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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1928-02-01 · 6 (2.1928) · p. Seite 171

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
6 (1927-1928)
Issue
6 (2.1928)
Date
1928-02-01
Page
Seite 171 (sequence 3)
Language
German
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Bon der Wohltätigkeit und den Wohltätern. Von B. Saphra. Nicht immer, aber sehr häufig kann die Ethymologie eines Wortes, mit dein die Sprache einen gewissen Begriff bezeichnet, uns Ausschluß geben über dessen Wesen und Entstehung. Es ist entscheidend für den jüdischen Begriff der Wohltätigkeit, daß er im Hebräischen „zedaka h" heißt, welches Wort von der biblischen Zeit bis auf den heutigen Tag im Volksmunde der Juden aller Länder fortlebt. Zedakah ist eigentlich „Gerechtigkeit". Zedek bedeutet die Gerechtigkeit als die höchste Tugend, als den Inbegriff aller Tugenden, der Gott beigelegt wird und dem der Mensch in ewigein Ringen nachzustreben hat, nur seinem Schöpfer ähnlich zu werden, sich ihm anzuschließen. Wer das „Zedek" besitzt, ist ein „Zaddik", Gott wird darum als der „Zaddik der Welt" bezeichnet. Dieses Wort wird mit „Gerechter" nur sehr unvollkommen übersetzt; im Bewußtsein eines Juden weckt es eine ganze Symphonie von Obertönen, von denen die Uebersetzung keine ausreichende Vorstellung gibt. Ein Zaddik ist unendlich viel mehr als einer, der nur „gerecht" ist, nur das Verdienst hat, keinem Unrecht zu tun, ebenso wie „Zedek" unendlich viel mehr ist als die Gerechtigkeit im juristischen Sinne. Zedakah aber ist zur besonderen Bezeichnung für die Wohltätigkeit geworden und bekundet, daß die jüdische Lehre in der Uebung der Wohltätigkeit das Element der Gerechtigkeit betont wissen will. Habe ich einem Dürftigen geholfen, so bin ich ihm gegenüber nicht in eine höhere Menschenklasse emporgestiegen, ich darf mich ihm gegenüber nicht überlegen fühlen und auf ihn herabsehen, denn ich habe ja nur Gerechtigkeit geübt. Damit ist dem Wohltun das Peinliche, das für den Spender, und das Demütigende, das für den Empfänger sonst damit verbunden wäre, genommen. Mit einem, dem gegenüber ich einen Akt der Gerechtigkeit geübt habe, kann ich mich sogleich zu Tische setzen, und ohne mir das geringste zu vergeben, ihn mit derselben Höflichkeit behandeln, die ich meinesgleichen schulde. Ebenso wenig braucht der Empfänger sich innerlich getreten und geknickt zu fühlen und sich zu sagen, daß er auf eine tiefere soziale Stufe hinabgesunken sei. Aber dieses Moment der Gerechtigkeit macht die Wohltätigkeit nicht etwa,zu einer frostigen und freudlosen Pflichterfüllung; das Wort „Zedakah tun" oder „Zedakah geben" enthält so viel Zartheit und Herzenswärme, daß es sich eigentlich gar nicht übersetzen läßt. Und dre Lehre lautet: „Die Zedakah ist n n r so viel wert, als in ihr Liebe (chesed) enthalt ei', ist." Dieses „chesed" ist ebenfalls ein unübersetzbares Wort. Die göttliche Liebe wird damit bezeichnet, und in solchen Fällen übersetzt man es mit Gnade, aber es dient auch zur Bezeichnung der Liebe des jungen Weibes zum Erwählten ihres Herzens. „Ich gedenke dir deiner jugendlichen Hingabe (chesed), deiner bräutlichen Liebe, da du mir folgtest durch die Wüste, durch saatloses Land." Also, diese Vereinigung von göttlicher und menschlicher Liebe muß die Zedakah erfüllen, wenn sie vollgültig sein soll. Dieser Auffassung entsprechen auch die jüdischen Vorschriften über die Wohltätigkeit. Ueber keinen Gegenstand enthält das religiöse und ethische Schrifttum der Juden eine solche Fülle von Lehren und Ermahnungen, wie über die Zedakah in allen ihren Formeil und Abarten. Der Talmud bietet hierüber eine unerschöpfliche Menge von Bemerkungen, die erstauulich treffliche Psychologische Einblicke iu die soziale und individuelle Natur des Menschen gewähren. Die Zusammenfassungen der meisten dieser Lehren durch Maimonides und Caro bilden in knapper Form ausgezeichnete Lehrbücher der Armenpflege im edelsten Sinne des Wortes, die uns modernen Menschen sehr gute Dienste leisten können. Da das Wohltun ein Akt der Gerechtigkeit ist, kann man von Gerichts wegen dazu gezwungen werden, durch Pfändung auch an liegenden Gütern, sogar durch körperliche Strafen. Das Wohltun ist aber «nicht ein Vorrecht der Reichen odei der Wohlhabenden, denn auch wer auf Wohltätigkeit augewiesen ist, ist verpflichtet, Zedakah zn geben. Für die Unbemittelten ist ein Mindestbetrag festgelegt; als Maximum gilt der fünfte Teil des Vermögens oder der Einkünfte, über den hinauszugehen Verschweudung ist, welche die Familie des Gebers schädigt; letztwillig alier ist es gestattet, die Hälfte des Vermögens der Wohltätigkeit zu widmen. Das mittlere Maß ist der zehnte Teil, das Maasser, das schon die Thora vorschreibt. Noch heutzutage gibt es, auch in den „fortgeschrittensten" Ländern, zahlreiche Juden, die mit peinlichster Genauigkeit darauf achten, von allen ihren Einnahmen den Zehnten abzuführendas rechnen sie sich nicht als Zedakah an, sondern als eine Art Pflichtsteuer; erst was sie darüber hinaus geben, erachten sie als eigentliche Wohltätigkeit. Wer hinter diesem Maße zurückbleibt, gilt als geizig. Schon diese Vorschriften lasseil darauf schließen, daß die Wohltätigkeit bei den Inden frühzeitig gesetzlich geregelt war; in der Tat gab es eine richtige A r mengesetzge b u n g' und eine Wohlorganisierte A-rmenpflege. Gleichwohl wurde das größte Gewicht aiif das persönliche Moment in der Zedakah aeleat. Wer einem Armen seine Gabe mit griesgrämiger Miene schenkt, so lehrt Maimnni, uud den Blick mürrisch zu Boden gesenkt hält, mag er ihm tausend Goldgulden schenken, so hat er sein Verdienst verdorben und verloren. Nein, er muß ihm die Gabe mit Herzlichkeit und Freude reichen, er. muß an seinem Kummer teilnehmen, sich für seine Bedürfnisse interessieren, ihm sanft und milde Trost zubrechen, er muß zu ihm sein wie ein Vater und wie ein Bruder, in Worten und Gebaren. Zweimal Wehe ruft Maimuni über den, welcher einen Armen beschämt oder gar gedemütigt hat. Das hauptsächlichste subjektive Moment in der Wohltätigkeit ist die Herzenswärme, die Barmherzigkeit (rachamim). Wer sich über seinen Nächsten erbarmt, über den erbarmt sich der Himmel, wer kein Erbarmen hat, sondern grausam ist, steht in Verdacht, nicht von makelloser Abkunft zu sein; denn die Hartherzigkeit sei bei den Heiden zu finden, Barmherzigkeit dagegen sei ein Anzeichen der Abstammung von unserem Erzvater Abraham. Nur auf der Zedakah wird der Thron Israels ausgerichtet und sußt die Religion der Wahrheit. Israel wird nur der Zedakah wegen erlöst. Kein Mensch wird arm durch sie, aus ihr erwächst kein Schaden oder sonst ein Nachteil. Maimuni zählt acht Stufen der Zedakah auf. Die höchste ist, einem Armen beizustehen, indem man ihm ermöglicht, sich auf die eigenen Füße zu stellen. Charakteristisch ist folgendes Gesetz: ein wohlhabender Mann, dem unterwegs das Geld ausgeht — iil talmudischen Zeiten kannte man ja keine Eisenbahn und keine Kreditbriefe — darf Wohltätigkeit aller Art in Anspruch nehmen; nach Maimuui ist er auch nicht verpflichtet, das Genommene zurückzuerstatten, „denn in diesem Moment war er ein armer Mann". Dieses unscheinbare Gesetz bietet eine wichtige sittliche Lehre. Es spricht zum Reichen: auf der Wanderung durch das Lebeil kannst dn auch einmal in Not geraten und gezwungen sein, zu kosten, wie es schmeckt, die Wohltätigkeit in Anspruch zu nehmen. Die nächst höhere Stufe ist, so zu spenden, daß der Geber nicht weiß, wer der Empfänger und der Empfänger nicht weiß, wer der Geber war. Der Talmud lehrt: „Wer Zedakah im Verborgenen tut, ist größer als Mose, unser Lehrer." In vielen alten jüdischen Gemeinden existierte eine Art wandernder Krankenkasse, die darauf beruhte, daß an jedes Mitglied der Gemeinde, einerlei, ob arm oder reich, wenn in der Familie ein Krankheitsfall sich ereignete, zwei Büchsen ins Haus geschickt wurden, deren eine einen Betrag enthielt, der nur dem Kassenwart bekannt war; jeder Hausvater, auch der reichste, war verpflichtet, die volle Büchse zu öffnen und ihr zu entnehmen, wie viel er wollte; die Reichen legten dann in die andere hinein, so viel ihnen beliebte. Gleich wie für den Geber enthält die jüdische Lehre auch sür den Empfänger eine Anzahl Vorschriften. Immerdar, sagt Maimuni, muß der Mensch sich anstrengen und sogar Not und Entbehrung auf sich nehmen, um nur nicht Menschenhilfe zil benötigen oder gar der Gesellschaft zur Last zu fallen. Auch ein Gelehrter und Angesehener, wenn er verarmt ist, greife zn einem geringeren Handwerk, um nur nicht die Wohltätigkeit ln Anspruch nehmen zu müssen. Von gefallenen Tieren soll er die Haut abziehen auf offenem Markt, um nur von seiner Hände Arbeit zu leben," und darf nicht sagen: Ich bin ein großer Weiser, ich bin ein Kohen, ihr müßt mich ernähren. Von den größten unserer Weisen waren manche Holzhacker Balkenträger, Wasserschöpfer sür den Gartenbau, Eisenschmiede und Kohlenbrenner, forderten aber von der Gemeinde nichts und nahmen nichts an, wenn man ihnen anbot. Ist aber einer krank oder alt oder mit einem Leiden behaftet und hält sich stolz und nimmt keine Hilfe in Anspruch, so gleicht er einem, der unschuldiges Blut vergießt und wird für sein Leben zur Verantwortung gezogen werden. Für seine unnützen Qualen erntet er nichts als Sünde und Schuld. Wer aber Not leidet (dock) ohne Leben und Gesundheit zu gefährden), gegen sie ankämpft und Entbehrungen trägt und Entsagung übt, nur um der Gesellschaft nicht zur Last zu fallen, der gehl nicht aus dieser Welt, ehe er's erlebt, andere von seinem Ueberfluß zu ernähren, ihm gilt das Wort der Schrift: „Gesegnet, wer seine Hoffnung auf Gott setzt." So gewiilueil wir das Bild des Spenders, der fröhlich und zugleich demütig von seinem Ueberfluß dem Dürftigen gibt. (Spinoza ist Wohl seiteil so jüdisch wie da, wo er das „benea^ero st lastari". das Wohltun in Freude, Preist.) Er wünscht auch keiue Danksagung, zumal er weiß, daß, wie La Rochefoucault sagt, eine solche meist nur die Bereitwilligkeit andeutet, weitere Wohltaten iil Empfang zu nehmen; wahrend der Empfänger ohne Unterwürfigkeit uud Erniederung, erhobenen Hauptes die Gabe in Empfang nimmt, iil dem Bewußtsein, daß zwischen ihm und den anderen sich ein Akt der Gerechtigkeit und des Wohlwollens abgespielt hat, der in eine überpersönliche Ordnung der Dinge gehört. Iii einem gewissen Siftne fühlt sich der Spender dem Empfänger verpflichtet, weil dieser ihm Gelegenheit zu einer guteil Tat gegeben und ihm die Freude daran (simonklb. solwl mi?^:,!,) verursacht und seine ewige Seligkeit gemehrt hat. Es konnte nicht fehlen, daß eine so wichtige Institution sich in Sitke und Brauch ausprägte. Es war üblich, daß jeder Leichenzug von bell Sammlern der Wohltätigkeitsvereine begleitet wurde, die, ihre Büchseil schwingend, iil hebräischer Sprache den Vers ausriefen: „Zedakah rettet vom Tode." Im Angesichte des Todes wurde der Tod verneint, er wurde durch die lebensspendende Tar des Menschen, die fortwährend Gutes gebärt, überwunden. Beim Totengeleite besonders ausgezeichneter Männer und Frauen rief man: /,Zedek schreitet ihm voran!", bahnt ihm gleichsam den Weg iii die Welt der Ewigkeit. Die Bvlkspoesie hat die Zedakah mit einem Kran^ wmlderschöner Sageil und Märchen umgeben. Der Volksglaube meint, daß die Seelen derer, die den Armen hinieden viel Gnies

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