Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 4 (12.1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- Seite 94 (sequence 6)
- Language
- German
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als Zwischenstation, es ist Galuth für ihn. Deshalb glaubt er Deutschland gegenüber geringere Verpflichtungen zu haben. Dabei ignoriert er, namentlich wenn er nicht auswandert und nur ideell Aionist ist, daß sein ganzes Leben sich Hier abspielt, und daß sein Geschick mit dem Deutschlands eng verbunden ist. So besteht bei jeder der drei Hauptrichtungen eine für sie charakteristische Gefahr und also die Notwendigkeit, die Auffassung >vom Judentum zu korrigieren. Es handelt sich nun darum, die Methode zu finden, die alle vre! Schaden heilt. Sie besteht darin, die jüdische Kultur zu zeigen. Aber'damit darf sie sich nicht begnügen. Sie muß vor allem ihre Wechselwirkung mit anderen Kulturen aufzeigen, denn erst dadurch wird es überhaupt möglich, die eigene zu bewerten. Also nicht durch Mische Geschichte, die die äußeren Ereignisse registriert, sondern durch vergleichende Kulturgeschichte, die geistige Erkenntnisse aufzeigt, muß man die jüdischen Werte vermitteln. Man darf dabei nicht verhüllen, Käß unserer Kultur Werte fehlen, die anderwärts vorhanden sind, denn nur an dem, was uns von anderen Kulturen unterscheidet, können wir unser Verhältnis zu ihnen definieren; und das ist ja in allen drei Fällen das Ziel: Unser Judentum in eindeutige Beziehung -zu setzen zu unseren anderen Bindungen, etwa zu unserem Beruf, oder zum Deutschtum; anders ausgedrückt, ihm den gebührenden Platz m unserem Leben zu geben. Wenn man die Aufgabe der Festigung im Judentum so löst, erhebt sich die Frage, woher der Lehrer das Material zu seiner vergleichenden Kulturgeschichte nehmen soll. Das Material an jüdischem Stoff wird er selbst liefern und so die andere Aufgabe des Religionsunterrichtes erfüllen: Die Vermittlung jüdisch e n W i s s e n s. Aber um Vergleichsstoff mit anderen Kulturen zu haben, muß er sich auf die Kenntnisse stützen, die die Schüler vom geschichtlichen und deutschen Unterricht mitbringen, an Gymnasien auch vom altsprachlichen Unterricht. Diese Fächer müssen ebenso zur Ergänzung des Religionsunterrichtes herangezogen werden, wie die Mathematik heute zur Physik herangezogen wird. Dazu ist es aber nötig, daß der Religionslchrer mit dem Deutschlehrer und den anderen Fachlehrern Fühlung nimmt und sein Pensum an das der anderen Fächer angleicht. So müßte man z. B. bei Mendelssohn verweisen auf Lessing und müßte sich bei seinem Phaedon auf den platonischen Dialog beziehen. Das führt zu der Frage der Verteilung des Lehrstoffes aus die verschiedenen Altersstufen. Bis Fum Alter von 12 Jahren beschäftigt man sich mit der Bibel und mit der Erklärung der Feste und Bräuche. Später nimmt man jüdische Geschichte durch. Diese soll, wie oben gezeigt, zurücktreten zugunsten der Kulturgeschichte. Es fragt sich nun, was man von ihr beibehalten will, und ob man es auf der Mittelstufe bringen soll, im Alter von 12—15 Jahren oder auf der Oberstufe, im Alter von 15—18. Das kann man nur auf Grund des Stoffes entscheiden. H. Grätz sagt von der jüdischen Geschichte: „Denken und Dulden füllen die lange Reihe dieses Zeitraums aus". Nun ist gerade dem Alter von 12—15 Jahren weder das „Dulden" gemäß, noch das „Denken" voll zugänglich. Man wird also hier nur einen kurzen Abriß der Geschichte geben, gerade genügend, um das Geistesgut, das aus dieser Stufe besprochen wird, historisch einzuordnen. Aus der Oberstufe kann man dann die Geschichte ausführlicher behandeln, entsprechend dem besseren Verständnis der Kultur. Aber sie muß immer nur ein ordnendes Prinizip bleiben und darf nie Selbstzweck werden. Eine ähnliche Ueberlegung ist bei der Verteilung des kulturellen Stoffes nötig. Hier ist das Wichtigste, daß im Alter von 12—15 Jahren der Stoff lebendig ist, während spater die Themen bereits wissenschaftlich sein dürfen. Es kommt auf der M i t t el - stufe mehr auf die ansprechende Form an, als auf der Oberstufe, während der Inhalt weniger beachtet wird. Man muß also formal zugespitzte oder ungewohnte oder inhaltlich besonders fesselnde Stoffe vorziehen vor solchen, die inhaltlich gewichtiger, aber formal weniger packend sind. Ein Gegenstand der Mittelstufe könnte etwa das jüdische Recht von der Mischna bis zum Schulchan- Aruch sein. Interessant sind hier z. B. die formalen Regeln, nach denen di'- Mijchna aus der Bibel abgeleitet ist. Andere Gegenstände wären der Sohar oder die Kabbala. Aber diese Stofse darf man nicht isoliert behandeln, sondern muß zeigen, daß andere Kulturen ähnlicbes haben. Hier könnte man etwa die jüdische Mystik mit der deutschen vergleichen oder zum Sohar die griechische Zahlenmystik heranziehen. Endlich müßte man, als Konsequenz aus der starken Bewertung der Form, gerade hier den Urtext oder gute Uebersetzungen heranziehen. Wesentlich ist jedenfalls, daß der Lebrer den Geist des Werkes zeigt, anstatt nur den Inhalt, und daß der Unterricht durch seine Anschaulichkeit fesselt und anregt. Moralisches, Ethisches und Soziales kann man hier kaum bringen. Der Schüler spürt zu sehr die Diskrepanz von Forderung und Erfüllung, so daß er gewiß daraus keine praktischen Konsequenzen zieht; er erkennt es an, aber es langweilt ihn. Außerdem aber übt das Elternhaus hier den maßgebenden Einfluß aus. Moralische, ethische und soziale Stoffe gehören auf die Oberst u f e. Hier hat der Schüler bereits erfahren, wie die Erfüllung der Forderungen im Leben aussieht; er kann beurteilen, was man von ihm verlangt. Aber als Hauptthema gehört auf die Oberstufe eine Einführung in die Kulturgebiete, die der Mittelstufe verschlossen sind; außerdem, im Anschluß an die Geschichte der Neuzeit, eine Darstellung der politischen Richtungen im heutigen Judentum. Der Lehrer muß es über sich gewinnen, den fremden Standpunkt unparteiisch darzustellen. Dabei muß er vor allem zeigen, daß bis jetzt keine allgemeinbindende Lösung der Judensrage existiert. Wenn ich im Vorigen den Religionsunterricht ein „F a ch" genannt habe, so wollte ich damit andeuten, daß er die Verbindung mit den anderen Fächern anknüpfen muß. Aber er sollte mehr sein als ein Fach wie jedes andere. Der Religionslehrer könnre mehr sein als ein Belehrer, er könnte ein Helfer werden. Es gibt Sorgen und Nöte bei den Jungen, namentlich der mittleren Stufe, die durch die überlegene Einsicht eines reifen Menschen leicht beseitigt werden können. Aber der gewöhnliche Weg ist der, daß die Jungen ihre kleinen Sünden für zu groß halten, um sie den Eltern zu beichten, sie werden mit Erfolg versteckt und weggelogen, alles scheint in bester Ordnung. Man meint, der Junge wird ernst und selbständig, aber jedem Sehenden erscheint er bedrückt und einsam. Der Religionslehrer wäre mehr als j»der andere berufen, die Rolle des Sehenden und Helfenden zu spielen, deren Wichtigkeit uns die moderne Psychologie gelehrt hat. Aber um diese Ausgaben zu erfüllen, müßte die Lehr erfrage vollkommen neu und mit großen Aufwendungen an Geld und Arbeit geregelt werden. Erstens müßten die Lehrer nicht nur wissenschaftlich geschult, sondern auch pädagogisch so vorgebildet sein, daß sie den Stoff anschaulich und fesselnd auch für Kinder bieten könnten, und zweitens psychologisch, um die zuletzt gezeigten menschlichen Aufgaben zu erfüllen. Drittens müßte die Zahl der Lehrer erhöht werden, denn heute kommen z. B. in Frankfurt aus einen Lehrer fast 4(1 Kinder, oder aber müßten die Lehrer, die heute vielfach nur nebenberuflich unterrichten, und sonst als Rabbiner und Kantoren tätig sind, sich ganz ihrem Unterricht widmen. Das ist leichter gefordert als durchgeführt; trotzdem wäre dem leichter abzuhelfen, als einer andern Gruppe von Schwierigkeiten. Durch die innerjüdische Spaltung kommt es oft vor, daß der Lehrer einer andern Richtung angehört als die Eltern des Kindes. Es zeigt sich daher oft, daß die Theorie des Lehrers der Praxis des Eiternhauses entgegenläuft. Oft ist nun das Kind so mit Vorurteilen eines intoleranten Elternhauses belastet, daß der Lehrer das Vertrauen des Kindes verliert. Die Eltern fassen die Lage als Machtprobe zwischen sich und der Schule auf und tragen den Sieg meistens davon, guin Nachteil des Kindes. Daß die hier gezeigten Schwierigkeiten bald beseitigt werden könnten, ist unwahrscheinlich. Vorlaufig muß man sich damit trösten, daß eine verantwortungsbewußte Jugend, wie sie im „Kadimah" oder den Kameraden" zusammengeschlossen ist, von sich aus einen Teil der Aufgaben auf sich nimmt. Von einer jungen Mutter aus liberalen Kreisen: Religionsstunden sollen Feierstunden für unsere Kinder sein. Ueber allen Religionen steht Gott, darum soll in diesen Stunden ein Weg zu Gott gefunden werden. Man kann daher Religion nicht lehren in dem Sinne, wie im übrigen Schulunterricht gelehrt wird; man mutz zunächst das Gefühl für Religion, also Religiosität, wecken und Pflegen. Es ist sicher ein Unterschied, ob Kinder aus orthodoxen oder liberalen, vielleicht gar indifferenten Häusern, zu unterrichten sind. Die ersteren sind bestens vorbereitet. Für die Ausübung ihrer Religion kann nichts Neues gelehrt werden. Sie wollen Geschichte Sprache, evtl. Philosophie lernen; denn über die Thora und ihre Gesetze geht ihr Weg zu Gott. Ganz anders ist es bei den Liberalen. Mit rein verstandesmäßig zu erfassenden Werten kann für sie die Religionsstunde nicht ausgefüllt werden. Sie müssen erst gefühlsmäßig in das Wesen unserer Religion eingeführt werden. Wie geschieht das? Sicher nicht durch eine Art zweiten Geschichtsunterricht, ich meine im Studium von sachlichen Vorgängen der Vergangenheit, noch weniger durch Auswendiglernen von Gebeten und Psalmen, gar nicht durch Aufoktroyieren von Gebräuchen und Gesetzen, zwangsweisen Synagogenbesuch usw. Sondern wir müssen das Gemüt unserer Zöglinge beeinflussen, und es dürfte wahrlich nicht zu. schwer sein, die jungen Seelen zu gewinnen. Wir dürfen es uns nicht zu schwer machen und gleich zu viel von ihnen verlangen. Gehen wir Praktisch mit ein Paar Beispielen voran! Die Kleinsten hören gern Geschichten, wenn sie ihnen fesselnd erzählt werden. Frisch und lebhaft müssen sie ihnen vorgetragen werden, vor allem verständlich und ganz allmählich tiefer auf Sinn und Wert der Religion hinweisen. Die hohen Feiertage werden in fast allen jüdischen Häusern gehalten; es ist nicht schwer, daran anknüpfend von dem Wesen unserer Religion entsprechend dem Alter der Klasse zu sprechen. Und nach der ernsten Weihe dieser Zeit kommt die Belohnung: das frohe Ernte-Laubhüttenfest. Aber Kinder können feine ganze Freude nicht erfassen, verleben sie nur einmal ein paar vergnügte Stunden darm. Laßt sie die Laubhütte bauen und schmücken, ihren Ausputz schon vorher vorbereiten! Das sind unvergeßliche Erlebnisse, auf die sie sich von Jahr zu Jahr freuen können. Wie Gesetzesfreude und Chanukkah in edlem Sinne auch in der Schule gefeiert werden können, braucht nicht näher ausgeführt zu werden, und fast jedes Kind, weiß es sonst noch so wenig, kennt die Purinigescyiohte.