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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1927-08-01 · 12 (8.1927) · page 3

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
5 (1926-1927)
Issue
12 (8.1927)
Date
1927-08-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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palästinensische Mythik geltend und die ewig sehnsüchtige Gottesweisheit. Diese spiritualistisch auskostende Kultur einer hohen, edlen Phantasie sand später den Weg in die Slavenländer und gipfelte dort in ungebeugt starkgeistigen Flügen der Kabbalistik und des Talmudismus, des ferneren in schwärmerischen Ketzereien, oder zürn mindesten Ekstasen. Die Anfänge jüdischer Dichtung in Italien erglühen gottesdienstlich. Hier findet man — anders als bei den „Spaniern" — nur selten arabisierende, europäisierende Bemühungen; auch keinen großartigen Rationalismus. Sondern die Neigung zu verzehrender, strotzender Übersinnlichkeit. In Spaniens „Pijutim" redet die menschliche Seele mit dem Weltgeist, in Italien das jüdische Volk mit seinem Gott. Die überragenden „spanischen" Poeten sind unerreichbare Zauberer, hochherrliche Meister der künstlerischen Gewandtheit, erlauchte Talente und Genies; viele „Italiener" — rätselhaft verbohrt, ernst, kühn, wunderlich. Diese und jene aber haben den Grundzug aller orientalischen Dichtkunst, sind formgewaltig im edelsten Sinne, womit keine Abgegriffenheit und Vernachlässigung des Inhalts gemeint ist. Der fastsagenhafte Ahnherr, der Altmeister ist in Italien Eleasar Kalir. Rätselhaft, bizarr und festlich. Epos kämpft mit der Lyrik, und der ungemesseneJnhaltdurchbricht die eisernen Spangen der Gestaltung. Kalir — einer der reinsten und festesten jüdischen Charaktere aller Zeiten — durchzieht die tiefen Fluten der Halacha, Feuer aus Klippen schlagend. Seine Dichtung ist eiserner Fleiß und ewiger Segen, dazu Inspiration — dreimal heilig. Diese Gedichte sind niemals mechanische Abrichtung, sondern kühne, turmartige, riesenhafte Jelsblöcke, geschichtete Pyramiden. Die „Paitanim" verarbeiten dann in Kalirs Gefolge Halacha, Haggada und lockende Kabbala zu Phantasiestücken andächtiger Inbrunst, zu smaragdenen Gebeten, zu einem Meer religiöser Hingabe. Aber Kalir ist eben unter vielen ungleichartigen Talenten und zum Unbedingten Getriebenen der Urtypus. Die Macht seiner bezwingenden Empfindungen, seiner fruchtbaren, strömenden Phantasie überschreitet die Grenzen. Er entwickelt die Worte der Bibel und eines neueren Hebraismus zu unerhörten, posaunengewaltigen Bildungen; erobert sich und der Judenheit eine neudröhnende, heranstürmende Ausdrucksstärke. In seiner lauten Kraft und leidenschaftlichen Glut des Herzens, in seiner hymnischen Ausbreitung erweist sich der mittelalterliche Mensch. Die alle Fefseln sprengenden Ideen überfluten das formelle Vermögen. Nur dem Höchsten ist sein Dichten gewidmet, Dabei kettet Kalir überschäumende Metrik an prangende, kunstvolle Reime, die —im hebräischen Urtext — noch heute festlich und berückend wirken, wie edle Diademe und wie grellumsunkelte Donnerschläge, in ihrer verwirrenden, asiatischen Überfülle, in ihrer unvergleichlichen Kühnheit und Erhabenheit. Der größte weltliche Poet im jüdischen Italien ist Immanuel ben Salom o Ha-Romi, Zeitgenosse der ersten italienischen Dichter von Ruf und Namen. Er ist ein raffinierter Verskünstler, leicht, glatt und gewandt. Immanuel verpflanzt das „goldne Lied", das „Lied der vierzehn Zeilen", die sinnfällige und spitzfindige altprovenzalische Sonettenform auf den Boden Italiens, und wird hiermit bahnbrechend für Europa. Man merkt, daß er in der Schule Zwingender Rhetoren (Großandalusiens und der Provence) vorgebildet war. Sein Divan „Sefer Machberot" wetteifert in der Handhabung alter Sprachschätze, im unerschöpflichen Reichtum anmutiger Bilder und Gedanken, die Immanuel spielend und kunstfertig aneinander reiht, in der unglaublichen Leichtigkeit mit den Meistersängern Andalusiens. Die Weise ist ein zauberisch geschicktes Gaukelspiel, possierlich und empfindsam. "Den sprödesten Stoff weiß er wohlig zu verwerten; auch trübe Gedanken kleidet er in ziere Form. Man hat Immanuel den jüdischen Aretino genannt; das ist eine dumme Übertreibung. Aber man darf ihn den Heine des Mittelalters heißen und — neben dem weisen Karaiten Chiwi Albachi — auch einen jüdischen Voltaire. Immanuels Gedichte, Makamen, Parodien, Novellen, Distichen, Sonnette klingen in einen Hymnus auf die Zukunft der Menschheit aus. Er war mit Dante befreundet und schuf ein weltzugewandtes Seitenstück zur Divina commedia, nämlich eine menschliche Komödie aus der Perspektive eiues guten Gesellen und glänzenden Schriftstellers. Daß er daneben auch im Idiom des Landes Sonette dichtete, versteht sich beinahe von selbst. Die Gesamterscheinung wirkt bunt, extravagant, von der Heiterkeit einer Künstlerseele durchglutet. Überraschend ist die hohe Unparteilichkeit, die angenehme Beweglichkeit, die rege Kraft. Es ist natürlich, daß mancher Geschichtsschreiber der jüdischen Literatur sich von solchem Pulcinell der Pulcinelle abzuwenden für nötig hielt, als jonglierte dieser mit siebenarmigen Menoras. Gewiß versteigt sich Immanuel Ha-Romi zu recht unheiligen D arbietungen, glänzt in der herzerquickenden Algebra der Verschränkung und Umschlingung, belädt Gedichte mit morgenländischem Prunk, als wären es Schiffe aus Zypern oder gar Indien. Der platonische Eros, ja der temparamentvolle Lebensbericht liegt ihm näher als das schwermütige Anathema, und die üppigen Gärten des Dekameron ahnt seine minder danteske als boccacciöse Natur. Iakobben Abbamari Anatolio, aus der Provence gebürtig, gerät in unmittelbare Beziehung zu dem aufgeklärtesten Monarchen seiner Zeit, dem deutsch-römischen Kaiser Friedrich II., dem Hohenstaufen. Zu Neapel überträgt Jakob Anatolio für den erstaunlich kultivierten Kaiser den Aristoteles und den Averroes aus dem Arabischen. Anatolio, schon mit Rücksicht auf seine Stellung am Hofe Friedrichs, einer der tolerantesten Schriftsteller des Mittelalters, deutete Gesetze und Geschichten der Bibel rationalistischallegorisch. Vor allem nimmt er die Genesis und einen großen Teil des Exodus nicht wörtlich. Der Zug der fünf Könige wider die vier (Genesis 14) wird als Streit der fünf Sinne gegen die vier Elemente aufgefaßt. Wenn ein Mann aus dem Hause Levi ein Mädchen aus der Familie Levi zum Weibe nimmt (Ex. 2), so geht es um eine Verschmelzung von Geist und Materie. Die Tochter Pharaos ist die aktive Vernunft. Auch der Konflikt zwischen Ahasveros und Vasthi wird als Krieg der Form und der organischen Materie im Weltall aufgefaßt. Haman ist das böse Prinzip. Und so. Bereits Karl der Große verpflanzte von Italien, von Lucca, die jüdische Gelehrtenfamilie Kalonymos ins Frankenreich, — nach Mainz, wo die Kalonymiden ihre beherrschende talmudische Akademie gründeten. Aus Arles stammte Kalonymos ben KalonymoZ der Maestro Calo. Er ging nach Italien und arbeitete im Auftrag des Königs Robert von Neapel wissenschaftlich. Es gibt von diesem Poeten einen behäbig ironischen, listig lustigen Sittenspiegel. Doch ist der Vergleich mit den abenteuerlich witzigen Ausstrahlungen des Immanuel Romano, dem Kalonymos befreundet war, entschieden fehl am Orte. Denn Immanuel war ein bevorzugter, berückender Dichterund Künstler in Israel. Ausgesprochener Nachahmer Dantes ist Mose de Riet i, der im „Kleinen Tempel" eine Art Epos in hebräischen Terzinen bildete. Wie Dante, d. h. ohne dessen schwelgenden Feuergeist und vielerfahrene, unersättliche Allgewalt, malt er himmlische Gesichte. Er schaut im Paradies die hervorragenden Autoritäten des Talmud, die religiösen Oberhäupter, die Weisen. Handelt es sich auch hier mehr um beherzt versisizierte Literaturgeschichte, so macht die artistische Leistung entschieden Eindruck. Neue lebendige Buntheit in die jüdische Literatur Italiens brachte die Renaissance. Die heilsamen, ja genialen Philologen Elia Levita und besonders Asaria de Rossi waren echte, unabhängige Humanistennaturen. Ein gelehrter Dichter und abgerundeter Klassizist, vor allem

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