Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 5 (1926-1927)
- Issue
- 12 (8.1927)
- Date
- 1927-08-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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4 eine toll Type, istLeodeModena, dc r seltsame Rabbiner und Seelsorger von Venedig. Eine rätselhafte Doppelnatur zwischen Aberglauben und Unglauben, zwischen Aufklärung und Kabbala. Er weiß gefährliche Überzeugungen unfaßbar zu kaschieren. Er schreibt gegen das Kartenspiel und ist (Ironie des Schicksals!) selbst ein Spieler, gegen den Sohar —und verfertigt Amulette. Eine leichte Feder, geistreiche Laune zeichnen ihn aus: wohlabgewogene Mischung von Ernst und Schalkheit, ethisch aus dem Geleise gebracht. Leon de Modena übersetzte im Knabenalter von zwölf Jahren den ersten Gesang von Ariosts „Rasendem Roland" ins Hebräische. Sein Dialog gegen die Spieler, den er anderthalb Jahre später schrieb, wurde ins Latein, ins Deutsche und Französische übertragen. Seine Kenntnisse in der Philosophie, Naturwissenschaft, Mathematik und in der klassischen Literatur waren bedeutend. Die eigene Neigung zum Hasard vindizierte dieser seltsame Mann und Sophist den verhängnismächtigen Gestirnen. Zahlreiche Katholiken, darunter Senatoren der Erlauchten Republik, ho^e c^eMiche Würdenträger, lauschten seiner Predigt. Leon Modena hatte Zutritt zur erlesensten venezianischen Gesellschaft. Er war Notar, Buchhändler, Korrektor, propagierte Reformjudentum, veröffentlichte unbekannte jüdische Sagen und Märchen, widersetzte sich rabbinischer Deutung, kritisierte die Kabbale,, die Lehre von der Seelenwanderung, aber auch christliche Glaubenssätze und war ein eminenter Kenner der synagogalen Musik. Man darf bei der Beurteilung nicht vergessen, daß Leon Modena einer seit langem assimilierten Familie angehörte. Schon sein Großvater, Arzt und Philanthrop, wurde von Kaiser Karl V: zum Ritter des goldenen Vliesses ernannt. Venedig. war um die Zeit des talentvollen und charakterlosen Rabbi Leon ein Hort des aufblühenden Liberalismus und lästerlichen Libertinismus. Leo Hebraeus Sohn des berühmten spaniolischen Theologen, Bibelexegeten und Staatsmannes Isaak Abravanel, schreibt zu Venedig in italienischer Sprache gefeilte Gespräche, espritvolle, irisierende Dialoge (zwischen Philo und Sophia) über die Liebe, entwickelt sich alles in allem zum kosmopolitischen Neuplaroniker, — dieweil er, wie sein Vater, ursprünglich von Aristoteles und Maimonides ausging. Leo Hebraeus, der in seinem „Dialoghi de l'amore" spinozistisch vor Spinoza vom amor Dei intellectualis spricht, ist einer der kühnsten und gescheitesten Köpfe Italiens. Der Ruhm zweier Dichterinnen erstrahlt: der klugen Römerin Debora Ascarelli und erst recht der welterfahrenen Venezianerin Sara Copia Sulla m, welch letztere ein eifriger katholischer Priester vergeblich zu bekehren trachtete. Die gefeierte Frau schlug ihn durch Geistesschärfe, seltene Sprachkunst und blendende Dialektik. Noch weit wesentlicher als diese muntere und feurige, wiewohl gelehrte und respektable Dame und Briefschreiberin aus dem venezianischen Ghetto erscheint mirM oseSacuto ursprünglich Studiengenosse Spinozas in Amsterdam, Schöpfer des vielleicht ältesten hebräischen Dramas. Es heißt »Jessod olam", will sagen „Grund der Welt" und ist ein übersinnliches, nach fernen Gestirnen greifendes Werk, mit dem Erzvater Abraham als Helden. Kabbalistisch verwurzelt und auf rabbinischer Basis, mit dem Traktat „Gehinom" als Unterlage, schuf Sacuto sein danteskes Gedicht „Tofte aruch". Ein zum mindesten gescheites Seitenstück, ein Paradiso, dichtete Jakob Daniel Olmo. Auch er benutzt für seine scharfsinnige Verarbeitung Gemara und Sohar. Sie alle übertrifft bei weitem das Genie des Mose ChajimLuzzato (aus Padua). Er war Künstler und Mystiker, Gelehrter und Visionär. Seine Poetik zeugt von gründlicher Kenntnis klassischer Autoren. Seine religöse Poesie enspringt innerstem Gefühlsleben. Luzzatos echte Mystik und weihevolle Askese bezeugt sein wahrhaft tragisches Leben; daneben tun's seine kabbalistischen und ethischen Schriften. Im Drama nützt er griechische und jüdische Weltansicht und den landesüblichen lebhaften Mechanismus der Szene. Der Stil Luzzatos ist sensitiv, begeistert, gewaltig, — fesselt, glüht, — ist voll von neuer, reizsamer Kultur, vonvornehmster, dennoch fruchttreibender Gesittung. Auf den Gebieten des unmittelbar jüdischen wie des profanen Wissens war er riesig beschlagen. Die Mystik zog ihn in ihre Tiefen: ihn den klaren Meister des hebräischen Wortes — die bunte, apokalyptische Sprache des Sohar. Luzzato rühmte sich übernatürlicher Gnaden und schrieb mit unnachahmlicher Phantasie. In der allmächtigen Kabbala suchte er ein Mittel zur Erlösung des Volkes. In hundertfünfzig Psalmen strömte er Empfindungen aus, wie niemand vor ihm seit Gabirol und Halevi. Gegen Leo Modena schrieb er einen Dialog zur Verteidigung der jüdischen Mystik: „Der Forscher und der Eingeweihte." Aber er neigte zur Ketzerei, tempelritterlichem Essenertum. Und so belegte ihn die Synagoge mit dem großen Bann. M.M. ro.a.ch,te. ibM. d.^ iä.v.^h,^n>. Sohar und die Streitschrift gegen einen so angesehenen Mann wie Leo de Modena zum Vorwurf. Mose Chajim Luzzato schliff Juwelen, um sich zu ernähren, wie Spinoza. Wie Jehuda Haleoi, starb er in Jerusalem, auf einer Wallfahrt. Aber sehr jung, kaum dreißig. In seiner Lyrik und Dramatik ist jüdisches Gefühl, verführerischer Wohlklang und Renaissance-Geist Italiens: im „Turm des Sieges" sowohl wie im „Simson" und in „Lajescharim thilla." Europäisch ihrem Gehalt nach, sind Luzzatos Dramen in den elementaren Stil der Bibel gekleidet. In einem eigenen Sohar legte der Dichterphilosoph seine verzückten Ideen zur Kabbala nieder. Nebenbei übersetzte er die Lusiaden des Camoens ins Italienische und beherrschte das Latein fast so gut wie die Sprache seines Blutes. Sein Leben und seine Verse sind Leidenschaft und Ebenmaß, Traum und Flamme. Ihm leuchteten geweihte, brennende Berge. Er war ein weltabgekehrter Träumer und ein verhängnisvolles Gemüt, einer, der sich nach Überirdischen, nach glänzenden engelhaften Schwingen zersehnte, und ein milder künstlerischer Genius. Sein Leben aber — in ewig spannender Begeisterung unselig lechzend — brachte ihn dahin, daß er sich selbst für den ersehnten, schattenlosen Cäsar Messias hielt. Das Siecle des lumieres, die „Haskala", die Aufklärung flammt auf und leuchtet. In Italien hat sich die Entwicklung stetiger vollzogen als in anderen Ländern der Zerstreuung. Die jüdische Aufklärung geht eigentlich auf die Renaissance zurück, auf die humanistischen Zeiten des Asaria de Rossi, des Leo de Modena. Mose Chajim Luzzato wird der erste Klassiker der neuzeitlichen hebräischen Literatur. Er war ein Genie. Andere Luzzatos sind rüstige Talente. So der innige, sanfte Efraimo, Samuel David Luzzato, der „Scheda!" ist überaus schöpferisch als Gelehrter und ein feiner Poet. In seinem „Kinor naim" gibt es wahrhaft schöne und persönliche Gedichte auf Zions Zerstörung, aufbrennende Paraphrasen der Jom Kippur-Liturgie, religiöse Epik und Lyrik, barockschwellende Stoffe in einfach edle Form gekleidet. „Kinor naim" enthält Keime, aus denen eine neue jüdische Dichtkunst erblüht ist. Der „Schedal" vermittelt zwischen Gabirol, Jehuda Halevi und Mose Chajim Luzzato einerseits und der Vormoderne, den Elegikern und Alexandrinern von Wilna. Den Judaismus hielt er für eine der beiden Grundlagen menschlicher Kultur. (Die andere wäre der Hellenismus. Heine hat diese Antithese übernommen und ausgebaut.) S. D. Luzzato war eine Enzyklopädistennatur. Er polemisierte gegen Maimonides, Abraham Jbn Esra, gegen Spinoza vor allem und vermied es, das Geheiligte mit dem Strudel des Lebens gleichzusetzen. Vielmehr betonte er seine wohlbehütete religiöse Romantik gegen nordischen Verstandeskult.