Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 4 (12.1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- Seite 90 (sequence 2)
- Language
- German
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90 Freiheitsgefühl, es ist dieses Glücksatmen in unserem Sein, es ist diese Seligkeit, daß wir uns wehren, indem wir die besten Leistungen zeitigen, die unseren Kräften jeweils entsprechen. Ein Fanal der gottbegeisterten Juden. Im Sinne des Wortes der Makkabäer: „Wer ist wie du unter den Göttern, o Ewiger". Diese echte jüdische Hochstimmung, die nur die Gegner als Hochmut ansehen, die aber immer das Gegenstück war zu unendlich tiefer Bescheidenheit, diese Vereinigung herrlichen Gegensatzes, die noch immer Zeichen des Genius gewesen — man muß sie einmal völlig durchleben, um von da aus sich selbst und auch den Makkabäer ganz zu begreifen. Ja jene Griechlinge und Hellenisten, welche zum König überliefen, sie sind noch heute bemitleidenswert. Sie waren so unkomplizierte Naturen, daß sie nie den Widerspruch lösen konnten, der sich im Prophetenwort offenbart: „Wer bin ich? — Ich werde mit dir sein". „Ich bin noch so jung, ich kann nicht reden. — Bevor Ich dich bildete, Hab Ich dich erkannt". «Wehe mir, ich vergehe — Hier bin ich, schicke mich". Man muß in der Tat makkabäer- Haft groß, aber auch makkabäerhaft demütig sein, um jenen Gegensatz ganz zu erfassen und an dem Wesen jener Berauschten von neuem gottrunken jüdisch zu werden. Von neuem es von ihnen zu lernen: man muß ein Riese an Seele sein, um das ungeheure Maß der Verachtung, der Verkennung, des Spotts ertragen zu können, mit der ein Erlöser noch immer bedacht ward. Man muß so verzichten können wie Jeremia: «Ich saß nicht im Kreise der Lustigen-. Man muß so glauben können, wie der Jakob des Dichters: „Ich laß ihn nicht, ich weiß, zu ihm gehör ich. Mich lockt Verheißen nicht, micht schreckt nicht Graun. Sieh, tief in mir schläft, was dir fremd ward, seliges Vertraun". Ja der Makkabäer muß beides vereinen: in der Endlichkeit wurzeln und doch Unendlichkeit glühend umfangen, auf der Erde wirken und doch die Ewigkeit aus sich gebären. Man fragt nur dann: „Warum ich denn grade?", wenn man erschauert vor dem Drang nach Erlösung, man ist nur dann demütig und still, wenn alles in uns glüht, brennt und schreit, man zittert nur dann und fürchtet sich nur, wenn man die Heldenkraft in sich spürt. Das ist kein Widerspruch, es ist nur eines, das Kennzeichen ist es des wahren Makkabbi, der nur deshalb das Wunder des Lichts erlebt, weil der Ahne mit dem Worte begonnen hat: „Wer den Bund hält, der folge mir!" Und ein Fanal der Enkel des heldischen Ahnen der sich die Endbuchstaben jener drei Namen auf seine triumphierende Fahne schrieb, als wollte er an das ruhmvolle Ende den neuen ruhmvollen Anfang setzen. Ach daß wir ihnen doch darin glichen, immer wieder ein Geschlecht des Anfangs Zu sein. „Fern sei eS von mir, vor ihnen zu fliehen, wir lassen unsern Ruhm nicht beschimpfen", so fing Inda den letzten Kampf an, den Kampf der 800 gegen 20000, den Kampf, der für ihn das Ende sein sollte, aber für seine Brüder' ein Sturmruf, selber wieder den Anfang zu machen. Ach über die erbärmlichen Judenseelen, die immer wieder das Gespenst beschwören vom „untergehenden Judentum". Ach wie sie doch nichts wissen von dem Geheimnis, welches unsere Geschichte umschwebt, der ewigen Kraft des Neu-Anfangen-Könnens. „Gefoltert, gemartert, gepeinigt aufs Blut, beharrt er im Glauben, verliert nicht den Mut. Du glaubst ihn bezwungen, zu Boden gestreckt, er richtet empor sich, er ward nur erschreckt". Ja dieses ewige Neu-Anfangen, es ist unsere Tragik und unsre Größe. Immer wieder vertrieben und ausgestoßen, immer wieder wartend und wieder enttäuscht, immer wieder wagend und wieder hoffend, so sind wir bis heut durch die Welt gezogen, so gestalten wir heut wieder unsre Geschichte, nach welchen Ländern wir blicken mögen. Ein herrlicher, ein beglückender Anblick. Es liegt darin auch, wie ein Denker es nennt, der ewige „Mut zum Risiko". Ein ewiges Wagen, ein ewiges Suchen, ein ewiges Ausspähen nach neuen Formen, ein ewiges Wandeln und Sichverwandeln, ein ewiges Trotzen: „Ich will nicht sterben!" Ein ewiges Danken und ein ewiges Bekennen des Wortes, das uns ja allen vertraut und auch unsrem Lichtfeste eigen ist: „Schehechejonu — und dennoch hat er uns leben lassen"! Chanukka — ein Fanal! Ein Fanal der Hämmrer! Ein Fanal unsrem Gotte! Ein Fanal der Enkel den heldischen Ahnen! Die jüdische Zugendbewegung in Deutschland. Von Georg Guthmann. Wie jede geschichtliche Erscheinung kann auch die jüdische Jugendbewegung nur verstanden werden, werrn wir die soziologische Situation beleuchten, aus der sie erwachsen ist, wenn wir vor allem diejenigen gesellschaftlichen Faktoren beschreiben, die naturgemäß besonders bestimmend waren: die Jugendbewegung und die Judenbewegung. . Der gegen Ende des 19. Jahrhundert in Deutschland herrschende Materialismus, der Philosophie und Historik, Wirtschaftsgesinnung und Lebensform durchdringt, ruft als mächtige Reaktionserscheinung die Jugendbewegung hervor. Ihre Kraft beruht zunächst im Kampf gegen das „Alte". Bald aber versucht sie aus ihrer revolutionären Kritik eine konstruktive Idee zu bilden: die Jugendkultur. Dieses Wort, worunter eine der Jugend eigentümliche und absolut — wahrhafte Lebensform gemeint ist, wird zur Losung, an der sich die Jugend begeistert, auch die jüdische: Denn der junge Jude entstammt demselben Milieu: Einem von konventionellen Anschauungen durchzogenen Elternhause, einer durch Pedanterie unfähigen Schule. Gleichzeitig steht die jüdische Jugend in einer zweiten Gruppe. Sie ist nicht nur Jugend, d. h. sie wird von den Problemen der jugendlichen Revolution erfaßt, sie ist jüdische Jugend, das bedeudet: Sie unterliegt den Einflüssen der Judenbewegung — oder wie wir gewöhnlich sagen — der Assimilation. Dieser Prozeß, der um das Jahr 1750 in Deutschland einsetzte, entzog der Judenheit Schritt für Schritt spezifische gesellschaftliche Institutionen, so das Recht, die Sprache, die besondere Wirtschaftsfunktion. Ja, er ist heute noch nicht abgeschlossen. Von dem einst so starken Bau der Religion und Sitte bröckelt Stein um Stein. Aus der Auflösungstendenz der jüdischen Gemeinschaft entstanden drei große Bewegungen: Die Orthodoxie, die ein er Lockerung des Religionskomplexes entgegenarbeitet, der Liberalismus, der eine kulturelle Assimilation bejaht, dagegen aber die Religion in reformatorischem Gewände zu erhalten strebt, und endlich der Zionismus, der die Assimilation im ganzen paralysieren will. Die jüdische Jugend wird in den Bann dieser Richtungen gezogen, und es scheint charakteristisch zu sein, daß die ersten Repräsentanten der jüdischen Jugendbewegung gerade drei, den Richtungen im Judentume parallel laufende Bünde waren: der zionistische Blau-weiß, die orthodoxe Csra, die liberalen Kameraden. Wir haben einleitend die Wirkung zu skizzieren versucht, die die jugendliche Revolution einerseits und die Assimilation andererseits auf die jüdische Jugend ausgeübt haben, ohne zu zeigen, daß beide Ereignisse eine Verbindung eingegangen sind, daß sie eine Synthese gefunden haben, und zwar durch die jüdische Jugendbewegung. Um es noch schärfer zu formulieren: Die jüdische Jugendbewegung ist das Produkt aus den beiden Faktoren: Jugendbewegung und Judenbewegung. Diese