Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 4 (12.1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- Seite 92 (sequence 4)
- Language
- German
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sozialistische Tendenzen in sein Programm aufnahm, waren schon deutlich die Anzeichen der ersten Transsormationsstufe vorhanden. Sie hatten sich indes noch nicht voll ausgewirkt, als schon der Schritt zur Pfadsinderei erfolgte. Dieses gesteigerte Tempo scheint mir seinen Grund darin zu haben, daß der Bund von älteren Formationen unbelastet sein Hauptkontingent in den Jüngerenschaften hatte. Während Blau-weiß und R. I. W. V. die beiden typischsten zionistischen Jugendbewegungsgruppen waren, ragen unter den liberalen die Kameraden an Bedeutung und Einfluß hervor. Wir können uns nicht vermessen, die mannigfachen ideologischen Färbungen, die dieser Bund vor allem in jüngster Zeit aufweist, unter dem Namen Liberalismus zusammenzufafsen. Sicher war Wurzel und Stamm der Ausdruck liberaler Strömungen, während die Verästelungen vielfach sozialistischer Prägung sind. Für unsere Untersuchung ist jedoch die Tatsache weit wesentlicher, daß die Umwandlung der Jugendbewegungsidee nur sehr langsam und weniger intensiv erfolgte, was wir schon oben auf die Weite der jüdischen Idee zurückgeführt haben. Im Jahre 1925, als in der Gesamtentwicklung der jüdischen Jugendbewegung schon Skoutformen in die Erziehungsmethoden der Wanderbünde einströmten, entstand als erste von Älternbundsvorstellungen unabhängige Skoutorganisation der Bund jüdischer Pfadsinder (V. I. P.), der sich 1926 mit dem Wanderbunde des Blau-weiß und dem R. I. W. B. zu einer neuen großen jüdischen Jugendbewegung, dem „Kadimah, Ring Mischer Wander- und Pfadfinderbünde" zusammenschloß. Eine Gruppe des B. I. P., die dem neuen Bunde fernblieb, besteht heute als eigener Bund unter diesem Namen. Abgesehen von geringfügigen Divergenzen, abgesehen von Meinungsverschiedenheiten, die heute im Kadimah, der sich immer noch in einem Verschmelzungsprozeß der verschiedenen Ideen und Gruppierungen befindet, ausgetragen werden, sehen beide Bünde im Positivjüdischen einerseits und dem Pfadfindertum andererseits die Ziele ihrer erzieherischen Tätigkeit. Damit haben wir an einigen Typen der jüdischen Jugendbewegung die gesetzmäßige Entwicklung illustriert, durch die sie gegangen ist. Ohne zu werten, haben wir versucht, in einer Gesamtschau das Wesen dieser Bewegung zu erkennen. Ob dem Verfasser, der selbst seit Jahren in der jüdischen Jugendbewegung steht, die erstrebte Objektivität gelungen ist, — das zu entscheiden, ist nicht mehr seine Aufgabe. Organisationen der jüdischen Lugend. Verband der jüdischen ZugendvereinelNeutschland. Der Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands, der im Jahre 1909 gegründet wurde, zählt heute 130 Vereine mit stark 10 000 Mitgliedern. Der Verband ist in 11 Landesverbände gegliedert. Der Sitz der Verbandsleitung ist Düsseldorf, Borsitzender ist Herr Rabbiner Dr. Klein, Düsseldorf, Haroldstraße 4,1. Der Verband lehnt eine parteimäßige Einstellung ab und fordert, daß die Entschließung seiner Mitglieder zu einer Parteinahme erst nach einer wirklichen Auseinandersetzung mit allen Erschemuugen des Judentums der Vergangenheit und Gegenwart erfolge. Der junge Jude soll sich aus freien Stücken, aus seiner Kenntnis und Neigung heraus, zur Parteinahme entschließen. Ueber allem soll das freudige Bekenntnis zur Gemeinschaft stehen, die gemeinsame und unvoreingenommene Arbeit soll das Verständnis für die Meinung des anderen fördern, ohne der eigenen Persönlichkeit irgendwie Abbruch zu tun. Das Ziel ist eine Veredlung des Parteikamvfes und die Heranziehung wahrhafter Führerpersönlichkeiten, die imstande sind, über den Rahmen der Partei hinauszusehen und im höheren Sinne jüdisch zu arbeiten. „Kadimah" Ring judischer Wander- und Pfadfinderbünde. „Kadimah ist ein unabhängiger Jugendbund mit reinen Erziehungsaufgaben. Er lehnt es ab, die Nachwuchsbewegung irgendeiner politischen Organisation zu sein. Feind aller Zersvlitterungs- und Verfallstendenzen im Judentum will er die jüdische Jugend zur Verantwortlichen Mitarbeit an den gemeinsamen Aufgaben der Weltjudenheit erziehen. Innerhalb dieser Aufgaben kommt, entsprechend der unzertrennlichen Verknüpfung Palästinas mit der Geschichte des jüdischen Volkes, dem Wiederaufbau des Landes eine besondere Bedeutung zu. Intensives Hebräischlernen, Eindringen in die kulturellen und religiösen Probleme, Kenntnis der jüdischen Kulturwerte und der jüdischen Geschichte sowie das Wissen um die Gegenwartsfragen oes jüdischen Volkes sind die unerläßlichen Vorbedingungen, um die Angehörigen unseres Bundes dazu zu befähigen, sich selbst innerhalb der jüdischen Probleme zu orientieren und nach chrer Erziehung im Kadimah zur eigenen Entscheidung über ihren zukünftigen jüdischen Weg zu gelangen." Vund Jüdischer Pfadfinder. Der im April 1925 gegründete B. I. P. erstrebt auf der Grundlage der Pfadsinderei sowie unter Ablehnung jeder politischen Beeinflussung die jüdische Erziehung unserer Jugend. Cr geht dabei davon aus, daß es nicht angängig ist, „Judentum" auszufassen als Religion oder Nation ooer Rasse oder Kulturgemeinschaft, sondern, daß in dem Tatbestand „Judentum" alle diese Teilkomplexe unlösbar verbunden sind. — Er anerkennt daher alle jüdischen Werte, ohne zu fragen, welchem dieser vorerwähnten Teilkomplexe sie nun in erster Linie angehören, und er lehnt daher auch jede Bindung an irgendeine Partei sowie jede politische Beeinflussung ab. Er sieht im Scouting eine geeignete Erziehungsmethode für die heranwachsenden Jungen, ohne sich zu verhehlen, daß selbstverständlich, eine sklavische Nachahmung der englischen Scout-Bewegung eine völlige Unmöglichkeit ist. Sie jüdisch-liberalen Zugendvereine. Den Anlaß zur Bildung jüdisch-liberaler Jugendvsreine gaben einmal der Wille der liberalen Jugend, ihr Judentum zeitgemäß aber deshalb nicht minder religiös zu leben und zu erleben, sodann der ebenfalls aus religiöser Ueberzeugnug drängende Wunsch, der indifferenten Jugend eine Brücke zum Judentum zu schlagen. Damit ist zugleich das Trennende, wie auch Verbindende zur Orthodoxie und zum Zionismus gegeben; es trennt uns von der Orthodoxie die starre Bindung an veraltet erscheinende Vorschriften, der wir Erneuerung unseres religiösen Lebens mit fortschrittlichen Formen und Gedanken gegenüberstellen: es trennt uns vom Zionismus die Anerkennung eines jüdischen Volksganzen oder einer jüdischen Kulturgemeinschaft, der gegenüber wir das Judentum als reine Religion empfinden, von aller zeitlichen, örtlichen und kulturellen Einschränkung frei, nur dem Ewigen zugewandt und der Ewiykeit dienend. Es verbindet uns alle der Stolz und das Selbstbewußtsein des überzeugten Juden, der Glaube an die Zukunft des Judentums. Daß die liberalen Jugendvereine keinerlei aktive Tendenz gegen Orthodoxie und Zionismus hegen, daß sie auch keine Parteiorganisationen in üblichem Sinne sind, ergibt sich aus den vorstehenden Ausführungen von selbst. Religion greift mit ihrer tiefsten Wurzel in das Reich des Gemüts; das Gemüt verlangt sichtbaren Ausdruck religiöser Gefühle. So bilden einen Hauvtteil unserer religiösen Erziehung die Bräuche und Formen des jüdischen Lebens, die Bedeutung des Gottesdienstes, das Halten der Feiertage. Nur Passen wir die Formen unserem heutigen Zeitenwenden an, füllen sie mit neuem Inhalt und bringen so die Reliaion mit unserem Leben in nahe Berührung. Heimabende und Arbeitsgemeinschaften vertiefen unser -jüdisches und Allgemeinwissen. Wanderungen und gesellige Veranstaltungen fördern den versönlichen Zusammenschluß. Jüdisch-liberale Jugendvereine besteben in Berlin, Breslau, Liegnitz. Frankfurt a. M., Münster i. W.. Magdeburg, Potsdam und Sobernheim. Sie sind Zusammengeschlossen in der „Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands", Berlin. Die Frankfurter Jugendgemeinschaft hatte im letzten Jahre 12 größere Veranstaltungen (darunter Laubhütte, Chanukah, Vurim, Seder), 14 Heimabende und 6 Arbeitsgemeinschaften. Teilnehmerzahl der Arbeitsgemeinschaften durchschnittlich 10—25. der Heimabende 30—40. Die neugegründete Jugenogruppe s30 Mitglieder) hatte seit dem dreimonatlichen Bestehen 12 Veranstaltungen. Kameraden Neutsch-Mischer Wanderbund. Ortsgruppe Frankfurt a. M. Wir nennen uns die Jugendbewegung der Menschen deutschjüdischer Art. Wir wissen, daß aus der eigentümlichen Mischung von jüdischem Blut und deutscher Kultur Menschen und Werte geformt sind, die dazu berechtigen, diese Art zu erhalten und zum Typus zu prägen. Wir bekennen,, daß uns. denen zum großen Teil in unserer Erziehung das Positiv jüdische Element "gefehlt hat — wo hier die Schuld liegt, sei an dieser Stelle nicht untersucht —, nicht eben viel mehr geblieben ist als unser Blut, das wir durch die bewußte Betonung der Artgemeinschaft im Faktum Bund erhalten, und suchen nach neuem Inhalt und neuen For-