Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 4 (12.1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- Seite 96 (sequence 8)
- Language
- German
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besonderer Bedeutung zu sein. Die Gemeinschaftserziehung, die Arbeitsschule und der Konzen trationsunterricht. Es kann nicht die Ausgabe dieser kurzen Ausführungen sein, diese Probleme eingehend zu besprechen. Wir wollen nur an wenigen Punkten zeigen, wie diese neue Richtung der jüdischen Schule" nutzbar gemacht werden kann. Die Schule soll Staatsbürger heranbilden, die bewußt an der Gestaltung ihrer Gemeinschaft mitarbeiten. Wie kann sich staatsbürgerliche Gesinnung innerhalb unserer Gemeinschaft auswirken? Das jüdische Volk ist durch g ö t t l i ch e s G e s e tz zur Gemeinschaft geworden, und die Geschichte unserer Volksgemeinschaft ist die Geschichte ihres Lebens mit der Thora. Diese Eigenart unseres Volkseins gibt der pädagogischen Forderung einen religiösen Sinn, und Verantwortlichkeit, die höchste Tugend im Gemeinschaftsleben, erhält hier eine tiefe Bedeutung. Jeder Jude hat teil an dem unvergänglichen Leben seines Volkes. „Nur die nationale Verankerung des jüdischen Gesetzes im jüdischen Menschen vom ersten Tage an kann uns Thoratreue erhalten." (I. Fellner.) So kann jüdische Gemeinschaftserziehung aufgefaßt werden. Dieses Volksbewußtsein muß die Schule pflegen; dazu hilft ihr eine gute Stoffauswahl und ein gründliches Studium der Quellen: Bibel, Mischna, Gemara, damit eng verbunden: hebräische Sprache und Grammatik, jüdische Geschichte und Landeskunde von Palästina. Die Bildung von freiwilligen Arbeitsgemeinschaften soll hier empfohlen werden; in diesen sollen unter Leitung eines Lehrers einzelne Gebiete aus T'nach gemeinsam durchgearbeitet werden. Wo könnte sich besser das Gefühl gegenseitiger Verpflichtung ausbilden als bei solcher intensiver geistiger Arbeit, wo jeder durch die Ergänzung des Genossen gewinnt. Auch die Disziplin müßte mehr in den Händen der Schüler liegen, damit sich ein echter „Arewut"- (Gesamtverantwortung) Geist entwickeln kann. Was nun die Frage der Arbeitsschule betrifft, so kann unsere jüdische Schule niemals ganz ihren Charakter annehmen; sie darf ihren „L e r n s ch u l ch a r a k t e r" nicht verlieren. Das Lernen steht im Zentrum des jüdischen Lebens, es „ist der Ausgangspunkt, zu dem man immer wieder zurückkehrt. Alle jüdische Erziehung geht doch letzten Endes auf das Gebot der Thora zurück: LTItt OTN^i (Und Ihr sollt sie lehren. . .) Immer wieder wird der Übermittlung von Wissensstoff ein gewisser Raum gewährt sein müssen, wenn wir nicht das Ziel unserer jüdischen Erziehung gefährden wollen." (Halberstadt, d. Arbeitsschule.) Aber als Methode scheint sie uns die einzig gegebene für unsere Schule. Das jüdische Kind soll zum sebständigen Fragen und Lernen gebracht werden. Was könnte es besser dahin führen als früh geübte Selbsttätigkeit? Aus der jüdischen Grundschule liegen Erfahrungen vor über eine erfolgreiche Anwendung dieser Methode. Das Kind zeichnet, malt, formt die Gegenstände, deren hebräische Bezeichnung es lernt; kleine hebräische Lieder und Spiele erhallen den Wortschatz lebendig. Die Buchstaben legt es mit Stäbchen und reiht sie zu Wörtern zusammen; so Prägt sich ihm die hebräische Beschreibung spielend ein; es löst den Stamm vom Worte und gewinnt die ersten Regeln der hebräischen Grammatik. In der nächsten Klasse kann es den Uebersetzungsstoff teilweise selbständig durcharbeiten. Es bringt einen festen Wortschatz mit, die fremden Wörter schreibt es nach Stämmen geordnet nieder. Neben dieser Arbeit an den Quellen werden Sprachübungen gemacht, die auch auf den höheren Stufen fortgesetzt werden. Das Kind soll zum selbständigen Schaffen geführt werden; ganz abgesehen davon, datz in der Sprache das geistige Leben unseres Volkes seinen Ausdruck gefunden hat. In den höheren Klassen werden von den Schülern größere Abschnitte aus T'nach (über die Stoffverteilung bei Michna und Gemara kann ich nicht urteilen) zu Hause vorbereitet, über die in der Schule referiert wird. Die Geschichte ist ein Unterrichtsfach, das in unserer „Gemeinschaftsschule" besondere Beachtung erfahren muß. Aus der Oberstufe sollte der Auseinandersetzung mit den Bewegungen und Strömungen in der jüdischen Gegenwart weiter Raum gegeben werden; ihr Politischer, sittlicher und religiöser Gehalt soll erfaßt werden, damit in dem jungen Menschen Kräfte frei werden für die Gestaltung der jüdischen Gegenwartsausgaben. Im Konzentrationsunterricht soll durch ein Zusammenarbeiten von Fächern die lebendige Einheit der Kultur- und Lebenszusammenhänge erkannt werden. Die Freude am Wissen erwächst, wenn es in solche lebensvolle Beziehungen gebracht wird. Bei allen Fächern ergeben sich Beziehungen zum jüdischen Unterricht; diese müssen gefunden und von den Schülern weiter ausgebaut werden. Dann schafft die jüdische Schule eine Synthese von jüdischer und profaner Bildung. „Erst dann bietet sie eine wahre Lebensanschauung, eine Gesamtorientierung im geistigen Leben, erst dann kann ste die Einheit der Persönlichkeit gewährleisten und vor dem entsetzlichen Gefühl der geistigen Heimatlosigkeit, dem seelischen Golus bewahren." (Carlebach.) Man könnte sehr viel mehr aus diesen pädagogischen Prinzipien für unsere Schule herausholen, aber eine solche Behandlung ginge über den Rahmen dieser kurzen Darstellung hinaus. Wenn nur die jüdische Schule ihre ernste Verpflichtung erkennt, die sie gegenüber einer uralten, ewig lebendigen Tradition hat und die Verantwortung, die ihr jedes ihr zugesührte junge Menschenkind auferlegt, dann wird sie neue Wege suchen und auch finden, um die ihr zugewiesene Arbeit an unserer Gemeinschaft zu leisten. Die Zugend und die Gemeinde. Von Joseph Weinsast (Chemnitz) (Eingesandt vom Verband jüdischer Jugendvereine Deutschlands) Drei Dinge sind es, die zu allen Zeiten für den Geist des Judentums und für die Bestandsicherung der^iüdischen Gemeinschaft bestimmend waren: Gottesdienst, Wohltätigkeit und Jugenderziehung. In diesen drei Begriffen sind bis heute die Aufgaben der jüdischen Gemeinde und ihrer Verwaltungsorgane fest und klar umrissen. Im Dienst an Gott, am Nebenmenschen und am heranwachsenden Geschlecht ist alles vereint, was eine Gemeinde an innerjüoischen Forderungen zu erfüllen bat. Wenn irgendwo zehn jüdische Männer ihren Wohnsitz gefunden hatten, dann wählten sie einen Raum für das Beten und Lernen, bestimmten einen Platz für die Toten und setzten einen Führer und Lehrer für sich und zur Unterweisung der Jugend ein. Wenn der erste unter ihnen abberufen wurde, dann vollzogen die andern, als „Chebrah Kedoschah", eine „heilige Gemeinde", die Totenvflege. Wenn einer ihrer Söhne das dreizehnte Lebensjahr vollendet hatte, dann war er reif genug an jüdischem Geiste, um als „Sohn des Gebotes" der Gemeinschaft der Betenden und Lernenden in all ihren Rechlen und Pflichten „zugezählt" (Minjan) zu werden. Und daß ste den Hungrigen unter ihnen speisten, den Nackten kleideten, den Kranken betreuten, die Witwen und Waisen än ihre Obhut nahmen, das gehörte zu diesen Pflichten. Zeiten und Formen haben sich gewandelt, der heutige jüdische Mensch kann nicht mehr von der jüdischen Lebenssphäre allein ausgefüllt sein, die Gemeinde ist nicht mehr die Körperschaft, in der er sein ganzes Selbst widergespiegelt findet, die gleichsam jeden seiner Tage regelt und beeinflußt, und in welcher er sich in Freud und Leid des Daseins geborgen fühlt, vom ersten Bewußtsein des Kindes bis zum Sterbebett. Alte Aufgaben der Gemeinde sind geschwunden, neue hinzugetreten. Es sei hier nicht davon die Rede, ob nicht so manche heute verkümmerten jüdisch-menschlichen Beziehungen in ihr wieder neu erweckt werden könnten. Aber im Grunde sind die Pflichten der modernen Gemeinde die gleichen geblieben. Moderner Geist und Entwicklung machen vor keiner Erscheinung Halt. So mußte den Forderungen nach gewandeltem Gottesdienst Rechnung getragen werden, so war es notwendig, die soziale Hilfstätigkeit nach ganz neuen, viel großzügigeren Prinzipien zu ordnen. Doch nichts unterscheidet sich so stark von den früher beschrittenen Wegen wie die gegenwärtig notwendigen Forderungen jüdischer Jugenderziehung im Gegenfatz zu denen früherer Zeiten. Der Vater ist nicht mehr Erzieher im altjüdischen Sinne, der Dreizehnjährige ist heute noch ein unreifes Kind. Es ist längst nicht mehr jeder befähigt, einen Gottesdienst zu leiten, zu „lernen" und zu lehren. Wir haben besondere Einrichtungen für den Religionsunterricht, beamtete Lehrer, Seelsorger und Leiter des Gottesdienstes. Für all dies wird seitens der Gemeinde hinreichend gesorgt, es würde sicherlich mehr für die Unterweisung der schulpflichtigen Jugend getan werden, wenn die mannigfachen anderen >an diese gestellten geistigen Anforderungen es zuließen. Die Sorge um den Nachwuchs an Rabbinern und Lehrern hat zu immer besserer Ausgestaltung der Hochschulen und Lehrerbildungsinstitute geführt. Die heutige jüdische Jugend Herläßt aber die Schule und den mehr oder weniger vollkommenen Religionsunterricht nicht mit der Garantie eines in jüdischem Geiste gereiften Menschen, wie es in den engen Grenzen des alten jüdischen Lebens schon der Dreizehnjährige war. Der Vierzehn-, Sechzehn- oder Achtzehnjährige ist gezwungen, in die Fülle gegenwärtigen Lebens zu treren, ohne daß das jüdische Lebenselement in ibm hinreichend gestärkt ist, um ihn zu einem Verantwortlichen Glieo der Gemeinschaft, zum innerlich „Zugezählten" zu machen. Weder Haus noch Schule konnten genügen, der wichtigste Teil jüdischer von der Gesamtheit mitverantwortlich zu tragender Jugenderziehung hat darum hier einzusetzen. Wenn aber der gesunde Instinkt der Jugend, verbunden mit einem allgemeinen lugendlichen Aufschwung zu neuen Idealen und Wegen der Selbsterziehung, hier nicht mit eigener Kraft ganz neue Positionen sich erobert hätte — die Gemeinden hätten diesem Teil der Jugend gegenüber vollkommen versagt und versagen zum Teil noch heute. Sonst wäre es ein Unding, daß man all die Gemeinschaften und Verbände jüdischer Jugend nicht wichtig genug nimmt, um ihre Erhaltung und materielle Unterstützung als einen der Hauptposten im Etat zu betrachten. Sonst wäre es unmöglich, daß hier die Gemeinden das Fundament ihres eigenen Fortbestandes vernachlässigen, und daß beispielsweise der Preußische Landesverband nur eine geringe Summe für diese Zwecke zur Verfügung hält. Die Führer der Jugend in den Verbänden sind sich ihrer ebenso schönen wie verantwortungsvollen Aufgabe bewußt. Aber es zermürbt auch die besten Kräfte, wenn immer wieder der Weg privater Geldfammlung mit all feinen