Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 5 (1.1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 140 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3094266-3094324-3094328--1241-3095961- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Das Fortschreiten der einen und das Zurückweichen der anderen Tendenz ist keine theoretische Angelegenheit, kein Spiel luftiger Gedanken, denn das Schicksal des Einzelnen wird aus- -schlaggebend davon beeinflußt. Ob die Mehrheit des deutschen Volkes die deutschen Juden als ihr gleichwertig und in jeder Hinsicht gleichberechtigt anerkennt oder ob sie sie als einen minderwertigen Fremdkörper betrachtet, davon hängt das Schicksal jedes einzelnen deutschen Juden weitgehendst ab. Das Recht, Gesetzgebung wie Rechtsprechung, paßt sich der landläufigen Anschauung an. Setzt sich die Rassentheorie durch, so wird der Jude als von vornherein minderwertig anders beurteilt und verurteilt, es werden ihm Rechte versagt, die dem „Heimischen" zustehen, es werden ihm Ausnahmen, Einschränkungen, Kontingentierungen auferlegt. Sein Anteil am Staate wird ihm entzogen. Auf alle Staatseinricktungen, die den Bürgern dienen, hat er kein Anrecht. Seine gesellschaftliche Stellung ist die einer verachteten Klasse und dementsprechend seine wirtschaftliche Lage. So entscheidet der geistige Kampf über das reale Schicksal jedes Einzelnen, sei es hin zur vollen Gleichberechtigung, oder zurück zu einer Pariastellung. Sollen wir in diesem Kampf Hammer oder Amboß sein? Diese Frage ist längst entschieden, seit vor mehr als 30 Jahren der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gegründet wurde und durch ihn das deutsche Judentum tatkräftigst und nachdrücklichst in den Kampf eingegriffen hat. Heute ist erkennbarer wie je, wie bedeutungsvoll und wirksam dieses Eingreifen ist. Wir stehen in einem Uebergangszeitalter, das die Erlebnisse und Erfahrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit, die, mehr als uns bewußt, uns beherrschen, einordnet in das Weltbild normaler Zeiten. Manches vom Geist jener Jahre wurde und wird noch abgestreift, anderes bleibt verloren. Kämpfen wir dafür, daß nichts vom Ungeist jener Zeit verewigt wird. Zu diesem Ungeist gehört vor allem jene Kriegspsychose, die vor dem Gegner zugleich Angst hat und ihn als minderwertig herabsetzt, eine Kriegspsychose, die in der Nachkriegszeit das Objekt gegen den Juden vertauscht hat. Sie drückt sich aus in einer pathologischen Angst vor jüdischer Weltherrschaft (man lese Müller-Claudius: Deutsche Rassenangst, Berlin, C. A. Schwetzschke & Sohn), sie erlebte ihren Höhepunkt in der Riesenauslage der „Protokolle der Weisen von Zion^ und ist verknüpft mit einer nie dagewesenen Herabwürdigung alles Jüdischen. Gegen diese Psychose gibt es ein Mittel: Klarheit, Aufklärung. Zunächst durch rücksichtslose Klarstellung aller, auch der unscheinbarsten falschen Angaben über Juden und Judentum und Anprangerung all derer, die solche falschen Angaben und Verleumdungen wider besseres Wissen verbreiten. Jede Verleumdung, jede Falschmeldung trägt dazu bei, uns in den Augen Objektivseinwollender herabzusetzen. Deshalb muß jeder Einzelne mit allen juristischen und publizistischen Mitteln verfolgt werden. Darum ist der vor einigen Jahren vom Direktor des Zentralvereins, Dr. Ludwig Holländer, angestrengte Prozeß gegen den bekannten Hammer-Verleger Fritsch, in welchem Fritschs Fälschungen von Talmudzitaten gerichtlich festgestellt wurden, darum ist der kürzlich in Bamberg geführte Prozeß, in dem der gerichtliche Nachweis der Unwahrheit, Verleumdung und Religionslästerung jener antisemitischen Behauptungen erbracht wurde, das Judentum enthalte Vorschriften, die der Sittlichkeit widersprechen, von überhaupt nicht zu überschätzender Bedeutung. Und nicht anders verhält es sich mit der jahraus, jahrein erfolgenden Festnagelung und Bestrafung all der Herabwürdigungen und Verleumdungen des Judentums, die an einer Stelle ausgesprochen, sofort in ganz Deutschland verbreitet sind und die Anschauungen des ganzen Volkes-beeinflussen. Diese negative Aufklärungsarbeit bedarf der positiven Ergänzung. Wieviel Unkenntnis, Irrtümer und daraus folgend jüdische Minderbewertung findet man bei Menschen von ehrlichem Charakter, von Willen zu Objektivität und Rechtlichkeit, und als solche darf man doch die erdrückende Mehrzahl des deutschen Volkes ansehen. Diese über die religiösen Lehren, die Literatur, soziale Lage, Geschichte und Gesinnung der Juden durch objektive Darstellung aufzuklären, fällt auf fruchtbarsten Boden. Die Publikationen, die diesem Zwecke dienen, sind Wohl allen Lesern dieses Blattes bekannt: die vielseitige Literatur, die der Philoverlag herausgibt und besonders die an 90 000 christliche Bezieher kostenlos gehende „C.-V.-Zeitung". Es ist außerordentlich interessant, immer und immer wieder von Empfängern der letzteren zu hören und zu lesen, welche Aufmerksamkeit sie den Ausätzen der „C.-.V- Zeitung" schenken, es ist befriedigend, das ehrliche Eingeständnis zu erfahren, daß durch die Lektüre der „C.-V.-Zeitung" die Beurteilung der Juden eine andere geworden sei, und es ist erfreulich festzustellen, wie durch diese streng objektiv gehaltene Aufklärungstätigkeit der Werbearbeit und dem Missionsdrang der Rassenfanatiker Schranken gesetzt werden. Ein Blick auf die geistigen Strömungen innerhalb der Jugend unserer Zeit, der Generation, die in einem Jahrzehnt die Geschicke des deutschen Volkes bestimmen wird, zeigt, wie sel)r gerade heute die Lage der deutschen Juden von dem Ausgang dieses geistigen Ringens abhängt. Der Lauf dieser Untersuchungen über die augenblickliche Situation antisemitischer Tendenzen in unserem Lande und seine Bekämpfung ergibt: Diejenigen, die überall Antisemitismus sehen, und die, die ihn nirgends erblicken, beide, die sich mit dieser falschen Beobachtung untätig abfinden, sind an der Oberfläche geblieben. Tatsächlich ist neben denen, die unwandelbar antisemitisch, und denen, die überzeugungsstark keinerlei antisemitischen Einflüssen zugänglich sind, eine große, große Zahl Werdender, Reifender, ihre Meinung sich neu Bildender, Argumenten von hüben und drüben Zugänglicher. Sie werden wir überzeugen können, da die Wahrheit der Tatsachen für uns ist, aber nur dann, wenn wir auch die Aufgabe erfüllen, sie die Wahrheit erkennen zu lassen. Dieser Aufgabe entzieht sich noch immer eine Minderheit unter uns, die ewig Gleichgültigen, die ewig Kleinlichen, die stets Bequemen und nie Opferbereiten. Sie sollten eingedenk sein, daß in diesem chweren Ringen um einen großen, wertvollen Teil unseres deutchen Volkes niemand entbehrt werden kann, sie sollten eingedenk ein, was sie der Zukunft, der kommenden jüdischen Generation in Deutschland schulden. oSefAeMe/? SV KvsnaHmep/'e/se// ^öme/-<?><?/?s/,/5s . , . 5V, <5,7L Hooh/7w^6/7?e ^s/ns, oo//s/ä/?<//F c/ll^Keml/s/e^/ <?>,ms Bs//Ä Vse/S , , M S.7L /7?<?<^6/N6 c?/^6//s/?, vo//6/«s/?<^ c^//'aö^S/7?^L/6/'/ ew/^/säs/F ^4ttF«s/ ^oe/^e^s/A oiavk^iiee« erkalten Lrote, iVlenI, Kompotte etc. stets kriscn in äer Kinkvrn-Spotkeke Frankfurt s. «VI. k?stksnsup!stt 1 ssernsprecker: ttanss 3M347 Verlangen 8ie ditte LpesisI-preisUste. Ii.. Altbekanntes SpezialHaus feiner Lederwaren, Koffer und Reise-Effecten Loewenherz gegt.1881 Goethestraße 13 gegt.1881 Große Auswahl Billige preise