Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 3 (11.1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 67 (sequence 15)
- Language
- German
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67 Anstalten und Vereine Preußischer Landesverband jüdischer Gemeinden. (Amtlich) Ständiger Ausschuß Am 18. September fand unter dem Vorsitz des Herrn Rechtsanwalts Heinrich Stern eine Sitzung des ständigen Ausschusses des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden statt. Ueber die Tätigkeit des Rates seit der letzten Verbandstagung referierte Herr Dr. Jsmar Freund ausführlich. Er machte insbesondere ins Einzelne gehende und interessante Ausführungen über Äie Frage der Staatsbeihilfen, der Schächter-Ausbildung, das Normalstatut für die Geme-inden und den Schächtschutz. Von einzelnen Mitgliedern des Rats wurden ferner über ihre besonderen Arbeitsgebiete Bericht erstattet. Verschiedene wichtige Fragen wie Stand des Judengesetzes und der Reichsorganisation, Sonntagsruhe än jüdischen Organisationen, Aenderung der Verfassung des Landesverbandes wurden eingehend beraten, ohne daß endgültige Beschlüsse gefaßt werden konnten. Ausführliche Aufstellungen über die bisherigen Arbeiten der Subvenrionskommission und die Einrichtungen der neugegründeten Schächterschule wurden vorgelegt. Anträge mit Bezug auf die bevorstehende parlamentarische Beratung des Nelchsschulgosetzentwurfes waren-von allen Fraktionen eingegangen und wurden eingehenden Beratungen unterzogen. Auch hier wurden keine Beschlüsse gefaßt, aber die gründlichen Aussprachen brachten eine Fülle von Anregungen und Förderungen, die dem Rat als Material überwiesen werden. Ein Antrag der jüdischen Volkspartei, der Rat möge bsi der zu erwartenden gesetzlichen Regelung der Schulpflicht dahin wirken, daß sich der Schulzwang auch aus Kinder von Ausländern und Staatenlosen erstrecke, wurde angenommen. Die zukünftige Versorgung der Gemeinden mit ReligionSlehrern und Kantoreil, deren Allsbildung und Bosoldung, wurde ausführlich erörtert. Es wurde d>ie Befürchtung ausgesprochen, daß weder d>ie jetzt in Berlin im Aufbau befindliche Lehrerbildungsanstalt noch die Pädagogische Akademie in Frankfurt a. M. geeignet sein werden, dem bestehenden Mangel an Lehrern uud Kultusbeamten abzuhelfen. Neue Wege zur Lösung dieser Aufgabe wurden besprochen. In einem Bericht" über die in Berlin im Sommer d. I. eingerichtete Schächterschule teilte Herr Galewski auf Anfrage mit, daß eine Beschäftigung der in dieser Schule herangebildeten Schächter als Lehrer nicht in Frage käme. Die Zöglinge dieser Anstalt sollen auch der Kantorenschule überwiesen werden, um ihnen zu ermöglichen, auch den Dienst als Hilfskantoren zu verschen. Die Erhöhung der Lehrergehälter auf die volle Gruppe 7 der Reichsbesoldungsordnung uno zwar einschließlich der vollen Fanmlieunnd Kinderzulagen ist geplant, tonnte aber bisher wegen Verzögerung der Auszahlung der Staatsbeihilfen, die für 1927/28 vom Preußischen Landtag bewilligt worden sind, leider noch nicht ganz durchgeführt werden. Bon der liberalen Fraktion wurüe ein Alltrag eingereicht, der eine Stellungnahme des Rates zur Frage der Abfindung der Standesherren für Juidenschutz-Abgaben, deren Parlamentarische Behandlung bevorsteht, znm Ziele hat. In der nächsteil Sitzung des Rates wirö über diese Angelegenheit bereits verhandelt werden. Ueber den bisherigen Stand >der Einrichtung von Bezirksrabbinaten wurde berichtet. Die Besetzung einiger Bezirksrabbinate steht bevor. Es ist zu erwarten, daß — gemäß dem Wunsche aller Fraktionen — weitere Bezirksrabbinate in absehbarer Zeit eingerichtet werden. Zur Abänderung des Normalstatuts sür die Gemeinden, das von einer Unterkommission des Rechtsausschusses versatzt worden ist, lagen verschiedene Anträge vor, die ebenfalls durchberaten nnd dem Rat zugeleitet wurden; auch über diese Abänderungen, deren wichtigste das gleiche Wahlrecht beider Geschlechter nach dem Verhältnislvahlrecht und Unabhängigkeit desselben von der Staatsangehörigkeit festlegt, wurde unter den Partsien volles Einverständnis erzielt. Vorbereitung.sanstalt für Lehrer. Ani Montag, dem 24. Oktober 1927, fand im Musiksaal der Knabenschule der Jüdischen Gemeinde zn Berlin die feierliche Erösfnun g der vom Preußischen Landesverband lüdischer Gemeinden errichteten Vorbereitungsanstalt für jüdische Lehrer und Lohrerinnen statt. Herr Prof. Türk, der Vorsitzende des Kuratoriums, gab der Trauer darüber Ausdruck, daß es dem verewigten Justizrat Lilienchal nicht vergönnt gewesen sei, die Eröffnung der Anstalt zu erleben, nachdem er die Beratungen über ihre Gründung geleitet hatte. Darauf begrüßte Prof. Türk im Namen des Laudesverbandes und des Kuratoriums der Anstalt Lehrer und Schüler und wies auf die hohe Aufgabe hin, die fügend dem Judentum zu erhallen und sie in seinen Lehren zu erziehen, und dem Judentum nene und srische Kräfte zuzuführen, um seinen Bestand zn sichern. In die Reihen der jüdischen Lehrer habe Krieg nnd wirtschaftliche Not beängstigende Lücken gerissen. An Hand der amtlichen Statistik zeigte der Redner, daß die Zahl der jüdischen Schulstellen in den letzten fünf Jahren um 33,83 A gesuukeu und daß die Zahl der 'jüdischen Volksschullehrer um 29,41 A zurückgegangen sei. Er beklagte, daß eine große Zahl Kleingemeinden von Lehrern völlig verwaist sei. Es gehöre zur vornehmsten Aufgabe des Landesverbandes, das erstorbene religiöse und geistige Leben durch Schassung nener Lehrerstellen wieder zn erwecken. In der nenen Anstalt zur Ausbildung von Lehrern sollen zunächst sämtliche Schüler zur Reifeprüfung unter gleichzeitiger Ausbildung in den Religionswissenschaften geführt werden, nach der Reifeprüfung soll es den Schülern überlassen bleiben, ob sie die pädagogliche Akademie oder eine von dem Landesverband noch zu begründende Religionslehrer-Akademie, verbunden mit einer Einrichtung zur Ausbildung von Kantoren, besuchen wollen. Die Leitung der Anstalt sei in die Hände des Studiendirektors Dr. G n t m a n n gelegt worden. Herr Pros. Türk gab dem Wunsche Ausdruck, daß es dem Leiter und seinen Mitarbeitern gelingen möge, die Jugend znm aufopfernden Dienst am Judenrum, Deu.schtum und Menschentum zu erziehen. Hieraus ergriff Herr Ra b binerD r. Baeck das Wort. Er machte auf die Bedeutung dieser Stunde aufmerksam. Jüdische Kulturgeschichte sei wesentlich Geschichte des Lehrens und Lernens. Den heranzubildenden Jugenderziehern sei diese Arbeit und damit die Zuknnsl des Judentums anvertraut. Das Judentum erst gebe dem Lebeu Sinn und Deutung. Aufgabe der Erziehung sei es, zu einem erneuerten und verinnerlichien Judentum zurückzuführen. Rückkehr zur wahren Religiosität und Geistigkeit wünschten alle Parteien. Verschieden würden die Begabungen und Jndividualitä en der Einzelnen sein; aber Talent und selbst Genie seien ohne Wille und Fleiß unfruchtbar. Der Redner ermahnte zu Fleiß und Geduld und gab dem Wunsche Allsdruck, daß die nenen Jugendcrzieherdie Jugend das Judentum richtig sehen lehrten. Zuletzt sprach der neu ernannte Leiter der Anstalt, Herr Studiendirektor Dr. Gutmann. Er versicherte, daß seitens der Lehrer alle Kraft daran gefetzt werden würde, die Hoffnungen, die man für die neue Gründung hege, zu erfüllen. Mir dem Vortrag eines hebräischen Gesanges beschloß Herr Oberkantor Friedmann die erhebende Feier. Aufruf! Seit dem Ende des Weltkrieges ist der HUfsvereln der Deutfchen Juden nicht an dre Glaubensgenosten mit der Bitte herangetreten, größere Mntel für seine Aktionen zur Verfügung zu stellen. Jetzt glaubt der Hilssverein die Zeit gekommen, zur Fortführung feiner Arbeit in Deutschland auf dem Gebiete der Emigranten-, Pogromwaisen- und Studentenfürsorge, sowie zur Wiederausnahme seiner Tätigkeit in Rußland und im Orient die Mitwirkung der deutschen Juden wieder in stärkerem Maße in Anspruch nehmen zu dürfen. Unter dem Drucke wirtschaftlicher Notwendigkeiten vollzieht sich gegenwärtig in Rußland der Uebergang der Juden zum Ackerbau und zur industriellen Arbeit. Die zuständigen russischen MHsck ^a/-^/sM^/M