Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 6 (2.1928)
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- Isaiah 2× ep/1005097
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und ekstatische Verlassen der Tatsachen verstanden. Ganz etwas anderes als der Glaube bei Jesaja, bei dem das Wort glauben zume rsten Mal in der Religionsgeschichte sich findet, und der nicht Verzicht auf die Situation des in der Vernunft stehenden Menschen meint, sondern das Vertrauen des sittlich Handelnden bei der sich einstellenden Unübersehbarkeit, die sich bei jeder schöpferischen Tat vorfindet. Paulus hat der Kirche des Christentums die Wege in der griechischen Welt geebnet. Diese Kirche hat aber lange gebraucht, um alle Elemente der heidnischen Theosophie aus ihrem Bereiche zu entfernen. Die Weite der paulinischen Mission war durch diese Ungleichung an die griechische Theosophie möglich geworden. Der Erfolg ist also trotzdem gering, wenn man die Entfernung von der Frömmigkeit ermißt, die doch der griechischen Welt gebracht werden sollte, und die die jüdische war. Der Christus, der sich durch Paulus die Welt eroberte, war nicht der Rabbi -aus Galliläa, der ein Kind des Judentums war und blieb, den die Rabbinen in ihren Synagogen predigen ließen, der, ein Opfer des dem Herodes gefugigen Gerichtes der feudalen Sadduzäer, (nicht der Pharisäer), von den Römern getötet wurde, weil man in ihm mit Recht oder Unrecht einen Nationalhelden mit Makkabäeridealen befürchtete. Sondern er war eine Christusfigur, in der der Jude kaum mehr zu erkennen war, in dem aber die griechische Welt die alten Sagen von Dionys' Tod und Auferstehung, von der klagenden Göttermutter Demeter, von Isis' Suchen nach Ösiris' zerstückeltem Leichnam und dessen Auferstehung und von anderen mehr wiederfand. Der Naturmythos, der das Schema vom Entstehen und Vergehen aus der Natur zum Vorbild hatte, verdrängte das tragische Vorbild vom leidenden Knecht Gottes, von dem die Lieder des zweiten Jesaja handeln, und der durch die Opfer, die der sittliche Heros auf sich nimmt, die Gesamtheit fördert, die gegen sein Schaffen blind ist und ihm widerstrebt. Wenn das Christentum das Alte Testament aufgenommen hat, so ist das Alte Testament die Kraft gewesen, durch die die heidnischen Überreste überwunden iverden konnten, und durch die die Kirche ihren Christus trotz Paulus nicht im Sinne des Naturmythos sondern im Sinne des jesajanischen Knecht Gottes versteht. Das Hauptinteresse gewinnt Paulus für uns Juden durch seinen Kampf gegen den Partikularismus des jüdischen Gesetzes. Paulus beruft sich bei seinen Bestrebungen, die Lebensinteressen des Judentums zugunsten seiner neuen Weltkirche fallen zu lassen, auf denUniver-. salismus der Propheten. Mit Unrecht. Der Universalismus der Propheten, der lehrt, daß der Gott Israels der Gott der Menschheit ist, sieht in der eigenen Gemeinschaft die Plattform, Gott gegenüber sich zu bewähren. Denn das Gute, das geschaffen wird, ist nicht nur für den kleinen Kreis der das Gute schaffenden Menschen sondern für die ganze Menschheit bedeutsam. Das Werden des Guten hat naturnotwendig seine partikulare Geschichte, das Gute selbst aber in seinem Wert und in seiner sich auswirkenden Bedeutung weiß nichts von diesem Partikularismus, es ist universal. Jede wahrhaft gute Tat ist Eigentum der Menschheit, sodaß das Gebot: wirke für die Menschheit! im Sinne des Prophetismus einfach heißen darf: tu' Gutes in deinem Kreise. Von diesem Universalismus ist das, was in Paulus lebt, nun ganz verschieden. Bei Paulus ist nicht die Liebe zur Menschheit, die ihn die Weltkirche wählen und das Judentum preisgeben läßt, das seelisch erste, sondern es ist der Haß, der den Juden-Griechen gegen das unbequeme Judentum erfüllt. Es war nicht bequem, Jude zu sein: außen das Imperium Romanum und im Innern die strenge Kirchenzucht der Rabbinen. Diese Kirchenzucht hat Paulus, der zur Geißelung Verurteilte, hart zu spüren bekommen. Nicht Jude, noch Grieche — die Menschheit! Das ist der schwüle Himmel der Opposition, die von der eigenen Gemeinschaft loskommen will! Äußerlich dasselbe Bekenntnis wie bei den Propheten, aber aus ganz anderem Motiv, aus einer Haßliebe. Diese Haßliebe, auf die die Psychologie seit Nietzsche die Aufmerksamkeit lenkt, man nennt sie Ressentiment, verfälscht hier das Bekenntnis, zur Menschheit. Dadurch wird dieses Bekenntnis obwohl der Außenstehende den Unterschied von dem gleichlautenden, aus der Liebe entstehenden Bekenntnis gar nicht merkt, zu einem Instrument des Hasses. „Man spricht von Liebe und schwitzt dabei": Paulus ist Ressentimentmensch. Eine von den wenigen Stellen in dem Werfelschen Paulus- Drama, die der Historiker anerkennen kann, lautet mit Bezug aus Paulus: „Ich nenne dich nicht Saulus, ich nenne dich nicht Paulus, ich nenne dich den Selbsthaß Israels". Das Ressentiment des Apostaten treibt ihn. Apostat nenen wir nicht den, der aus Überzeugung die Religion wechselt — gesetzt, daß es solchen gäbe, Goethe behauptet, dieser Schritt gelänge keinem Menschen von Wert ^- sondern Apostat nennen wir den, der in seiner neuen Religion vom Haß gegen die alte Religion erfüllt ist und daher in der Verfechtung seiner neuen Grundsätze zu Übertreibungen neigt. Hätte man Paulus gefragt: Was geschieht mit der jüdischen Gemeinschaft? Soll sie verschwinden, wie es kommen muß, wenn alle Juden in dem Dienst an der Menschheit ein Verlassen der Grundlagen sähen, die durch Geschichte, Sprache, Kulturformen und Blutbande gegeben sind? Er hätte mit Hinweis auf seine eschatologische (endzeitliche) Hoffnung diese Frage beantwortet: Bald kommt der Christus wieder (das griechische Wort sür Messias), dann beginnt sein Reich, und dann gibt es — wie es nicht arm und reich, stark und schwach, ja auch nicht tot und lebendig geben wird — nicht mehr den Unterschied von Juden und Nichtjuden. Diesen Glauben, der Religiöses fanatisch, plump und unvermittelt auf Weltliches überträgt, haben die jüdischen Zeitgenossen nicht geteilt. Die prophetische Lehre von dem alle Gemeinschaften einigenden Band so auszulegen, daß nun die Liebe, die sich an die eigene Gemeinschaft gebunden fühlt, aufzugeben wäre, gegen diese paulinische Auffassung hat sich das Judentum verschlossen. Paulus ist nicht Religionsschöpfer. Seine Christologie ist religionsgeschichtlich gesehen nichts Ursprüngliches, sondern geht auf ähnliche Auffassungen des damaligen Judentums zurück. Zwischen Gott und Mensch steht die Thora. Dieses Schema ändert nun Paulus: zwischen Gott und Mensch steht Christus. Während aber die Thora, Stimmen religiös kämpfender Individuen darstellend, sür Individuen durchdringlich ist, ist die Christusfigur die nunmehr undurchdringliche Wand, die sich zwischen Gott und Mensch auftut. Diese Aufgabe des Ich als Voraussetzung der Frömmigkeit liegt aber im Wesen der ekstatischen Religiosität des Paulus. Wenn also Paulus nicht als Religionsschöpfer angesehen werden kann, so muß ihm die Geschichte, die das Gebäude der christlichen Kirche auf seine Person zurückführt, ein großes Maß organisatorischer Begabung und Leistung zuerkennen. Aber auch hier muß bemerkt werden, daß in der Zeit des Paulus, der Zeit der Religionsmischung (Synkretismus) geschichtliche Mächte am Werke waren, die auch ohne Paulus ihr Ziel erreicht hätten. Paulus gehört zu den Zwischenträgern des Geistes, der göttliche Plan hat für solche Menschen seine Verwendung, und das ist ihre Rechtfertigung. Ein Vorbild, an dem sich der Werdende bilden könnte, ist er nicht. Krank an Körper und Seele konnte er Augenblicke mystischer Verzückung erleben, den Weg zur Harmonie edlen und gesunden, auf Gott gerichteten Menschentums zeigt er nicht.