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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1927-08-01 · 12 (8.1927) · page 2

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
5 (1926-1927)
Issue
12 (8.1927)
Date
1927-08-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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2 Schicksal eines Menschen ablesen, ursächliche Zusammenhänge erschließen, dem Aberglauben rvar Tür und Tor geöffnet. Für die Freiheit des Willens war in dieser Atmosphäre kein Raum. Es können nur Wunderdinge geschehen und der Mensch kann eigentlich nur resignieren. Solche Anschauung spiegelt sich in der Dichtung, bei Aschylus in seiner Trilogie und bei Sophokles in der Odipus-Sage. Noch viel eingehender aber besingen die Dichter und gestalten die Bildhauer jene unwiderstehliche Macht, die von der Liebesgöttin Aphrodite ausgeht, die Herzen und Sinne zwingt und darin ihre göttliche Berechtigung und für die Menschen ihre Erklärung findet. In der Jlias und Odyssee erscheint Helena als die gegen ihren Willen und durch dämonischen Einfluß Bezwungene, ihrer Heimat und dem trefflichen Menelaos Entführte (Odnss. IV,261ff.) Und in der Argonautensage verwandelt sichMedea geradezu zur Megäre, die sich über alle Kindespflicht und Schwesternliebe ohne Bedenken hinwegsetzt. Aphrodites Liebeszauber schildert uns Pindar als so stark, daß er den Frauen alle Scham und Scheu aus der Seele reißen kann. Aber seine Muse verherrlicht nichts destoweniger die hehre Göttin die, wie er es selbst gesehen, in ihren Tempeln zu Theben und Korinth tausende von Mädchen in ihren heiligen Dienst zwingt, die an den Frühlingsfesten ihre bezaubernden Sänge erschallen lassen und ihre zierlichen Tänze ihr zu Ehren tanzen, die Künstler zu herrlichen Schöpfungen begeistern. Seit Skopas, Praxiteles und Apelles wurde das Bild des liebeatmenden Weibes, wie es im Frühling der Meeresflut entsteigend die ganze Natur mit seinen Trieben erfüllt, immer mehr zum Hauptgegenstand der hellenischen Kunst. Vielleicht fangen auch wir schon an in diesem Zusammenhang verständnisvoll zu erahnen, warum Jahrhunderte hindurch die jüdische Lehre kunstfeindlich war! Ist die Lehre der Freudschen Theorie von dem seit dem Ursprung bei dem Menschen überwiegenden Sexualtrieb berechtigt, so waren hier sicherlich die Lebensformen und Bräuche nicht dazu angetan, notwendige Hemmungen hervorzurufen. Oder soll die Kunst, die schöne Formung diese Zügelung bewirkt haben? Das Leben, der Verlauf der Geschichte, der Versall der Familien und damit zusammenhängend der Staaten giebt uns eine klare Antwort und wir verstehen darum Schillers, des Kantschülers, Ausführungen umso besser, der uns nachweist, daß in der aesthetischen Erziehung nicht nur nicht Garantien für das ethische Verhalten gegeben sind, daß geradezu Gefahren von hier für das ethische Verhalten entspringen können. (Schillers kleinere phil. Schriften: Über die notwendigen Grenzen beim Gebrauch schöner Formen.) Konnte nun auch die Aesthetik von der furchtbaren Gewalt der aphroditischen Macht nicht befreien, konnte sie höchstens sänftigend und harmonisierend wirken, ohne ethisches Handeln und damit Freiheit zu erwirken, so erzog doch hierzu um so mehr der Eros, von dem der göttliche Plato gesprochen, in dem alle Philosophie ihre Wurzel hat. Der Eros ist das Streben des Sterblichen sich zur Unsterblichkeit zu erheben, er erwirkt das Fortschreiten vom Sinnlichen zum Geistigen und die Hinwendung des Geistes zur Idee. Hat die Musik, sagt Plato, unseren Charakter an das Schöne gewöhnt, haben die mathematischen Wissenschaften uns vom Sinnlichen zum Übersinnlichen hinübergeleitet, so trägt uns die Philosophie zum Wesentlichen des Denkens, zu den Ideen. Die Ideen sind die Urbilder der Erscheinungen, der Dinge. Die Dinge sind den Ideen immanent. Sie gehören der Körperwelt an, aber als Abglanz einer höheren Welt, mit der die Seele uns vermittelnd verbindet. Aus einer höhern Welt in den irdischen Leib herabgekommen, kehren die Seelen nach dem Tode wenn sie ein reines und dem Höheren zugewendetes Leben geführt haben, wieder in ihre Heimat zurück, während die Besserungsbedürftigen teils jenseitigen Strafen, teils einer Wanderung durch menschliche und tierische Leiber unterworfen werden. In einem früheren Dasein hat unser Geist die Ideen geschaut, an die er sich beim Anblick ihrer sinnlichen Abbilder wieder erinnert. Da die Seele also ihrem wahren Wesen nach der übersinnlichen Welt angehört und nur in dieser ein wahres dauerndes Sein zu finden ist, so wird sich der Besitz des Guten oder die Glückseligkeit, welche das letzte Ziel des menschlichen Lebens bildet, nur durch Erhebung in jene höhere Welt erreichen lassen; der Leib dagegen und die Sinnlichkeit ist ein Grab und Kerker der Seele. Die wahre Bestimmung des Menschen liegt daher in jener Flucht aus dem Diesseits, in jenem philosophischen Sterben zu dem der göttliche Eros den Philosophen d. h. den wahren Menschen berechtigt, (vergl. Phädo und Theätet). Die Gottesliebe besreit den Menschen. Sie gibt ihm „seliges Vertrauen", d. h. die Kraft, die auf das Objektive außerhalb seiner gerichtet ist: auf die Gerechtigkeit. Durch gerechtes Tun, so lehrt sie, durch Mscdpst und ^eäska, durch Werke der Liebe und des Erbarmens, dkesecl und Facnamim, am Andern, am Nebenmenschen, kommt der Mensch zur Eigenwürde. Der Zweck seines Daseins ist in diesem System der Nebenmensch, das Weib, das sich der Pflicht der Ehe beugen, der Mann der sich der Pflicht am Ganzen unterordnen kann. Nicht also ist die Befreiung, die der Eros bringt. Ganz auf den Intellektualismus des Erkennenden aufgebaut, weist er diesen nur auf sein Ich, auf die Erhebung seiner Seele aus dem Kreise des ihn Bedrängenden,' auf seine Glückseeligkeit hin. Nicht nur die körperliche Außenwelt, auch der eigene Körper erfährt in diesem System das Urteil der Wertlosigkeit. Von hier aus wird das Fleisch „sündig", die ganze Natur das Reich der Sünde. Im System Platos, in der Lehre vom Eros, liegt jene Lehre der Weltflucht, jene Aufforderung zur Abtötung des Körpers vorbereitet, die später in den Mittelpunkt der Lehre des Juden aus Tarsus, des paulinischen Systems, getreten ist. Die Lehre von der Gottesliebe kennt nur den irrenden Menschen, die Eroslehre den wertlosen Menschen. Die Gottesliebe heißt den Menschen zu seiner Befreiung am Leben „wirken", strebend sich bemühen und weist ihm als Ziel: Erhöhung, Versittlichung des Lebens. Die Lehre vom Eros heißt ihn sich hinaus zusehnen aus der Jrdischkeit in die Glückseeligkeit, in das in sich ruhende Ich. Hier stärkster Subjektivismus, dort die ewige Lehre: Wer Gott liebt, liebt die Menschen! Jüdische Dichtung und Literatur im alten Italien. Von Dr. Arthur Gakhelm Dramaturg und Regisseur an den Städtischen Bühnen, Frankfurt a. M. Die ganze Kette der jüdischen Poesie und Literatur veranschaulicht, wie traditionelle und philosophische Partei, die sich schon als Pharisäismus und Sadduzäertum kristallisierten, in mannigfachen, immer erneuten Gegensätzen fortleben. Wie der Geist Alexandriens, gegen den überlieferungsgläubigen nationalen Eifer Palästinas gehalten, aufklärerisch international emportaucht, genießt und wirkt. Wie nach dem Erlöschen des Alexandrinertums der ausgereifte, gesetzgebende Scholastizismus Vabyloniens sich zu einer unumschränkten Vollendung und zu einer unermeßlichen zerklüfteten Wissenschaftskunde ausbildet; während in Palästina Vorliebe sür volkstümliche Sage und Schriftauslegung herrschend bleibt. Nach dem Untergang der Patriarchate in Babylonien und Palästina sind Spanien und Italien die vollwichtigen Träger und Bewahrer der großen Antithesen. In Italien macht sich die flammende

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