Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 5 (1926-1927)
- Issue
- 11 (7.1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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„Zu Israel wurde gesagt, Kinder seid ihr des Ewigen, eures Gottes. So wer-den alle, die Gott lieben und ehrfürchten und seine Gebote beobachten, um Liebe und Gerechtigkeit zu üben, das Gute und Redliche zu tun, Kinder des Ewigen, ihres Gottes sein. Denn jedermann, der Gottes Wille tut, gilt ihm als 5kind." — Allerlei Gedanken gingen mir durch den Kopf bei der Lektüre dieses Schriftchens, und ich nahm mir vor, es einem befreundeten Diplomaten vorzulesen. Vorlaufig aber interessierte mich die Frage: Auf welche Weise ist dieser kleine Llpfelsinenverräufcr in Kolomea auf die Idee gekommen, >e.ine Religion der Völker zu gründen, um den Weltfrieden zu erhalten? Ich beschloß, mir hierüber Aufklärung zu verschassen. Am Abend besuchte ich ihn in seinem Heim am Rande der Stadt, und im Verlaufe des Gesprächs erfuhr ich Näheres über seinen Lebenslauf. Er hatte ein für die dortigen Verhältnisse beträchtliches Vermögen im Handel verloren und nach allerlei mißlungenen Versuchen, sich wieder emporzuarbeiten, schließlich angefangen, mit Zitronen und Apfelsinen zu hausieren. Es gehörte ein nicht geringer sittlicher Mut dazu, in derselben Stadt, wo er ehemals als angesehener Kaufmann gelebt hatte, nun mit vorgebundenem Korb die Straßen und Kaffeehäuser abzuklappern und Zitronen feilzubieten, um nur seine Familie redlich zu ernähren. „Gott sei Dank, ich brauche keines Menschen Gnade..." Was ich über den Grad seiner allgemeinen Bildung erfuhr, bestätigte meine Vermutungen. Er verstand zwar etwas Deutscy, Polnisch und Ruthenisch, so daß er sich in diesen Sprachen leidlich verständigen konnte, aber ein Buch hatte er in keiner von ihnen gelesen. Die Namen der Größen der modernen jüdischen und allgemeinen Literatur waren nie zu ihm gedrungen. Seine ganze geistige Nahrung floß lediglich aus der rabbinischen, der älteren religionsphilosophischen und ethischen Literatur der Juden. Er las zuweilen die Tagesblätter, hatte aber von den Zusammenhängen der Politischen Geschehnisse nur sehr unklare Vorstellungen. Auf meine Frage, was ihn angetrieben habe, die „Religion der Völker" zu verkünden, antwortete er: „Seyen Sie denn nicht, daß die Welt zugrunde geht, zugrunde gehen muß? Während wir hier so gemütlich plaudern, kann jeden Moment ein Krieg ausbrechen, der halb Europa verwüstet." Ich mußte lächeln, denn in den Straßen der gemütlichen Provinzstadt herrschte ein so angeregtes, friedliches Leben und hier draußen eine so schöne Ruhe, die Felder dufteten so wonnig im Abendschatten und außerdem dachte ich an meinen Freund, den Diplomaten, der mit tausend anderen Berufsgenossen den Weltfrieden bewachte. „Ich halte das für fehr unwahrscheinlich", bemerkte ich höflich. „Dort, weit unten in der Türkei schlagen stch die halbzivilisierten Völker herum, weil sie nichts besseres zu tun haben. Die großen europäischen Staaten dagegen arbeiten am Ausbau der Kultur. Sie finden keinen Geschmack mehr am Kriege. Wenn erst jene kleinen Natiönchen auch so weit sind, werden auch sie... — „Das ist eben der große Irrtum", unterbrach er mich lebhaft. „Die großen Stauten gebrauchen ihre hohe Kultur, oder wie Sie das nennen, um immer neue und schrecklichere Werkzeuge für den Krieg zu schmieden. Wozu macht man immer mehr Kanonen und Schlachtschiffe? Etwa um Psalmen damit zu singen? Dabei fahren die Staatsoberhäupter immerfort zu einander auf Besuch, küssen und umarmen sich und beteuern, daß der Weltfrieden gesichert sei. Lauter Lug und Trug! Das muß ja einmal zum Ausbruch kommen, wenn die Welt nicht rasch umkehrt, eh' es zu spät ist." — „Aver warum sollten die Staaten plötzlich anfangen, Krieg führen? — „Warum? Das wissen die Staatsoberhäupter und Minister kMSlMM wahrscheinlich selber nicht. Jeder wird einfach beweisen wollen, daß er der Stärkere ist, und daß ihm die Welt gehört. Sie wissen nicht, daß die Welt garnicht ihnen gehört, sondern dem, der sie erschaffen hat, und daß er sie allen Menschen gegeben hat, damit sie auf ihr leben und arbeiten. Nachher wird jeder versuchen, die Schuld auf den anderen abzuwälzen, ganz wie die Kinder, die sich geprügelt und blutig zerkratzt haben; am Ende schreit jedes: du hast angefangen! Gewiß, die Staaten haben Streitigkeiten untereinander, aber wenn zwei nicht einig werden können, brauchen sie sich gleich die Köpfe einzuschlagen? Warum gehen sie nicht zum Richter? Sie werden mir antworten, es gibt keinen Gerichtshof über den Staaten, dem jeder von ihnen gehorchen müßte. Aber wenn zwei anständige, ehrliche Bürger einen Streit haben, laufen sie auch nicht gleich zum Gerichtshof, sondern legen den Fall einem Dritten vor, oder jeder von ihnen wählt sich einen Vertreter, und die beiden ernennen einen Dritten zum Schiedsmann. Das tun ehrliche und anständige Bürger. Ich meine aber, der Staat müßte hundertmal ehrlicher und anständiger sein, als der ehrlichste seiner Bürger. — Aber die Sache ist die: sie haben nicht Gott im Herzen. Sie glauben nur an einen Gott: die gepanzerte Faust, und haben nur e i n Streben: so viel als möglich von einander wegzuneymen und einander weh zu tun; das gibt ibnen das Gefühl, daß sie die Stärkeren und Besseren sind. Es gibt nur wenige unter ihnen, die Gott fürchten und ihn lieben, und diese wenigen haben keine Macht. Die Welt ist sehr klug, aber sehr schlecht geworden. Die meisten fürchten sich nicht vor Gott, weil sie an ihn nicht glauben. Man muß ihnen wieder einen Gott verkünden, den sie lieben und fürchten können. Wenn das so weiter geht, fallen sie am Ende über einander her und zerfleischen sich, wie die wilden Tiere. Das Geheimnis ist: sie haben nicht, was sie einigt, eine gemeinsame Liebe zu Gott und gemeinsame Furcht vor ihm." Der Mann ahnte nicht im geringsten, welch revolutionäre Gedanken er aussprach, indem er den Anbetern Gottes empfahl, keine für die ewige Zukunft bindenden Satzungen zu errichten und keine Zeremonien bei der Aufnahme in die Gemeinschaft einzuführen. Ich scheute mich auch, ihn aufmerksam zu machen, daß die Idee, die Anbetung Gottes^ d. h. ein zeremonienfreies, allmenschliches Judentum unter den Heiden zu verbreiten alt, sehr alt ist, mehr als 2300 Jahre, daß wir in griechischer Sprache zahlreiche Bruchstücke einer Propagandaliteratur auf diesem Gebiet besitzen. Ich schämte mich, vor dieser heiligen Einfalt, vor dieser rührenden Weltfremdheit meine-Handvoll Bücherweisheit auszupacken. Ich fragte bloß: „Warum haben Sie Ihren Namen nicht unter dem Titel Ihrer Schrift angegeben?" — „Das will ich Ihnen sagen: einfach, weil ich dem Ansehen meiner Ideen nicht schaden wollte. Wäre ich ein großer Gelehrter oder sonst ein berühmter Mann, wenigstens ein° Millionär und Wohltäter, dann würden alle meine Büchlein lesen und darin ungeahnte Weisheiten finden, meine Worte fänden Anklang: aber wenn der Leser weiß, daß der Verfasser ein kleiner Jude ist, der mit Apfelsinen in den Kaffeehäusern und Sckenken hausiert, wird er sich über ihn lustig machen und . seine Ideen im voraus für albern halten. Um meinen Kindern den Weg in der Welt nickt zu erschweren, habe ich den Namen ihres Vaters verschwiegen/' — „Es ist aber doch schade, daß gar kein Zeugnis für die Nachwelt bleibt..." — „Oh, dafür habe ich gesorgt. Das war ich meinen Ahnen schuldig. Die Schlußverse der Kapitel 3 und 7 enthalten zuletzt meine beiden hebräischen Namen, meinen deutschen Familiennamen in hebräischer Uebersetzung und die beiden Namen meines Vaters. Aber Sie dürfen meinen Namen niemandem nennen. Ich verlasse mich darauf." AHM WMM-killllllMII Vamen-Scdluptkose, (Zr. 42-48 S.50 in?srte8ten psstellksrben vnterkleiä, klersu pa88en<l SSV Vamen-8ctilupi!i08e, vr. 42-48 S.VV sckverste yuslitst vnterkleiä, kier-u pa88enä 12.— „vsr neue Ksim" vis spoeksmaelisnös ^ffinclung im Xksvlerdsu Oas?f!n?ip clss sntlasistsn k?esonan?docisns. ,,^in Straciivarius untsr cisn tdavisrsn" ^llsinvsrtrstung?IsMsil8 j. »KWM./kl! A KeorllMtlSKZ lad.: l.ea kli8Ma!l «MM!2 I!!>i!>U!i!!>!!!>!!!>>U>i!i!!!>»il>!!>li>Il>>!>!!!>>^