Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 6 (1927-1928)
- Issue
- 3 (11.1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 61 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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61 Zur Ausstellung jüdischer Kunstdenkmäler Frankfurter Kunflverein (24. September—53. Oktober). Von Julius Hülsen. Seit etwa drei Jahrzehnten hat das Gebiet der jüdischen Altertumspflege eine lebhaftere Aufmerksamkeit als früher gefunden. Gewiß war es auch in älteren Zeiten nicht vernachlässigt, denn im Besitze der Familien wurden edel geformte Ritualgeräte, vornehm gedruckte oder gar geschriebene Gebetbücher von Geschlecht zu Geschlecht vererbt und in hoben Ehren gehalten, ebenso in den Schreinen der Synagogen und Lehrhäuser. Sinnvolle jüdische Symbolik und vollendeter künstlerischer Geschmack vereinigten sich auch an den einfachsten dieser Gegenstände, die glücklicherweise, wenigstens bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts, von der billigen Fabrikherstellung verschont blieben. So oft nun solches für die religiösen Feiern im Hause oder in der Synagoge geschaffene jüdische Kunstgewerbe in Sammlungen nebeneinander stehend zu schauen ist, wird eine überraschende Tatsache klar, auf die das einzelne Stück ganz für sich betrachtet nicht unmittelbar führen kann, nämlich die außerordentliche Mannigfaltigkeit der Grundformen. Die Einzelformen sind naturgemäß von den wechselnden Stilphasen des Heimatlandes abhängig, ausgenommen die Beschriftung :n hebräischen Lettern, denn diese ist es, die allein als eine spezifisch „jüdische" Kunst angesprochen werden dürfte. Wer die obige Ausstellung, die in den vornehmen Räumen des Kunstvereins zu bester Geltung gelangte, betrat, war überrascht gerade von der Fülle des künstlerisch Vollendeten, das ausnahmslos in zahlreichen Originalen und auch aus zeichnerischen und photographischen Aufnahmen entgegentrat. Diese Ausstellung darf in ihrer Art als ein besonderes Ereignis gewertet werden, bedeutsam nicht nur für jüdische Kreise, sondern auch anziehend für jeden Kunstfreund überhaupt. Aus diesem Grunde ist es aufrichtig zu bedauern, daß nicht rechtzeitig vorher Mittel und Wege gefunden wurden, um ihr eine längere Dauer als drei Wochen zu verleihen, vor allem aber auch, da diesmal der Frankfurter Privatbesitz in umfassender und hochherziger Weise zahlreiche seltene, künstlerisch hochstehende Stücke hergeliehen hatte. Veranstalterin war die „Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler" in Frankfurt zur Feier ihres 30jährigen Bestehens. Unter den besonderen Vereinen und Sammlungen, die in den letzten Jahrzehnten zu diesem Zwecke neu gegründet oder ausgebaut'wurden, steht sie durch das von ihr geschaffene, im Gemeindehause in der Fahrgasse untergebrachte Museum mit an erster Stelle. Die tatkräftige Hingabe zweier Männer, des Düsseldorfer Museumsdirektors Frauberger und des unvergeßlichen Charles Hallgarten hatte den Verein ins Leben gerufen und ihn planvoll auf sein weit ausgedehntes Arbeitsfeld geführt, dessen Bearbeitung zur Notwendiqkeit geworden war. Denn trotz aller pietätvollen Behandlung jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler innerhalb der Familien und Gemeinden war doch die Pflege und Erforschung dieser Zeugnise im öffentlichen Sinne fast gänzlich vernachlässigt worden. Die Nachforschungen nach Vorbildermaterial bei Neuanfertigung von Ritualgegenständen z. B.'waren mit großen Schwierigkeiten verknüpft, die großen öffentlichen Museen und Sammlungen versagten in dieser Hinsicht fast gänzlich. Die junge Gesellschaft erkannte damals sofort die aroße. schwerwiegende Bedeutung solcher Forschungen nicht allein für die jüdische, sondern auch für die allgemeine Kulturforschung und sandte Gelehrte und Architekten aus. um in Deutschland und anderen Ländern mit der Herbeischaffung des wichtigsten Materials zu beginnen. Seitdem ist diese Sammlung von Abbildungen zu großem Umfange angewachsen und es war ein glücklicher Gedanke, das Schönste davon auf der Jubiläumsausstellung aus den Fächern der Schränke in das Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Die im 17. und 13. Jahrhundert häufigere Ausmalung kleinerer Synagogen mit hebräischen Schriftfeldern, maßvoller ornamentaler Umrahmung und meist auch mit einem mehr oder minder Phantastischen Städtebilde von Jerusalem wirkte an den ausgezeichneten farbigen Aufnahmen süddeutscher Beispiele wie eine Offenbarung und bot für sich allein schon reiche Anregung. Klassische, rauschende Architektonik zeigten namentlich die Innenansichten größerer italienischer Synagogen der Barockzeit, ganz andere packende Eindrücke vermittelten die hochgetürmten malerisch gruppierten Dachaufbauten russischer und polnischer ganz aus Holz gebauter Synagogen. Neben diesen Architekturgruppen breitete sich das Kunstgewerbe in Originalen und Abbildungen in reicher Fülle aus. Einen Höhepunkt bildete die fast lückenlose Reihe der Menorahs in Silber und in Bronze in den verschiedensten Grundformen, freistehend oder schildarttg hängend, unter den letzteren einige streng geometrisch gemusterte, kleinere Typen, die fast neuzeitlich sachlich anmuten. Zwei größere silberne Menorahs erregten die allgemeine Bewunderung durch ihren in vegetabilen und figürlichen Einzelheiten reich durchgebildeten Aufbau, der bei aller Vielfältigkeit der Phantasie der großen zusammenhaltenden Linie nicht entbehrte. Diese auch technisch vollendeten einzigartigen Stücke aus Familienbesitz lohnten allein schon den Besuch der Ausstellung. Das gleiche Lob könnte aber auch noch anderen Einzelstücken oder Gruppen zuerteilt werden, die aber auch dafür zu einem liebevollen Studium einluden, die kleine künstlerische Wunderwelt der Brautringe, die herrlichen Handschriften mit ihren gemalten Initialen und Bildern, darunter Proben der bekannten Freimannschen Veröffentlichung, desgleichen der Darmstädter Haggadah. dann aber auch reich in Silber gearbeitete Einbanddeckel von Gebetbüchern der späten Renaissance und des Barock in zartem Spiel von Ranken und Schnörkeln. Mehr kulturhistorisches Interesse kam den Hochzeitsbriefen zu, deren etwas redseliger Bilderschmuck oft mehr handwerklich geraten ist. Ein ausgiebiges Material lieferte naturgemäß auch die gesamte Ausstattung der Thorarollen, bei der hie und da streng künstlerisch beurteilt in früheren Zeiten fast etwas zuviel an ornamentalen Einzelheiten hinzugefügt worden war. Anders bei dem kleinen Maßstabe einer sogenannten „Reisethora", der zur Zurückhaltung zwang und dadurch eine einheitliche, entzückende Wirkung hervorbrachte. Neben der Arbeit in Edelmetall erscheint beim Schmucke der Thorarollen und des Schreines auch die Stickerei mit kräftigen Wirkungen der Applikationen. Italienische klassische Beispiele hierfür waren in guten Abbildungen sichtbar. Aber auch die Ritualgeräte der häuslichen Sabbathfeier waren in erlesenen Originalen vertreten. Silberne Kannen und Becken in vornehmem Empire, Sabbathlampen der verschiedensten Formen, Besomim- Büchsen und -Türmchen, Kidduschbecher und Tischdecken. Die beim Sederabend gebrauchten Gegenstände durften daneben nicht fehlen und fanden außer anderem ihren schönsten Vertreter in einer geradezu monumental wirkenden, großen barocken Sederschüssel. Aber neben dieser Fülle von Werken des Kunstgewerbes waren noch wenige Vertreter der freien Kunst ausgestellt und zwar von hohem künstlerischen Range und großer Seltenheit. Zwei ausgezeichnet erhaltene Oelgemälde des als Bildnismaler und Volkslebenschilderer sehr geschätzten Venezianers des 18. Jahrhunderts, Pietro Longhi, der einzig in seiner Art die Sittenmalerei der klassischen holländischen Periode in die bestechende, glänzende Koloristik Italiens übertrug, fesselten durch Fülle lebendig erfaßter Figuren. Bortrefflich beobachtet sind hier eine Beschneidungsfeier und eine Hochzeit in das Längsformat der Bildfläche mit. meisterhafter Verteilung und Beleuchtung einzelner Gruppen hineinkomponiert. Die Innenansicht einer Amsterdamer Synagoge von einem holländischen Meister in gemessener farbiger Haltung mit reicher figürlicher, sorgsam behandelter Staffage bildete in ihrem größeren Maßstabe einen wirksamen Gegensatz zur Kleinarbeit des Venezianers. Diese flüchtige Umschau, bei der die Namen aller derer, die in hochherzigem Entschlüsse ihren kostbaren und unersetzlichen Familienbesitz der Ausstellung herliehen, ungenannt bleiben, läßt den dringenden Wunsch nach öfterer Wiederholung derartiger und ähnlicher Veranstaltungen berechtigt erscheinen. Auch das neuere und neueste kunstgewerbliche Schaffen auf diesem Gebiete, das, wie man in weiteren Kreisen noch viel zu wenig weiß, durch jüdische Künstler hervorragende Leistungen aufzuweisen hat, sollte einmal vorgeführt werden. Dem jüdischen Museum, das von der „Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmälsr" und der Israelitischen Gemeinde nunmehr in gemeinsamer Arbeit gefördert wird, wäre von jetzt an, nach einer derartigen, vielleicht epochemachenden Ausstellung zum Ziel gesetzt, alle Anstrengungeu zu machen, um hier in Frankfurt ein großes jüdisches Kulturmuseum entstehen zu lassen, in dem neben dem geistig-künstlerischen Teil auch alle ergänzenden Materien, z. B. die nach neuzeitlichen Methoden eindrucksvoll sichtbar gemachte Statistik nicht fehlen dürften — ein Museum, in dem keine Möglichkeit der Forschung und der Darstellung und Anschauung außer Acht gelassen wird. Der verflossenen Ausstellung hätte durch eine rechtzeitigere Ankündigung mcht nur in Frankfurt, sondern in allen Gemeinden »WLSSLS^^LSL^WW^^^LSSLSSWLSLS>^LSSLSLSoLSLSSLM s Erste Frankfurter Oampfwafchu. Plätt-Anstalt K U FernsprecherHanfa4S25 G. Trabinger, Frankfurt am Main Gutleutstraße Il5. 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