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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1927-12-01 · 4 (12.1927) · p. Seite 97

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
6 (1927-1928)
Issue
4 (12.1927)
Date
1927-12-01
Page
Seite 97 (sequence 9)
Language
German
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Unannehmlichkeiten beschritten werden muß, als ginge es hier um Dinge, die, sofern die Gnade der bemittelten Gemeindemitglieder versagt, eben einfach unterbleiben können, nicht aber um wichtigste Lebensfragen der deutschen Judenheit. Und es kann die Lust uns dle Begeisterung der Jugendlichen nicht fördern, wenn ihrem Streben nach jüdischen Idealen ein Nahmen in Gestalt unwürdiger Räume und rauchiger Wirtschaftslokale gegeben werden muß, wie es heute noch vielfach der Fall ist. Wenn man von offizieller Seite Klagen über die Gleichgültigkeit der Jugend hört, so scheint häufig genug eine Verwechslung von Ursache und Wirkung vorzuliegen. Es wird hoffentlich der heranwachsenden Generation, die schon durch ihre Wanderungen an frische Luft gewöhnt ist, gelingen, einen lebensvolleren Geist in viele Gemeindestuben hineinzutragen. Heute soll — mit der ausdrücklichen Feststellung, daß es anch unter den gegenwärtigen Verhältnissen Gemeinden gibt, die sich ihren Aufgaben in vorbildlicher Weile widmen — nichts weiter gefordert werden als das, was man auch von rein verwaltungstechnischen Organen fVrdern kann und muß: Mittel zu jüdischer Erziehungsarbeit an der schulentlassenen Jugend. Denn wenn inan diese Jugend leer laufen läßt, wenn man in ihr nicht jeden Keim jüdischen Interesses, auf, welchem Gebiet auch immer, erhalten und zu fördern sucht, wenn man die im Hanse oft geübte Gleichgültigkeit zu völliger Erkaltung kommen läßt, dann wird später anch das Wenige an Inhalt, was von der „Gemeinde" noch geblieben ist, zugrunde gehen. So wird die Forderung nach Geld hier wahrhaft zum Geringsten, was man für solche Ziele verlangen kann. Gebt das nötige Geld, es wird gebraucht. Unmittelbarer Dienst an jüdischer Jugend, an jüdischer Zukunft soll damit geleistet werden. Es wird sich tausendfach verzinsen, wenn auch nur ein Teil dieser Jugend dazu beitragen wird, nenes Leben in die Ruinen unserer jüdischen Geistes- und Lebensspbäre zu pflanzen. Die Schuld, die hier in einem Versagen droht, könnte niemals wieder gutgemacht werden. Oeffnet alle Sinn und Herz für die Aufgaben der Gemeinde an der Jugend! Luden und Sport. Von Willy Meist. (Eingesandt vom Reichsbund jüd. Frontsoldaten.) Der Sport ist international. Deshalb können die einzelnen Völker ihren Sport vorerst einmal mit nationalen Zielen betreiben und dabei nationalen Ehrgeiz (keineswegs Chauvinismus) entfalten. Erfolge ihrer Landsleute, besonders bemerkenswerte Leistungen der Volksgenossen sind Anlaß zur Freude. Aber — das Leben eines Volkes hängt nicht nur von der sportlichen Leistungsfähigkeit seiner Jugend ad und — die höhere Leistung des anderen, der Sieg des Bolksfremden ist keine Beleidigung oder Verunglimpfung, sondern lediglich ein Wegweiser zu weiterem Streben, zur Vervollkommnung der eigenen Leistung. Der Deutsche neigt immer dazu, alles ernst zu machen. Ihm fehlt oft der Humor und der Schwung anderer Völker. Sport ist keine Wissenschaft und kein Militärersatz, Sport ist vor allem Spiel, es muß Freude und Vergnügen machen und dadurch seine Jünger anlocken. Daß richtig betriebener Sport die Jugend gesund, stark und lebensfähig macht, daß er einer Nation Ansehen verschaffen kann, daß er ein wichtiger und wirksamer Helfer in der Jugend-, der Volkserziehung ist, das ist alles wahr und ebenso schön wie gut, nur — es muß sich von selbst ergeben. Sonst wird Sport Pflicht, Last und verdirbt es mit der Jugend, die spielen will und muß. So will es ein Naturgesetz, das sich bei den Tieren nicht minder deutlich auswirkt wie beim Menschen. Die Juden standen und stehen noch immer im Rufe einer körperlich minderwertigen Rasse. Daß sie einst ein Kriegsvolk waren — als noch nicht mit Ferngeschützen, Gas und Gewehren gekämpft wurde —, hat man vergessen, vergessen hat man auch, daß nicht die Juden es waren, die sich in Ghettos sperrten, sich von fast allen Berufen, außer dem Handel, fernhielten und nur unter sick> lebren. Man macht den Juden das zum Vorwurf, wozu man sie durch Jahrhunderte mit brutalster Gewalt gezwungen hat. Wo es eine Möglichkeit gab, widmete sich der Jude ebenso dem Handwerk und dem Ackerbau wie sonst ein Bewohner des betreffenden Landes, aber fast überall war er gezwungen, jahrhundertelang unter geistig und auch körperlich ungesunden Bedingungen zu leben. Daß die Juden diese Zeit so überstanden haben, daß sie schon heute wieder, nach so kurzer Zeit annähernder Freiheit eine Art körperlicher Renaissance erleben, das allein zeigt schon, welcher fabelhaft gesunde Kern an Geist und Körper in diesem Volke stecken mußte. Jetzt gibt es auf fast allen Sportgebieten jüdische Athleten, die sich besonders hervorgetan haben. Olympische Sieger waren da und werden Wohl wieder da sein. Der den Deutschen so bekannte Finne Katz, der jetzt bei Bar Kochba (Berlin) ist, holte sich erst bei den letzten Olympischen Spielen 1924 zu Paris den ersten Preis im Mannschaftslaufe mit Nurmi und Ritola und belegte den Weiten Platz in der Steeplechase über 3000 Meter hinter Ritola. Abrahams, der den 100-Meter-Lauf gewann, die 97 umstrittenste Trophäe der ganzen Spiele, ist Jude. Die jüdischen Boxer haben ebenso wie die jüdischen Frontsoldaten der Welt bewiesen, daß die Juden zumindest nicht feiger sind als die Angehörigen anderer Nationen auch. Es hat viele jüdische Weltmeisterboxer gegeben und gibt auch jetzt welche (Benny Leonard, Sammy Mandell, Ted Kid Lewis, das sind nur einige der bekanntesten aus letzter Zeit), aber wir wollen doch lieber danach streben, daß jüdische Amateurboxer und Amateursportler hochkommen und auch da ist schon viel geleistet worden. Es wäre unklug, wenn zu einer Zeit, da die Spitzenleistung im Sport beinahe Weltruf bringt und zwar nicht nur ihrem Vollbringen sondern einer ganzen Volksgemeinschaft, gerade die Juden solche Rekordleistungen negieren wollten. Sie können sie besser brauchen als alle anderen. Freilich tragen sie auch ein so großes Handikap, daß sie seltener erreichen werden als manche, aber verhältnismäßig doch öfter als die meisten. Im Grunde aber möge man sich vor Augen halten, daß der Sport, wie er heute oft betrieben wird, nicht das Ideal darstellt, sondern nur eine Uebergangszeit. Die Masse ist schon erfaßt und wird noch viel vollzähliger erfaßt werden. Die Höchstleistung muß noch organischer von selbst hervorblühen. Der Rekord hat nur Wegweiser zu sein, was heute der eine vollbringt, das erreichen morgen einige wenige und in wenigen Jahren die meisten. Das ist der Zweck der Höchstleistung und deshalb muß jeder streben, seine eigene Höchstleistung von Jahr zu Jahr zu überbieten. Das besondere Talent wird auf diese Weise die Rekordtabellen korrigieren können. Daß heutzutage der Sport und die gesamte Körverkultur überhaupt das Uebergewicht zu haben scheinen, ist eine natürliche Tatsache. Nach Jahrhunderten der Körperkncchtung, der ungeistigen Überschätzung der „Bildung", nach einer beispiellosen Katastrophe der angeblich früher so „geistigen" Welt, nach diesem Jahrzehnt auch körperlicher Verelendung schlägt die- Stunde der Befreiung. Das allzu lange gehemmte Pendel schlägt nun voll aus, aber dieser Ausschlag wird nicht immer gleich groß sein können, er wird sich langsam zu den Ausschlägen aller anderen Lebensgebiete abstimmen und dann im richtigen Mittel schwingen. Gerade die Juden sollten sich nicht gegen die sogenannte Hypertrophie des Körpers wenden, wenn sie auch im geistigen Kampfe noch erfolgreicher fein mögen. Sie sollen sich freuen, daß ihre Jugend mit dabei, mit unter den ersten dabei ist, auch dem Körper zu geben, was man ihm durch Generationen verweigert hat, was sein Recht ist und die Natur gebietet. Der Sport aber soll tüchtig, soll frei machen. Der junge Mensch mag auf ihn mehr Zeit und Mühe aufwenden als auf manches andere, es wird sich ihm und seinem Volke lohnen. Aber Sport ist nicht da, um ewig die Hauptrolle zu spielen .Er ist Vorbereitung und Begleiterscheinung des Lebens, das noch so viele andere Gebiete aufweist. Wenn dann gar Sportler, statt lebensfähig, stark, gesund und doppelt tüchtig, so empfindlich werden, daß sie bei einigermaßen ungünstigen äußeren Bedingungen außer Form kommen, wenn aus Athleten für etwas anderes als sportliche Schaukämpfe unbrauchbare Zierpuppen werden sollten, dann sind wir auf falschem Wege- Sieg ist schön und herrlich, Preis ist angenehm und erfreulich, aber dasZielbleibtdochimmer der Mensch. Ihn in geistig-seelisch-körperlicher Harmonie entstehen zu lassen, ist der Zweck der Uebung. In diesem Sinne sollten die Juden Sport treiben, im Sinne der Bolksveredlung, der Vorbereitung einer natürlichen, gesunden, unverdorbenen, wetterharten und muskelstarken, aber auch geistig gebildeten Generation, die da kommt und wird. Ser Aufstieg des Hauses Rothschild. von Dr. Rudolf Heilbrunn. Stefan Zweig hat jüngst in seiner Darstellung der „Weltminute von Waterloo" in glänzender Weise die Bedeutung jener letzten Schlacht und größten Niederlage Napoleons für das Schicksal Europas gezeichnet. In einer geistvollen Antithese erwähnt er, wie noch umer dem Donner der Kanonen „ein damals fast Namenloser" auf einer Extrastasette die Küste gewinnt, mit dem schnellsten Schiff London erreicht, um dort „dank der noch unbekannten Nachricht die Börse zu sprengen: es ist Rothschild, der mit diesem genialen Zug ein anderes Kaiserreich begründet, die Dynastie des Geldes". Mag diese Darstellung auch nicht vollkommen der historischen Wahrheit entsprechen, in einem höheren Sinne hat der Dichter recht: Waterloo bedeutet das Ende einer alten, die Geburt einer neuen Wellstunde. Und für die neue Zeit hat der Name Rothschild eine fast symbolische Bedeutung gewonnen: die „Finanzbonaparten", wie Heü.e sie nannte, sind in gewissem Sinne für die Restaurationsperiode so charakteristisch, wie es die Erscheinung Napoleons für die Zeit der Revolutionskriege gewesen war. Denn wenn es auch in früheren Zeiten reiche Handelshäuser, große Privatvermögen gab, einen ähnlichen Einfluß', wie ihn das Haus Rothschild nicht nur für die Entwicklung der Wirtschaft Europas in der ersten Hälf.e des neunzehnten Jahrhunderts, sondern auch für die Gestaltung der politischen Verhältnisse aus-

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