Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 6 (2.1928)
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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getan haben, in der anderen Welt Gewänder bekommen, die aus Sonnenstrahlen gewebt sind. Im Traume erscheinen sie ihren Hinterbliebenen, angetan in diese leuchtenden Zedakah-Kleider. Viele Sagen wissen von großen Sündern zu erzählen, denen es vergönnt war, durch eine einzige gute Tat alles wieder zur rechten Zeit gutzumachen And die Glückseligkeit der künftigen Welt zu verdienen. Andere berichten von solchen, die ihr ganzes Leben die Maske der Hartherzigkeit und des Geizes trugen, im Verborgenen aber unendlich viel Gutes" taten, was jedoch erst nach ihrem Tode herauskam; sie verschmähten es also, bei Lebzeiten durch Ehren und Dankbarkeit entschädigt zu werden und übten ihre Wohltätigkeit einzig und allein um Gottes willen. „Wir sind verpflichtet, das Gebot der Zedakah viel strenger zu beobachten "als alle anderen Gebote der Thora." Diese Worte stellt Maimuni an die Spitze des letzten zusammenfassenden Kapitels seines Buches über die Wohltätigkeit. Das wurde den Juden seit der Zeit Moses und der Propheten eingeprägt, und es hat sich bewährt. Noch heute kann man sehen, daß Juden, die alle Gebote abgestreift haben, an dem der Zedakah festhalten. Häufig konzen-- triert sich die ganze religiöse Energie auf dieses Gebot und gibt ihm einen Zug ins Großartige. Sogar bei getauften Juden, noch in der dritten Generation, tritt dieser Zug als eine Art erfreulicher Atavismus an den Tag. Auch in die moderne, organisierte Wohltätigkeit bringen die Juden eine persönliche Note hinein. Es gibt aber eine höhere Art der Wohltätigkeit, nämlich „Aemilutd. okasa.äim", Uebung von Liebeswerken. „(Zsmilutk ed.asaüiill ist ungleich größer als Zedakah." Es gehört zu den Dingen, denen kein Matz gesetzt ist — was, wie wir gesehen, bei Zedakah der Fall ist und „der Mensch hat den Fruchtgenuß davon im Diesseits, während der Grundstock ihm aufbewahrt bleibt im Jenseits". Zedakah gilt nur Armen oder augenblicklich Armen gegenüber, ^smilutb. obasadim übt man sowohl an Reichen wie an Armen, an Verstorbenen wie an Lebenden, Zedakah übt man nur mit seinem Besitz, 6smi1utb. ebasaäim auch mit seiner Person. Natürlich läßt sich zwischen beiden keine scharfe Grenze ziehen. Die von Maimuni so bezeichnete höchste Stufe der Zedakah gehört eigentlich schon zu ^smilutb. eb.^sa.<1im. In dieser überwiegt das Freiwillige, das dem reinen Wohlwollen Entspringende, sehr bedeutend über das Pflichtmäßige. Sie entquillt der Herzensgüte, die der Talmud als die edelste menschliche Eigenschaft preist. Aber sie folgt nicht allein dem Impuls des Herzens sondern es wirken in ihr zugleich höhere Momente der Einsicht in die weiteren sozialen Zusammenhänge mit. In dieses Gebiet gehört auch die Förderung von Kunst und Wissenschaft, oder was wir heutzutage mit Mäzenatentum zu bezeichnen pflegen. Fast jeder reiche Aude vermacht letzt willig einen Teil seines Vermögens für öffentliche Zwecke. Das ist eine alte jüdische Sitte, der sich nur sehr wenige entziehen. Meist wird eine Summe für rein jüdische, eine andere für allgemeine. Zwecke bestimmt, „ohne Unterschied der Konfession". Selbst in jenen trüben Zeiten, als die ganze Außenwelt uns feindlich, unbarmherzig drohend gegenüberstand, als z. B. Maimuni schmerzlich fragen mußte: „Zu wem sollen denn die Armen unter den Juden ihre Augen erheben, etwa zu den Gojim, die uns hassen und verfolgen?", und darum gebot, zuerst an die jüdischen Armen zu denken, selbst zu jener Zeit ließen sich unsere Vorfahren das alte Recht und die alte Pflicht nicht nehmen (und derselbe Maimuni betont sie mit feierlichem Nachdruck), „die Armen der Gojim zu ernähren gleichwie die jüdischen, ihre Kranken zu Pflegen gleichwie die jüdischen, ihre Toten zu bestatten gleichwie die jüdischen, ihre Trauernden zu trösten gleichwie die jüdischen; das gebietet das Prinzip der menschlichen Solidarität (Schalom)". Auch dieses Wort „Schalom" ist schwer übersetzbar, es bedeutet die innere Harmonie und die Solidarität der höchsten Interessen des Menschengeschlechtes. Schalom ist nicht ein Passives, sondern erfordert angespannte Aktivität, ist eine Schöpfung. Gott wirkt ihn immerfort in seinen Höhen und aus Erden. Er ist nichts Negatives und entsteht nicht durch ein bloßes Unterlassen, sondern muß durch positive Arbeit aufgerichtet werden. Die ganze Thora hat den Zweck, die Wege zu weisen, die zu ihm hinführen. Unser ganzes Verhalten der nichtjüdischen Welt gegenüber hat durch dieses Prinzip der unverbrüchlichen Solidarität der Menschen den Naturgewalten, dem Elend und dem Bösen gegenüber bestimmt zu sein. Das ist Schalom. Wenn also ein Jude nur die Summe, die er für spezifisch-jüdische Wohltätigkeit bestimmt, der jüdischen Behörde unterstellt, die andere dagegen, die auch Nichtjuden zugutekommen soll, ihrer Verwaltung entzieht, so benimmt er ihr die Möglichkeit, eine ihrer höchsten und edelsten Pflichten zu erfüllen. Es liegt darin überdies ein unbegründetes, kränkendes Mißtrauen gegen die administrativen Fähigkeiten und den Gerechtigkeitssinn der jüdischen Behörde und wird nur deshalb nicht' empfunden, weil man sich daran gewöhnt hat. Eine solche Betätigung der Philanthropie aus dem jüdischen Prinzip heraus durch die Organe der jüdischen Gemeinschaft würde auch für die innere Kräftigung des Judentums viel wirksamer sein als manche religiösen Reformen. Eine besonders subtile Art der Unterstützung ankerer Menschen ist die persönliche Förderung des Talentes und seines Schaffens. Hier zeigt sich der Wert und die geistige Höhe einer Gesellschaft am klarsten. Hier kann der Mäzen zum Wegweiser für Wissenschaft und Kunst werden, und es ist bisweilen schwer, zu zeigen, wer der Nehmende oder der Gebende ist. Jener Bruder des hebräischen Dichters Wessely, der durch ein Darlehen es Lessing möglich gemacht hat, den „Nathan" ^herauszugeben, hat ein literariich und kulturhistorisch so großes Werk gefördert, daß die erwiesene Wohltat vollkommen in den Hintergrund tritt. Wenn unsere Alten das „kemilutli etiasaclim" höher als die „Zedakah" schätzen, weil man erstere nicht nur an Lebenden, sondern auch an Verstorbenen wirkt, so ziemt es uns, zu bedenken, daß es eine Art „(Zsmilutd. ebasadim" gibt, die man sogar an den Ungeborenen, an den kommenden Geschlechtern übt, nämlich indem man ihnen edle Geisteswerke vererbt, die ihnen als Wegweiser dienen, als Quellen der Kraft und des Lichtes. Die Wirksamkeit eines Mäzen ist Llsmilutb. ob.s,SÄ6im auch insofern,, als er nicht nur sein Geld, sondern auch, vielleicht sogar noch mehr, seine Person in ihren Dienst stellen muß. Er muß mit ganzer Seele, nickt nur mit seinem Gelde dabei sein, er darf nicht warten, bis man bittend zu ihm kommt. Freilich kann er dabei oft Enttäuschungen erleben: oft wird ein vielversprechendes, junges Talent nach den ersten Proben sich als taube Nuß erweisen. Tarauf antwortet das schlichte jüdische Sprichwort: „Wenn Zedaka kein Geld kosten und <5sini1iit.Ii ensssÄ keinen Aerger bereiten sollte, dann gäbe es viele Zaddikim auf der Welt". Am Ende kommt eine-, der die Mühen und Kosten so reichlich lohnt, daß er für alle anderen entschädigt. Das Wort des Talmud: „Wer Aedakah und Qsmilutb. edasÄÄim nicht um ihrer selbst willen übt, sondern um seine Eitelkeit zu befriedigen, dem vergilt es Gott, indem er ihm unwürdige Leute in den Weg laufen läßt", kann dahin ergänzt werden: „Wer Zedakah aufrichtigen Herzens und reinen Sinnes übt, der adelt auch die von Haus aus Unwürdigen, läutert sie und zieht sie zu sich empor". Abraham Geiger. (1810—1874) Von Hermann Vogelstein (Breslau). „In dem Namen eines großen Mannes wird uns der Gedanke lebendig, dessen Ausdruck seine Persönlichkeit, dessen Darstellung sein Leben und Wirken war." Das Wort Gabriel Rießers gilt in vollem Umfange von Abraham Geiger. Dieser Sohn der Frankfurter Judengasse ist einer der ganz Großen im Judentum des 19. Jahrhunderts gewesen, und wenngleich wir heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Tode, sein Leben und sein Wirken ruhiger und freier von den Kämpfen der damaligen Zeit betrachten, so löst doch schon der bloße Name das Gedächtnis der Kämpfe und das Gedächtnis dessen, was er für das Judentum bedeutete, aus. Nichts würde freilich verfehlter sein und nichts verderblicher als die falsch verstandene Pietät, die das Andenken eines großen Mannes durch unbedingtes Festhalten an allen Einzelheiten seines Schaffens zu wahren sucht. Auch der Inhalt der Kämpfe, die damals ausgefochten wurden, ist unter den veränderten Voraussetzungen der Gegenwart ein etwas anderer geworden. Der Kampf zwischen Liberalismus und Orthodoxie als rein geistiger.Kampf besteht jedoch weiter, und so wenig der überzeugte Liberale von seiner Anschauung auch nur das geringste Preisgeben will, so sehr wird er die subjektive Berechtigung der Orthodoxie anerkennen und wünschen, daß im Interesse einer gesunden Entwicklung des Judentums auch dit konservativen Elemente vorhanden sind und gebührend zur Geltung kommen. Abraham Geiger ist der große Systematiker, der große The löge der Reform oder vielmehr des Liberalismus, wenngleich er keine systematische Darstellung der jüdischen Theologie geschrieben hat. Seit dem Ausgang des Mittelalters waren die Juden gänzlich in eine Pariastellung herabgedrückt, von der allgemeinen Kultur abgedrängt. In Polen, wo die Juden im allgemeinen^ höhere Kultur hatten als die Umwelt, hatte der große Kosakenausstand um die Mitte des 17. Jahrhunderts alles zerschlagen, auch in Italien machte sich im 18- Jahrhundert ein allmähliches Versiegen bemerkbar. Da trat seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ganz plötzlich der Umschwung ein. Ganz ohne jeden Uebergan-g sind die Juden aus der Absperrung, aus dem Ghetto gerissen in die geistige Einstellung des Aufklärungszeitalters hinein. Man empfand innerhalb des deutschen Judentums der Mendelssohnschen Zeit die gesamten äußeren und inneren Zustände als auf die Dauei unerträglich. Man sah den Gegensatz und Widerspruch der modernen Kultur und des mittelalterlichen Judentums, und während man auf. der einen Seite versuchte, die häßlich gewordene Außenseite des Judentums zu verschönern, glaubten andere, daß jedes Zugeständnis an die moderne äußere Kultur das Judentum zerstören müsse. In den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts ist ein junger Mann aus Veranlassung der jüdischen Gemeinde aus Berlin ausgewiesen worden, weil er am Hellen Tage mit einem deutschen Buche über die Straße gegangen ist, nur wenig später Promovierte Ahron Gumpertz an der Universität Frankfurt a. O. und trat Mendelssohn an die Oeffentlichkeit, und wiederum ein Menschenalter später haben deutsche Rabbiner den Bann über Mendelssohns hochdeutsche Übersetzung von Teilen der heil. Schrift und über diejenigen ausgesprochen, die die heil. Schrift in dieser Übersetzung lesen würden. Diese wenigen herausgegriffenen Bei-