Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1928-01-01 · 5 (1.1928) · p. Seite 134

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
6 (1927-1928)
Issue
5 (1.1928)
Date
1928-01-01
Page
Seite 134 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3094266-3094324-3094328--1235-3095955
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

dich verhängt. An die Todesbereitschaft für Gott muß man auch denken beim Aussprechen des Wörtchens „echad", weshalb dessen letzte Silbe gedehnt wird. Außerhalb des Judentums ist die griechische Philosophie durch Aristoteles, der Platos Gedanken hierin konsequent entwickelt, dem jüdischen Gottesbegriff am nächsten gekommen, weshalb denn auch die Juden der griechischen Philosophie so sehr Zuneigten und insbesondere diesen beiden Denkern fast religiöse Verehrung zollten. Aber für Aristoteles war der Monotheismus nur die beste Erklärung des Weltgeschehens und ließ sich am bequemsten mit seinem gereisten Denken vereinen. Daß man aber Gott lieben oder von ihm geliebt werden könnte, kam ihm, wie er selber sagt, absurd, ja unziemlich vor. Zwischen Göttern und Menschen könne keine Liebe und Gegenliebe bestehen, und es wäre ungeziemend, wenn einer sagte, er liebe Zeus. So dachte und empfand einer der größten heidnischen Geister. Und nun vergleiche man damit die angeführten jüdischen Gebete, um die ganze Kluft zu ermessen, die die beiden Weltgefühle trennt. Freilich war der Monotheismus die unerläßliche Bedingung der jüdischen Theophilie. Denn wenn ich zehn Vater habe, die noch dazu, wie in Indien und Griechenland, einander die gröbsten Injurien an den Kopf schleudern, sich die Weiber abjagen und gegeneinander intrigieren, so kann ich keinen von ihnen wahrhaft lieben. Die Erkenntnis oder Offenbarung, daß es nur einen einig-einzigen Gott geben kann, konnte nur aus dem tiefen Bedürfnis erblühen, ein Wesen zu besitzen, dem man eine kindliche, freudige, hingebungsvolle, dankbare, vertrauende, nichts als dieses Wesen und seine Gegenliebe allein verlangende Liebe widmen konnte. Daß ein solches Wesen nur einig-einzig, unteilbar und unvergleichlich sein konnte, ist klar. Aus der Sehnsucht nach einem solchen Gefühl mußte zwangsläufig der absolute jüdische Monotheismus erwachsen, mit seiner ganzen Schroffheit und Strenge und Eifersucht. Liebe ist ohne Eifersucht nicht denkbar, und wenn das Verhältnis zwischen Mensch und Gott auf Liebe beruht, ist es ohne Eifersucht nicht denkbar. Die Sehnsucht nach der vertrauensvollen Liebe, die sich durch die ganze jüdische Gebetliteratur hindurchzieht, ist wohl das Primäre in der jüdischen Volkspsyche gewesen, und daraus entsprang der jüdische Monotheismus. Da die Freude und die Dankbarkeit in den jüdischen Gebeten eine solche Rolle spielen, so sind wohl die jüdische Wellfreude und der jüdische Oplimismus von Anbeginn starke Motive des Monotheismus gewesen. Wäre der Inhalt der jüdischen Religion der Monotheismus allein, dann hätte Paul de Lagarde recht mit seiner Behauptung, die Lehre von der Einheit Gottes sei jeden religiösen Wertes bar. „Der Monotheismus," sagte er „hat aber mit der Religion in Wahrheit nichts mehr zu tun, als das Wissen um die Einwohnerzahl Deutschlands mit dem deutschen Patriotismus zu tun hat." Ferner: „Der Monotheismus der Juden steht auf einer Stufe mit dem Berichte eines zur Intendantur kommandierten Unteroffiziers, der das Dasein von nur einem Exemplar irgendeines Gegenstandes meldet." Ja, aber der Unteroffizier liebt diesen einzigen Gegenstand gar nicht, er ist ihm vollkommen gleichgültig, geschweige daß er sich für ihn töten ließe. H. St. Chamberlain seinerseits dekretiert: »Die Arithmetik hat mit der Religion nichts zu tun." Diese Weisen übersehen nur, daß die Arithmetik, welche die absolute Eins hervorbrachte, jenen starken und bedeutungsvollen Umschwung im Gefühlsleben möglich machte, der den Monotheismus zur Grundlage aller Religion der Kulturmenschheit werden ließ — ein Prozeß, der übrigens noch lange nicht vollendet ist. Alle die zahlreichen Werke, in denen mit Hilfe der Ethnologie, der Urgeschichte, der Psychologie, der Philologie, der Erkenntnistheorie die „semitische Religion" erklärt und dargestellt wird (vorausgesetzt, daß es eine solche überhaupt je gegeben hat), 134 geben uns über das Judentum gerade soviel Auskunft, wie z. B. das Goethehaus in Frankfurt über Goethes Dichtungen. Im Bereiche der heidnischen Kulturreligion ist nur die indische Bhakti der jüdiichen Auffassung einigermaßen nahegekommen. Das Wort ist wohl am besten mit dem hebräischen „Ch esed" wiedergegeben, es bedeutet Liebe, Gnade, Hingabe. Die Bhakti-Religion tritt uns am vollendetsten im Baghavadgita entgegen, das ungefähr um 300 v. Chr. niedergeschrieben sein soll. Damals hatte der jüdische Monotheismus seinen vollständigen Kristallisationsprozeß seit Jahrhunderten abgeschlossen. Im Baghavadgita erhebt sich die Bhakti- Religion zu einer ungewöhnlich hohen Stufe von Reinheit und Tiefe. Sie ist beinahe ethischer Monotheismus. Im Mittelpunkte steht der ewige eine Brahma, der ohne einen zweiten neben sich die einzige Wirklichkeit ist, ein persönlicher Gott, den man in herzlicher Hingabe lieben darf und soll, der dem frommen Verehrer Liebe entgegenbringt. Die Bhakti macht seinen eigentlichen Kultus aus. Aber — nach dem Urteil Ed. Lehmanns — „es liegt hier eine Gottesliebe vor, die ohne festes Vertrauen aüf Gott und ohne praktische Verpflichtung gegen Menschen, in unstäten Gefühlswallungen zwischen Furcht und Enthusiasmus schwankt und keiner inneren Entwicklung fähig ist. Auch zerfließt diese Stimmung leicht ins Mystische mit einem Stich ins Asketische und verliert dadurch den persönlich-positiven Charakter." Wie ganz anders ist der Geist, den die diesbezüglichen Stellen der Bibel atmen (Deut. VI, 4—9). Was für einen kostbaren Schatz er in diesen sechs Versen besitzt, wird der Jude erst gewahr, wenn er sich in den Geist der großen Weltreligionen vertieft. Und wie die Juden zuerst die Liebe Gottes in die Welt gebracht haben, so waren sie es, die die Idee des Martyriums geschaffen. (Daß der Jude aber auch für das außerjüdische Martyrium Sinn und Verständnis hatte, beweist das vierte Buch des „Kusari" wohl am allerbesten.) Keinem Inder und keinem Griechen wäre es eingefallen, daß man Qualen, Leiden und Tod auf sich nehmen könnte, um den Namen Jndras oder Zeus' „zu heiligen", wie es der Jude tat und auch alle Zeiten hindurch zu tun nicht aufhören wird. Denn sterben, und noch dazu mit einem Dankgebet, mit Gesang auf den Lippen, kann man doch nur für einen, den man liebt, mehr liebt, als sein bischen armseliges Leben hienieden. Und mit was für Stimmungen sie das taten, das lehrt uns am besten der Psalm 44, der von späteren ähnlichen Liedern wohl an Reichtum des Gefühls und Bewegtheit der Farben, aber nicht an Kraft übertroffen wurde: „Du, du hast uns verlassen und beschämt und ziehst nicht aus mit unseren Armeen. Vor dem Feind läßt du uns zurückweichen, die Hasser dürfen plündern nach Herzenslust. Wie Schafe wirfst du uns zum Fräße hin, unter die Völker hast du uns verstreut. . . Für ein Nichts hast du dein Volk verkauft, gar wenig für es gefordert. Zur Schmach unter unseren Nachbarn läßest du uns werden, zum Gespött unserer Umgebung. . . All das ist über uns gekommen, aber vergessen haben wir dich nicht, und deinen Bund nicht verleugnet. Unser Herz ist nicht zurückgewichen, unser Schrittvon deinem Pfad nichtabgetreten. In die Behausung von Schlangen hast du uns verstoßen und Todesschatten über uns gebreitet. Haben wir gleichwohl etwa des Namens unseres Gottes vergessen und unsere Hände zu einem fremden Gott ausgestreckt? Das möge Gott selbst beurteilen, denn er kennt die Geheimnisse des Herzens. Für dich lassen wir uns den ganzen Tag töten und erachten uns gleich Schlachttieren. Erwache, warum schläfst du! Ewiger, erwache, verlaß uns nicht auf immer! Warum verbirgst du dein Antlitz, vergißt unsere Pein und Not? Steh auf und hilf uns und erlöse uns um deiner Gnade willen!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.