luxus stammt meines Wissens vom 3. August 1797; sie wird den gleichen Erfolg wie ihre Vorgängerinnen gehabt haben. Zwei Pestalozzi-Erinnerungen. i. Im Dienste der Jugend. Von E. Gut. In diesen Tagen des zu Ende gehenden Pestalozzijahres fiel mir ein kleines Buch in die Hände, das neben den zahlreichen Beziehungen des großen Pädagogen zu unserer Heimatstadt, wie sie inr vergangenen Jahre ausgezeigt wurden, eine bisher nicht erwähnte ergibt, die um so größeres Interesse beansprucht, als sie unsere engere jüdische Gemeinschaft angeht. Das wenig umfangreiche, hübsch in rotem Maroquin gebundene Buch trägt den Titel „Gedanken einerMutter über biblische Texte in Reden an ihre Kinder". Aus dem zu London 1859 erschienenen englischen Originale ins Deutsche übertragen und herausgegeben von Leopold Stein. Zweite vermehrte Auflage, Frankfurt a. M., Franz Benjamin Auffahrt. Die erste Auflage war, wie das Vorwort des Uebersetzers bekannt gibt, im Jahre 1861, also fast 25 Jahre früher erschienen. Das Werk enthält 21 Ansprachen über religiöse Themen, meist im Anschluß an einen biblischen Text. Die Seite nach dem Titelblatt bringt ein Sonett mit der Ueberschrift „Den Manen Pestalozzis". Die nicht genannte Verfasserin sagt in einem kurzen Vorwort bescheiden, daß die „Gedanken" für die Verhältnisse eines bestimmten Lebenskreises geschrieben wurden und bezweifelt ihre allgemeine Anwendbarkeit. Aus der Einleitung des Uebersetzers erfahren wir, daß mit Zustimmung der Verfasserin der Ertrag des Buches dem Frankfurter Pestalozziverein gewidmet ist, der „seine menjchenrettende Tätigkeit ohne Unterschied der Konfession segensreich übt und bereits auch an mehreren hilflosen Knaben israelitischen Bekenntnisses die erfreulichsten Früchte erzielt hat". Der Pestalozziverein ist zum 100. Geburtstag des großen Erziehers am 12. Januar 18M in Frankfurt a. M. ins Leben getreten; er hat hier lange Zeit in der Fürsorgeerziehung eine führende Stellung eingenommen und besteht heute noch, wenn er auch wegen der seit 1900 erfolgten gesetzlichen Bestimmungen einen Teil seines Wirkungsbereichs an die Behörden abgegeben hat. Unter seinen Vorstandsmitgliedern befanden sich lange Jahre als Protestant der Pfarrer Ehlers, als Katholik A. Bolongaro-Creoenna, als Jude Solomon Merzbach. Aus den Ausführungen des Uebersetzers geht hervor, daß die Autorin des Buches eine aus England stammende, in Frankfurt wohnende, mit Glücksgütern reich gesegnete jüdische Mutter war, die es für ihre Pflicht hielt, ihren Kindern und jugendlichen Verwandten in Sabbatansprachen Lehren und Ermahnungen mit auf den Weg zu geben. Zweifellos ist diese ebenso kluge wie gütige Frau durch die Bestrebungen des Schweizer Menschenfreundes für ihr pädagogisches Wirken gewonnen worden. Jcdes Blatt der klar und gut geschriebenen Abhandlungen bestätigt diesen Eindruck. Bezeichnend für den Geist der Schrist sind die zahlreichen Hinweise auf die verpflichtende Verantwortung der Besitzenden gegen die Bedürftigen und auf die Gefahren des Reichtums für die eigene Seele. Ueber das Ganze ist Pestalozzischer Geist ausgegossen. So heißt es auf Seite 26: „Wenn tmr öfter be- 176 denken würden, wieviel menschliche Wesen es gibt, welche hungrig sind, ohne imstande zu sein, Brot zu erwerben, nackt, ohne imstande zu sein, Kleidung zu erringen, vor Kälte schauernd, ohne Feuer, um sich zu wärmen, müde und matt und krank, ohne Lager, um darauf zu ruhen — ein Gefühl der Scham möchte uns Wohl durchdringet!, daß wir Summen wegwerfen für Dinge, deren wir nicht bedürfen, auf die wir kaum mehr Hinblicken oder einen Wert legen, wenn sie einmal in unserem Besitze sind — Summen, welche so manche arme Familie auf Monate glücklich gemacht, welche vielleicht so manchen armen Verlorenen gerettet hätten vor Verkümmerung und Verzweiflung! Wenn Gott uns Reichtum verliehen, so hat er demnach eine große Verantwortlichkeit uns auferlegt. Er hat uns das Glück anderer anvertraut; er hat uns beauftragt, für unsere armen Brüder Sorge zu tragen; er hat uns verbindlich gemacht, ihnen unsere Hand entgegenzustrecken, wenn sie in Not, sie zu kleiden, wenn sie nackt, sie zu speisen, wenn sie hungrig, sie zu trösten, wenn sie betrübt sind. Die Neichen haben vor ihrem Schöpfer eine große Rechenschaft abzulegen; glücklich diejenigen, welche >an dem T>age, wenn sie vor seinem erhabenen Nichterstuhle erscheinen müssen, das Bewußtsein an sich hegen werden, daß ihre Reichtümer nicht schlecht verwendet, daß dieselben nicht in Selbstsucht und Uebermut nur zu ihrem Selbstgenügen verschwendet wurden." Das Pestalozzijubiläum des vergangenen Jahres hat eine Flut von Aufsätzen, Broschüren und dickleibigen Bänden über das Wallen und Wirken dieses seltenen Mannes gebracht. Aber die Menschen vergessen schnell. Wäre es nicht eine erhebende Aufgabe für einen Freund der Jugend, nachdem wiederum ein halbes Jahrhundert seil dem Erscheinen der „Gedanken" dahingegangen ist, das Buch als Jubiläumsspende neu auflegen zu lassen und den Ertrag für Zwecke der hilfsbedürftigen Jugend zu verwenden? Es darf nach einem Zeitraum von 75 Jahren gewagt werden, ein Wort über ine Verfasserin zu sagen. Man geht Wohl nicht fehl, wenn man der Vermutung Raum gibt, daß es sich um die durch wohltätige Stiftungen bekannt gewordene, 1820 in London geborene Freifrau Luise v. Rothschild, die Gattln des Barons Mayer Carl v. Rothschild, handelt. Das oben erwähnte Sonett schließt mit folgenden Versen: Die Kleinen nah'n vertrauensvoll den Milden; Sie nahen, reich und arm, Geschwisterscharen, Allvaters Urbild kindlich nachzubilden. — II. Der erste jüdische Kindergarten in Frankfurt. Von L. Horwitz (Kassel). Aus der Geschichte des Erziehungswesens wissen wir, welchen Einfluß Pestalozzi auch auf den inneren Ausbau des jüdischen Schulwesens in Frankfurt hatte. Im Geiste des großen Schweizers wollte sein Jünger Friedrich Fröbel ,^den Kindern Liebe und Freude bringen, um Weiser zu werden und weiser zu sein. Dem Kinde wollte er einen weiteren Lebenskreis eröffnen, es aus der Familienstube zum Verkehr mit seinesgleichen führen, es früh in die Natur zur Natur, in den Garten und durch oen Garten leiten und alle. Kräfte, die zur richtigen Verwertung des Schulunterrichts notwendig sind, sachgemäß entwickeln. Der Wahlspruch seines Lebens war: „Kommt, laßt uns unseren Kindern leben." In diesem Sinne gründete er 1837 in Blankenburg eine Zeitschrist für Kleinkindererziehung. Die darin niedergelegten Ideen griff der Schuldirektor Dr. I. Weil auf und sandte seinen Sohn, Dr. H. Weil, zum Begründer der neuen Methode, um sie dann in seiner Schulanstalt einzuführen. Mit nachstehender Bekanntmachung trat Dr. I. Weil in die Öffentlichkeit, um Interesse ^ür seine Sache zu erregen: „So nachteilig es für Kinder unter o—6 Jahren ist, wenn sie schon Unterricht erhalten, so wichtig ist es hingegen, durch zweckmäßige Uebungen des Körpers, durch freie, aber wohl geleitete Spiele, durch Anschauung, Unterhaltungen und Gesang, den Grund zu ihrer Entwicklung zu legen und sie der gleich schädlichen Vernachlässigung und Verzärtelung der Personen, denen sie überlassen werden müssen, zu entziehen. Es liegt eine große Beweglichkeit in ihnen, die nicht unterdrückt werden darf. Darum ist es notwendig, ihnen Mittel zu geben, die erwachenden Kräfte frei, aber zweckmäßig zu üben. Sie greifen, hören, sehen nach allem. Es ist also wichtig, ihnen eine Reihe von Anschauungen in der Natur und im Leben zu verschaffen, woran sie Tinn und Wort üben können. Sie verlangen nach Spielen, und wir verdanken es dem trefflichen Fröbel und seinen Geistesverwandten, daß wir jetzt Mittel haben, ihnen immer zweckmäßige zu geben, die sie anregen und angenehm beschäftigen und so mit ihnen zu spielen, daß sie sich unvermerkt und naturgemäß daran bilden. Sie sprechen viel nach und viel von sich selbst. Durch zweckmäßige >aber freie Unterhaltungen und Erzählungen soll ihre Sprache und Aussprache unvermerkt geleitet, geübt und entwickelt werden. Sie wollen singen und springen. Für heiteren, einfachen Gesang zu sorgen ist eine Aufgabe, die für den leitenden Erzieher und das Kind angenehm und bildend ist. Kinder wollen zählen und vergleichen, was sie haben, und bei ihren Gespielen sehen; auch dieses beschäftigt sie angenehm. Später können die ersten Gefühle des Guten, die ersten Empfindungen von Gott und seiner Größe durch einfache Unterhaltungen, wie durch biblische Erzählungen in der kindlichen Seele erweckt und genährt werden.