Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 5 (1.1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 148 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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148 Iewish Colonnation Association. Die Generalversammlung der Gesellschaft, bei der die Frankfurter Gemeinde durch, Herrn Justizrat Dr. Blau vertreten war, fand am 15. Oktober 1927 unter dem Vorsitz des Herrn Franz P h i I i p p s o .n - Brüssel, Präsident des Verwaltungsrats, in Paris statt. Nach Genehmigung des Berichtes und der Bilanz für das abgelaufene Jahr hielt der Präsident nachstehende Ansprache, die wir in ihrem vollen Wortlaut in Uebersetzung wiedergeben, da sie einen guten Ueverblick über das vielseitige und bedeutende Werk gibt. „Unser Werk hat im Jahre 1926 seinen normalen Gang weiterverfolgt. Ich verstehe darunter, daß es in allen Ländern, wo es Einrichtungen besitzt, seine Bemühungen fortsetzte, um seinen Schützlingen Unabhängigkeit durch Arbeit zu sichern. Seine Kolonien in Argentinien, Brasilien und Kanada haben sich günstig entwickelt. Ebenso wie in den Vorjahren hat die Gesellschaft zugunsten der jüdischen Emigranten eingegriffen, ihnen^ie Abreise, die Reise nach Uebersee und den Eintritt in ihr neues Vaterland erleichtert. In Osteuropa hat sie sich wie früher für die berufliche Ausbildung zunger Leute, für die den jüdischen Gewerbetreibenden nnd Handwerker so nützlichen Kreditanstalten und schließlich für die landwirtschaftliche Arbeit interessiert. Kurz, sie hat fortgefahren sich überall über das jüdische Elend zu neigen und mit allen ihren Kräften an seiner Erleichterung zu arbeiten. Ich fasse hier, wie in jedem Jahr, und in wenigen Worten die Ergebnisse zusammen, welche die Gesellschaft auf diesem Gebiet erreichte und werde mich dann bemühen, ihnen kurz die beiden Unternehmungen zu beschreiben, die im Laufe des letzten Jahres in Angriff genommen oder vorbereitet worden sind. Unsere landwirtschaftliche Kolonisation in Argentinien hat im Laufe des Jahres 1926 weitere Fortschritte gemacht. Sie nimmt von Jahr zu Jahr ein neues Gesicht an: Äe Ergebnisse verwirklichen sich häufig außerhalb unserer direkten Mitwirkung. Unsere Siedluugen bilden mehr und mehr eine starke mit dem Boden verbundene landwirtschaftliche Bevölkerung. Dieser Boden dehnt sich in den Provinzen Entre-Rios, Sanw F6, Buenos Aires, Santiago del Esters und der Pampa. Mehr als 371000 ka. ^ind gegenwärtig besetzt. Tie Gesellschaft zählt daselbst 2902 Kolonisten, vertreten durch 3597 Familien von Ackerbauern, mit denen noch weitere 2251 jüdische Familien als Arbeiter, Handwerker und Gewerbetreibende leben. Die jüdische Bevölkerung der Kolonien beträgt somit 5848 Familien mit 33124 Seelen. Diese Bevölkerung, die sich allmählich seit beinahe 40 Jahren auf dem Lande niedergelassen hat und unter der sich 759 unabhängige Kolonisten mit 120 000 da befinden, bat sich von Jahr zu Jahr um eine beträchtliche Zahl ueuer Arbeitskräfte vermehrt: Söhne oder Verwandte bereits angesiedelter Kolonisten, Taglöhner und Arbeiter, die sich in den Zentren und den Dörfern niederließen. Die Gesellschaft zum Schutze der jüdischen Einwanderer hat für sich allein 596 neue Ankömmlinge den Siedlungen zugeführt. Viele andere sind auf ihre eigenen Kosten angelangt, und die Ortskomitees gaben ihnen Unterkunft und Essen, bis sie Arbeit fanden. Aber weder alle auf dem Grund und Boden der Kolonien geborenen Kinder, noch alle 7534 jüdischen Einwanderer, die 1926 in Argentinien ankamen, können hoffen, in einigen Jahren einen blühenden landwirtschaftlichen Aetrieb zu erwerben. Die Einwanderer insbesondere sind in ihrer großen Majorität keine Landwirte und sind häufig nicht einmal fähig es zu werden. Trotzdem haben sie sich einen Herd gründen können: Dieses Land, in dem man vor 40 Jahren etwa 1000 Juden zählte, hat heute mehr als 200 000. Buenos Aires ist ein Zentrum des Judentums in den argentinischen Provinzen geworden, wo sich bedeutende ^jüdische Anfiedlungen gebildet haben. Wir haben, glaube ich, das Recht zusagen, datz diese Blüte zu einem großen Teil dem fruchtbaren Wirken unieres Gründers, des Barons von Hirsch zu danken ist. Das Vorhandensein der landwirtschaftlichen Kolonien hat die jüdischen Einwanderer nach Argentinien gezogen, eine große Anzahl von ihnen konnte sich dort festsetzen, andere erhielten ihre Bildung in unseren Schulen, fanden Unterstützung und Rat bei den örtlichen Komitees für Wohlfahrt, bei Spar- und Kreditkassen. Kurse und Borträge, Sportvereine, Bibliotheken haben zu ihrer Berufsbildung beigetragen, und sie haben sich in einem Land ausgebreitet, wo die ausdauernde Und arbeitsame jüdische Bevölkerung sich einen ehrenvollen Platz zu schaffen verstanden hat. „Die jüdischen Kolonisten," sagte-vor kurzem die „Prenfa", die große argentinische Zeitung, „bilden ein wertvolles Element unserer Bevölkerung, sie sind arbeitsam, intelligent und loyal und können vielen unserer Mitbürger als Vorbild dienen." Der jüdischen Überlieferung getreu hat die Iewish Colonization Association in den.Vordergrund ihrer Beschäftigung stets die Probleme gestellt, die das soziale Leben der Israeliten, ihre religiösen Ansprüche und die Erziehung ihrer Kinder zum Gegenstand haben. In Brasilien gehen wir gleichermaßen vor. Die erzielten Fortschritte sind nom nicht so sichtbar wie in Argentinien, aber sie sind vorhanden, und die Lage hat sich während des letzten Jahres deutlich verbessert. Nichts kennzeichnet besser das Vertrauen, von dein die Kolonien erfüllt sind, als der Zuwachs von 1301 Seelen in der Gesamtbevölkerung, die sich heute auf 2113 Versonen beziffert. Die Entwicklung des Judentums in Brasilien ist im übrigen bemerkenswert. Unter dem Einfluß des speziellen Delegierten, den wir 1924 zur Organisation unseres Erziehungs¬ und Kulturwerks dorthin entsandten, bildeten sich mehrere jüdische Gemeinden, die bald in der Lage sein werden, Tausende von Einwanderern aufzunehmen. Schon sind 19 Schulen im Lande vorhanden. Wir haben das Recht stolz auf diese Schöpfungen zu sein, die der jüdischen Einwanderung bereits anerkannte Dienste leisten. 3906 Juden sind im letzten Jahr allein in den beiden Häfen von Rio de Janeiro und Santos angekommen, gegenüber 2624 in 1926. 273 begaben sich in unsere Kolonien, die anderen, unterstützt von verschiedenen Komitees, zerstreuten sich über das Land. Es ist interessant, daß in allen Ortschaften von einiger Bedeutung, wo sich jüdische Einwanderer niedergelassen haben, heute jüdische Schulen sich befinden, die durch die Jca subventioniert sind; sie waren im letzten Jahr votk ungefähr 800 Kindern besucht. Unser Kolonisationswerk in Kanada hat gleichfalls in 1926 neue Fortschritte zu verzeichnen. Unsere Siedlungen gedeihen günstig und fahren in der Verbesserung ihrer Ausrüstung und ihrer Methoden fort. Auch die Schulen und die 14 Kurse für Religionsunterricht, die wir in diesem Land subventionieren) zeugen von starker Lebenskraft. Die jüdische Auswanderung richtet sich mehr und mehr nach Kanada, wo im letzten Jahr 4825 Juden eintrafen. Nur mit einem Wort sei unserer Siedlungen in P a l ä st.i n a gedacht. Lange Zeit war es die Jca sozusagen allein, die sich mit der Kolonisation im heiligen Land befaßte, wo sie an der Verwaltung der großen Besitzungen teil hatte, die der jüdischen Landwirtschaft von Baron Edmond von Rothschild erschlossen worden sind. Die Palestine. Iewish Colonization Association erweitert heute diese Kolonien, die sich unseren Hoffnungen gemäß entwickeln. Die vor 30 Jahren und länger in Palästina gegründeten Zentren zählen heute zu den am günstigsten dastehenden des Landes. In Polen haben wir im allgemeinen Veranlassung uns zu den Ergebnissen des letzten Jahres zu beglückwünschen. Die Besserung der Wirtschaftslage hat dazu beigetragen, den normalen Gang der von uns unterhaltenen Schulen zu sichern, sie hat die Hilfsmittel der von uns betreuten Kolonien gesteigert und die Tätigkeit der Darlehenskassen erleichtert. Die vor drei Jahren gegründete Joint-Jca-Foundation hat, wie Sie wissen, in den verschiedenen Ländern Mittel- und Osteuropas das Kreditwerk unserer Gesellschaft und des Joint Distribution Comittee übernommen. In Oesterreich, Estland, Lettland, Litauen, Tschechoslowakei ebenso wie in Polen und Rumänien, Smyrna, Adrianopel hat diese wirksame Zusammenarbeit eine kräftige Aktion, die sich unaufhörlich weiterentwickelt, gestattet. In Rußland, wo auf dem Gebiet des Kreditwesens unsere Tätigkeit selbständig und unabhängig von den anderen Organisationen geblieben ist, haben wir 1926 große Fortschritte erzielt. HÄroAo/Q^/s Na/ins/^ AoMtc/?/ ö^S^i, u/A^ ösnIhmH