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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1927-12-01 · 4 (12.1927) · p. Seite 91

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
6 (1927-1928)
Issue
4 (12.1927)
Date
1927-12-01
Page
Seite 91 (sequence 3)
Language
German
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Feststellung ist zunächst rein formaler Natur. Noch wissen wir nicht, in welchem Verhältnis beide Faktoren inhaltlich zueinander stehen, wie — um ein Beispiel Herauszügreifen — sich der Gedanke der Jugendkultur mit dem des Zionismus paart. Verfolgen wir diese Frage, so stoßen wir an ein Gesetz, nach dem sich die jüdische Jugendbewegung entwickelt hat: das Gesetz der Transformation: Am Anfang überwiegt als Ziel die „Jugendkultur" und neben sie tritt ergänzend die jüdische Idee, also vornehmlich Liberalismus, Orthodoxie oder Zionismus, bald aber wird die Bedeutung der jüdischen Zielvorstellung stärker, bis sie in den Mittelpunkt tritt, während die Jugendkultur, einst Zweck und Inhalt des Bundes, zum Mittel der Erziehung und zur Form des Bundeslebens wird. Die psychologische Wurzel dieser Wandlung liegt im Wesen des Begriffes „Jugendkultur". Er ist zu weit, zu unfaßbar, er bietet einer jungen Generation keinen Ansatzpunkt sür eine Leistung, eine Bewährung. Die soziologische Wurzel dagegen beruht auf der immer wachsenden Bedeutung der innerjüdischen Richtungen: So wird die jüdische Idee zum eigentlichen Fundament der Bewegung. Allerdings vollzieht sich diese Umformung nicht bei allen Bünden mit der gleichen Intensität: Je realer und exklusiver das jüdische Ziel, je stärker es den ganzen Menschen in seinen Bann zieht, um so früher, um so eindringlicher gestaltet sich die Wandlung. Das läßt sich beispielsweise sehr schön an einer Gegenüberstellung von „Blau-weiß" und „Kameraden" erkennen. Bei dem zionistischen Bunde war Jugendbewegung schon 1918/19 nur Form, nur Mittel, — und selbst dieses unterlag später einer dauernden Abwandlung — während bei dem liberalen Bunde unseres Erachtens der Prozeß der Wandlung erst in den letzten beiden Jahren in ein entscheidendes Stadium getreten ist, vor allem durch das Einmünden sozialistischer Tendenzen, ohne daß aber bisher die Vorstellungen der Jugendbewegung völlig aus dem Komplex der Idee entfernt worden wären, was die Dessauer Tagung des Alternbundes der Kameraden beweist. Wenn allgemein, wie wir zeigten, die jüdische Idee in den Mittelpunkt der Zielvorstellungen rückte, so bedurste es einer quasipolitischen Organisation zu ihrer Realisierung, bedurfte es in erster Linie älterer Menschen, die fähig und bereit waren, sich in enggefügter Bundesgemeinschaft für jene Idee einzusetzen. Die Logik dieser Entwicklung führte innerhalb der jüdischen Jugendbewegung zu der Scheidung in Älteren- und Erziehungsbünde. Hierbei haben wir es mit der ersten Stufe der oben skizzierten Transformation zu tun: Jugendbewegung war ebenfalls noch Form des Bundeslebens, vornehmlich aber Mittel der Erziehung: Fahrten, Heimnachmittage, Singabende, Werkkurse, kurz die Institutionen der Jugendbewegung werden vom Erziehungsbunde als Methoden einer planvoll auf den Älterenbund gerichteten Vorbereitung benutzt. Die zweite Stufe der Transformation brachte eine Verschiebung derJugendbewegungsinstitutionen Zu Gunsten der sogenannten „Pf ad find er ei". Um es schlagwortmäßig zu sagen: Der Scout verdrängte den Wandervogel. Die Ursache dieser Erscheinung lag — psychologisch gesehen — im Wesen des Crziehungsbundes: Er mußte auf Leistung, auf Bewährung seiner Menschen bedacht sein, wenn er dem Älterenbunde ein brauchbares Material zuführen wollte. Soziologisch betrachtet war der wachsende Einfluß der Weltpfadfinderbewegung für die zweite Stufe der Transformation bestimmend. Übrigens ist die in den letzten beiden Jahren in einigen jüdischen Bünden erfolgte Trennung des Erziehungsvom Alterenbunde zum Teil als Folge dieser zweiten Stufe zu werten: Die durch das Scouting zunehmende Betonung einer rein erzieherischen Ausgabe brachte eine Entpolitisierung der 91 Erziehungsbünde und damit eine gegebene Loslösung von der quasipolitischen Organisation der Älternbünde. Wir haben bisher versucht, aus der Fülle der Erscheinungsformen das Einheitliche, das Gemeinsame der jüdischen Jugendbewegung herauszukristallisieren, nunmehr ist es unsere Ausgabe, die einzelnen Bünde selbst darzustellen, vor allem an ihnen plastisch das Transsoxmationsgesetz und seine Varianten zu zeigen. Hierbei stoßen wir sogleich an eine Schwierigkeit. Wie ist es möglich, alle jüdischen Jugendbünde der hier behandelten „jüdischen Jugendbewegung" einzureihen? Gibt es doch Bünde, die von der allgemeinen Jugendbewegung nicht oder doch nur sehr minimal beeinflußt wurden, bei denen infolgedessen das Charakteristikum der Wandlung fast vollkommen fehlt! Unter diesen Grenzerscheinungen — sie wurden einmal treffend als „Lim es verbände" gekennzeichnet — sind Esra und Jungjüdischer Wand erb und (I. I. W. B.) in erster Linie zu nennen. Wir haben bereits oben die ideeliche Richtung der Esra angedeutet. Gemäß ihrer Einstellung zu Tradition und Autorität mußte diese Jugendtruppe der Orthodoxie von vornherein auf den Kampf gegen das „Alte", auf Jugendkultur und Autonomie verzichten. Sie war schon zu ihrer Geburtsstunde Jugendpflege, nicht Jugendbewegung, — um mich der offiziellen Terminologie zu bedienen. Die Verschmelzung von Jugend- und Judenbewegung trat nie ein, konnte logischerweise nie eintreten und folglich auch nicht die gesetzmäßige Entwicklung, die wir beschrieben haben. Komplizierter liegt das Problem beim I. I. W. B. Seine Gründung geschah zu einer Zeit, als schon die Scheidung von Altern- und Erziehungsbund begonnen hatte. Der jüdischen Jugendbewegung könnten wir ihn also nur einreihen, wenn er einen Erziehungsbund — dieser bedeutet ja die Abwandlung der Jugendbewegungstendenzen — gebildet hätte. Nun aber hat er sich ausdrücklich zu einem Älternbünde, der zionistisch-sozialistische Ideen verfolgt, erklärt und entwickelt. Immerhin mag man ihn als Grenzerscheinung erklären, da er einige Formen der Jugendbewegung unter dem Einfluß des alten, dem Montefiore entstammenden, jung-jüdischen Wanderbundes und einer aus dem Blau-weiß ausgetretenen Gruppe angenommen hat. Ebenso wie bei den „Grenzerscheinungen" ist es auch bei den „Normalerscheinungen" jüdischer Jugendbewegung nur möglich, die Haupttypen herauszugreifen. Unter ihnen müssen die Bünde, die bereits vor der ersten Transformationsstufe gegründet waren, von denen unterschieden werden, deren Gründung erst nach der Scheidung — in Älteren- und Erziehungsbund erfolgte. Nehmen wir diese Kategorisierung nicht vor, so scheinen beide Typen eine verschiedene Entwicklung aufzuzeigen, während doch in Wahrheit diese Verschiedenheit nur durch die zeitliche Divergenz bedingt ist, in gleichem Zeitpunkt also bei allen Bünden die gleiche Entwicklungslinie — in den oben gezogenen Grenzen natürlich — feststellbar ist. Der älteste und wohl einflußreichste Bund war der Blau-weiß. Seine Geschichte ist geradezu die Verkörperung der dargestellten Entwicklungsstufen jüdischer Jugendbewegung. Der nationaljüdische Gedanke, bei der Gründung noch von sekundärer Bedeutung, wuchs immer mehr, zur Zeit der Balfourdeklaration entschied sich der Bund für den Zionismus, 1922 erfolgte auf dem Prunner Bundestag die Scheidung in den politischen Älternbund und den erzieherischen Wanderbund, welch' letzterer nach Auflösung des durch Mißerfolge geschwächten Älterenbundes sich als apolitischer Erziehungsbund mit gleichgerichteten Bewegungen zum Kadimah zusammenschloß. Beim Ring jüdischer Wanderbünde lR. I. W. B.), der sich vom oben behandelten I. I. W. B. abspaltete, als dieser außer den zionistischen auch

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