Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 5 (1.1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 137 (sequence 5)
- Language
- German
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137 2. M i s ch e h e n. Die Kurve der neugeschlossenen Mischehen zeigt annähernd denselben Verlauf wie die der reinen Ehen, auch hier fällt der Höhepunkt auf das Jahr 1920, mil Abnahme der rein Mischen Eheschließungen der letzten vier Jahre sinkt auch die Ziffer der Mischehen. Sie betrug in den Jahren 1923—26 278. Im Verhältnis zur Zahl der geschlossenen rein jüdischen Ehen ist jedoch eine Z unah me der Mischehen in den Jahren 1923—26 zu verzeichnen. Auf 100 rein jüdische Eheschließungen entsielen Mischehen: 1919 . . . 20,6 1920 . . . 25,4 1921 . . . 26,1 1922 . . . 27,1 1923 . . . 25.4 1924 . . . 33,3 1925 . . . 43,0 1926 . . . 30,4 Das Ansteigen der Mischehen in den letzten fünf Jahren wird übrigens auch für die Gesamtbevölkerung festgestellt; in den letz en Jahren der Vorkriegszeit betrug der Anteil der Mischehen in Frankfurt a. M. durchschnittlich 34 in den ersten Kriegs- -jahrcn stieg er durchschnittlich aus 39 ging dann wieder zurück, stieg jedoch in der Nachkriegszeit und zwar 1621 auf 35 A und erhob sich im Laufe der letzten fünf Jahre auf einen Betrag von 37 A im Jahre 1925. Die fast regelmäßige Beobachtung, daß bei den jüdisch-christlichen Mischehen die Männer stärker beteiligt sind wie die Frauen, trifft auch für die Jahre 1923 bis 1926 mit Ausnahme des Jahres 1924 zu. Hier überwogen die Frauen mit 43 bedeutend die Zahl der jüdischen Männer, die 17 betrug. 1923 waren es 57 Männer gegenüber 32 Frauen, 1925 53 Männer und 24 Frauen und 1926 32 Männer und 22 Frauen, die eine Mischehe eingingen. II. Die Geburtenziffer. 1. D i e e h e l i ch e n G e b u r t e n. Die absolute Ziffer der ehelichen Geburten bewegt fich 1923 in absteigender Linie, besonders bemerkenswert ist, daß sie von 1925 aus 1926 von 416 auf 350 fiel. Immerhin betrug die Gesamtzahl der Lebensgeborenen 1923—26 1700 gegen 1714 in den Jahren 1919—1922. Sie ist also annähernd gleichgeblieben. Gegen die vier Vorkriegsjahre 1910—1913 mir 1299 Geburten ist sie jedoch erheblich höher. 2. Die unehelichen Geburten. Die uneheliche Geburtenziffer ist im ständigen Abnehmen begriffen. Die Zahl der unehelichen jüdischen Geburten (Lebendgeborene) betrug in den Jahren 1923—26 89 gegen 127 in den Jahren 1919—22. Sie ist also erheblich gesunken und hat damit die Vorkriegsziffer 1910—13 mit 91 unehelichen Geburten ungefähr wieder erreicht. Die Abnahme der unehelichen Geburten zeigt auch die Relativziffer; auf 100 eheliche Geburten entfielen uneheliche: 1913 7,7, 1919 7,0, 1920 6,4, 1922 7,1, 1923 5,3, 1924 5,5, 1925 5,0, 1926 4,8. Demgegenüber betrug 1925 bei der Gesamibevölkerung der Prozentsatz der unehelichen Geburten 14,08, wobei die Ziffer ';edoch aus der Gesanltgeburtenziffer, also inklusive der Totgeburten, berechnet ist; die Unehelichkeit bei den Juden beträgt demnach nur ein Drittel gegenüber der der Gesamtbevölkeruna. 3. Die G e b u r t e n z i s s e r d e r ch r i st l i ch - jüdischen Mi s chehe n. Bei Berechnung der Geburtenziffer der Juden können außer den Geburten aus den rein jüdischen Ehen und den unehelichen Geburten diejenigen Geburten, die aus Mischehen stammen, nicht außer Betracht bleiben, wenngleich hier der sichere Boden der Statistik nicht eingehalten werden kann. Wenn auch ein Teil der aus Mischehen en.stammenden Kinder dem Judentum zugeführt wird, so ist doch nicht sicher, wie hoch dieser Anteil ist. Üblicherweise wird angenommen, daß es der vierte Teil ist. Es wurden 1923—26 162 aus Mischehen stammende Lebendgeburten notiert gegenüber 91 in den Jahren 1919—22. Eine feststehende Tatsache ist die Unterfruchtbarkeit bei den Mischehen. Die abnorme geringe Geburtenzahl bei den Mischehen erhellt auch, wenn man die Zahl der geborenen Kinder zur Zahl der neugeschlossenen Ehen in Beziehung setzt; es entfielen 1923—26 auf jede neugeschlossene rein jüdische Ehe 2,2 Geburten, bei den Mischehen jedoch nur 0,59. 4. Die Totgeb u r t e n. Von 100 Geburten (Lebend-'und Totgeburten, ehelichen und unehelichen) waren Totgeburten: bei der Gesamtbevölkeruna bei den Juden 1923 3,6 ' 2,6 1924 3,7 1 3 1925 4,0 1,5 1926 3,1 2,7 Durchschnitt 3,7 2,0 Die To^geburtenzifser bei den Juden ist demnach beinahe die Hülste kleiner wie bei der Gesamibevolkerung; damit ist ungefähr der Vorkriegsstand wieder erreicht, nachdem die Totgeburtenrate im Jahre 1918 und 1919 auch bei den Juden stark gestiegen war. Die Totgeburtenziffer bei den unehelichen und bei den gemischten Ehen ist so niedrig, daß es nicht angängig ist, Berechnungen anzustellen. 5. Geburtenziffer und Bevölkerungsziffer. Wenn wir nunmehr die Geburtenziffer auf die Einwohnerziffer berechnen, so müßte erstere korrekterweise auf die Zahl der im gebärsähigen Alter stehenden d. h. auf die 15—50j'ihbevölkerung beziehen. Danach betrug diese in Frankfurt a. M. im Jahre 1925 auf 1000 der jüdischen Bevölkerung 15,1. Sehr lehrreich ist der Vergleich der früheren Ziffern der jüdischen Geburten mit der Geburtenziffer der Gesamtbevölkerung. Es entfielen Geborene: auf 1000 der Ges.-Bev..' auf 1000 Juden 1880 32.3 22.3 1865 23,6 13.2 1890 26.6 18.3 1895 28.5 16 6 1900 30.3 18.0 1905 23.6 15.6 1910 24.4 13.6 1925 13.9 15.1. Es ergibt sich demnach die äußerst bemerkenswerte Tatsache, daß die Geburtenziffer bei den Frankfurter Juden gegen 1910 zugenommen und daß sie die Geburtenziffer der Gesamtbevölkerung überflügelt hat, die 1925 nur 13,9 betragen hat. 1880 betrug die Geburtenziffer bei den Inden 22,3 gegen 32,3 bei der Gesamtbevölkerung: sie war demnach bereits ein Drittel niedriger; seitdem ist die Geburtenziffer bei den Juden wie bet der Gesamtbevölkerung ständig bis zu dem Jahre 1925 gefallen. An und für sich ist es nicht verwunderlich, daß die Geburtenziffer der Juden höher ist wie bei der Gesamtbevölkerung, weil bei ersteren wegen ihrer geringen Kinderzahl die Ziffer der im mittleren und auch im höheren Lebensalter stehenden Personen höher ist wie der Durchschnitt der. Bevölkerung. 6. Das Geschlechtsverhältnis der Geborenen. Bei den jüdischen Geburten entfielen auf 100 Mädchen Knaben: 1923 ..... 93.5 1924 ..... 94.5 1925 ..... 111.1 1926 ..... 115,1 Die allgemeine Regel, daß die Ser.ualproportion bei den Juden höher ist wie bei der Gesam: bevölkern ua. erlitt in Frankfurt a. M. seit dem Krieg eine Störung. Während des Krieges nahm der Knabenüberschuß sehr wesentlich ab. Es überwiegen meist die Mädchengeburten. Nach dem Kriege nimmt die Kurve einen sehr unregelmäßigen Verlauf: dem starken Knabenüberschuß im Jahre 1918 folgt das mädchenreiche Jahr 1919. 1920 22 zeigt sich ein steigender Knabenüberschuß, 1922/23 haben die Mädchen wieder die Oberhand. 1925/26 dagegen überwiegt wieder das männliche Geschlecht. Derselbe unregelmäßige Verlauf der Kurve der Sexualproportion zeigt sich auch bei der Gesamtbevölkerung. Eine Parallele in den Schwankungen bei letzterer und den jüdischen Geburtenziffern ist jedoch nicht nachweisbar. III. Sterblichkeit. 1. Die Gesamtst erblich'? eit. Bis zum Jahre 1910 war die Sterblichkeit der Juden in Frankfurt in ständiger Abnahme begriffen. 1910 hat sie wieder zugenommen; sie betrug hier 13,6 gegen 11,5 im Jahre 1905, auf 1000 der Gesamtbevölkeruna. berechnet. 1925 blieb sie mit 13,6 auf demselben Stand wie 1910; da jedoch die Gesamtsterblichkeit in Frankfurt 1925 nur 10,9 betrug, übertrifft nunmehr die Sterblichkeit der Juden recht erheblich die Ge s a m t st e r b l i ch k e i t. Woher rührt nun die erhöhte Sterblichkeitsziffer bei den Frankfurter Juden gegenüber der Gesamtbevölkeruna.? Man könnte an die erhöhte Geburtenziffer denken, die, wie wir ja gesehen haben, bei den Juden eine höhere ist, wie bei der Gesam bevölkerung, wie unigekehrt die stetige Abnahme der Sterblichkeitsziffer, abgesehen, von den Kriegsjahren, ihre Hauprursache in der ständigen Abnahme der Geburtenziffer hat. Die erhöhte Geburtenziffer würde alsdann dtwch die vermehrte Säuglingssterblichkeit auf die Höhe der Gesamtsterblichkeit von Einslutz sein. Daß jedoch hierin der Grund nicht zu suchen ist, ergibt sich daraus, daß der Anteil der Säuglinge an der Gesamtmortalitäl bei den Juden nur 4.4 Prozent beträgt gegenüber 9,1 bei der Gesamtbevölkerung. Es bleibt demnach nichts anderes übrig, als die erhöhte Sterblichkeitsziffer der Juden in dem Umstand zu suchen, daß die jüdische Bevölkerung viel mehr Personen der höheren Altersklassen aufweisen muß als die Gesamtbevölkerung.