Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 3 (11.1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 62 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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62 Deutschlands und in den Hauptstädten Europas ein viel größerer Besuch gesichert werden können; hoffentlich wird bei kommender Gelegenheit diese äußere Regie zweckentsprechend vorbereitet und erweitert. Die Anordnung selbst war übersichtlich und genügte durchaus auch künstlerischen Anforderungen. Ihre Durchführung in nur wenigen zur Verfügung stehenden Tagen wurde der aufopferungsvollen Arbeit des Kustoden Herrn Toeplitz und der wissenschaftlichen Assistentin Fräulein Posen sowie dem weitgehenden Entgegenkommen der Direktion des Frankfurter Kunstvereins verdankt. Jubiläum. Am 2. November 1927 kann die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums auf ein 25jähriges Bestehen zurückblicken. Ihre Gründung erfolgte in einer Epoche tieser Depression und seelischer Not der westeuropäischen Jüdenheit. Es war die Zeit, da unter den Gebildeten der Abfall vom Judentum grassierte, namentlich unter den Mademikern die Taufe ihrer Kinder an der Tagesordnung war, es war die Zeit, wo Friedrich Delitzsch' Vorträge über Bibel und Babel und ähnliche Veröffentlichungen sich bemühten, „den Nimbus des auserwählten Volkes herabzusetzen", wo Bücher wie Harnack's Wesen des Christentums verschlungen und als Lockruf zu einem „geläuterten Glauben" verstanden wurden. Jüdische Schriften von Bedeutung, die diesen Gefahren in wirksamer Weise begegnen konnten, gab es nicht, oder sie blieben unbekannt: sie gelangten über einen kleinen Kreis von Fachmännern nicht hinaus, nicht einmal im Religionsunterricht fanden sie Verwertung. Aber in der Hauptsache beschäftigte man sich in jüdischen Kreisen mit kleinlichen Untersuchungen philosophischer oder historischer Einzelheiten, die großen Fragen der Weltanschauung und des unmittelbaren Lebens blieben ebenso vernachlässigt wie die damals viel besprochenen und durch die Ausgrabungen im vorderen Orient in Fluß geratenen Probleme der biblischen Kritik. In der Not der Zeit propagierte ein junger Rabbiner, Dr. Leopold Lucas in Glogau, die Gründung einer „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums". Zwei Ziele hatte er vor allem im Auge: Erstens sollte der Zusammenschluß aller verfügbaren geistigen Kräfte der gesamten wissenschaftlichen Bewegung und die Möglichkeit bedeutsamer gemeinsamer Arbeiten, die alle anderen Zweige der Wissenschaft groß gemacht haben, gewäbrleisten. Sodann sollte die Gesellschaft einen beträchtlichen Mitgli"derkreis werben, ihn für jüdisch-wissenschaftliche Werke interessieren und so den Veröffentlichungen auf jüdischem Gebiete einen ausgiebigen Leserkreis sowie eine gewisse Resonanz sichern. Schon der erste Aufruf hatte unerwartete Wirkung. Fast alle eingeladenen Gelehrten erklärten sich zur Mitarbeit bereit. Die Gründunasversammlung wurde nicht nur von Teilnehmern aus allen Teilen Deutschlands beschickt, sondern anch aus Oesterreich und Polen und weit über diese Länder hinaus ging die Zustimmung zu der neuen Gründung und die Anmeldung von Mitgliedern. Die Gesellschaft trat unter der tatkräftigen Leitung von Professor Dr. Martin PhiliPPwn, Berlin (gest. 1916). und'Rabbiner Dr. Jacob Guttmann, Breslau <aest. 1919), ins L->ben und begann sofort eine energische und begeisterte Tätigkeit. Sie übernahm die von Dr. M. Brann in Breslau (gest^ 1920) geleitete „Monatsschrift für Geschickte und Wissenschaft des Judentums" als ihr Organ und sandte sie ihren Mitgliedern unentgeltlich zu. Ebenso ließ sie ihnen das „Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur" zugehen. In ihrer alljährlichen öffentlichen Mitgliederversammlung mußte ein wissenschaftlicher Vortrag gehalten werden, der ebenfalls gedruckt und unter den Mitgliedern verteilt wurde. Ferner wurden Gelehrte in ihrer Forschungsarbeit unterstützt und Einzelschristen herausgegegeben, ein sehr glücklicher Ansang wurde mit Leo Baecks Buch: „Das Wesen des Judentums" gemacht, dessen vierte Auflage inzwischen fast vergriffen ist. Vor allem aber wurden monumentale wissenschaftliche Veröffentlichungen in Angriff genommen, an denen heute noch gearbeitet wird. So die Germania Judaica; sie sollte alle Landschaften und Orte des Deutschen Reiches, wo von den ältesten Zeiten bis zu den Wiener Verträgen von 1815 jüdische Ansiedlungen bestanden oder hervorragende Juden gelobt haben, in alphabetischer Reihenfolge verzeichnen und deren Geschichte und Leistungen aus Grund der Quellen in möglichst knapper Form gemeinverständlich darstellen. Eine Beherrschung und Zusammenfassung der zahlreichen weitschichtigen Quellen war hierzu erforderlich. Die Schwierigkeit 'der Arbeit wurde damals unterschätzt, nur die erste Hülste des ersten Bandes konnte 1917 erscheinen, und gerade jetzt steht die zweite Hälfte dieses Bandes vor dem Abschluß. Ein anderes Schmerzenskind ist das Corpus Tannaiticum, das alle Texte der tannäischen Literatur in kritischer Bearbeitung veröffentlichen sollte, — ein überaus schwieriges Unternehmen, das langjährige, tief eindringende Prüfung von schwer zugänglichen, in allen Erdteilen zerstreuten Handschriften erforderlich machte und dadurch besonders erschwert wurde, daß die Zähl der geeigneten Sachkundigen überaus gering ist. Ein Unternehmen ganz großen Stils war der Grundriß der Gcsamtwissenschaft des Judenrums, der zunächst auf 36 Bände berechnet war und Monographien über den ganzen Kreis der jüdischen Wissenschast enthalten sollte. Auch dieser Plan konnte bisher noch nicht ganz durchgeführt werden; es sind im ganzen 13 Bände erschienen, aber es spricht sür die Notwendigkeit und die Güte dieser Werke, daß sie fast alle mehrere Auslagen erlebt haben. Weit mehr noch als in der sehr beträchtlichen Zahl von 24 Jahrgängen der Monatsschrift und 34 Einzelschristen zum Ausdruck kommt, hat die Gesellschaft durch «die enge Verbindung mit ihren Mitgliedern, durch die Anregung und Belehrung, die sie in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen in fünf Erd.eilen verbreitet hat, für das Judentum gewirkt. Ein Höhepunkt ihrer bisherigen Tätigkeit bedeutete die Mitgliederversammlung in Frankfurt a. M. im Juni 1914; ähnliche Veranstaltungen waren in anderen Städten geplant, mußten aber infolge des Weltkrieges unterbleiben. Wie alle gemeinnützigen Institute hat auch die Gesellschaft durch Krieg und Inflation schwer gelitten, aber dank der Treue ihrer Mitglieder und der Festigkeit threr Verwaltung ist sie nicht zu Grunde gegangen. Sie hat ihre Leistungen vorübergehend eingeschränkt, ist aber jetzt wieder in voller Tätigkeit. An den großen wissenschaftlichen Unternehmungen wird rastlos weitergearbeitet, neue Bände des Grundrisses gehen in den Druck, weitere stehen in naher Aussicht. Neben kleineren Schriften, deren Ausgabe nahe bevorsteht, erscheint als Jubiläumsgabe das Prachtwerk von Dr. C. Tassilo Hofsmann: Abraham-Abrahamson; 60 Jahre Berlinischer Medaillenkunst. Wie diese beiden Künstler von epochemachender Bedeutung für ihr Gebiet waren, so wird auch dieses Werk durch die Fülle des neuen, bisher völlig unbekannten Materials, sowie durch die in Deutschland seit langem nicht gekannte Kunst der Ausstattung Aufsehen erregen. Was die Gesellschaft leistet, kommt ihren Mitgliedern zugute, die Zugehörigkeit zu ihr bringt nicht nur moralische Genugtuung, sondern auch materielle Vorteile. Für einen mäßigen Jahresbeitrag erhalten die Mitglieder nicht nur die Zeitschrift der Gesellschaft unentgeltlich, sondern auch auf alle ihre Veröffentlichungen einen erheblichen Rabatt. Kräftig und lebensstark tritt die Gesellschaft in das zweite Vierteljahrhundert ihres Bestehens. Sie hat durch ihre bisherige Tätigkeit Anspruch auf die Dankbarkeit und tatkräftige Unterstützung aller derer, denen die Zukunft des Judentums am Herzen liegt. Es wird ihr der schönste Lohn sein, diese Unterstützung zu finden, um zu Ehren unseres Glaubens und unserer Gemeinschaft weiter erfolgreich zu wirken. Beitrittserklärungen sind an das Büro der Gesellschaft, Berlin- Schöneberg, Beiziger Sir. 46, II. 2 (Nathan) zu richten; sie können auch durch Ueberweisung von 10.— Mk. an obige Adresse oder Einzahlung auf das Postscheckkonto Verlin N^. 7, Nr. 7030 (Paul Veit Simon) erfolgen. Wenn ich auswärts esse, gehe ich in's . . . Park-Hotel