Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 5 (1.1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 135 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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135 Das sind nicht winselnde Sklaven, die vor einem orientalischen Despoten auf dem Bauch liegen. Das sind Männer, die ihren Wert kennen. Sie sind überzeugt, von Gott Recht und Gerechtigkeit fordern zu dürfen, weil er der Gott der Gerechtigkeit ist. Vom bittern Sarkasmus geht ihr Ton in hingebungsvolle, vertrauende Demut über. Trotzig bekennen sie der ganzen Welt gegenüber ihren Gott und erhobenen Hauptes rühmen sie sich vor Gott ihrer Treue, ohne aber am Ende viel Wesens aus ihr zu machen, denn schließlich soll er sie „nur um seiner Gnade willen erlösen." Ist das der Ausdruck eines Kontraktes auf der Basis 60 ut cle8? Und noch auf einen Punkt muß bei dieser Gelegenheit aufmerksam gemacht werden: es wurde gesagt, daß das Verhältnis Israels zu Gott unter dem Bilde'eines Ehebundes angeschaut wurde. Dies wird sogar täglich beim Anlegen der Tephillin durch die Umwicklung des Gebetriemens um den Mittelfinger der Linken, gleich einem Ehering, symbolisiert, wobei der charakteristische Vers aus Hosea gesprochen wird: „Ich traue dich mir an auf ewig; ich traue dich mir an durch Gerechtigkeit und Recht, durch Liebe und Barmherzigkeit; ich traue dich mir an in Treue, und du (weiblich) wirst Gott erkennen." Gleichwohl hat diese Vorstellung nie eine Abbiegung ins Sinnlich-Erotische erfahren. Es ist für den Folkloristen interessant, daß diese Vorstellung in der primitiven Volkspoesie der Juden ihre naiv-fröhliche, man möchte sagen humoristisch-herzliche Abspiegelung gefunden hat: bekannt ist die sogenannte „Kethubbah," die Trauungsurkunde zwischen Gott und Israel, die im Volke in vielen Versionen kursierte. Stimmungen, wie sie in manchen Ergüssen der christlichen Mystik festgehalten sind, hatten bei uns keinen Raum. Jene scharfe, feine Linie, wo die religöse Extase in das Erotische umschlägt, ist im Judentum nie überschritten worden. An schüchternen Anläufen hierzu hat es auch bei uns nicht gefehlt, namentlich im 16. und 17. Jahrhundert, als die mystische Schwärmerei überhand nahm. Aber alle diese Anläufe wurden von den Rabbinen, und gerade von solchen, die selber im Banne der Mystik standen, mit so viel Energie und Rücksichtslosigkeit wie Klugheit und seinem Verständnis im Keime erstickt, daß sie keinen nennenswerten Schaden stiften konnten. Der jüdische Gottesbegriff war vom Urbeginn rein geistig, streng übersinnlich gefaßt worden. Die ganze Energie und die ganze Kraft der Lehrer wurde zusammengefaßt und auf diesen Punkt konzentriert: die Gottheit als absolut jenseits aller sinnlichen Wahrnehmung, als übermenschlich und überweltlich zu begreisen, sodaß es absolut ausgeschlossen war, daß die Liebe zu ihr, bei aller Glut und Hingebung, sinnliche Begierden zu erwecken vermocht hätte. Diesem großen Gedanken wurde der natürliche plastische Trieb, der Drang zur bildlichen Darstellung, geopfert. Wir sind bis auf die neueste Zeit, unserem rein geistigen Gottesbegriff zuliebe, ein kunstloses Volk geblieben. Wir wissen genau, daß wir mit diesem hohen Opfer für uns und die Menschheit etwas unendlich Kostbares erkauft haben und es bewahren wollen. Erst als der heidnische Trieb zur Versinnlichung der Gottheitaus der Seele unseres Volkes so gründlich ausgerottet war, daß von dieser Seite keine Gefahr mehr drohte, durften wir dem künstlerischen Trieb frei die Zügel schießen lassen. Die Werke der jüdischen Maler und Bildhauer seit Beginn des 19. Jahrhunderts sind da, um Zeugenschaft abzulegen, daß unser Können auf diesem Gebiete nicht zu verachten ist. Allein, eben diese Natur des jüdischen Gottesbegriffs war auch das Haupthindernis seiner Verbreitung in der Welt. Jener Umwandlungsprozeß, der viele Jahrhunderte vor Christus in der Seele des jüdischen Volkes vor sich gegangen war und es befähigte, dem einig-einzigen, rein geistigen Gott die ganze Herzenswärme.^und Aufopferungsfähigkeit zuzuwenden, war so ungeheuerlich, daß er nicht so bald wiederholt werden kann. Die große und mächtige Propaganda, die das Diasporajudentum nahezu zwei Jahrhunderte hindurch vor Christus in der griechischen Heidenwelt für den Monotheismus gemacht, hat sehr tiefe Wirkungen ausgeübt. Aber sie war nicht stark und andauernd genug, um die heidnische Welt so weit umzubilden, daß sie für die jüdische Theophilie und den jüdischen Monotheismus reif geworden wäre. Der Gott des aristotelischen Monotheismus war ein abstrakter, kalter Begriff, ein Gott der Retorte und der Studierstube. Und die Götter des Olymp waren, ach, schon so lange tot, sie waren lange vor dem Aufblühen der griechischen Philosophie gestorben. Sie waren im Grunde tot geboren. Die ganze damalige Menschheit sehnte sich nach einem Gott, den sie verehren und lieben konnte. Sie war bereit, den Gott Israels anzuerkennen, aber ihn sich so zu denken wie die Juden, und ihn zugleich zu lieben, dazu war sie noch lange nicht reif. Es hat wenig genützt, daß Paulus ihr das ganze „Gesetz" des Judentums erließ und sogar das jüdische Volk preisgab. Hier bedurfte es einer größeren Konzession: sollten die Heidenvölker Gott lieben, so mußten sie ihm ein Wesen in Menschengestalt hinzugesellen. Hier hörte das gegenseitige Verstehen auf. An diesem Punkte schieden sich die Wege beider Religionen. Und noch Jahrhunderte später prägten die Rabbinen eine rührend naive und unbeholfene Formel, um den Dualismus oder auch die Dreifaltigkeit im Christentum zu entschuldigen: „l^mmvt 1o ni?ta>vwu gl kssckittupk", d. h. den nichtjüdischen Völkern ist es nicht verboten worden, dem einzigen Gott noch ein menschenähnliches Wesen hinzuzugesellen in der Verehrung; sie können es nicht anders, man darf ihnen das nicht verübeln, sie sind trotzdem keine Götzendiener, keine Heiden mehr; sie beten Gott, den Einzigen, an. Wir Juden haben das freilich nicht nötig. Wir! wissen: Er ist einig-einzig, allein, übersinnlich, rein-geistig, i überweltlich und ist doch der Ewige, der barmherzige und! liebreiche Gott, langmütig und gnadenreich, stark in Treue und Wahrhaftigkeit, er hütet seine Gnade dem tausendsten Geschlecht. Ein Gemeindehaus. Das Dichterwort „Die Räume wachsen, es dehnt sich dasHaus" läßt sich in der Praxis leider nicht verwirklichen. Wenigstens haben die Räume des Gemeindehauses in der Fahrgasse, von denen hier die Rede sein soll, bisher keinerlei Zeichen selbständigen Wachstums von sich gegeben. Es scheint aber an der Zeit zu sein, daß nicht nur die Gemeindeverwaltung — im Vorstand wurde die Frage öfters erörtert —, sondern auch die weiteren Kreise der Gemeinde sich die Frage vorlegen, ob es nicht im allgemeinen Interesse liegt, hier sehr bald Wandel zu schaffen. Jahrzehnte hindurch verfügte die Gemeindeverwaltung nur über sehr beschränkte Räume, zuerst in der Hauptsynagoge, später in der Hochstraße, und als sie 1921 in das frühere Rothschildsche Bankhaus umzog, konnte man in der Tat glauben, daß hier ein dauerndes Heim gefunden sei. Aber mittlerweile war der Ausgabenkreis und mit ihm der Raummangel derart angewachsen, daß er schon jetzt immer fühlbarer und kaum mehr erträglich geworden ist. Nacheinander sind eine große Reihe von Verwaltungszweigen teils neu geschaffen, teils umorganisiert worden, insbesondere eine technische Abteilung, das Gemeindeblatt, die umfangreiche Kartei- und Steuerabteilung, das Museum jüdischer Altertümer, die Gemeindebibliothek mit Leseraum. Dazu kommt, daß mit dem Inkrafttreten der neuen Gemeindeverfassung die Zahl der Verwaltungsmitglieder von 13 (je 9 im Borstand und Ausschuß) auf 51 (15 Vorstandsmitglieder, 36 Gemeindevertreter) angestiegen ist, und daß dieser fast verdreifachten Zahl eine entsprechende Vermehrung der Kommissionen folgte, wodurch wiederum eine sehr starke Zunahme der Sitzungen bedingt war. Für alle diese Verwaltungsfunktionen fehlt es schon lange an ausreichendem Raum, und es genüge, auf die Tatsache hinzuweisen, daß bei voller Präsenz die Gemeindevertretung in ihrem jetzigen Sitzungssaal überhaupt nicht angemessen unterzubringen ist, vom Publikum und der Presse ganz zu schweigen.