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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1927-09-01 · 1-2 (9.1927) · p. Seite 2

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
6 (1927-1928)
Issue
1-2 (9.1927)
Date
1927-09-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Schätzen, wie von Hellas' Reichtum, heute noch die Kulturwelt Zehrt? War es die materielle Arbeit? War es das Schaffen und Wirken im Dienste des Nützlichen? Des Erwerbs und Gewinns von äußeren Gütern? War es die Tätigkeit für den Alltag? Unsre Väter waren in Palästina Ackerbauer und Winzer, Hirten, Zumteil auch Handwerker. Sie waren arm an Kunst und an technischen Schöpfungen. Ihren eigenen Tempel mußten sie von phönizischen Bauleuten errichten lassen. Bis zum Ausgang der biblischen Zeit war selbst der Kaufmann in Palästina ein Ausländer. Ausschließlich landwirtschaftliche Tätigkeit füllte den Werktag Israels aus. Was aber wissen wir heute vom altpalästinensischen Landbau, oder vielmehr, was ist uns davon erhalten geblieben? Die fruchtbaren Äcker und liliengeschmückten Wiesen sind versandet; die Weinberge starren als felsiges Steingeröll; die blühenden Städte und Dörfer sind zum größten Teile vom Staub der Jahrhuuderte bedeckt, verweht und versunken. Wäre diese Werktagsarbeit das Merkmal Israels, seine eigentümliche Wesenheit gewesen, so wäre es nicht das große geschichtliche Volk geworden. Es wäre, wie die Ammoniter und Moabiter, wie die Amalekiter und Philister und all die anderen Zwergvölker, von denen die Heilige Schrift uns erzählt, versunken und vergessen, vom Staub bedeckt, wie die Äcker und Felder Kanaans. Aber diese Werktagsarbeit war es eben nicht, die seinein Wesen das Gepräge, seinem Wirken die weltgeschichtliche" Bedeutung verlieh. Sondern was in stillen Feierstunden die Psalmisten sangen in segensreichenLiedern, tröstend und erhebend wie eines Engels Lobgesang, was die Hirten erzählten von der Väter und Mütter Frömmigkeit und Gottvertrauen, was die Propheten redeten in nie gehörter Glutsprache zu den Ohren des Volkes, zu den Fürsten und Königen, zu den Reichen und Hochmütigen, wie sie hintraten vor die ganze Menschheit mit ihren Forderungen der Sittlichkeit, der Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit und des großen Friedens auf Erden, das ist durch die Jahrtausende hindurchgeschritten, das prägt dem biblischen Israel seinen Wesenszug auf — dieser Feiertagsklang aus der Werktagsarbeit unsrer Väter. Und nachher, als das biblische Zeitalter mit seinen Lichtgestalten von dem talmudisch-rabbinischen Zeitalter abgelöst wurde, als das Volk hinauspilgerte in alle Länder der Erde — konnte man damals an der Werktagsarbeit oder an den Feiertagsgedanken unser Volk kennen lernen? Gehetzt und müde schleppte sich der Trödler von Dorf zu Dorf. Sein Rücken war gebeugt vom schweren Bündel auf den Schultern, seine Augen gerötet vom Weinen in des Unglücks Nacht. Zu schmachvollem Erwerb hatte ihn die Habgier der Großen gezwungen, die ihn reich werden ließ, um den vollgesogenen Schwamm über den eigenen Truhen auszupressen. Das ist das Bild unsres Volkes in den letzten traurigen Jahrhunderten, die hinter uns liegen, das Bild des Juden bei seiner Arbeit. Aber wäre unser Volk nicht zu einer Zigeunerhorde herabgesunken, wenn das seine ganze Geschichte gewesen wäre? Hütte es nicht verkommen, entarten müssen, wenn nicht ein idealer Geist in diesem Volke gewaltet hätte, wenn nicht Feiertage und Feiertagsgedanken dem Leben dieses Volks eine erhabene Weihe, eine sittliche Größe, eine seelische Hoheit verliehen hätte, die diese verachteten Trödler turmhoch über ihre Verächter erhob? Seht diesen armen Hausierer, wie er hungernd und dürstend zieht von Ort zu Ort, um seinen Kindern, seinem Weibe einen Sabbat bereiten zu können! Seht ihn am Sabbat und Feiertag, wie die Bettlergeftalt sich wandelt zu einem Patriarchen, Zu einem Gottesgelehrten und Weisen! Höret ihn beten: „o, laß'die Ehrfurcht vor dir, Ewig er, unser Gott, alle Wesen erfüllen, laß eine heilige Scheu kommen über alles, was du geschaffen hast!" Leset seine Gesetzesvorschriften: „Täglich, wenn du aufstehst, sollst du beten: Heute will ich Gott treu dienen, will mich hüten vor Zorn, vor Lüge, vor Haß, vor Zank, vor Neid und will vergeben denen, die mich kränken. Wer vergibt, dein wird . vergeben werden. Härte und Unversöhnlichkeit aber sind eine schwere Sünde, unwürdig eines Juden!" So erhoben sich unsre Väter über die Fronarbeit des Lebens, so weihten sie ihre Feiertagsstunden einer hohen Lebensauffassung. Und wer das alte, so viel geschmähte, viel verkannte Israel wahrhaft kennen lernen will, der darf es nicht an den Stätten der materiellen Werktagsarbeit, sondern muß es in den Vereichen der idealen Lebensweihe, in den Gottes- und Lehrhäusern, in der Familie bei der Festtagsfeier aufsuchen. Wer das alte Israel kennen lernen will! Aber das neue Israel? das Israel unserer Tage? Wenn wir auf die Stimmen unserer Hasser hören, ja wenn wir auf manche pessimistischen Stimmen in unseren eigenen Reihen horchen, scheint es da nicht, als wenn es, seit Israel in die wirtschaftliche und gesellschaftliche Gemeinschaft der Völker Europas und der Neuen Welt eingetreten, mit dem alten Idealismus ganz und gar zu Ende wäre? Ist das nicht ein Hauptvorwurf, der immer und immer wieder gegen uns laut wird, daß wir ganz in der Sphäre des Nützlichen, des Erwerbes und Genusses, aufgehen? Steckt nicht eine Berechtigung in dem Vorwurf? Sind wir nicht vielfach Sklaven im Frondienst des Erwerbslebens? Schätzen wir uns selber nicht ein nach dem, was wir haben? Hat uns nicht der Taumel der Zeit sortgerissen von den idealen Wurzeln unsers Seins? Und doch ist das nicht das richtige Urteil über uns selbst. Denn wer über ein Volk ein richtiges Urteil fällen will, wer seine seelische Eigenart kennen lernen will, der darf es nicht bei seiner täglichen Werktagsarbeit, sondern muß es an seinen Festtagen, in seinen Feiertagsstimmungen und Feiertagsgedanken belauschen. Kommt her, ihr alle, die ihr an Israel verzweifelt und seinen Untergang prophezeit, kommt her, ihr Hasser, die ihr noch einer Belehrung fähig seid, und seht, wie Israel sein Neujahr und seinen Versöhnungstag feiert! Sehet die dichtgedrängten Scharen in Tempeln, in Synagogen, zu eng Ist überall der Raum, trotz der Fülle großer Gotteshäuser. Was hat diese Massen hergeführt, wo keine Svlvesterlust, sondern der erschütternde Ernst der Gottesnähe ihrer harrt? Welche magische Gewalt hat diese Menge mitten aus dem Alltagsleben herausgezogen zur frommen Festesfeier? Welcher materielle Vorteil? Welcher greifbare Nutzen? Kommen sie nicht alle aus dem tiefen seelischen Drang, leschem sch omajim, wie unsere Alten sagen, um des Himmels willen, in Bewährung altjüdischer Frömmigkeit und Treue? Ja, die tausendjährige Treue, auch in dem heutigen Geschlecht lebt sie, der ideale Geist unseres Volkes, auch in unserer Festesfeier waltet er. Und das wollen wir uns weder von uusern Feinden von draußen, noch von unfern Vußpredigern von drinnen wegstreiten und verdunkeln lassen. Denn wir dürfen nicht allen Glauben an uns selbst verlieren. Denn glauben an sich selbst muß der Mensch als Sporn zu allem Fortschritt, zur Entwicklung letzter Energieen. Das Bewußtsein, daß auch in uns der alte ideale Geist unseres Volkes waltet, tut unserm mißhandelten Herzen, unsrer scheuen Seele not. Hier ist heiliger Boden! Sorgen wir nur dafür, daß dieser heilige Boden uns nicht unter den Füßen entschwinde! Daß nicht der alles überflutende Zeitgeist dieses letzte Stückchen heiliger Erde uns entreiße! Feiern wir mit dem ganzen beglückenden Bewußtsein ihrer Bedeutung die Feste des Herrn und lehren wir sie unsere Kinder feiern! Geben wir ihnen durch die ideale Festesseier poesievolle Erinnerungen mit in ihr sonst so nüchternes Leben! Erinnerungen, die noch im späten Alter wie goldner

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