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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1928-02-01 · 6 (2.1928) · p. Seite 173

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
6 (1927-1928)
Issue
6 (2.1928)
Date
1928-02-01
Page
Seite 173 (sequence 5)
Language
German
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spiele, die sich leicht beliebig vermehren ließen, zeigen das Gären zener Zeit. Auf der einen Seite der blendende Glanz äußerer Kultur, dem gegenüber das Judentum in seiner unerfreulichen Form verblaßte, daher die Geringschätzung des Judentums, die in der folgenden Generation bis zu den Massentaufen ging, auf der anderen Seite ein zähes Festhalten an allem, auch an dem, was häßlich geworden war, auch an allem Mißbrauch. Beide Extreme hätten auf die Dauer zur Zerstörung des Judentums führen müssen. Die ersten Reformen setzten ein; man versuchte die Jugend in moderne Bildung einzuführen, man suchte in den verwilderten Gottesdienst Ordnung und Würde zu bringen, man suchte Würde und Weihe bei Trauungen und Beerdigungen, man wandte sich gegen die frühe Beerdigung der Leichen, gegen die jüdisch-deutschen Vorträge, die gelegentlich die Rabbiner oder wandernde Prediger hielten, man fing an, statt dieser talmudistischen Vorträge Predigten m hochdeutscher Sprache zu fordern, die das religiöse Empfinden zu wecken und zu befriedigen geeignet waren. Es war im wesentlichen ästhetische Reform^ deren Charakter durch den seichten Rationalismus der Aufklärung bestimmt war. Diesen Reformen gegenüber, die durchweg rein äußerlich und fast zufällig waren — man ging in keiner Weise systematisch zu Werke, sondern besserte, wo es sich gerade traf —, standen die Anhänger des Alten und die alte Rabbmergeneration gegenüber mit der instinktiven Empfindung, daß der Bestand des Judentums auf das äußerste gefährdet sei, aber ohne jedes wirkliche Verständnis für die unabweisbaren Forderungen der Zeit und für die Tatsache, daß das Judentum in seinem Bestände keineswegs an die häßlich gewordene mittelalterliche Gewandung geknüpft sei. Die zweite Generation der nachmendelssohnschen Zeit hat die beiden Theologen der Neuorthodoxie und des Liberalismus, Samson Raphael Hirsch und Abraham Geiger, hervorgebracht. Es ist die Zeit, in der neben der deutschen Klassik und dem Idealismus die Romantik in immer höherem Maße die Geister beherrschte. Wie auf anderen Gebieten so ist auch hier innerhalb des Judentums die deutsche Romantik der Ursprung sowohl für die neue Orthodoxie als auch für den Liberalismus geworden. Wie weit auch die beiden Studienfreunde Hirsch und Geiger später auseinander gingen: unverkennbar ist ihre Studentenfreundschaft von weittragendem gegenseitigen Einfluß gewesen. Samson Raphael Hirsch, ein Schüler des Chacham Bernaus in Hamburg, hat die von diesem zuerst eingeschlagene Richtung fortgeführt. Er hat das Alte unbedingt zu wahren gesucht, aber nicht wie die alte Orthodoxie in mittelalterlicher Form, sondern sein Wahlspruch war Thora mit Kultur. So gehört er mit in die Reihe der Reformer — denn das war der Anfang und Ausgaugspunkt aller Reform — und er ist zugleich der Netter der Orthodoxie geworden, die ohne den Ausgleich mit der modernen Kultur dem Untergang verfallen gewesen wäre. Anders ist die Geistesrichtung Geigers. Was der Inhalt von Hirschs Lebensarbeit war. die Verknüpfung von Judentum mit moderner Kultur, war für Geiger die selbstverständliche Voraussetzung seines Schaffens und seines ganzen religiösen Denkens. Zeigt sich bei Hirsch der Einfluß der Ideen der Romantik darin, daß er das Judentum als geschichtliche Erscheinung erfaßt sehen will, so ebenso in Geigers geschichtlicher Auffassung des Juden- 173 tums. Aber für Hirsch ist das Judentum etwas Fertiges, das wir so, wie es ist, hinzunehmen und aus sich selbst heraus zu begreisen haben. Geiger vertritt die Auffassung, daß zu keiner Zeit irgend ein Gedanke ganz rein auftritt, daß man ihn vielmehr nach der Totalität seiner Aeußerungen zu erkennen und zu Prüfen habe. So ist ihm das Judentum in keiner Epoche etwas Fertiges, so sieht er das stetige Werden, die stetige Veränderung in der Einheitlichkeit des geistigen und religiösen Gehalts. Mit Recht nennt er sich selbst den Mann der geschichtlichen Betrachtung, der für jede Epoche die geschichtlichen Wurzeln in den früheren sucht. Er betont, daß wir in unseren Tagen keine neue Religion machen, daß vielmehr alle Neugestaltung sich auf dem Boden der Geschichte vollziehen mutz; was unvorbereitet hingestellt wird, ist wurzellos und hat keinen Bestand. Darum ist ihm die Tat des Judentums seine Geschichte; denn das Judentum hat sich nicht bei seinem ersten Auftreten erschöpft. In dieser geschichtlichen Anschauung wurzelt seine Auffassung der Tradition und seine tiefe Ebrfurcht vor ihr. Hierin unterscheidet er sich von jener ersten Generation der Reformer, die, zum Teil wenigstens, alle Tradition verwerfen zu können glaubte, aber auch von dem Begriff der Tradition, wie Hirsch ihn faßt. „Die Tradition ist die Kraft der EntWickelung, die im Judentum fortdauert, die den Körper belebende Seele des Judentums, wie die Offenbarung eine geistige Macht, die immer weiter wirkt." Er nennt darum die Tradition „die ebenbürtige Tochter der Offenbarung". Die geschichtliche Kontinuität läßt sich nicht aufheben. Die von ihm vertretene theologische Wissenschaft nennt er sowohl „offenbarungsgläubig, weil sie an den Gottesgeist glaubt, der im Judentum sie nirgends sonst erkannten religiösen und sittlichen Wahrheiten weckte, kräftigte, zur Reife und zum Siege führte durch seine absolute Schöpferkraft, und zugleich traditionsgläubia, weil sie an den Gottesgeist glaubt, der im Judentum seine Schöpfung erhält, sie fortzeugen läßt und immer frisch geistig belebt. Sie ist frei und gläubig, weil sie in demselben freien Geiste wirkt, der den Glauben erzeugt hat". Mit immer größerer Klarheit und Konsequenz bringt er diese Anschauungen zur Anwendung. Hat er noch im Anfang seiner Wiesbadener Zeit den Talmud verworfen, so betont er bereits wenig später den lebendigsten Zusammenhang mit allen vorausgegangenen Entwickelungsstufen. Alles ist ihm des Judentums unveräußerliches Eigentum „vom ersten Worte der Bibel bis zum letzten eines Talmudisten, von den tiefen Gedanken der mittelalterlichen Philosophen bis zu den Lucubrationen eines jeglichen Darschan, von der buchstäbelnden Enge der Kasuisten bis zum freien Wort der neuen Predigt. Ueberall erkennt sie den ursprünglichen Geist nach den verschiedenen Zeiten und dennoch in voller Einheit". Diese Auffassung der geschichtlichen Kontinuität läßt ihn das geschichtliche Werden, den Fluß der EntWickelung betonen und erforschen. Die kritische Betrachtung des geschichtlichen Verlaufs ist ihm darum die Voraussetzung für die Erkenntnis und die Beurteilung des gegenwärtigen Judentums. Seine wissenschaftliche Arbeit war darauf gerichtet, über die Auffassung der biblischen Offenbarung in den verschiedenen Zeiten, über die einzelnen Entwicklungsphasen des Judentums Klarheit zu schaffen. Hatte er schon zu Beginn seiner Arbeiten die Ueberzeugung gewonnen, daß zwischen älterer und neuerer Halacha bereits zur Zeit der Mischna zu unterscheiden ist, und daß der babylonische Talmud das letzte Glied der EntWickelung der talmudischen Epoche darstellt, so führten ihn diese Studien wie die eindringende Beschäftigung mit den Bibelübersetzungen und die Untersuchung des diesen zugrunde liegenden Urtextes zu weiterer Klärung und Befestigung seiner Auffassung. So hat er Wohl als erster unter den jüdischen Gelehrten die Bibel in die kritische Erforschung mit einbezogen, aus ihrer Isolierung heraus und in inneren Zusammenhang mit dieser EntWickelung gebracht. Es war folgerichtig nicht Literarkritik, sondern zugleich die kritische Behandlung der Textgeschichte und der Rellgionsgeschichte. was. er in seinem Hauptwerk „Urschrift und Übersetzungen der Bibel in ihrer Abhängigkeit von der inneren EntWickelung des Judentums" gab. Die dauernde Bedeutung dieses Werkes liegt nicht sowohl in den Resultaten als vielmehr in dem methodischen Prinzip. In einem sehr wesentlichen Punkte sind Geigers Auffassungen bahnbrechend geworden, nämlich in bezug auf Pharisäismus uno Sadduzäismus. Das Charakteristische für Geiger ist seine wissenschaftliche Einstellung, die ihn zu dem großen Shstematiker des Liberalismus macht, obgleich er keine systematische Darstellung der jüdischen Theologie gegeben hat. Aber die Aufgaben der Theologie umschreibt er einmal, indemer die drei Forderungen aufstellt: 1. die Kritik der bestehenden Grundsätze nach ihrer allmählichen Ausbildung, 2. die Geschichte der geistigen Bewegung im Judentum, 3. die Kritik des Lebens nach der gegenwartig gewonnenen geistigen Höhe. In diese so umschriebene theologische Wissenschaft ordnen sich ihm die vielseitigsten Studien ein, von hier geht seine praktische Wirksamkeit aus. Der Höhepunkt seiner Wirksamkeit sind die 2354 Jahre seines Breslauer Rabbinats (1840—1863). Am 24. Mai 1810 in Frankfurt geboren, übernahm er nach seiner Studienzeit in Heidelberg und Bonn, erst 22jährig, das Rabbinat in Wiesbaden. Der Bonner Studienzeit dankt seine Erstlingsschrift: „Was hat

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