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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1927-12-01 · 4 (12.1927) · p. Seite 93

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
6 (1927-1928)
Issue
4 (12.1927)
Date
1927-12-01
Page
Seite 93 (sequence 5)
Language
German
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men für unser jüdisches Sein. — Unser Wille ist auf den neuen dcutsch-ijüdischen Menschen gerichtet. In der Erziehungsgemeinschaft unseres Bundes, der im freien zuchtvollen Leben seiner Gruppen die Lebensstätte der Jugend geschaffen hat, die unseren Jüngeren fast ausnahmslos in der Schule und so oft auch in der Familie versagt bleibt, suchen wir den Typ des neuen Menschen heranzubilden, der offen und unbefangen und doch verantwortungsbewußt den Dingen gegenübersteht, der um sinnvolle freie Lebensgestaltung sich müht, der bei allem Recht auf Individualität seine Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft kennt, der infolge seiner Erziehung ein so gewandeltes Verhältnis zum Nebenmenschen hat, daß ihm Ausbeutung und Klassenkamps einst gleicherweise unmöglich erscheinen müssen. — Die Kameraden umfassen schätzungsweise 60 Ortsgruppen mit etwa 1700 Mitgliedern. E-sra. Der Esra wurde im Sommer 1918 von der Agudas-Jisroel- Jugendorganisation mit der Zweckbestimmung gegründet, ihr den Nachwuchs aus der orthodoxen Äugend M sichern. Diese rein organisatorische Zielsetzung konnte auf die Dauer nicht befriedigen und zugleich mit der Aenderung des Zieles wurde 1919 die organisatorische Trennung von der A. I. und die Politische Neutralität beschlossen. Für die nunmehrige Zielsetzung wurde keine bestimmte Formulierung gewählt; so ist der Tendenzparagraph der 1925 angenommeneu Statuten absichtlich sehr allgemein gefaßt: Der Bund erstrebt die Erziehung seiner Mitglieder zu solchen Jehudim, die sich in ihrem Einzel- und Gemeinschaftsleben dem göttlichen Gesetze unterstellen. Die allgemeine Tendenz ist, die religiöse Lebensform und -inhalt aus der unfruchtbaren Form der Konvention in die Sphäre des vollen Bewußtseins und Ueberzeugung zu überführen. Mithin wird das wesentlichste Gewicht gelegt auf die Ausbildung des Charakters, auf die Anerkennung der Unbedingtheit der sittlich-religiösen Forderungen auch für die Lebenspraxis. Die Erziehungsformen sind die der Jugendbewegung: Heimabend, Fahrt und Treffen, wozu noch die traditionelle Form der Uebermittlung religionsgesetzlichen Wissens, der Schiur, kommt. Die Forderungen der Jugendbewegung, Natürlichkeit und Einfachheit der Lebenshaltung, sozialethisches Empfinden und Handeln, sind als der religiösen Lebensnorm entsprechend übernommen. Wesentlicher Konfliktstoff ist z. B. im Weg der religiösen Erziehung das Primat der Gefühls- oder der Vernunstbildung, und daraus folgernd, die Form der Erziehungsarbeit. Die tragende Weltanschauung ist statutengemäß die gleiche wie die der Agudas Jisroel. AgudaS-Zisroel-Jugendorganifation. Die Agudas-Jisroel-Jugendorganisation ist im Jahre 1913 gegründet. Da sie sich als ein Teil der Weltorganisation der Agudas-Jisroel zu begreifen hat, so arbeitet sie wie diese an der Lösung der jeweiligen jüdischen Gesamtheits-Aufgaben im Geiste der Thauroh, und in diesem Geiste will sie eine Zusammenfassung der jüdischen Jugend herbeiführen, um ihre jungen Mitglieder für die Adeale der Agudas-Jisroel zu erziehen. Zu ihrem Erziehungswerk gehört in erster Reihe eifrigstes Thauroh-Siudium, Pflege jüdischer Geselligkeit und jüdischen Zusammenseins zum Zwecke der Erfassung und Beeinflussung der einzelnen Persönlichkeiten,' wiederum im Sinne eines auch bis in die kleinsten Einzelheiten religiös durchwirkten Lebens. Zur Erziehung für die Klall-Arbeit zählt auch die Betätigung für Erez- Jisroel und die ideelle und materielle Arbeit am Wiederaufbau des Landes auf der Grundlage des Religionsgesetzes. Zur Heranbildung einer gefestigten agudistischen Persönlichkeit erstrebt sie die Einstellung auf das „Thauroh-im-Derech-Erez- Prinzip" im Sinne Samson Raphael Hirschs. Oberster Grundsatz der Agudas-Jisroel-Jugendorganisation ist, daß es weder im privaten noch im öffentlichen jüdischen Leben ein Moment geben kann, in dem nicht die Thauroh und ihre Lehre zur unumschränkten Anerkennung zu gelangen habe. Hechaluz. Der Hechaluz, Deutscher Landesverband, wurde Ende 1922 als Landesverband der allweltlichen Hechaluzorganisation gegründet. Der Hechaluz hat die Aufgabe, jüdische junge Menschen für ein Leben der Selbstarbeit, insbesondere in Praktischen Berufen der Landwirtschaft und des Handwerkes für Palästina vorzubereiten, um sie in den Stand zu setzen, sich gesellschaftlich und geistig in den Nahmen des jüdischen Aufbauwerkes in Palästina einzufügen. Der Hechaluz verfügt heute über einen Mitgliederstand von über 500 Jungen und Mädchen, die vor allem in der land- und hauswirtschaftlichen, sowie handwerklichen Ausbildung stehen. Der Nachwuchs des Hechaluz erfolgt größtenteils aus den Reihen der im nahestehenden bzw. angeschlossenen Jugendbünde. Die Ausbildung erfolgt auf Stellen, die das Büro des Merkas (Vorstand) vermittelt; besondere Pflege wird der landwirtschaftlichen Ausbildung gewidmet. Die Praktikanten sind größtenteils auf sogenannten Bauernzentren, d. s. örtlich konzentrierte Cinzel- 93 stellen bei Bauern, untergebracht, z. T. auch in Gruppenstellen auf einzelnen Gütern. Der handwerklichen Ausbildung dienen eigene Werkstätten und Heime. Der kulturellen Erziehung wird größte Aufmerksamkeit gewidmet. Sie wird z. T. durch eigene Lehrer durchgeführt und das Büro des Merkas unterstützt die kulturellen Tendenzen durch Vermittlung von Literatur und Zeitschristen. Der Hechaluz ist vermöge seiner Struktur ganz besonders geeignet, junge jüdische Menschen der beruflichen Produktivierung zuzuführen, da er wie keine andere ähnliche Ziele verfolgende Institution eine Bewegung der jungen Menschen selbst ist, die diese Umschichtung vollziehen. Die stetigen Erfolge der Organisation legen Zeugnis ab für die innere Stärke der Bewegung und der von ihr vertretenen Idee. Mattabi-Weltverband. Der deutsche Kreis im Makkabi-Weltverband umschließt 25 Bar-Kochba-Vereine mit annähernd 6000 Mitgliedern. Der deutsche Kreis ist Mitglied des Makkabi-Weltverbandes, der last sämtliche Länder umfaßt und über eine Mitgliederzahl von zirka 40 000 verfügt. Die größten Vereine des deutschen Kreises sind die Städte Berlin, Breslau, Frankfurt a. M., Hamburg, Leipzig. Der Berliner Verein ist der älteste, seine Gründung erfolgte 1898. Er zählt heute etwa 1200 Mitglieder. Der deutsche Kreis ist der größte jüdische Turn- und Sportverband Deutschlands. Die meisten Städte verfügen über eigene Heime und Sportplätze. Die Bar-Kochba-Vereine erstreben die geistige und körperliche Ertüchtigung der jüdischen Jugend in national-jüdischem Sinne. Zu diesem Zwecke werden Vorträge, Kurse und Heimabende abgehalten. Die Pflege der jüdischen Geschichte und Literatur, sowie die Erlernung der hebräischen Sprache wird erstrebt. Die sportliche Arbeit teilt sich in Turnen, Leichtathletik, Boxen, Schwimmen, Rudern, Ballspiele, Wintersport. Hervorragende Leistungen hat in der Leichtathletik Bar-Kochba Berlin, Leipzig, Frankfurt a. M., Hamburg aufzuweisen. Alljährlich werden judische Sportfeste abgehalten, die von der Arbeit eines jeden Bar-Kochba-Vereins Zeugnis ablegen. Das offizielle Organ des deutschen Kreises ist die Monatszeitschrift „Der Makkabi". Aussprache über Religionsunterricht. Der in der letzten Nummer des Gemeindeblattes veröffentlichte Jahresbericht des Herrn Rabbiners Dr. Seligmann hat die erfreuliche Tatsache feststellen können, daß 98o/<, aller jüdischen Schüler und Schülerinnen regelmäßigen Religionsunterricht erhalten, eine Ziffer, die wahrscheinlich von keiner anderen Großgemeinde erreicht wird. Das ständige Bemühen der Gemeindeverwaltung ist darauf gerichtet, es nicht bei diesem günstigen ziffernmäßigen Ergebnis bewenden zu lassen, sondern den Religionsunterricht weiter auszugestalten. Wie notwendig diese nach innen gerichtete Arbeit ist und welchen Widerhall sie findet, zeigen die nachstehenden Darlegungen. Wir veröffentlichen sie ohne Nennung der Verfasser, um nur das Sachliche hervortreten zu lassen und hoffen damit den Anstoß zu fruchtbarer Auseinandersetzung zu geben. Die Verantwortung für den Inhalt bleibt wie stets den Verfassern überlassen. Die Schriftleitung. Von einem Primaner aus liberalem Haus: Eine der Institutionen zur Erziehung der jüdischen Jugend ist der Religionsunterricht. Die Ausgaben, die man ihm stellen könnte, sind groß, die Wirkung, die er bisher gehabt hat, ist gering. Im allgemeinen kann man sagen, daß er vor allem diejenigen Schüler gefördert hat, die auch ohne ihn zu den Quellen jüdischen Wissens gelangt wären, und vor allem diejenigen im Judentum geistig gefestigt hat, bei denen das bereits das Elternhaus vorbereitet hatte. Hrermit sind zugleich seine Hauptaufgaben gezeigt: Vermittlung jüdischen Wissens und Festigung im Judentum. Zunächst die zweite Ausgabe der geistigen Festigung im Iud entu m. Sie besteht nicht nur bei Kindern aus liberalem Elternhaus, sondern ebenso auch bei orthodoxen oder zionistischen. Bei liberal erzogenen Kindern liegt sie darin, diejenigen, die dem Judentum indifferent gegenüberstehen, wieder zu verantwortlicher Mitarbeit heranzuziehen. Bei orthodoxen Kindern handelt es sich darum, die unklaren Vorstellungen von der Beziehung des Judentums zur nichtjüdischen Umwelt durch geordnetes Wissen zu fundieren; denn bei ihnen besteht meistens die Gefahr, daß das Judesein zur Selbstverständlichkeit wird. Man ist Jude, weil man das Judentum ererbt hat, aber man kämpft nicht innerlich dafür, sondern nimmt es hin und leidet dafür, wenn es nötig wird. Diese Gefahr der kampflosen Hinnahme ist bei zionistiich erzogenen Kindern kleiner, denn der Zionismus ringt ja um die Losung jüdischer Probleme. Aber der Zionist betrachtet Deutschland nur

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